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a . . A & O 

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A. und O. kannten sich länger, als ihre Erinnerung zurückreichte. Aufgewachsen in der Epoche eines bis dahin unbekannten Wohlstands und eines durch Atomwaffen erzwungenen Friedens mangelte es ihnen trotz ihrer kleinbürgerlichen  Herkunft an nichts, im Gegenteil. Die Aufbauphase der Bundesrepublik war abgeschlossen, das Wirtschaftswunder Wirklichkeit geworden, die Menschen gönnten sich wieder Freizeit. Gerade als A. und O. geboren wurden, entdeckte man die Kindheit neu. Die Bedürfnisse der Kinder, ihr Schutz und ihre Behütung fanden eine Aufmerksamkeit, wie sie nur die Überflussgesellschaft erlaubt. Kaum ein Kinderwunsch, der nicht in Erfüllung ging, wenn er den Eltern nur kindgerecht, also nicht aggressiv oder sexistisch schien. Fein poliertes Holzspielzeug, die niedlichsten Musikinstrumente, beschauliche Bilderbücher, Baukästen zur Förderung intellektueller und motorischer Fähigkeiten türmten sich in großzügigen Kinderzimmern, die von Müttern (und immer öfter auch von Vätern) zum Aufräumen nur nach vorherigem Anklopfen betreten wurden. Kinder waren wieder der Mittelpunkt familiärer Heimeligkeit, in die schlimmstenfalls gelegentlich der krude Sozialrealismus der Sesamstraße einbrach.

Obwohl A. und O. die gleiche Aufmerksamkeit, Förderung, Verwöhnung zuteil wurden, hätte schon damals ein nicht nur sensibler, sondern auch wissender Beobachter Unterschiede in der Entwicklung erkennen können. Während O. die Geborgenheit suchte (bei brutal realistischen Szenen der Sesamstraße hielt er sich die Augen zu), den Ausgleich in sozialen Konfliktsituationen im Kinderhaus erstrebte und Tieren wie Pflanzen mit entzückender Feinfühligkeit begegnete, schien A. manchmal von einer erschreckend unkorrekten Neugierde getrieben. Nur mit äußerster Selbstdisziplin gelang es A.s Mutter, eine spontane körperliche Züchtigung ihres Sohnes zu vermeiden, als sie ihn dabei ertappte, wie er eine lebende Schnecke mit seinem kindgerechten Messer sezierte. Während O. schon früh eine als natürlich angesehene Scham zeigte, verhielt sich A. gelegentlich empörend sexistisch, fasste einem Mädchen aus dem Kinderhaus sogar zwischen deren Schenkel, was zwar nicht das Mädchen, jedoch die Erzieherin entsetzlich erschreckte. Auch zerstörte A., was O. liebte. Einmal berichtete O. seiner Mutter unter Tränen, dass seine geliebte Kasse, obgleich aus Plastik und den USA, doch so sinnfällig konstruiert, dass die Eltern über diese Mängel hinweggesehen hatten, zerstört sei, das angesparte Geld fehle. A. beteuerte zwar, damit nichts zu tun zu haben, aber das unerklärliche Auftauchen von Comicheftchen bestätigte nur den Verdacht.

Nur zu gerne ließ sich O. von A. zu Ungezogenheiten mitreißen, schämte sich aber im Nachhinein sehr dafür. Zu ersten nachhaltigeren Irritationen kam es, als A. die Technik der Masturbation entdeckte. Natürlich kannte alsbald auch O. dieses Gefühl von Wärme, Konzentration, wollüstigen Schauders, doch verabscheute er es immer, sobald er wieder zu Vernunft gekommen war. (Auch wenn er in der Lage gewesen wäre, darüber nachzudenken, hätte er sich diese Reaktion nicht erklären können: Niemand hatte ihm das Spiel mit seinem Schwanz ausdrücklich verboten.) A. dagegen nutzte jede Gelegenheit zur Selbstbefriedigung und überließ O. das schlechte Gewissen.

