|
Paweks online Magazin |
. |
|
||||||||
| a | . | Mein Körper gehört mir | ||||||||
| . |
Wer heute
auf die Welt kommt
wird, wenn er durchschnittliches Glück hat und seine politischen
und religiösen
Führer es zulassen, 85 (Männer) bzw. 90 Jahre (Frauen) alt.
Und wie schon
früher gilt noch immer: Je reicher jemand ist, desto
größer ist die Wahrscheinlichkeit,
dieses Durchschnittsalter, das sich in den letzten 135 Jahren
verdoppelt hat,
noch zu übertreffen. Doch lassen
sich viele von
dieser Prognose täuschen. Nicht der Mensch, nur eine zunehmende
Zahl von
Menschen wird älter. Senile, kaum noch bewegungsfähige, an
Alzheimer leidende
9ojährige gab es auch im Mittelalter und in der Antike. Nur
bildeten sie
damals, als Epidemien, Kriege, Hunger, Schmutz eine viel
größere Rolle
spielten, die seltene Ausnahme. Seither ist es uns aber nicht gelungen,
die biologisch
mögliche Lebensdauer des Menschen zu verlängern, allein sie
auszureizen ist mit
Milliardenaufwand möglich. Die Vorstellung einer künftigen
Gesellschaft, in der
9ojährige tanzen und springen, Fortbildungsveranstaltungen und
Popkonzerte
besuchen, Sex und gute Laune haben, ist zumindest auf absehbare Zeit
absurd.
Gewaltig zunehmen wird nur die Zahl der Pflegefälle und die
Einschätzung der
Alten als lästig. Schon jetzt ergeht es vielen wie Herrn Plog: Aus
dem
Krankhaus kam es in ein Pflegeheim. Da er zum Fallen neigte, brach er
sich
mehrfach den Unterarm. Aber auch mit Gipsarm schlug er um sich, sobald
jemand
in seine Nähe kam. Das machte es schwierig für das
Pflegepersonal, ihm fünfmal
am Tag die Schnabeltasse zu reichen, ihn wegen seines Dekubitus (eine
Stelle,
wo das Fleisch am lebendigen Körper abzufaulen beginnt)
zwölfmal am Tag
umzubetten. Widerspenstig klammerte sich Herr Plog mit seinen
Händen so sehr an
den Gitterstäben seines Bettes fest, dass das Fleisch zwischen den
Fingern
abgewetzt wurde, bis eine Sehne frei lag. Weil Herr Plog nicht
genügend essen
wollte, brachte man ihn wieder ins Krankenhaus, wo ihm eine Magensonde
gelegt
wurde, die allerdings bald wieder entfernt werden musste, weil
Magensäure durch
seine Bauchdecke austrat. Zwei Monate später, Herr Plog liegt
wieder im
Pflegeheim, bricht bei ihm plötzlich die Leiste auf, große
Mengen Eiter fließen
aus einem eurogroßen Loch. Erneut wird er ins Krankenhaus
eingeliefert, wo er
nach fünf Tagen stirbt. (Klaus Ungerer, Heime soll er gehasst
haben, FAZ v.
25.4.06, S. 42) Wer in dieser Sterbensgeschichte nur das
Versäumnis des
Pflegepersonals sieht, will schlicht nicht wahrhaben, dass auch bei
bester
Betreuung das langsame Dahinsiechen sehr oft kein sanftes „Heimgehen“
ist. Im Verlauf
der Menschheitsgeschichte
war die Ehrfurcht vor dem Alter sehr wechselhaft. In Aufbruchphasen
zählte das
Alter nicht viel, obwohl es die Alten immer verstanden haben, sich
durch
rechtliche, vor allem erbrechtliche Maßnahmen eine Duldung oder
gar eine
schleimerische Achtung zu sichern. In Phasen des Niedergangs dagegen
bedurfte
es keiner Nachhilfe, weil die hilf- und ratlosen Jungen auf die
Erfahrung und
Weisheit der Alten hofften. Tatsächlich besaßen in
statischen, kaum von
technischen Veränderungen beeinflussten und auf die mündliche
Überlieferung
angewiesenen Verhältnissen die Alten, solange sie nicht debil
wurden, einen
Vorteil. Auch wenn sie für Handwerk und Landwirtschaft nicht mehr
behände genug
waren, kannten sie die zahlreichen Kniffe und Techniken einer optimalen
Bearbeitung, wussten mit Wetter und Krankheiten umzugehen,
besaßen den „Schatz
der Erfahrung“. Das machte sie nützlich für die Jungen. Wer heute
sein Wissen vor 50
Jahren erworben hat, ist, sieht man vielleicht von den zeitvergessenen
Geisteswissenschaftlern ab, kaum in der Lage, den Anforderungen gerecht
zu
werden. Und sogar wenn sich die Alten in neue, höchst komplizierte
Technologien
mit viel Mühe einarbeiten wollen, werden sie an der durch kein
Medikament,
keine Operation aufhebbaren Verlangsamung ihrer Hirnaktivität
scheitern. Altern
macht dumm. Auch wenn es niemand wissen will, haben dies alle
intelligenten
Menschen, die nicht ein früher Tod dahingerafft hat, festgestellt
und
mitgeteilt.Die das Gegenteil behaupten, sind schon zu debil, um die
Wirklichkeit
zu erkennen. Heute ist
unser Verhältnis
zu den Alten gespalten. Sie sind, wenn wir uns ehrlich zu sein trauen,
nutzlos,
können uns bei kaum einer Problembewältigung helfen. Da wir
uns andererseits
aber in einer Phase des Niedergangs befinden, empfinden wir Ehrfurcht.
