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a . Anders als gedacht: Albanien 

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Albanien, in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts das Gelobte Land kommunistischer Sektierer, von denen sich einige inzwischen das Bundesverdienstkreuz verdient haben, gilt heute noch als obskures Reiseziel. Die meisten der rund 25 000 deutschen Touristen und Geschäftsleute, die im Jahr nach Albanien reisen, riskieren Spott und anzügliche Bemerkungen: Was willst Du ausgerechnet in Albanien, dem „Land der Skipetaren“, wie es Karl May, der auch dort nie war, nannte? Hütchenspielen lernen? Dich zum Zuhälter ausbilden lassen? Mafiosi werden? Die Blutrache studieren?

40 Jahre Isolation unter Enver Hoxha, der dem Volk das Reisen, Autofahren, sogar die Religionsausübung verboten hat, sind zwar im Lande selbst nur mehr rudimentär und kaum als Nachteil spürbar, wirken aber nach in der Unwissenheit, Ignoranz und Unsicherheit der meisten ausländischen Besucher.

Wer mit dem Auto nach Albanien fährt, erreicht, sofern der Wagen stabile Achsen hat, zuerst Shkoder. Die Straßenverhältnisse entsprechen ganz und gar den Erwartungen. Schlaglöcher, die in ihrer Vielzahl und Tiefe in Westeuropa zur Vollsperrung der Straßen führen würden, machen das Autofahren nachts oder bei Regen zum Abenteuer. Erkennt man ihr Ausmaß nicht und versäumt es auszuweichen, was bei den geringen Abständen der Löcher nicht immer möglich ist, drohen Achsbruch und Schlimmeres. Außerorts wie in den Städten sind Richtungsweiser sehr selten, Spürsinn nur führt zum Ziel. Die wenigen Schilder stehen manchmal unmittelbar an der Abzweigung, manchmal ohne entsprechenden Hinweis 300 oder 400 Meter davor und nicht immer ist erkennbar, ob es sich um eine Nationalstraße oder eine Zufahrt handelt. Die häufigen Verkehrskontrollen auf Albaniens Landstraßen scheinen weniger der Verkehrssicherheit als der Weiterbeschäftigung des Heers von  Polizisten aus vordemokratischen Zeiten zu dienen. Zumindest in den Städten sind die Ordnungshüter machtlos. Da wird hoheitlich gepfiffen, wild gestikuliert, aber keinen kümmert es und kein Polizist macht Anstalten, seine Anweisungen auch durchzusetzen, es sei denn, ein Regierungsfahrzeug ist angekündigt. Dann wird rigoros umgeleitet oder der Verkehr gestoppt, bis das uneinsehbare Auto samt Eskorte passiert hat.

Niemand regelt den Verkehr über die lange, marode, einspurige Holzbrücke, die bei Shkoder die Drin überquert. Da sie nur im Schritttempo befahren werden kann, bildet sich oft ein Rückstau, bis eine mindestens 300 Meter lange Lücke im Gegenverkehr die Weiterfahrt erlaubt. Der Halt verlockt Kinder, von den Wartenden Süßigkeiten oder Zigaretten zu fordern. Als mich ein vielleicht zwölfjähriger Junge um eine Zigarette bat, schüttelte ich, selbst rauchend, angesichts seines Alters den Kopf. Da ich immer wieder kopfschüttelnd keine Anstalten machte, ihm eine Zigarette zu geben, wurde der Junge ungehalten und beschimpfte mich bis zur Weiterfahrt. Erst am nächsten Tag, als ein Kellner bei einer Bestellung von Tee wie bei der Frage nach einem Orangensaft den Kopf schüttelte und wenig später die Getränke servierte, erinnerten wir uns, dass in Teilen Albaniens ein Kopfschütteln Zustimmung bedeutet. Der Junge muss sich von mir böse provoziert gefühlt haben.

