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Albanien, in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts das Gelobte Land kommunistischer Sektierer, von denen sich einige inzwischen das Bundesverdienstkreuz verdient haben, gilt heute noch als obskures Reiseziel. Die meisten der rund 25 000 deutschen Touristen und Geschäftsleute, die im Jahr nach Albanien reisen, riskieren Spott und anzügliche Bemerkungen: Was willst Du ausgerechnet in Albanien, dem „Land der Skipetaren“, wie es Karl May, der auch dort nie war, nannte? Hütchenspielen lernen? Dich zum Zuhälter ausbilden lassen? Mafiosi werden? Die Blutrache studieren? 40 Jahre
Isolation unter Enver Hoxha, der dem Volk das
Reisen, Autofahren, sogar die Religionsausübung verboten hat, sind
zwar im
Lande selbst nur mehr rudimentär und kaum als Nachteil
spürbar, wirken aber
nach in der Unwissenheit, Ignoranz und Unsicherheit der meisten
ausländischen
Besucher. Wer mit dem
Auto nach Albanien fährt, erreicht, sofern der
Wagen stabile Achsen hat, zuerst Shkoder. Die
Straßenverhältnisse entsprechen
ganz und gar den Erwartungen. Schlaglöcher, die in ihrer Vielzahl
und Tiefe in
Westeuropa zur Vollsperrung der Straßen führen würden,
machen das Autofahren
nachts oder bei Regen zum Abenteuer. Erkennt man ihr Ausmaß nicht
und versäumt
es auszuweichen, was bei den geringen Abständen der Löcher
nicht immer möglich
ist, drohen Achsbruch und Schlimmeres. Außerorts wie in den
Städten sind
Richtungsweiser sehr selten, Spürsinn nur führt zum Ziel. Die
wenigen Schilder
stehen manchmal unmittelbar an der Abzweigung, manchmal ohne
entsprechenden
Hinweis 300 oder 400 Meter davor und nicht immer ist erkennbar, ob es
sich um
eine Nationalstraße oder eine Zufahrt handelt. Die häufigen
Verkehrskontrollen
auf Albaniens Landstraßen scheinen weniger der Verkehrssicherheit
als der
Weiterbeschäftigung des Heers von
Polizisten aus vordemokratischen Zeiten zu dienen. Zumindest in den
Städten sind die Ordnungshüter machtlos. Da wird hoheitlich
gepfiffen, wild
gestikuliert, aber keinen kümmert es und kein Polizist macht
Anstalten, seine
Anweisungen auch durchzusetzen, es sei denn, ein Regierungsfahrzeug ist
angekündigt. Dann wird rigoros umgeleitet oder der Verkehr
gestoppt, bis das
uneinsehbare Auto samt Eskorte passiert hat. Niemand
regelt den Verkehr über die lange, marode,
einspurige Holzbrücke, die bei Shkoder die Drin überquert. Da
sie nur im Schritttempo
befahren werden kann, bildet sich oft ein Rückstau, bis eine
mindestens 300
Meter lange Lücke im Gegenverkehr die Weiterfahrt erlaubt. Der
Halt verlockt
Kinder, von den Wartenden Süßigkeiten oder Zigaretten zu
fordern. Als mich ein
vielleicht zwölfjähriger Junge um eine Zigarette bat,
schüttelte ich, selbst
rauchend, angesichts seines Alters den Kopf. Da ich immer wieder
kopfschüttelnd
keine Anstalten machte, ihm eine Zigarette zu geben, wurde der Junge
ungehalten
und beschimpfte mich bis zur Weiterfahrt. Erst am nächsten Tag,
als ein Kellner
bei einer Bestellung von Tee wie bei der Frage nach einem Orangensaft
den Kopf
schüttelte und wenig später die Getränke servierte,
erinnerten wir uns, dass in
Teilen Albaniens ein Kopfschütteln Zustimmung bedeutet. Der Junge
muss sich von
mir böse provoziert gefühlt haben. Shkoder, am
riesigen, fischreichen, aber nur wenig
besiedelten Skutarisee gelegen, wirkt in weiten Teilen verwahrlost. Der
Hauptplatz ist eine riesige Baustelle, sein Mittelpunkt, das Denkmal
der 5
Helden, die den Versuch, ihre Mitmenschen zum Kommunismus zu bekehren,
mit dem
Leben bezahlten, wurde entfernt. Statt dessen erinnert nun im
nahegelegenen
Stadtpark ein Denkmal an vier junge Menschen, die sich gegen die
kommunistische
Diktatur auflehnten und hingerichtet wurden. Nicht beseitigt wurde
bislang das
gigantische Hotel Rozafa, einst Herberge für Funktionäre, nun
ein baufälliges
Billighotel mit abbröckelnden Fassaden und schräg in den
Fensterrahmen
hängenden Jalousien. Am sehenswertesten in Shkoder sind vielleicht
drei
Sakralbauten, die Ebu-Bekr-Moschee, die katholische Kathedrale sowie
eine
orthodoxe Kirche, weniger ihrer Architektur wegen als aufgrund ihrer
Leere.
