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07.06.06
Peter Handke
zählt zu den
Autoren, deren Werke ich nie aus eigenem Interesse gelesen habe. Seine
Texte
gehen mich nichts an, Sprachartistik langweilt mich. Nun soll ihm auf
Vorschlag
einer mehrheitlich konservativen Jury der Heine-Preis der Stadt
Düsseldorf
verliehen werden. Er wäre ein würdiger Preisträger. Doch
weil er aus seiner
Sympathie für Serbien kein Hehl macht und schlimmer noch, es
wagte, an
Milosevics’ Beerdigung teilzunehmen, schallt Empörung aus dem
Düsseldorfer
Rathaus und hallt wider aus den Mündern von Honoratioren und noch
weniger
begabten Schriftstellern. In einer übergroßen Koalition
haben die
Lokalpolitiker aus CDU, SPD, Grüne und FDP im Düsseldorfer
Rathaus angekündigt,
die Auszeichnung des Schriftstellers nicht zu bestätigen. Die
Damen und Herren
Abgeordneten, die schon von Müllverbrennung nichts verstehen,
vermeiden
wohlweislich in ihrer Ablehnung jede literaturkritische Argumentation.
Dies
würde sie auch, wie so vieles, überfordern. Allein Handkes
Weigerung, die
verordnete Verdammung Serbiens und seiner ehemaligen politischen
Führung zu
teilen, empört sie bis zur Lächerlichkeit. Handke
hat, wie er selbst
zugibt, gelegentlich auch politischen Unsinn geredet, freilich nie so
bewusst
und abgefeimt wie z. B. Walser. Ob Handke sich in seinem Interview 1999
mit dem
Belgrader Fernsehen nur verhaspelt hat oder doch aus dem Bauch redete,
als er
behauptete, die Serben seien noch größere Opfer als die
Juden, sei
dahingestellt. Doch im Unterschied zu vielen immer noch als ehrenwert
geltenden
Damen und Herren, die schnell mit Auschwitzvergleichen bei der Hand
sind, hat
Handke sich umgehend schriftlich korrigiert, nachzulesen in „Focus“ und
„FAZ“.
Handke mag ein politischer Dummkopf sein, aber er ist in seinen Werken
nie als
Nazibewunderer oder Antisemit auffällig geworden. Allein sein
Ausscheren aus
der Antiserbenfront in einem Land, in dem jeder Schreiberling Milosevic
einen
Massenmörder nennen darf, macht ihn für die Düsseldorfer
Stadträte zur
unerwünschten Person. Ihnen
zu Hilfe eilte Gert
Kaiser, Altgermanist („Der tanzende Tod“, „Der Tod und die schönen
Frauen“),
Bundesverdienstkreuzträger, Altrektor der
Heinrich-Heine-Universität, Präsident
des Wissenschaftszentrums Nordrhein-Westfalen, unter Berlusconi 2003
zum
Commendatore delle Republica Italiana ernannt, und schrieb zusammen mit
seinem
Kollegen Bernd Witte einen Brief an frühere Heine-Preisträger
mit der
rhetorischen Frage, wie sie es ertragen, in einer Reihe mit Handke,
einem
„Sänger des serbischen Großreichs“, zu stehen. Sofort
meldete sich Günter
Kunert zu Wort und erklärte, er erwäge, seinen 1985
erhaltenen Heine-Preis
zurückzugeben, sollte er in diesem Jahr an „den Barden eines
Diktators“
verliehen werden. Kunerts Empörung lässt sich aus dem Wunsch
erklären, endlich
wieder einmal seinen Namen in einer Zeitungsnotiz lesen zu dürfen.
Rätselhafter
ist Kaisers Engagement. Am,
16. 11. 2000 war Kaiser
Teilnehmer am Martinsgans-Essen der Deutschen Bank und hörte dort
die
antisemitischen Ausfälle des Düsseldorfer Rechtsanwaltes Udo
von Busekist. Dieser
berichtete, dass er als 15jähriger Flakhelfer mehrmals zum
„Duschen und
Entlausen“ im Lager Auschwitz gewesen sei und nicht von
Gräueltaten bemerkt
habe. Daher hätten auch die Reichsdeutschen nichts von dem
Massenmord wissen
können. Wenn man immer wieder auf die damaligen Verbrechen
verweise, sei eine
Normalisierung des Verhältnisses zwischen Deutschen und Juden kaum
möglich.
Busekist berief sich dabei auf Walsers Wort von der „Moralkeule
Auschwitz“. Dem
Tischredner Paul Spiegel, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in
Deutschland, warf er zudem vor, durch seine vielen öffentlichen
Auftritte den
Antisemitismus zu schüren. Frau
Spiegel verließ
daraufhin fluchtartig den Raum und brach in Tränen aus, Paul
Spiegel wies ruhig
und entschieden die Anschuldigung zurück, aber keiner der
Honoratioren, auch
nicht Prof. Kaiser, protestierte oder distanzierte sich zumindest von
Busekist.
Später, nachdem der Vorfall bekannt worden war und zu einem
Strafverfahren
führte, bedauerte Prof. Kaiser, keine Zivilcourage gezeigt zu
haben. Vielleicht
glaubte er deswegen, sich in billiger Wiedergutmachung nun einmischen
zu müssen
in die Preisvergabe an Handke, zumal es keiner Zivilcourage bedarf,
eine
verordnete Empörung zu teilen. Auch ein Professor muss nichts von
Politik verstehen,
nur sollte er es dann unterlassen, sich in sie einzumischen. Das ist
schon
Heidegger nicht gut bekommen. |
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