Shkoder, am riesigen, fischreichen, aber nur wenig besiedelten Skutarisee gelegen, wirkt in weiten Teilen verwahrlost. Der Hauptplatz ist eine riesige Baustelle, sein Mittelpunkt, das Denkmal der 5 Helden, die den Versuch, ihre Mitmenschen zum Kommunismus zu bekehren, mit dem Leben bezahlten, wurde entfernt. Statt dessen erinnert nun im nahegelegenen Stadtpark ein Denkmal an vier junge Menschen, die sich gegen die kommunistische Diktatur auflehnten und hingerichtet wurden. Nicht beseitigt wurde bislang das gigantische Hotel Rozafa, einst Herberge für Funktionäre, nun ein baufälliges Billighotel mit abbröckelnden Fassaden und schräg in den Fensterrahmen hängenden Jalousien. Am sehenswertesten in Shkoder sind vielleicht drei Sakralbauten, die Ebu-Bekr-Moschee, die katholische Kathedrale sowie eine orthodoxe Kirche, weniger ihrer Architektur wegen als aufgrund ihrer Leere. Hoxhas Religionsverbot wirkt in ganz Albanien nach in einer sehr diskreten Gläubigkeit.

Immerhin eine Straße, die Rruga 13 Dhetori mit ihren klassizistischen Häusern, verzierten Balkonen und Fenstern, kostbaren Holztüren und dem empfehlenswerten Hotel Colosseo wurde restauriert. Auf ihr findet täglich zwischen 19 und 21 Uhr ein Corso statt, wie er üblich war in italienischen Kleinstädten vor Einführung des Satellitenfernsehens. Mädchengruppen schlendern schick gekleidet scheinbar gelangweilt umher, weniger gepflegt, doch höchst aufmerksam zeigen sich die Jungs. Seltener trifft man auf junge Paare. Sie findet man tagsüber am Wasserbecken des nahen Stadtparks, wo Fotografen die Fontänen als Hintergrund nehmen für Erinnerungsbilder sich züchtig umarmender Verliebter. Kleinkinder können für 10 Cent auf elektrischen Miniaturmotorrädern und –Geländewagen einmal um das Becken fahren, Jungen alleine, Mädchen in Begleitung eines Erwachsenen oder zumindest eines zur Not auch jüngeren Bruders. Alle Kinder essen unentwegt Süßigkeiten, doch keines ist dick. Und wie überall in Albanien gibt es auch hier keine Bettler, keine Anmache, dies aber wohl nur, weil es auch fast keine Touristen gibt.

Die Stadtverwaltung bemüht sich durchaus um die wenigen ausländischen Besucher. Überall in der Stadt stehen Wegweiser zu den Sehenswürdigkeiten. Lohnend ist der Besuch der sagenumwobenen Rozafa-Burg aus der Illyrerzeit, errichtet auf einem 130 Meter hohen Felsen im Süden der Stadt. Zu Fuß ist der Aufstieg eine Zumutung, die Zufahrtsstraße durchaus befahrbar. Eindrucksvolle Ruinen, ein kleines Museum  und der wunderschöne Ausblick auf den Zusammenfluss von Drin, Buna und Kir und den von ihnen gespeisten endlosen See entschädigen für alle Mühen.

Eine Eigentümlichkeit aller albanischen Städte freilich ist, dass auf die Wegweiser kaum Hinweisschilder folgen. Die letzten stehen meist einige hundert Meter vor der gesuchten Sehenswürdigkeit. Wir wollten das Marubi-Museum besuchen. Es beherbergt das über
250 000 Negative umfassende Archiv und die Geräte einer Fotografenfamilie, die seit 1858 drei Generationen lang Ereignisse, aber auch Alltäglichkeiten, Bauten und Landschaften dokumentierte. Dank der Hinweisschilder und einer Stadtplanskizze ohne Straßennahmen, deren Verzeichnis auch in Shkoder sinnlos wären, da es keine Straßenschilder gibt, konnten wir einen Häuserblock identifizieren, in dem das Museum liegen müsste. Mehrfach umrundeten wir den Block, immer vorbei an einer Gruppe feister, wenig vertrauenswürdig wirkender Geldwechsler, die mit faustdicken Geldscheinbündeln wedelten. Inzwischen war es später Nachmittag geworden. Müde entschlossen wir uns schließlich, einen der Geldwechsler nach dem Museum zu fragen. Ein paar Schritte nur geradeaus weiter, beschied uns der Mann, und die erste Gelegenheit nutzen, nach rechts abzubiegen. Die erste Gelegenheit war ein Toreingang in einen zugemüllten Hinterhof. Reiseerfahrungen aus Mittelamerika mahnten uns, ihn keinesfalls zu betreten. Kaum hatten wir ihn passiert, lief uns der Geldwechsler hinterher. „Nein, zurück“, rief er uns zu und wies in den Eingang. Zermürbt durch die lange Suche folgten wir dann doch seinem Hinweis, stießen auf eine Mauer, an der ein Pfad nach links führt und an einer Hinterhausfassade endet. Die einzige Alternative zur Umkehr war ein Gittertor vor einer Holztreppe. Da es nicht abgeschlossen war, stiegen wir die Treppe hoch. Ein verwittertes Schild an der Eingangstür im ersten Stock endlich gab uns die Gewissheit, es geschafft zu haben: „Marubi“. Auch diese Tür ließ sich öffnen. Eine schmale Holztreppe führt einen Stockwerk höher, an den Wänden des Treppenaufgangs lassen sich in der Dunkelheit Bilder ahnen. Die Treppe endet in einem langen Flur mit Bildern und Schaukästen und dazwischen Lichtschaltern, die tatsächlich funktionieren. Wir schalteten die Lichter an und waren fasziniert. Die Qualität der Fotos ist weit aufregender als das Abenteuer ihrer Suche. Plötzlich öffnete sich eine der zahlreichen Flurtüren. Erschrocken fragte uns ein junger Mann, was wir wollen. „Uns das Museum anschauen.“ Das Museum sei geschlossen, aber selbstverständlich könnten wir uns alles anschauen. Erleichtert ließ er uns allein.