Deutlicher noch wurden die Unterschiede im Schulverhalten. O. fiel die Anpassung nicht schwer, er ordnete sich schnell in den Klassenverband ein, war stets aufmerksam und rücksichtsvoll und begierig, den Unterrichtsstoff zu lernen. Nur A. störte ihn gelegentlich dabei, wenn er einen dummen Jungen dumm, ein dickes Mädchen dick und langweilige Unterrichtsthemen langweilig nannte. Manchmal war es O. sogar peinlich, wenn A., der offensichtlich klüger sein wollte, als er es war, der Lehrerin widersprach, Behauptungen aufstellte, die auf keinem Arbeitszettel standen. Im Zwang, sich zu rechtfertigen, entwickelte A. Argumentationstechniken und ein Ausdrucksvermögen, das längst nicht mehr kindlich und daher, wie O. spürte, unangebracht war. Je älter A. wurde, desto häufiger suchte er den entnervenden Widerspruch, als wären Diskussionen ein Spaß, der freilich von niemandem geteilt wurde. O. dagegen übte sich im Bestätigen und fand dadurch Anerkennung; er wollte möglichst rasch so werden wie seine bewunderten Eltern und Lehrerinnen.

Immer geringer wurden die Gemeinsamkeiten von A. und O. A. suchte die Herausforderung weniger bei Jungen als bei Mädchen, die er oft schamlos nur benutzte, um seine Sexualität zu befriedigen. Dabei freilich konnte er eine Frau, die er gerade noch auf ihr Geschlecht reduziert und angemacht hatte, unvermittelt als Menschen sehen und behandeln, an dem alles bedeutsam ist, nur nicht das Geschlecht. Ganz anders verhielt sich O. Er scheute nicht das Kräftemessen, die körperliche Auseinandersetzung mit Jungen, fasste aber nie ein Mädchen unzüchtig an, obwohl Sinn und Schwanz noch in den unerotischsten Begegnungen nach Unzucht gierten.

Während der Studienzeit bahnte sich der endgültige Bruch zwischen A. und O. an. A. wurde Sozialist, lernte und handelte, O. schloß sich einer kommunistisch-ökologischen Gruppe an, glaubte und handelte ebenfalls.

Vor allem der Umgang mit der Atomproblematik trennte beide. A. kannte das Risiko, auch wenn er es manchmal verdrängte, weigerte sich jedoch, die AKW-Bewegung zu unterstützen. Nicht Fragen der Sicherheit, der Bewahrung, des Schutzes allgemein schienen ihm von Bedeutung, sondern Besitzverhältnisse und die daraus resultierende Macht. Kein Ding an sich, erklärte er immer wieder, sei gut oder schlecht, nur sein Gebrauch. O., dessen Cubasympathie schlagartig erloschen war, als er vom Bau eines Atomkraftwerkes auf der brennstoffarmen Insel erfahren hatte, beteiligte sich an allen Großdemonstrationen gegen Atomkraftwerke und Landebahnen. Außer sich vor Lust am Katz- und Mausspiel mit den Bullen riskierte er immer wieder seine freilich folgenlose Festnahme im Rausch der Rebellion. O. galt als der Radikalere von beiden und sollte sich doch bald als Maulheld erweisen, der überhaupt nichts verändern, sondern Veränderungen nur verhindern will. Als radikaler Spießer teilte er die Risikoangst seiner meisten Mitbürger vor jeder tatsächlichen oder vermeintlichen Bedrohung. Nachdem er sich ausgetobt hatte und Freundin und Arbeit in einer Werbeagentur schickere Freizeitbeschäftigungen nahelegten als den Kampf gegen Bullen, entdeckte er die angenehme Seite des modernen Konservatismus. Man kann gegen Veränderungen, Experimente sein und sich, stimmt nur der Zeitgeist zu, modern, ja fortschrittlich fühlen. Auch wenn hinter fast allen Protesten gegen Umweltzerstörung, Klimagefährdung, Gentechnik, Rindfleisch aus Großbritannien, überfüllte Hörsäle usw. nur die Sorge um das Wichtigste auf der Welt, die eigene Person und ihr Wohlbefinden, ihre Gewissensruhe steht, gilt man als selbstloser Idealist. In dieser Haltung erkannte A. den modernen Faschismus, anmaßend, rückwärtsgewandt, eliminierend, imperial und schließlich gewalttätig wie der vorherige. Wiederum sind es bessere Menschen, die den anderen vorschreiben wollen, wie sie zu wirtschaften, mit ihren Bäumen, Ressourcen, Tieren und Menschen umzugehen haben. Noch bevor ihre Staaten aktiv werden, schwärmen diese modernen Faschisten wie einst ihre Vorgänger aus, den Rest der Welt zu missionieren oder zumindest zu kontrollieren. Noch leiten sie ihr Recht dazu nicht von ihrer Rasse ab, sondern von einer vorgeblichen Erkenntnis, die auf Dauer freilich nicht zufällig bleiben kann. A. und O. wurden sich zuwider, die Spannungen zwischen ihnen fast unerträglich.