Wir
gönnen den Alten ihr in der Regel erbärmliches Leben. Dies
hat zum Einen mit
unserer eigenen Angst vor dem Altern zu tun. Zum Anderen ziehen wir aus
der
entmündigenden Betreuung der Alten Genugtuung. Nichts fördert
das Erwachsenwerden
mehr als die Beobachtung, dass die Eltern kindisch werden. Aber keine
Gesellschaft kann
es sich auf Dauer leisten, immer mehr Alte mit immer höheren
Kosten am Leben zu
erhalten. So verständlich der Wunsch vieler Menschen ist, das
unvermeidliche
Ende ihres Lebens so lange wie möglich hinauszuzögern,
besteht doch kein von
der Gesellschaft zu leistender Anspruch darauf. Wenn jemand nicht
sterben will,
ist das seine private Angelegenheit. Niemand darf ihn an der
Verwirklichung
seines Wollens hindern, doch für die Kosten muss er selbst
aufkommen wie für
jeden anderen privaten Spleen. Natürlich
empört eine solche
Forderung die scheinheiligen Lebensschützer, denen es weniger um
das Wohl ihrer
Mitmenschen als um die Durchsetzung einer Pflicht zum Leben geht. Weil
sie das
Leben als Jammertal empfinden, wollen sie verhindern, dass sich jemand
aus
diesem Leben davonstiehlt. Ihre Weigerung, ein selbstbestimmtes Sterben
in
Würde, d. h. unter Bereitstellung wirksamer, schmerzloser
Selbsttötungsmittel
zu ermöglichen, verdient nicht einmal Achtung, da es sich dabei um
pure
Egozentrik handelt. Was sie an Mühsal schultern, soll anderen
nicht erspart
werden. Wirklicher
Lebensschutz
muss, solange die Erde kein Paradies ist, Potentiale abwägen. Der
Körper eines
Kindes ist voller Möglichkeiten. Liebe, Wissen und ermutigende
Erfahrungen
können Fähigkeiten und Fertigkeiten entstehen lassen, von
denen seine Eltern
und Lehrer nicht einmal zu träumen wagten. Kinder haben daher
einen Anspruch,
bestmöglich gefördert zu werden. Alte dagegen besitzen kein
Potential mehr,
sondern nur noch die Gewissheit ihres nahen Todes. Jede Investition in
ihre
Lebensverlängerung ist nutz- und sinnlos und unmenschlich, solange
hier und
anderswo junge Menschen scheitern werden auf Grund mangelnder
Ernährung und
Fürsorge. Auch wir
Alten müssen
akzeptieren, dass Altern kein fröhlicher oder gar spannender
Vorgang ist,
sondern eine unheilbare, immer tödlich verlaufende Krankheit,
lange erträglich,
irgendwann nicht mehr erlebenswert. Viele Alte warten nur mehr auf
ihren Tod
und nicht wenige sind sogar dazu nicht mehr fähig. Ihnen
rechtzeitig die
Möglichkeit zur Selbsttötung zu geben wäre ein erster
Schritt zu einem
wahrhaftigen, menschenwürdigen Umgang mit dem Alter. Wie weit wir
davon noch
entfernt sind, zeigt die unreflektierte, doch gewollte Diffamierung der
Selbsttötung als Selbstmord. Nach § 211 StGB gilt als
Mörder, „wer aus Mordlust, zur
Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus
niedrigen
Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit
gemeingefährlichen Mitteln
oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken,
einen Menschen
tötet“. Ganz abgesehen davon, dass ein Selbst“mörder“ keinen
anderen Menschen
tötet, ist es eine Unverschämtheit, verzweifelten Menschen
„niedrige Beweggründe“
zu unterstellen. Eigenartig und daher nicht verwunderlich ist, dass die
Verfechter der political correctness keine Bedenken haben, eine
Selbsttötung
als Selbstmord zu bezeichnen. Wer so spricht, denkt auch sonst falsch. © 2006 Karl Pawek
|
|||||||||
| a | . | . | ||||||||
|
Paweks online Magazin |
. |
|