Wir betrachteten die historisch wie künstlerisch außerordentlichen Fotos. Vor allem die Bilder von Frauen bei der Hausarbeit, von Arbeitern erinnern an Fotos von August Sander, sind allerdings Jahrzehnte früher gemacht worden mit urtümlichen Kameras, Zeitmessern, Blitzlichtapparaten, die in Glasvitrinen ausgestellt sind. Nach der Besichtigung schalteten wir die Lampen aus und gingen. Auf der Straße trafen wir den Geldwechsler wieder. „Es hat sich doch gelohnt?“, fragte er uns. Dankbar bestätigten wir es ihm.

Wer sich die landschaftlich äußerst reizvolle Anfahrt entlang der Adriaküste durch Kroatien und Montenegro oder die schnellere, aber unspektakuläre, nur kilometerfressende Autobahnreise durch das Hinterland ersparen will, kann eine Autofähre von Triest, Ancona oder Bari nach Durres nehmen und damit einen völlig falschen ersten Eindruck von Albanien bekommen. Die herrlichen Sandstrände der Hafen- und Industriestadt Durres und das sogar hier klare, durchsichtige Wasser werden überschattet von den Folgen eines chaotischen Baubooms. Wer in Albanien Geld übrig hat oder locker machen kann, baut je nach Geschmack, Beziehungen, Vermögen in erster, zweiter oder dritter Reihe. Die Jahrzehnte kommunistischer Fürsorge machten nach dem Zusammenbruch des Systems jede städteplanerische Einschränkung der architektonischen Selbstverwirklichung von Bauherrn unmöglich. Die schnurgerade sechsspurige Strandstraße wird nie eine Promenade, viele Bauten, darunter wenige minimalistisch-moderne, dafür zahlreiche ethno-kitschige, nie fertiggestellt werden. Durres, dessen Strände zu den schönsten des Mittelmeers gehörten, hat die Chance vertan, aus den Fehler spanischer und italienischer Küstenbebauung zu lernen, was freilich dem albanischen Strandleben keinen Abbruch tut. In den Sommermonaten tummeln sich ganz Durres und halb Tirana, das nur 50 „Autobahn“-Kilometer entfernt ist, auf den Stränden, nur die heiß ersehnten, weil kaufkräftigeren Touristen aus dem Ausland werden ausbleiben. So spottbillig Espresso, Cappuccino, sogar der in Erwartung deutscher Touristen von heimgekehrten Gastarbeitern angebotene Latte macchiatto auch sein mögen, einen Badeurlaub in Durres wird sogar Geiz-ist-geil-Fanatiker nicht zufrieden stellen.