Hoxhas Religionsverbot wirkt in ganz Albanien nach in einer sehr
diskreten
Gläubigkeit. Immerhin
eine Straße, die Rruga 13 Dhetori mit ihren
klassizistischen Häusern, verzierten Balkonen und Fenstern,
kostbaren Holztüren
und dem empfehlenswerten Hotel Colosseo wurde restauriert. Auf ihr
findet
täglich zwischen 19 und 21 Uhr ein Corso statt, wie er üblich
war in
italienischen Kleinstädten vor Einführung des
Satellitenfernsehens.
Mädchengruppen schlendern schick gekleidet scheinbar gelangweilt
umher, weniger
gepflegt, doch höchst aufmerksam zeigen sich die Jungs. Seltener
trifft man auf
junge Paare. Sie findet man tagsüber am Wasserbecken des nahen
Stadtparks, wo
Fotografen die Fontänen als Hintergrund nehmen für
Erinnerungsbilder sich
züchtig umarmender Verliebter. Kleinkinder können für 10
Cent auf elektrischen
Miniaturmotorrädern und –Geländewagen einmal um das Becken
fahren, Jungen
alleine, Mädchen in Begleitung eines Erwachsenen oder zumindest
eines zur Not
auch jüngeren Bruders. Alle Kinder essen unentwegt
Süßigkeiten, doch keines ist
dick. Und wie überall in Albanien gibt es auch hier keine Bettler,
keine
Anmache, dies aber wohl nur, weil es auch fast keine Touristen gibt. Die
Stadtverwaltung bemüht sich durchaus um die wenigen
ausländischen Besucher. Überall in der Stadt stehen Wegweiser
zu den
Sehenswürdigkeiten. Lohnend ist der Besuch der sagenumwobenen
Rozafa-Burg aus
der Illyrerzeit, errichtet auf einem 130 Meter hohen Felsen im
Süden der Stadt.
Zu Fuß ist der Aufstieg eine Zumutung, die Zufahrtsstraße
durchaus befahrbar.
Eindrucksvolle Ruinen, ein kleines Museum
und der wunderschöne Ausblick auf den Zusammenfluss von Drin, Buna
und
Kir und den von ihnen gespeisten endlosen See entschädigen
für alle Mühen. Eine
Eigentümlichkeit aller albanischen Städte freilich ist,
dass auf die Wegweiser kaum Hinweisschilder folgen. Die letzten stehen
meist
einige hundert Meter vor der gesuchten Sehenswürdigkeit. Wir
wollten das
Marubi-Museum besuchen. Es beherbergt das über Wir
betrachteten die historisch wie künstlerisch
außerordentlichen Fotos. Vor allem die Bilder von Frauen bei der
Hausarbeit,
von Arbeitern erinnern an Fotos von August Sander, sind allerdings
Jahrzehnte
früher gemacht worden mit urtümlichen Kameras, Zeitmessern,
Blitzlichtapparaten, die in Glasvitrinen ausgestellt sind. Nach der
Besichtigung schalteten wir die Lampen aus und gingen. Auf der
Straße trafen
wir den Geldwechsler wieder. „Es hat sich doch gelohnt?“, fragte er
uns.
