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Angst breitet sich aus in Deutschland. Eine seit 1991 jährlich erstellte Versicherungsstudie belegt, was überall spürbar ist: Die Angst der Deutschen nimmt beständig zu. Jeder 10. Bundesbürger, so schätzt der Hamburger Psychologe Iver Hand, ist bereits krank vor Angst. Nun waren Jahrhundertwechsel immer angstbesetzt bis zur Hysterie. Da solche Ängste irrational sind, spielt es auch keine Rolle, dass sie immer zu spät kommen: Gemessen an Christi Geburt haben wir die Jahrtausendschwelle längst überschritten - irgendwann zwischen 1993 und 1996. Doch das Wissen um die fiktive Zahl mindert nicht ihre vermeintliche Bedrohlichkeit. Der Angst nämlich ist fast jeder Auslöser recht. Während die intuitive, genetisch angelegte Furcht uns vor unbedachten Handlungen schützt und im Falle einer Bedrohung Abwehrkräfte oder Beschwichtigungsrituale auslöst, äußert sich Angst auch ohne reale Bedrohung. Als Präventivfurcht bewirkt sie Risikoscheu und wird so zu einem Verhinderungsfaktor. Solange vor allem wir Deutsche der Jahrtausendwende nichts so sehr fürchten wie das Risiko, kann der vielbeklagte Mangel an Innovation, Flexibilität und Risikobereitschaft nicht durch Appelle behoben werden. Denn Angst ist stärker als jede Vernunft.

Kein Volk der Erde ist umfassender versichert als das deutsche (seit 1960 wächst das Versicherungsprämienaufkommen fast doppelt so schnell wie das Bruttosozialprodukt), schon Jugendliche sorgen sich hierzulande um ihre Altersrente. Niemandem liegt die nur scheinbar risikovermeidende Bewahrung des ökologischen Status quo mehr am Herzen als uns, jeder Pflanzen- und Tiergattung (vielleicht mit Ausnahme der weiblichen Mücke) gilt unser ganz besonderer Schutz. Die Sorge um unsere Gesundheit schon bei leichtester Gefährdung übersteigt bald jede Finanzierbarkeit. Nirgends ist die Abwehr gentechnisch veränderter Nahrungsmittel ähnlich vehement wie bei uns. Die Angst vor möglichen Gefahren der Gen- und Atomtechnologie treibt auch brave Bürger in einen Konflikt mit ihrem Staat, und sogar die Out-of-area-Einsätze unserer Bundeswehr stehen unter dem Vorbehalt absoluter Gefahrlosigkeit - zumindest für unsere Soldaten.

Risikovermeidung bestimmt auch unsere privaten Verhältnisse. Eine zumindest für heterosexuelle Nicht-Fixer statistisch kaum noch benennbare Gefahr der Ansteckung mit AIDS erzwang die Kondomisierung der sexuellen Lust, einige unter uns wollen sich nicht einmal mehr die Hände geben zur Begrüßung. Viele leben als Single, um nicht die Risiken einer festen Beziehung eingehen zu müssen, und Abenteuer leisten sich die meisten nur mehr medial. Als Held in deutschen Landen gilt bereits, wer an einem TÜV-geprüften Gummiseil über einem Luftkissen baumelt oder auf Korsika Urlaub macht. Und die ebenso banale wie richtige Feststellung, nur wer wagt gewinnt, dient bestenfalls noch als Rechtfertigung eines Lottoeinsatzes. Sogar Kinder, die einst auch in wirtschaftlich noch schwierigeren Zeiten nur Angst hatten vor dem schwarzen Mann oder ähnlichen Erziehungsgespenstern, fürchten heute die Zerstörung ihrer Umwelt, bevorstehende Arbeitslosigkeit, Krebserkrankung durch Passivrauchen etc. - alles nicht erfahrene, nur vermittelte Gefahren.

Solche jede tatsächliche Bedrohung häufig übersteigenden Ängste lähmen nicht nur, sie machen auch ohnmächtig-aggressiv und verderben - „Angst essen Seele auf“ - den Charakter. Auch die Abstaubermentalität unserer Gesellschaft nährt sich aus der Angst vor dem Risiko. Wem der Mut zur Gestaltung fehlt, der bedient sich am Verfügbaren. Und nicht zuletzt fördert die Risikovermeidung eine erschreckend sich ausbreitende Entsolidarisierung. Offensichtlich ist dies der Fall bei all jenen, die gedemütigten, geschlagenen, beraubten, vergewaltigten Menschen im eigenen Land nicht mehr helfen. Wer kein Risiko eingehen will, schaut eben weg oder (wenn er schon ganz auf der Höhe unserer Zeit ist) zu. Nur wenn Gewalt weit genug entfernt von unserer Haustüre stattfindet, greifen wir mit Spenden und mutigen Worte ein.
Die Entsolidarisierung hat längst auch unseren gewöhnlichen Alltag durchdrungen, die Arbeitswelt, zwischenmenschliche Beziehungen. Wir scheuen das Risiko, Mitarbeiter/innen gegen Unternehmer/innenwillkür oder Vorgesetztenschelte zu verteidigen,  uns einzumischen, weil wir Großvaters Erinnerungen an die Überlebensnotwendigkeit von Solidarität für gänzlich überholt halten, das Risiko des Engagements also nicht lohnend, nur karrieregefährdend scheint. Auch in Partnerbeziehungen investieren wir nicht mehr ganz so viel Kraft und Geduld aus Angst, um den erwarteten Nutzen betrogen zu werden. Liebe reduziert sich unter diesen Voraussetzungen zum Tauschhandel und währt gerade so lange, wie die Bilanz ausgeglichen ist.