Doch auch in Durres trügt der erste Blick. Albaniens Küste ist über 300 Kilometer lang, im Norden und in der Mitte meist sandig, im Süden zerklüftet. Erst wenige der unzähligen Buchten und Strände sind bebaut und mit Pkws ohne Allradantrieb erreichbar. Entdeckungslustige werden immer wieder Strände finden, wie sie in Europa niemand mehr für möglich hält. Nur langsam beginnt die touristische Erschließung der Küsten, noch wenige Hotels entsprechen den Erwartungen westeuropäischer Reisender, dafür kosten Doppelzimmer mit Frühstück selten mehr als 40 Euro. Und so simpel ihre Einrichtung auch sein mag (immerhin gehören Bad, Klimaanlage und Sat-TV zum albanischen Drei-Sterne-Standard), gleichen doch die Gastfreundlichkeit, Hilfsbereitschaft der Hotelbetreiber die Kratzigkeit der Handtücher, Fadenscheinigkeit der Bettlaken, Primitivität der Matratzen und Bettgestelle mehr als aus. Wer sich außerhalb der Großstädte auf albanische Hotels einlässt, was durch den Genuss oft hervorragender albanischer Grappe sehr erleichtert werden kann, wird bald nichts vermissen, lebt er doch fürstlich in einer Welt kreativer Bescheidenheit. Nur sollte er immer ein paar Scheine in der albanischen Währung Lek, die es inzwischen überall im Land aus Geldautomaten meist österreichischer Banken zu ziehen gibt, bei sich haben. Denn obwohl viele Hotels ihren Gästen sogar Internetzugang anbieten, klappt eine Kreditkartenzahlung fast nie. Bei der ersten Karte ist die Datenübertragung gestört, bei der zweiten wird zur Sicherheit des Gastes eine PIN gefordert, die nur für aberwitzig teure Barabhebungen notwendig und daher längst vergessen ist, die dritte Karte wird leider nicht akzeptiert. Kürzer übrigens ist das Verfahren bei der Anreise durch Kroatien und Montenegro: Viele Hotels bieten Barzahlern von vornherein 10% Ermäßigung.

Nicht weniger spektakulär als viele Küstenabschnitte ist das Binnenland. Zumindest Gjirokaster oder Berat sollte kein Albanienreisender versäumen, zumal beide Orte über ausreichende Hotelunterkünfte verfügen. Gjirokaster, Geburtsort Enver Hoxhas und des bekanntesten modernen Schriftstellers Albaniens, Ismael Kadaré, liegt unweit der Grenze zu Griechenland, Berat in der Mitte des Landes. Beide Orte entwickelten sich aus gewaltigen, auf Felskuppen thronenden Festungsanlagen, deren Fundamente aus vorchristlicher Zeit stammen. Obwohl sich das wirtschaftliche Leben längst in den Unterstädten abspielt, sind die alten, nur durch einen mühsamen Aufstieg oder bei Gottvertrauen mit einem PKW zu erreichenden Orte noch bewohnt und nicht, wie manche kroatische Festungsstadt, zu einer Shoppingmall für Andenken und Kunstgewerbe verkommen. Gjirokaster, „die Stadt der Tausend Stufen“, 2005 in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen, hat Kadaré unübertrefflich in seinem Roman „Chronik in Stein“ beschrieben: „Es war dies eine steile Stadt, vielleicht die steilste auf der ganzen Welt; alle Gesetze der Architektur und des Städtebaus waren von ihr über den Haufen geworfen worden. Weil sie derart steil war, konnte es vorkommen, dass sich die Fundamente des einen Hauses auf der Höhe des Daches eines anderen befanden, und gewiss war dies der einzige Ort der Welt, wo jemand, der am Straßenrand ausglitt, nicht in den Graben stürzte, sondern womöglich auf das Dach eines hohen Hauses. Es war dies wirklich eine sehr seltsame Stadt.“ Daran hat sich in den fast vierzig Jahren seit Erscheinen des Romans nichts geändert.

Berat, von hohen Bergen umgeben, ist weniger spektakulär, doch in seiner Vielfalt nicht weniger liebenswert. Beide Orte verdanken übrigens ihren für albanische Verhältnisse beeindruckend guten, weitgehend originalen Zustand Enver Hoxha, der sie sehr mochte und ihnen während seiner auch ökonomisch wenig erfolgreichen Herrschaft seine Fürsorge angedeihen ließ und sie als Museumsstädte vor dem Verfall bewahrte.