Dankbar bestätigten wir es ihm. Wer sich
die landschaftlich äußerst reizvolle Anfahrt
entlang der Adriaküste durch Kroatien und Montenegro oder die
schnellere, aber
unspektakuläre, nur kilometerfressende Autobahnreise durch das
Hinterland
ersparen will, kann eine Autofähre von Triest, Ancona oder Bari
nach Durres
nehmen und damit einen völlig falschen ersten Eindruck von
Albanien bekommen.
Die herrlichen Sandstrände der Hafen- und Industriestadt Durres
und das sogar
hier klare, durchsichtige Wasser werden überschattet von den
Folgen eines
chaotischen Baubooms. Wer in Albanien Geld übrig hat oder locker
machen kann,
baut je nach Geschmack, Beziehungen, Vermögen in erster, zweiter
oder dritter
Reihe. Die Jahrzehnte kommunistischer Fürsorge machten nach dem
Zusammenbruch
des Systems jede städteplanerische Einschränkung der
architektonischen
Selbstverwirklichung von Bauherrn unmöglich. Die schnurgerade
sechsspurige
Strandstraße wird nie eine Promenade, viele Bauten, darunter
wenige minimalistisch-moderne,
dafür zahlreiche ethno-kitschige, nie fertiggestellt werden.
Durres, dessen
Strände zu den schönsten des Mittelmeers gehörten, hat
die Chance vertan, aus
den Fehler spanischer und italienischer Küstenbebauung zu lernen,
was freilich
dem albanischen Strandleben keinen Abbruch tut. In den Sommermonaten
tummeln
sich ganz Durres und halb Tirana, das nur 50 „Autobahn“-Kilometer
entfernt ist,
auf den Stränden, nur die heiß ersehnten, weil
kaufkräftigeren Touristen aus
dem Ausland werden ausbleiben. So spottbillig Espresso, Cappuccino,
sogar der
in Erwartung deutscher Touristen von heimgekehrten Gastarbeitern
angebotene
Latte macchiatto auch sein mögen, einen Badeurlaub in Durres wird
sogar
Geiz-ist-geil-Fanatiker nicht zufrieden stellen. Doch auch
in Durres trügt der erste Blick. Albaniens Küste
ist über 300 Kilometer lang, im Norden und in der Mitte meist
sandig, im Süden
zerklüftet. Erst wenige der unzähligen Buchten und
Strände sind bebaut und mit
Pkws ohne Allradantrieb erreichbar. Entdeckungslustige werden immer
wieder
Strände finden, wie sie in Europa niemand mehr für
möglich hält. Nur langsam
beginnt die touristische Erschließung der Küsten, noch
wenige Hotels
entsprechen den Erwartungen westeuropäischer Reisender, dafür
kosten Doppelzimmer
mit Frühstück selten mehr als 40 Euro. Und so simpel ihre
Einrichtung auch sein
mag (immerhin gehören Bad, Klimaanlage und Sat-TV zum albanischen
Drei-Sterne-Standard), gleichen doch die Gastfreundlichkeit,
Hilfsbereitschaft
der Hotelbetreiber die Kratzigkeit der Handtücher,
Fadenscheinigkeit der
Bettlaken, Primitivität der Matratzen und Bettgestelle mehr als
aus. Wer sich
außerhalb der Großstädte auf albanische Hotels
einlässt, was durch den Genuss
oft hervorragender albanischer Grappe sehr erleichtert werden kann,
wird bald
nichts vermissen, lebt er doch fürstlich in einer Welt kreativer
Bescheidenheit. Nur sollte er immer ein paar Scheine in der albanischen
Währung
Lek, die es inzwischen überall im Land aus Geldautomaten meist
österreichischer
Banken zu ziehen gibt, bei sich haben. Denn obwohl viele Hotels ihren
Gästen
sogar Internetzugang anbieten, klappt eine Kreditkartenzahlung fast
nie. Bei
der ersten Karte ist die Datenübertragung gestört, bei der
zweiten wird zur
Sicherheit des Gastes eine PIN gefordert, die nur für aberwitzig
teure
Barabhebungen notwendig und daher längst vergessen ist, die dritte
Karte wird
leider nicht akzeptiert. Kürzer übrigens ist das Verfahren
bei der Anreise
durch Kroatien und Montenegro: Viele Hotels bieten Barzahlern von
vornherein
10% Ermäßigung. Nicht
weniger spektakulär als viele Küstenabschnitte ist das
Binnenland. Zumindest Gjirokaster oder Berat sollte kein
Albanienreisender
versäumen, zumal beide Orte über ausreichende
Hotelunterkünfte verfügen.
