|
|||||
| Vorsicht | |||||
|
21.06.00 Wetter und Fußball sind Themen,
über die zu reden bestenfalls Zeitvertreib scheint oder der Ablenkung
dient. Je unpolitischer eine Gesellschaft ist, desto größere Bedeutung
verleiht sie solchen Nebensächlichkeiten. Nun wird anlässlich des Ausscheidens der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußballeuropameisterschaft 2000 sehr viel über Fußball geredet, über den Trainer, die Spieler, den Nachwuchs, über nationales Engagement und deutsche Tugenden, auffällig wenig über den DFB. Das Desaster verlangt nach seiner Erklärung, nur muss diese systemkritischer sein als erwünscht. Nicht zufällig
stammt der Mannschaftssport Fußball aus der Arbeiterbewegung. Seine
Schönheit liegt im Zusammenspiel, dem sportlichen Ausdruck von Solidarität.
Herausragende Einzelleistungen sind attraktive Höhepunkte eines Spiels,
doch gewinnen können nur Mannschaften. Ohne Mitspieler wird der brillanteste
Stürmer zum lächerlichen Ballnachläufer.
Nun sollte niemand bedauern, dass der stärkste Antrieb zu Höchstleistungen in internationalen Fußballwettbewerben, der nationale Chauvinismus, bei der deutschen Nationalmannschaft nicht mehr so stark ausgeprägt ist wie früher, im Gegenteil, die Verdrängung nationaler Identifikation ist noch die hoffnungsvollste Folge der Entsozialisierung. Nur wird sich die Auflösung von Gemeinschaft in unzählige Ich-Ags wie in der Wirtschaft, so auch im Fußballsport als ineffektiv erweisen. Gelingt es nicht beizeiten, eine soziale Sinngebung zu finden, die gesellschaftliche Entsozialisierung zu überwinden, wird zwecks Kompensation des aus Niederlagen entstehenden Minderwertigkeitsgefühls die nationale Identifikation zunehmen und Deutschland nicht nur auf den Fußballschlachtfeldern wieder siegen wollen. pawek@web.de © 2000 Karl Pawek |
|||||
|