Wer Zeit mitbringt, sollte nicht die Ausgrabungsstätten im Süden, Apollonia und Butrint versäumen und auch dem Ohridsee an der Grenze zu Makedonien einen Besuch abstatten, doch immer darauf achten, dass genügend Zeit bleibt, um Tirana zu entdecken. Seit 1920 Hauptstadt Albaniens gehört Tirana zu den lebendigsten und zugleich geruhsamsten Städten Europas, vorausgesetzt, der Autoreisende verfügt über Gelassenheit und Selbstvertrauen. Denn Tirana ist nicht nur wirtschaftlich und kulturell, sondern auch verkehrsplanerisch das Zentrum Albaniens Aus allen Himmelsrichtungen führen Straßen nach Tirana, und da eine Ringstraße zwar vorhanden, doch wegen ihres desolaten Zustands nur äußerst stockend zu befahren ist, treffen fast alle Verkehrsströme auf dem zentralen Skanderbegplatz aufeinander. Dieser riesige Platz mit dem Denkmal des namensgebenden Nationalhelden, dem mächtigen Sockel für Hoxhas 1991 gestürzte Statue, einem Ausstellungspavillon, einer Gokartbahn und einer Freilichtbühne in der Mitte würde in Deutschland als vielleicht sechsspuriger Kreisverkehr markiert werden. Straßenmarkierungen gibt es auf dem Skanderbegplatz nicht, auch keine Vorfahrtsregelungen. Alle Verkehrsteilnehmer, Busse, LKWs, PKWs, Pferdefuhrwerke, Karren, versuchen die kleinste Lücke zu nutzen, um möglichst weit ins Zentrum des Platzes vorzustoßen, da Haltende und Parkende immer wieder die äußeren Bereiche bis in die zweite und dritte Reihe blockieren, um dann ebenso verwegen kurz vor einer der zahlreichen Einmündungen sich die Ausfahrt zu erzwingen. Zu Stoßzeiten wird der Kreisverkehr zehn- oder zwölfspurig genutzt. Dabei betragen die Abstände zwischen den Fahrzeugen oft nur wenige Zentimeter, was bei der Tiefe der auch auf dem Zentralplatz vorhandenen Schlaglöcher zu berührungsgefährlichen Schräglagen führt.

Sogar für Kalkuttakenner lohnt sich ein Aufenthalt in den höher gelegenen Zimmern des Hotels Tirana International direkt am Skanderbegplatz. Die Verkehrsbeobachtung ist spannender und vergnüglicher als die meisten Fernsehprogramme. Denn Albaner sind leidenschaftliche Autofahrer. Unter Hoxha war jeder Besitz von Privatautos verboten, noch 1990 soll es in Albanien nur 600 PKWs gegeben haben. Und nach dem Zusammenbruch des Regimes lernten die Menschen Autofahren nicht in Fahrschulen, sondern durch Fahren, wobei die Gewalt über die Hupe unbekannte Verkehrsregeln ersetzte. Beliebtestes Fahrzeug in Albanien ist der Mercedes aus vorelektronischer Zeit und die Tatsache, dass kaum italienische oder französische Autos gefahren werden, ist angesichts der Straßenverhältnisse nicht verwunderlich.

Wenn erst einmal der Stresstest Skanderbegplatz, der in ferner Zukunft in eine Fußgängerzone umgewandelt werden soll, überstanden ist, erweist sich Tirana schnell als sehr lebendige, doch geruhsame Stadt. Wie in allen albanischen Städten ist das Angebot an Kaffeehäusern beeindruckend. Schon vormittags sind sie gut besucht von jungen Männern, deren einziges Arbeitsmittel das Handy zu sein scheint, nachmittags gesellen sich, freilich nie als einzelne, junge Frauen hinzu, deren Kleidung und Schmuck, vor allem aber die Nylonstrümpfe zumindest auffällig, manchmal sogar verwegen sind. Kopftücher werden seltener getragen als in  deutschen Großstädten. Ältere Frauen sieht man kaum in der Innenstadt, höchstens als Straßenkehrerinnen oder auf dem Markt beim Hauptbahnhof, dessen nur der ungefähren Orientierung dienender Fahrplan auf einen kleinen Notizzettel passt. Bis unmittelbar vor dem Bahnhof  dominieren moderne Geschäfts- und Bürohäuser, das anschließende Marktviertel verharrt in asiatischer oder nordafrikanischer Unterentwicklung.