Gjirokaster, Geburtsort Enver Hoxhas und des bekanntesten modernen
Schriftstellers Albaniens, Ismael Kadaré, liegt unweit der
Grenze zu
Griechenland, Berat in der Mitte des Landes. Beide Orte entwickelten
sich aus
gewaltigen, auf Felskuppen thronenden Festungsanlagen, deren Fundamente
aus
vorchristlicher Zeit stammen. Obwohl sich das wirtschaftliche Leben
längst in
den Unterstädten abspielt, sind die alten, nur durch einen
mühsamen Aufstieg
oder bei Gottvertrauen mit einem PKW zu erreichenden Orte noch bewohnt
und
nicht, wie manche kroatische Festungsstadt, zu einer Shoppingmall
für Andenken
und Kunstgewerbe verkommen. Gjirokaster, „die Stadt der Tausend
Stufen“, 2005
in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen, hat Kadaré
unübertrefflich in
seinem Roman „Chronik in Stein“ beschrieben: „Es war dies eine steile
Stadt,
vielleicht die steilste auf der ganzen Welt; alle Gesetze der
Architektur und
des Städtebaus waren von ihr über den Haufen geworfen worden.
Weil sie derart
steil war, konnte es vorkommen, dass sich die Fundamente des einen
Hauses auf
der Höhe des Daches eines anderen befanden, und gewiss war dies
der einzige Ort
der Welt, wo jemand, der am Straßenrand ausglitt, nicht in den
Graben stürzte,
sondern womöglich auf das Dach eines hohen Hauses. Es war dies
wirklich eine sehr
seltsame Stadt.“ Daran hat sich in den fast vierzig Jahren seit
Erscheinen des
Romans nichts geändert. Berat, von
hohen Bergen umgeben, ist weniger spektakulär,
doch in seiner Vielfalt nicht weniger liebenswert. Beide Orte verdanken
übrigens ihren für albanische Verhältnisse beeindruckend
guten, weitgehend
originalen Zustand Enver Hoxha, der sie sehr mochte und ihnen
während seiner
auch ökonomisch wenig erfolgreichen Herrschaft seine Fürsorge
angedeihen ließ
und sie als Museumsstädte vor dem Verfall bewahrte. Wer Zeit
mitbringt, sollte nicht die Ausgrabungsstätten im
Süden, Apollonia und Butrint versäumen und auch dem Ohridsee
an der Grenze zu
Makedonien einen Besuch abstatten, doch immer darauf achten, dass
genügend Zeit
bleibt, um Tirana zu entdecken. Seit 1920 Hauptstadt Albaniens
gehört Tirana zu
den lebendigsten und zugleich geruhsamsten Städten Europas,
vorausgesetzt, der
Autoreisende verfügt über Gelassenheit und Selbstvertrauen.
Denn Tirana ist
nicht nur wirtschaftlich und kulturell, sondern auch verkehrsplanerisch
das
Zentrum Albaniens Aus allen Himmelsrichtungen führen Straßen
nach Tirana, und
da eine Ringstraße zwar vorhanden, doch wegen ihres desolaten
Zustands nur
äußerst stockend zu befahren ist, treffen fast alle
Verkehrsströme auf dem zentralen
Skanderbegplatz aufeinander. Dieser riesige Platz mit dem Denkmal des
namensgebenden Nationalhelden, dem mächtigen Sockel für
Hoxhas 1991 gestürzte
Statue, einem Ausstellungspavillon, einer Gokartbahn und einer
Freilichtbühne
in der Mitte würde in Deutschland als vielleicht sechsspuriger
Kreisverkehr
markiert werden. Straßenmarkierungen gibt es auf dem
Skanderbegplatz nicht,
auch keine Vorfahrtsregelungen. Alle Verkehrsteilnehmer, Busse, LKWs,
PKWs,
Pferdefuhrwerke, Karren, versuchen die kleinste Lücke zu nutzen,
um möglichst
weit ins Zentrum des Platzes vorzustoßen, da Haltende und
Parkende immer wieder
die äußeren Bereiche bis in die zweite und dritte Reihe
blockieren, um dann
ebenso verwegen kurz vor einer der zahlreichen Einmündungen sich
die Ausfahrt
zu erzwingen. Zu Stoßzeiten wird der Kreisverkehr zehn- oder
zwölfspurig
genutzt. Dabei betragen die Abstände zwischen den Fahrzeugen oft
nur wenige
Zentimeter, was bei der Tiefe der auch auf dem Zentralplatz vorhandenen
Schlaglöcher zu berührungsgefährlichen Schräglagen
führt. Sogar
für Kalkuttakenner lohnt sich ein Aufenthalt in den
höher gelegenen Zimmern des Hotels Tirana International direkt am
Skanderbegplatz. Die Verkehrsbeobachtung ist spannender und
vergnüglicher als
die meisten Fernsehprogramme. Denn Albaner sind leidenschaftliche
Autofahrer.
