06.12.00 Politik und Medien verniedlichen den in Deutschland angewandten
Rechtsradikalismus gern zum ostdeutschen Jugendproblem, dem durch schulische
Aufklärung, soziale Betreuung und alternative Freizeitangebote beizukommen
sei.
Nach einer Studie der Universität
Marburg ist rechtes Fühlen, vor allem der Ausländerhass, auch unter
hessischen Jugendlichen weit verbreitet. (Frankfurter Rundschau v. 5.12.00)
Während die Marburger Feldforscher, alarmiert durch die Ergebnisse ihrer
ersten Untersuchung, weitere, detailliertere Forschungen planen, könnten
sie schon durch die Lektüre ihres ersten Berichts die Unzulänglichkeit
des Forschungsansatzes erkennen. Bei Hausbesuchen rechter Jugendlicher in
Hessen mussten sie feststellen, dass eine Reichskriegsflagge im Kinderzimmer
ein Geschenk des Vaters (Polizeibeamter) war, dass ein Luftdruckgewehr von
den Eltern stammte (Geschenk zum 18. Geburtstag), dass einer Mutter zwar
die laute Musik rechter Lieblingsbands ihres Sohnes nicht gefällt, sie
aber die rechten Texte durchaus richtig findet. Immerhin bittet sie ihren
Sohn immer wieder, diese Musik nur bei geschlossenen Fenstern zu hören
– wegen der Nachbarn.
Gefährlich sind weniger die
dummen rechten Jungs und – im Westen seltener – Mädels, gefährlich
ist der partei- und länderübergreifende Sumpf, in dem sie aufwachsen.
Die Jungen trauen sich nur, was die Alten bloß denken. Rechtes Denken
ist tief verwurzelt in unserer Gesellschaft, in ihren Medien, auch in der
Politik. Mit den paar Rechtsextremisten könnte man fertig werden. Hoffnungslos
macht jene Mehrheit der Bevölkerung, die als „Mitte“ bezeichnet und
von allen Parteien umworben, bedient wird. Aus ihr, aus der radikalen Mitte
wächst der nie abgestorbene, jedoch verborgen gewesene Nazismus. Er
bedarf nur noch eines Gärtners, um wieder zur prächtigen, mächtigen
Todespflanze zu erblühen.
pawek@web.de
© 2000 Karl Pawek
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