Grünanlagen wie der aufwendig gestaltete Riniapark zwischen Skanderbegplatz und dem Lanafluss laden zum Schlendern und beobachtenden Ausruhen auf einer der überall zahlreichen Bänke ein. Viele Passanten, die meisten jungen Frauen, gehen mit einem Tunnelblick an Ausländern vorbei, einige wenige schauen Fremde neugierig freundlich an, wobei weniger ein Rollenverhalten als Sprachkenntnisse den Unterschied ausmachen. Auch in Cafes kann es vorkommen, dass die Bedienung den ausländischen Gast zu übersehen scheint, bis sie einen italienisch- oder englischsprechenden Kollegen bitten kann, die Bestellung aufzunehmen.

Ein Spaziergang über Tiranas Prachtstraße, den Deshmoret e Kombit Boulevard, vom Skanderbeg- zum Mutter-Theresa-Platz ist zugleich ein Ausflug in Albaniens Geschichte. Es empfiehlt sich, das Nationalmuseum als Ausgangspunkt zu wählen. Während das riesige Mosaik auf der Eingangsfassade im Stil des sozialistischen Realismus Albaniens ruhmreiche Geschichte preist, bleibt die kommunistische Periode im Inneren des Museums, sieht man von zwei unkommentierten riesigen verschränkten Fäusten ab, zur Zeit ausgespart. Enver Hoxha, der das Land von 1944 bis 1985 regierte, ist nur auf einem Gruppenfoto aus der Zeit des Partisanenkampfes gegen die deutschen Besatzer zu erkennen. Die Vorgeschichte dagegen ist ausführlich dargestellt und trotz des erbärmlichen Zustands des Gebäudes attraktiv präsentiert. Vor allem Skanderbeg, Albaniens Nationalheld aus dem 15. Jh., der als General der osmanischen Besatzungsarmee desertierte und die albanischen Clanchefs im zunächst vergeblichen Kampf gegen die Osmanen vereinte, wird verherrlicht. Doch Schwert und Helm des Freiheitskämpfers, zwei der wenigen durch Panzerglas geschützten Ausstellungsobjekte, sind nur Kopien. Die Originale befinden sich im Historischen Museum in Wien.

Ein Relikt des Nachkriegssozialismus ist der Kulturpalast mit seiner bröckelnden Außentreppe und Fassade. Geplant und geleitet wurde der Bau von sowjetischen Architekten. Als Hoxha 1961 mit der SU brach, verließen die sowjetischen Baumeister das Land und nahmen alle Blaupausen mit. Nur mit Hilfe chinesischer Fachleute konnte der Bau fertiggestellt werden. Wie jeder Kulturpalast beherbergt auch der von Tirana eine Buchhandlung. In ihr gibt es werktäglich ab 11 Uhr nicht nur die komplette FAZ und NZZ im überraschend gut lesbaren Kleinformat (Computerausdruck) zu kaufen, freilich zu einem Preis, der dem eines vorzüglichen Mittagessens, z. B. in der Artist Lounge, entspricht, sondern aufgeschlagen auf einem Lesepult den auch in Westeuropa sehr teuren Phaidon-Atlas moderner Architektur. Zwar gehört Albanien zu den wenigen Ländern auf der Welt, die mit keinem einzigen Bauwerk vertreten sind, doch die öffentliche Präsentation des Werkes kann nur als Aufforderung verstanden werden, die Zukunft auch architektonisch neu zu gestalten.

Zwischen dem Kulturpalast und den in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts errichteten Regierungsgebäuden liegt die Et’hem Bey Moschee (1794 – 1821) mit ihren in der islamischen Kunst ungewöhnlichen Fresken, die Bäume, Wasserfälle und Brücken darstellen, schräg dahinter der Glockenturm (1822), einst als höchstes Gebäude das Wahrzeichen Tiranas, bis Enver Hoxha in den 1980er Jahren das sehr viel höhere Hotel Tirana International bauen ließ.

Wer heute einen Überblick über die Stadt gewinnen will, sollte mit dem Glasaufzug auf die Spitze des Sky Towers unweit des Lanaflusses fahren. Von hier aus lassen sich die Reste der Aktion „Buntes Tirana“ erkennen. Bürgermeister Edi Rama veranlasste kurz nach der Jahrtausendwende, die grauen Fassaden geeigneter Häuser bunt anzumalen. Leider war die Qualität der benutzten Farben längst nicht so gut wie die Idee. Sie verblassen und machen, was lustig anzusehen war, wieder schäbig.