Unter Hoxha war jeder Besitz von Privatautos verboten, noch 1990 soll
es in
Albanien nur 600 PKWs gegeben haben. Und nach dem Zusammenbruch des
Regimes
lernten die Menschen Autofahren nicht in Fahrschulen, sondern durch
Fahren,
wobei die Gewalt über die Hupe unbekannte Verkehrsregeln ersetzte.
Beliebtestes
Fahrzeug in Albanien ist der Mercedes aus vorelektronischer Zeit und
die
Tatsache, dass kaum italienische oder französische Autos gefahren
werden, ist angesichts
der Straßenverhältnisse nicht verwunderlich. Wenn erst
einmal der Stresstest Skanderbegplatz, der in
ferner Zukunft in eine Fußgängerzone umgewandelt werden
soll, überstanden ist,
erweist sich Tirana schnell als sehr lebendige, doch geruhsame Stadt.
Wie in
allen albanischen Städten ist das Angebot an Kaffeehäusern
beeindruckend. Schon
vormittags sind sie gut besucht von jungen Männern, deren einziges
Arbeitsmittel das Handy zu sein scheint, nachmittags gesellen sich,
freilich
nie als einzelne, junge Frauen hinzu, deren Kleidung und Schmuck, vor
allem
aber die Nylonstrümpfe zumindest auffällig, manchmal sogar
verwegen sind.
Kopftücher werden seltener getragen als in
deutschen Großstädten. Ältere Frauen sieht man kaum in
der Innenstadt,
höchstens als Straßenkehrerinnen oder auf dem Markt beim
Hauptbahnhof, dessen
nur der ungefähren Orientierung dienender Fahrplan auf einen
kleinen
Notizzettel passt. Bis unmittelbar vor dem Bahnhof dominieren
moderne Geschäfts- und Bürohäuser, das
anschließende
Marktviertel verharrt in asiatischer oder nordafrikanischer
Unterentwicklung. Grünanlagen
wie der aufwendig gestaltete Riniapark zwischen
Skanderbegplatz und dem Lanafluss laden zum Schlendern und
beobachtenden
Ausruhen auf einer der überall zahlreichen Bänke ein. Viele
Passanten, die
meisten jungen Frauen, gehen mit einem Tunnelblick an Ausländern
vorbei, einige
wenige schauen Fremde neugierig freundlich an, wobei weniger ein
Rollenverhalten als Sprachkenntnisse den Unterschied ausmachen. Auch in
Cafes
kann es vorkommen, dass die Bedienung den ausländischen Gast zu
übersehen
scheint, bis sie einen italienisch- oder englischsprechenden Kollegen
bitten
kann, die Bestellung aufzunehmen. Ein
Spaziergang über Tiranas Prachtstraße, den Deshmoret e
Kombit Boulevard, vom Skanderbeg- zum Mutter-Theresa-Platz ist zugleich
ein
Ausflug in Albaniens Geschichte. Es empfiehlt sich, das Nationalmuseum
als
Ausgangspunkt zu wählen. Während das riesige Mosaik auf der
Eingangsfassade im
Stil des sozialistischen Realismus Albaniens ruhmreiche Geschichte
preist,
bleibt die kommunistische Periode im Inneren des Museums, sieht man von
zwei
unkommentierten riesigen verschränkten Fäusten ab, zur Zeit
ausgespart. Enver
Hoxha, der das Land von 1944 bis 1985 regierte, ist nur auf einem
Gruppenfoto
aus der Zeit des Partisanenkampfes gegen die deutschen Besatzer zu
erkennen.
