|
|||||
| Vorsicht | |||||
|
05.04.06 Auch ich habe einen
„Migrationshintergrund“. Vor 45 Jahren übersiedelten meine Eltern
mit mir nach
Deutschland. Entgegen der großdeutschen Mär war dies ein
Schritt in eine fremde
Welt. Abgesehen von der ähnlichen Sprache und einer bevorzugten
Behandlung in
den Ausländerbehörden unterscheiden sich meine Erfahrungen
wenig von den
Erlebnissen türkischer oder portugiesischer Immigranten.
Jahrzehntelang und ein
bisschen bis heute lebten wir als Ausländer in der Fremde. Meine
österreichische Staatsbürgerschaft habe ich nie aufgegeben,
um die deutsche
mich nie bemüht. Dabei bin ich kein alpenländischer Patriot,
im Gegenteil finde
ich die meisten Österreicher und ihr Staatspersonal ein wenig
lächerlich. Aber
die Deutschen fürchte ich und wollte mich daher nie der
Möglichkeit berauben,
ihren Staat jederzeit legal verlassen zu können. Freilich
habe ich noch
zahlreiche weitere Hintergründe: Als ehemaliger Ministrant bin ich
aus der
Kirche ausgetreten, wurde Sozialist und trotzdem promoviert, rauche,
trinke und
reise viel, handle mit Aktien, habe Altersdiabetes, mag Frauen u. v. m.
So
kommen zu meinem „Migrationshintergrund“ u. a. der „Promotions-,
Spekulations-,
Drogen-, Altersdiabetes- und Mobilitätshintergrund“ hinzu, nicht
zu vergessen
mein „atheistischer, sozialistischer, germanophobischer und
heterosexueller
Hintergrund“. Sogar
der korrekteste
Sprachwächter wird zugeben, dass diese Aufzählung von
Hintergründen absurd ist.
Denn noch darf man einen Menschen Atheisten, Aktionär, Diabetiker
oder Raucher
nennen. Handelt es sich aber um einen Zugezogenen, Ausländer,
Fremden und gar
um einen mit nichtweißer Hautfarbe,
gilt eine direkte Benennung als verwerflich. Zwar ist eine Umschreibung
wie
„Migrationshintergrund“ gewiss gut gemeint in einer Gesellschaft voller
Fremdenfeindlichkeit. Sie soll suggerieren, dass Fremde nicht Fremde
sind,
sondern Menschen wie wir, nur mit einer anderen Vergangenheit und
Erfahrung.
Allerdings würde kein Türke, kein Marokkaner oder Italiener,
der in Deutschland
lebt, auf die Idee kommen, von sich als Bürger mit
Migrationshintergrund zu
sprechen, sondern sich – sogar mit deutschem Pass – Türke,
Marokkaner oder
Italiener nennen. Diese neue, noch in keinem Wörterbuch enthaltene
und daher
gelegentlich auch ohne „s“ geschrieben sprachliche
Manipulation möchte den
ausländischen Mitbürger entfremden,
beraubt ihn aber gerade dadurch eines wesentlichen Teils seiner
Identität,
reduziert das durch jeweils besondere Verhältnisse geprägte
Individuum zur
Kategorie. Der
Glaube,
Fremdenfeindlichkeit ließe sich durch sprachliche Manipulation
überwinden,
Rassismus durch den Verzicht auf die Bezeichnung Negerkuss eliminieren,
entstammt dem häufigsten, nämlich einem idiotischen
Hintergrund. Denn nicht das
Wort Fremder schafft Fremdenfeindlichkeit, sondern die krankhafte Angst
der
Einheimischen vor Fremden. Nicht der beliebig austauschbare Begriff
„Neger“
diffamiert den Schwarzhäutigen, sondern die Vorstellung, die ein
Rassist mit
jeder Benennung eines schwarzhäutigen Menschen verbindet. Die
Political Correctness
heute ist so lächerlich und kontraproduktiv wie der vergebliche
Versuch im 19.
Jahrhundert, sexuell besetzte Begriffe wie „Brust“ und „Bein“ beim
Servieren
eines Huhns zu vermeiden. Statt dessen sprach man von dunklem oder
hellem
Hühnerfleisch. Damals wurde das Volkslied „In einem kühlen
Grunde“ für Kinder
umgetextet: Nicht das „Liebchen“ wohnt dort, sondern ein Onkel. Heute
darf das
Schaf in dem jahrhundertealten Kinderreim „Baa, baa, black sheep“ nicht
mehr
schwarz, sondern soll „glücklich“ oder zumindest
„regenbogenfarben“ sein.
Einzige Folge der puritanischen Sprachmanipulation damals war ein
überbordender
Sexismus, die Political Correctness von heute wird den Fremdenhass
gewiss nicht
überwinden. Denn Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Sexismus
sind
irrationale, krankhafte Phänomene, bei denen nicht das Objekt des
Hasses, wie
man es auch immer nennen mag, das Problem ist, sondern der Hass selbst.
Vor dem
Hintergrund kleinbürgerlicher Phobien ist es völlig
gleichgültig, ob jemand
Türke, Marokkaner oder Senegalese ist oder Immigrant. Wo
Ängste herrschen, der
Wahn regiert, kann jedes Wort zum Schimpfwort werden. Lange über
die
Naziherrschaft hinaus war Emigrant ein Schimpfwort, das die Schuld der
Daheimgebliebenen auf Klügere übertragen sollte. Statt
Andersartigkeiten im
Rahmen unserer Gesetze zu akzeptieren, will die Political Correcteness
über
Andersartigkeiten verbal hinwegtäuschen. Es war immer das
Bestreben des
ängstlichen Kleinbürgers, die politischen Verhältnisse
zu verinnerlichen und alle
Widersprüche der Wirklichkeit zu verdrängen. Das einzig
Nützliche an der
Political Correctness ist, dass man an ihrem Gebrauch den idealistisch
dummen
kleinbürgerlichen Spießer erkennen kann, der seine Putzfrau
Raumpflegerin
nennt, aber wie eine Putze bezahlt und behandelt. |
|||||
|