Der Verfall des Sozialismus trieb die Polarisierung voran. Jetzt erst wurde A. bewusst, dass Sozialismus mehr war als nur eine politische Alternative, als ein Programm. Sozialismus war ihm Hoffnung gewesen. Bedrückt, müde, kränkelnd widerte ihn die anfängliche Wiedervereinigungsbegeisterung an. Aus dem Souverän („Wir sind das Volk“) wurde ein Volk, und als die Begeisterung sich legte und der Ausbeutung wich, brodelte nur mehr der nationalistische Sumpf. Gewiss, abgesehen von der äußersten Rechten bemühten sich alle um eine gemäßigte Sprache, doch hinter der Fassade kluger Zurückhaltung gab man sich freier. Trieben es einige gar zu toll, galt die Sorge der Politiker und Journalisten weniger den Motiven, dem Umfeld der Taten als dem Eindruck, den diese im Ausland machen könnten. Doch der wirkliche Wandel vollzog sich in Parteigremien, Redaktionsstuben, Bundeswehrseminaren. Weil Rechte rechte Haltungen nicht als rechts, nur als normal erkennen können, durften Rechtsradikale politische Bildung betreiben, solange sie nicht von Außenstehenden als rechte Rechtsbrecher identifiziert wurden. Reflexartig erfolgte dann die Distanzierung von der Person, nicht jedoch von deren Gedanken.

Eine Zeit lang sammelte A. Zeitungsausschnitte, in denen von Überfällen auf Ausländer berichtet wurde oder die völlig unreflektiert rechte Ideologie wiedergaben in Zitaten und redaktionellen Betrachtungen, doch bald war die Ablage voll und das tägliche Angebot so zahlreich, dass die Ausschneiderei mühsam wurde. Auch hatte A.s Sammlung ihren Zweck erfüllt. Niemand wird einst wieder behaupten dürfen, man habe von der Entwicklung nichts gewusst. Sie war nachzulesen nicht nur in der FAZ.

O. dagegen ging es blendend trotz der Kürzung des Gehalts in der nicht mehr völlig ausgelasteten Werbeagentur. Es machte ihm Spaß, Deutscher zu sein. Irgendwie hat dieses Land wieder eine Zukunft, fühlte er, und irgendwie wollte er daran beteiligt sein. Er reiste in die anfangs noch ost-, später dann mitteldeutsch genannten Gebiete und fand die Landstriche schön, nicht so lieblich wie die Toskana, dafür weit, tief, ehrlich, eben deutsch. Als er nun auch noch Königsberg besuchen wollte, kam es zu dem schrecklichen Streit mit A., der ihn als Revanchisten, als verlogenen Gutmenschen, als Nationalbolschewisten beschimpfte. O. wiederum nannte A einen Spinner, Versager, den geborenen Stasibüttel und schlug dabei mit der Faust so hart auf den Tisch, dass der Grappa aus seinem Glas schwappte. Noch bevor er nach dem halbleeren Glas greifen konnte, packte A.s rechter Arm O.s Linke, drückte sie so fest auf die Tischplatte, dass O. in der Anstrengung, sich zu lösen, nach vorne kippte und mit dem Kopf in die Grappalache fiel. Wütend schlug er auf A. ein, traf dessen Nasenbein, zertrümmerte es. Verrückt vor Schmerz griff A. nach dem Brotmesser, stach zu, immer zu, bis sich unter dem Tisch eine Blutlache bildete und das Messer aus der Hand glitt.

Obwohl die zahlreichen Hieb- und Stichverletzungen auf einen Überfall deuteten, ergaben die polizeilichen und gerichtsmedizinischen Untersuchungen, dass es sich eindeutig um einen Selbstmord gehandelt hat.
© 1999 Karl Pawek
pawek@web.de

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