Die Vorgeschichte dagegen ist ausführlich dargestellt und trotz
des
erbärmlichen Zustands des Gebäudes attraktiv
präsentiert. Vor allem Skanderbeg,
Albaniens Nationalheld aus dem 15. Jh., der als General der osmanischen
Besatzungsarmee desertierte und die albanischen Clanchefs im
zunächst
vergeblichen Kampf gegen die Osmanen vereinte, wird verherrlicht. Doch
Schwert
und Helm des Freiheitskämpfers, zwei der wenigen durch Panzerglas
geschützten
Ausstellungsobjekte, sind nur Kopien. Die Originale befinden sich im
Historischen Museum in Wien. Ein Relikt
des Nachkriegssozialismus ist der Kulturpalast
mit seiner bröckelnden Außentreppe und Fassade. Geplant und
geleitet wurde der
Bau von sowjetischen Architekten. Als Hoxha 1961 mit der SU brach,
verließen
die sowjetischen Baumeister das Land und nahmen alle Blaupausen mit.
Nur mit
Hilfe chinesischer Fachleute konnte der Bau fertiggestellt werden. Wie
jeder Kulturpalast beherbergt auch der von Tirana eine
Buchhandlung. In ihr gibt es werktäglich ab 11 Uhr nicht nur die
komplette FAZ
und NZZ im überraschend gut lesbaren Kleinformat
(Computerausdruck) zu kaufen,
freilich zu einem Preis, der dem eines vorzüglichen Mittagessens,
z. B. in der
Artist Lounge, entspricht, sondern aufgeschlagen auf einem Lesepult den
auch in
Westeuropa sehr teuren Phaidon-Atlas moderner Architektur. Zwar
gehört Albanien
zu den wenigen Ländern auf der Welt, die mit keinem einzigen
Bauwerk vertreten
sind, doch die öffentliche Präsentation des Werkes kann nur
als Aufforderung
verstanden werden, die Zukunft auch architektonisch neu zu gestalten. Zwischen
dem Kulturpalast und den in den 30er Jahren des 20.
Jahrhunderts errichteten Regierungsgebäuden liegt die Et’hem Bey
Moschee (1794
– 1821) mit ihren in der islamischen Kunst ungewöhnlichen Fresken,
die Bäume,
Wasserfälle und Brücken darstellen, schräg dahinter der
Glockenturm (1822),
einst als höchstes Gebäude das Wahrzeichen Tiranas, bis Enver
Hoxha in den
1980er Jahren das sehr viel höhere Hotel Tirana International
bauen ließ. Wer heute
einen Überblick über die Stadt gewinnen will,
sollte mit dem Glasaufzug auf die Spitze des Sky Towers unweit des
Lanaflusses
fahren. Von hier aus lassen sich die Reste der Aktion „Buntes Tirana“
erkennen.
Bürgermeister Edi Rama veranlasste kurz nach der Jahrtausendwende,
die grauen
Fassaden geeigneter Häuser bunt anzumalen. Leider war die
Qualität der
benutzten Farben längst nicht so gut wie die Idee. Sie verblassen
und machen,
was lustig anzusehen war, wieder schäbig. Gegenüber
dem Riniapark mit seinem riesigen Taiwan-Komplex,
der nicht nur erkennbar Cafes, Restaurants und ein Kasino enthält,
sondern
unterirdisch auch mit Bowlingbahnen, einem Schwimmbad und einer
Spielhalle für
Videogames ausgestattet ist, lohnt die Kunstgalerie einen Besuch. Zwar
wurden
die Leninstatue und eine Stalinbüste noch vor dem Zusammenbruch
des Systems
entfernt, aber ein paar Werke des sozialistischen Realismus, darunter
die
durchaus sexy Statue eines Fabrikarbeiters, blieben, wenn auch hinter
der
Rückfassade versteckt, erhalten. Sehenswert ist die Sammlung
mittelalterlicher
Gegenstände, wogegen Reisende, die an der albanischen
Gegenwartskunst
interessiert sind, besser die private Zeta Gallery in der Abdyl
Frasheri Straße
suchen sollten, deren Besitzerin die Kunstszene bestens kennt. Vorbei an
der Ruine des einst exklusivsten Hotels Albaniens,
dem Funktionären und Staatsgästen vorbehalten gewesenen
Dajti, dessen Auffahrt
nun als Parkplatz genutzt wird, gelangt der Spaziergänger
über den Lanafluss
zur Pyramide, dem eindrucksvollsten Bauwerk Tiranas.