Gegenüber dem Riniapark mit seinem riesigen Taiwan-Komplex, der nicht nur erkennbar Cafes, Restaurants und ein Kasino enthält, sondern unterirdisch auch mit Bowlingbahnen, einem Schwimmbad und einer Spielhalle für Videogames ausgestattet ist, lohnt die Kunstgalerie einen Besuch. Zwar wurden die Leninstatue und eine Stalinbüste noch vor dem Zusammenbruch des Systems entfernt, aber ein paar Werke des sozialistischen Realismus, darunter die durchaus sexy Statue eines Fabrikarbeiters, blieben, wenn auch hinter der Rückfassade versteckt, erhalten. Sehenswert ist die Sammlung mittelalterlicher Gegenstände, wogegen Reisende, die an der albanischen Gegenwartskunst interessiert sind, besser die private Zeta Gallery in der Abdyl Frasheri Straße suchen sollten, deren Besitzerin die Kunstszene bestens kennt.

Vorbei an der Ruine des einst exklusivsten Hotels Albaniens, dem Funktionären und Staatsgästen vorbehalten gewesenen Dajti, dessen Auffahrt nun als Parkplatz genutzt wird, gelangt der Spaziergänger über den Lanafluss zur Pyramide, dem eindrucksvollsten Bauwerk Tiranas. Tirana: Pyramide. Foto Angela PawekEntworfen von Hoxhas Tochter Pranvera sollte dieses teuerste Gebäude Albaniens zumindest für Jahrtausende Hoxhas Ruhm konservieren, wohl auch als Mausoleum dienen. Doch die Eröffnung 1988, drei Jahre nach Hoxhas Tod, überlebte das Regime nur weitere drei Jahre. Das gewaltige, architektonisch durchaus interessante Gebäude wurde plötzlich nutzlos. Weder als Kongresszentrum noch als Disko war es erfolgreich. Heute dient es nur mehr als Träger zahlreicher Satellitenschüsseln und Mobilfunkmasten und gelegentlich als Rampe für mutige Skater, die zur Spitze hochklettern und die 30 Grad schrägen Betonbänder hinuntersausen. Ratlos lässt die Stadt das Gebäude verfallen zu einem gespenstischen Relikt aus verdammten, doch in den Köpfen nicht spurlos vergangenen Zeiten. Noch immer trifft man ältere Menschen, die sich weigern, für eine kleine Hilfeleistung ein Trinkgeld anzunehmen.


Ein Stück weiter auf dem von italienischen Faschisten gestalteten und als Paradeplatz genutzten Boulevard befindet sich die ehemalige Parteizentrale der kommunistischen Partei, heute die Residenz des Premierministers, ihr gegenüber der damalige Sitz des Parteikomitees. Nach rechts führt die Ismail Quemali Straße ins Zentrum des Block-Viertels, einst Quartier kommunistischer Spitzenfunktionäre. Unter Hoxha war das Viertel mit seinen schönen alten Villen, Gärten und schattigen Straßen abgesperrt, kein gewöhnlicher Sterblicher durfte es ohne Aufforderung betreten. Heute ist es das quirlige, lebenslustige Ausgehviertel Tiranas mit guten Restaurants, schicken Läden und trendigen Cafes. Hier genießt eine neue Mittelschicht ihren bescheidenen Wohlstand. Vorwiegend junge Menschen, Studenten der nahen Universität, Angestellte der zahlreichen Ministerien und Behörden flanieren durch die Straßen, flirten immer noch sehr dezent, obwohl weit und breit keine missgünstigen Alten zu sehen sind. Noch sind die Preise in den Lokalen moderat und spottbillig für Touristen aus dem Westen, noch ist eine Aufbruchstimmung spürbar, eine Lust am selbstbestimmten Leben, doch die ersten Shops und Einkaufszentren für Menschen, die ihr Geld nicht mehr verdienen, sondern „arbeiten“ lassen, nehmen bereits die Zukunft vorweg. Dies gilt auch im Umgang mit dem Rauchen. 2007 hat die Regierung für alle öffentlichen Plätze ein Rauchverbot erlassen. Tatsächlich sind die Eingangstüren und Innenwände aller Lokale vollgeklebt mit Rauchverbotsschildern, doch wenn ein Gast, was allerdings kaum möglich ist, sich an einen Tisch ohne Aschenbecher setzt, wird ein solcher sofort gereicht. Noch ist Albanien das letzte Raucherparadies Europas mit Zigarettenpreisen von ca. 1,70 Euro je Packung. Wer will, raucht vor, während und nach dem Essen. Wenn allerdings Amerikaner anwesend sind, werden albanische Gäste schon hin und wieder angewiesen, das Rauchen einzustellen und Ausländer gebeten, zusammen mit dem Wirt in einen Nebenraum zu rauchen. Wo das Gesetz an der neugewonnenen Freiheit der Selbstbestimmung scheiterte, sorgt die Umsatzerwartung für Ordnung. Im Wandel begriffen ist auch das Angebot der Supermärkte. Als kaufenswert gilt nur mehr, was aus dem Westen kommt, vor allem italienische Billigprodukte, wogegen albanische Nahrungsmittel im Zentrum Tiranas höchstens noch als Bückware zu finden sind.

