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Der amerikanische
Schriftsteller Michael Crichton (62) hat in der FAZ (14.1.2005, S. 38) einen
ermutigenden Artikel veröffentlicht über all die Ängste, die
man ihm und uns in den letzten 50 Jahren einreden wollte: Noch 1972 warnten
Klimaforscher vor einer bevorstehenden Eiszeit, nun droht uns seit 15 Jahren
ein globaler Erwärmungstrend mit nicht weniger katastrophalen Folgen.
In den 60er Jahren prognostizierte der Club of Rome eine Bevölkerungsexplosion
mit Massenhungersnöten, seither sanken die Fruchtbarkeitsziffern stetig,
Indien wurde zu einem Getreideexporteur, viele Länder beklagen die Überalterung
ihrer Bevölkerung und einen Bevölkerungsrückgang. Wäre
es nach diesem ominösen Wissenschaftlerstammtisch gegangen, hätten
sich die Weltrohstoffvorräte an Gold, Quecksilber, Zinn, Zink, Öl,
Kupfer, Blei und Erdgas bereits 1993 erschöpft. Aber noch immer
und auf absehbare Zeit herrscht kein Mangel an diesen Rohstoffen. Fünfundzwanzig
Milliarden Dollar Forschungsgelder kostete es allein den Vereinigten Staaten,
die Elektrosmog-Panik als unbegründet nachzuweisen, manche Kinder von
Eltern, die Magnetfelder ihrer angeblich krebserregenden Wirkung wegen mieden,
schlafen heute der Gesundheit wegen auf Magnet-Matratzenauflagen. Und die
Jahr-2000-Katastrophe ging trotz wildester Prognosen einfach spurlos an uns
vorbei.
Diese beeindruckende, obwohl keineswegs vollständige Zusammenstellung
ist zuallererst ein Armutszeugnis für viele Wissenschaftler, die eher
dem Zeitgeist, ihren Auftraggebern, ihrer Spießermoral folgen, als
solide wissenschaftliche Arbeit zu leisten. Brecht nannte sie „ein Geschlecht
erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können.“
Doch sollte man das Problem nicht auf eine Charakterfrage reduzieren. Aus
welchen Gründen auch immer Wissenschaftler alarmierende Thesen publizieren,
liegt deren Bedeutung vor allem in ihrer Wirkung. Unsinn kann nämlich
Angst erzeugen. Auch wenn viele Wissenschaftler und ihre journalistischen
Handlanger den verkündeten Unsinn selbst nicht sonderlich ernst genommen
haben, beunruhigte er doch viele, vor allem junge Menschen. Ihre Sorge um
aussterbende Tierarten, zerstörte Umwelt, gefährliche Strahlungen,
verseuchte Rinder, tödlichen Zigarettenrauch waren und sind oft
tief empfunden. Kein Mensch demonstriert, übt Verzicht, wird Vegetarier
ohne Not, Doch Angst ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Sie lenkt ab
vom wirklich Wichtigem, macht abhängig und damit fremdbestimmt und führt
immer, wenn ihr Irrtümer zugrunde liegen, in die Frustration. Wie müssen
sich all die kleinen Blockwarte fühlen, die jahrelang ihre Nachbarn
mit Mülltrennungsgeboten nervten, wenn sie erfahren, dass der getrennte
Müll zur Verbrennung nun wieder zusammengeschüttet wird, weil die
ökonomisch wie ökologisch vorteilhafter ist. Unzählige, oft
teure Maßnahmen zur Vermeidung vermeintlicher Gefahren erweisen sich
als sinn- und nutzlos, schlicht überflüssig, wenn nicht – wie vor
allem medizinische „Notwendigkeiten“ – als kontraproduktiv. Wenn’s gut ging,
ist außer Spesen nichts gewesen.
Darüber kann man sich ja noch lustig machen. Beängstigend aber
sind die mentalen Auswirkungen des wechselnden pseudowissenschaftlichen Alarmzustände.
Je mehr schreckliche Bedrohungen lauern, denen auf Grund falscher, weil zeitgeistiger
Ursachenanalyse trotz höchsten Einsatzes nicht beizukommen ist, je unverstandener
die Verhältnisse sind, desto stärker wird der Aberglaube. Die Zunahme
der Sterndeuterei und Wahrsagerei wie die zeitgeistigen Wissenschaftspostulate
sind Ausdruck derselben Irrationalität mit ihren verschwörungstheoretischen,
antisemitischen, geistfeindlichen Folgen. Wir erleben die Verachtung der
Aufklärung, vielleicht sogar ihre Abschaffung.