Der
Boulevard endet am Mutter-Teresa-Platz mit der von den
italienischen Faschisten gebauten und entsprechend martialisch
wirkenden
Polytechnischen Universität und dem Archäologischen Museum.
Vorbei an Tiranas
einzigem 5-Sterne-Hotel, dem Sheraton, erreicht man schließlich
den großen
Stadtpark mit seinem Zoo, Soldatenfriedhöfen, botanischen Garten
und einem
künstlichen See, der im Sommer als Badeanstalt und ganzjährig
als Wasserquelle
für die zahlreichen Autowäscher dient. Der verwahrloste
Zustand des Stadtparks
hält an warmen Wochenenden tausende Tiraner nicht davon ab, dort
ihre
Familientreffen mit opulenten Picknicks abzuhalten. Da fast
alle Sehenswürdigkeiten Tiranas an oder in der Nähe
des Boulevards liegen, reicht Abhaktouristen ein halber Tag zur
Besichtigung.
Sehr viel mehr Zeit erfordert es, die besondere, unvergleichliche
Atmosphäre
dieser Stadt zu erleben, ihre quicklebendige Provinzialität, ihr
gemütliches
Chaos. Wer keine Eile, aber gute Bandscheiben hat, kann sich für
umgerechnet 17
Cent in einen Bus setzen und zwei Stunden lang die Innenstadt umrunden
und
dabei dank des meist stehenden Verkehrs das Alltagsleben der Tiraner
beobachten. Wer Glück hat, trifft auf sprachkundige junge
Menschen, die ihrer
Neugierde Ausdruck verleihen können, aber auch den Fremden an
ihrer
optimistischen Naivität teilhaben lassen. Der Tourist kann sich
dafür
erkenntlich zeigen, indem er durch Fragen, am Besten nach der
Blutrache, für
Erheiterung sorgt. Denn Blutrache, in den abgelegensten Teilen des
Landes
vielleicht immer noch eine denkbare Möglichkeit, ist für das
moderne Albanien
so typisch wie der gelegentlich ausgeübte, medial aufgebauschte
Exorzismus für
Deutschland. Wer nach
Albanien reist, kann nicht nur ein schönes, armes,
aber vielfältiges Land mit freundlichen, hilfsbereiten Menschen
entdecken,
sondern auch die Macht und Lächerlichkeit von Vorurteilen: Bei der
Ausreise ist
eine sehr variable Gebühr fällig. Allerdings gibt es am
Grenzübergang
Muriqan/Sukobin keine Bank, nicht einmal einen Laden oder Imbiss, um
die
letzten im Ausland wertlosen Leks auszugeben. Da unsere
Ausreisegebühr
umgerechnet nur zwei Euro betrug, blieben uns einige albanische
Geldscheine
übrig. Ich zeigte sie dem Zollbeamten am Schalter seines
Containers und er
erklärte sich bereit, die Leks in Euros zu wechseln. Während
wir im Auto auf
die Rückgabe der Pässe warteten, überschlug ich den
Wechselkurs. Er war um ca.
10% schlechter als der offizielle Kurs und damit angesichts der
Umstände
durchaus akzeptabel. Plötzlich erschien ein Uniformierter,
forderte mich auf
auszusteigen und noch einmal zum Schalter zu gehen. Der Zollbeamte
bedeutete
mir, dass er sich verrechnet habe und reichte mir einige Euros. Ihre
Summe
entsprach genau den fehlenden 10 Prozent. © 2009 Karl Pawek pawek@web.de |
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