Der Boulevard endet am Mutter-Teresa-Platz mit der von den italienischen Faschisten gebauten und entsprechend martialisch wirkenden Polytechnischen Universität und dem Archäologischen Museum. Vorbei an Tiranas einzigem 5-Sterne-Hotel, dem Sheraton, erreicht man schließlich den großen Stadtpark mit seinem Zoo, Soldatenfriedhöfen, botanischen Garten und einem künstlichen See, der im Sommer als Badeanstalt und ganzjährig als Wasserquelle für die zahlreichen Autowäscher dient. Der verwahrloste Zustand des Stadtparks hält an warmen Wochenenden tausende Tiraner nicht davon ab, dort ihre Familientreffen mit opulenten Picknicks abzuhalten.

Da fast alle Sehenswürdigkeiten Tiranas an oder in der Nähe des Boulevards liegen, reicht Abhaktouristen ein halber Tag zur Besichtigung. Sehr viel mehr Zeit erfordert es, die besondere, unvergleichliche Atmosphäre dieser Stadt zu erleben, ihre quicklebendige Provinzialität, ihr gemütliches Chaos. Wer keine Eile, aber gute Bandscheiben hat, kann sich für umgerechnet 17 Cent in einen Bus setzen und zwei Stunden lang die Innenstadt umrunden und dabei dank des meist stehenden Verkehrs das Alltagsleben der Tiraner beobachten. Wer Glück hat, trifft auf sprachkundige junge Menschen, die ihrer Neugierde Ausdruck verleihen können, aber auch den Fremden an ihrer optimistischen Naivität teilhaben lassen. Der Tourist kann sich dafür erkenntlich zeigen, indem er durch Fragen, am Besten nach der Blutrache, für Erheiterung sorgt. Denn Blutrache, in den abgelegensten Teilen des Landes vielleicht immer noch eine denkbare Möglichkeit, ist für das moderne Albanien so typisch wie der gelegentlich ausgeübte, medial aufgebauschte Exorzismus für Deutschland.

Wer nach Albanien reist, kann nicht nur ein schönes, armes, aber vielfältiges Land mit freundlichen, hilfsbereiten Menschen entdecken, sondern auch die Macht und Lächerlichkeit von Vorurteilen: Bei der Ausreise ist eine sehr variable Gebühr fällig. Allerdings gibt es am Grenzübergang Muriqan/Sukobin keine Bank, nicht einmal einen Laden oder Imbiss, um die letzten im Ausland wertlosen Leks auszugeben. Da unsere Ausreisegebühr umgerechnet nur zwei Euro betrug, blieben uns einige albanische Geldscheine übrig. Ich zeigte sie dem Zollbeamten am Schalter seines Containers und er erklärte sich bereit, die Leks in Euros zu wechseln. Während wir im Auto auf die Rückgabe der Pässe warteten, überschlug ich den Wechselkurs. Er war um ca. 10% schlechter als der offizielle Kurs und damit angesichts der Umstände durchaus akzeptabel. Plötzlich erschien ein Uniformierter, forderte mich auf auszusteigen und noch einmal zum Schalter zu gehen. Der Zollbeamte bedeutete mir, dass er sich verrechnet habe und reichte mir einige Euros. Ihre Summe entsprach genau den fehlenden 10 Prozent.

Albanien beeindruckt nicht nur, es macht sogar die Überwindung von Vorurteilen zu einem Vergnügen.

© 2009 Karl Pawek  pawek@web.de

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