Und damit wird die Angelegenheit pervers. Wurde früher der Kampf gegen
die Aufklärung von jenen geführt, die ihre Macht dem Aberglauben
verdanken, also von Pfaffen, Herrschern von Gottes Gnaden, Patriarchen und
ihrem intellektuellen Gesinde, sind es heute Pseudowissenschaftler, die mit
wissenschaftlichen Methoden der Aufklärung den Garaus machen. Ihnen
geht es nicht um Erkenntnis, sondern um die wissenschaftlich begründete
Umsetzung und Festigung einer Moral. Während Wissenschaft zunächst
misst, analysiert, probiert und dann erst interpretiert, steht am Anfang
der Zeitgeistwissenschaft das Gebot, etwas soll so bleiben wie es ist oder
darf nicht sein. Gegenwärtig wichtigstes Ziel dieser Klima-, Umwelt-,
Wirtschafts-, Sozial- u.s.w. Wissenschaftler ist, jede Veränderung,
die immer als Veränderung zum Schlechteren verstanden wird, zu verhindern.
Da Materie nie in einem Zustand verharrt, sondern in permanenter Bewegung
und damit Veränderung ist, macht der falsche ideologische Anspruch die
Ergebnisse dieser „Wissenschaften“ falsch. Sie sind daher nichts anderes
als wissenschaftlich getarnte Reaktion.
Wie aber soll ein durchschnittlich gebildeter Mensch Wissenschaft und Pseudowissenschaft
unterscheiden, die faulen von den weiterführenden Erkenntnissen trennen?
Meistens hilft die Frage nach dem Nutznießer. Gibt es einen solchen,
ist die Wahrscheinlichkeit der Pseudowissenschaftlichkeit groß. Denn
wahre Wissenschaft hat keinen anderen Zweck als Erkenntnis. Keine der großen
Entdeckungen Newtons, Galileis, Einsteins entstanden als Gefälligkeitsgutachten
oder zur Perpetuierung bestehender Verhältnisse, sondern aus dem menschlichen
Drang, sich und seine Umwelt zu verstehen, so ungewiss die Folgen des Erkenntnisaktes
auch gewesen sein mögen. (Der wissenschaftliche Verfall in der Neuzeit
begann mit der idiotischen Forderung, Wissenschaftler müssten die Folgen
ihrer Arbeit bedenken. Idiotisch daran ist die Vorstellung, man könne
die Folgen von etwas abschätzen, das selbst die Bedingungen oder zumindest
Interpretation der Entwicklung verändert.)
Im Unterschied zum Wissenschaftler soll der Forscher neues Wissen nutzbar
machen oder bei Problemlösungen neues Wissen finden. In diesem Fall
könnte man von angewandter, d. h. zumeist käuflicher Wissenschaft
sprechen. Sie ist abhängig vom Markt, was z. B. zur Folge hat, dass
medizinische Forschung selten Bereiche untersucht, die nicht oder noch nicht
im Interesse der pharmazeutischen Industrie oder des Ärztestandes liegen.
Nur gelegentlich und nur als Abfallprodukt gelingt der angewandten Wissenschaft
die Entdeckung fundamental neuer Erkenntnisse.
Wo man wissen kann, wer die angewandte Wissenschaft finanziert, fällt
ihre Einschätzung leicht. Fast unmöglich ist es aber dem Laien,
angewandte Wissenschaft in Bereichen wie der Energiegewinnung oder Pharmazeutik
zu beurteilen, weil hier unterschiedliche Konzerninteressen entsprechend
unterschiedliche Gutachten, Analysen, Forschungsprojekte finanzieren. In
solchen Fällen muss man sehr viel studieren oder sich auf sein Gefühl
verlassen. Nur so schrecklich ernst nehmen sollte man die Pseudowissenschaftler
nicht.
Crichton, der das Problem weniger analytisch als feuilletonistisch angeht,
schließt seine Betrachtung: „ So viele Ängste haben sich als falsch
oder wild übertrieben herausgestellt, dass ich mich über die jüngsten
kaum noch aufregen kann. Seit ich Sorgen und Befürchtungen in diesem
Zusammenhang sehe, kann ich die meisten angstmachenden Dinge, die ich lese
und höre, ausblenden oder zumindest unter großem Vorbehalt sehen.
Eine Zeitlang habe ich mich gefragt, wie es wohl wäre, ohne diese Ängste
und ständigen Sorgen im Hinterkopf zu leben. Ehrlich gesagt, es ist
ein prima Gefühl. Ich kann es nur empfehlen.“ Diesem Rat kann ich mich
nur anschließen, muss aber ehrlicherweise eingestehen, dass ich auch
schon 60 bin.
© 2005 Karl Pawek
pawek@web.de
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