Die Ursachen der angstgetriebenen Risikoscheu sind vielfältig. Am harmlosesten noch scheint der viel beschworene Medieneinfluss. Gewiss leben wir in einem bisher nicht gekannten Ausmaß in virtuellen Wirklichkeiten, nehmen täglich teil an Elend und Verbrechen, List und Trug, Katastrophen und Verzweiflung, wie sie unseren Vorfahren in ihrem ganzen Leben kaum begegneten. Die Grenzen zwischen gelebter und virtueller Wirklichkeit verschwimmen, bis wir die vorgeführte Bedrohung nicht mehr von der erlebten unterscheiden können. (Erst seitdem ich eine  Lokalzeitung lese, kann ich begreifen, dass Menschen Angst haben, auf die Straße zu gehen oder ihre Wohnung für mehrere Tage zu verlassen.) Aber ganz abgesehen davon, dass sich jeder dieser Medienkonditionierung entziehen oder sich durch die Bewusstmachung des Medieneinflusses immunisieren kann, wird die angsterzeugende Macht der Medien überschätzt: Erfahrungen in der realen Welt, so sie noch gemacht werden, scheinen virtuelle Bedrohungen zu relativieren. In der eingangs erwähnten Risikostudie rangiert ganz realistisch die Angst, Opfer eines Verbrechens zu werden, abgeschlagen auf dem 12. von 15 möglichen Rängen.

Ursächlicher für die angstgetriebene Risikoscheu scheinen wirtschaftliche und politische Gründe. Die gesellschaftliche Verfassung Deutschlands im ausgehenden 20. Jahrhundert erinnert an das Biedermeier, diese Epoche des Sammelns und Hegens, der bescheidenen Akzeptanz gegebener Ordnungen. Tatenlos, nach innen gedrängt, verharrte damals das von der Gestaltung der Gesellschaft ausgeschlossene Bürgertum in ängstlicher Beschaulichkeit, jede Veränderung fürchtend, sich mangels Gestaltungskraft einer Sprache bedienend, die die Scheinhaftigkeit der politischen Korrektheit vorwegnahm. Tatsächlich wird jede Klasse, die „politikverdrossen“ politisch abgedankt hat oder von der wirklichen Macht ferngehalten wird, jedes Risiko meiden. In satten, lethargischen, eher durch Erbschaft denn Aufbau reich gewordenen Gesellschaften scheint nun einmal die Vermeidung von Veränderungen diejenige Handlungsweise zu sein, die den höchsten Erwartungsnutzen (die Wahrscheinlichkeit, ein Handlungsziel zu erreichen mal dem Wert des Erreichten) gewährt. Viele Ängste vor dem „falschen“ Gebrauch neuer Technologien speisen sich auch aus dem politischen Ohnmachtsgefühl. Wem die Gestaltungskraft und alsbald auch der Gestaltungswille fehlt, dem müssen Atomenergie und Gentechnologie bedrohlich erscheinen weit über eine vernünftige Skepsis hinaus, zumal unsere Politiker größtenteils selbst perspektivlos nur stur oder populistisch mit diesen Ängsten umgehen.

Doch diese Entpolitisierung ist nur die Folge einer Entsozialisierung, die wiederum im engsten Zusammenhang steht mit einer der großen Errungenschaften der Neuzeit, der Individualisierung. Noch nie in der Geschichte der Menschheit konnten so viele Menschen nach ihren eigenen, selbstgewählten Vorstellungen leben wie zur Zeit (noch?) in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern. Bis vor wenigen Jahrzehnten war Individualität ein Privileg der Höchstwohlgeborenen und überaus gefährlich, häufig tödlich für gewöhnliche Menschen. Vom Glauben bis zur Kleidung waren (und sind heute noch in vielen Teilen der Welt) die Menschen reglementiert, normiert, nicht nur politisch Untertanen. Ein Jahrhunderte währender Prozess der Individualisierung, der - worauf Elias hinwies - von einer Distanzierung des Menschen von seinem Mitmenschen begleitet war, schuf die Voraussetzung individueller Freiheitsrechte zunächst für wenige, dann in Folge des triumphalen kapitalistischen Wirtschaftserfolges für viele. Heute genießt ein Arbeitsplatz- oder Kapitalbesitzer weitaus mehr persönliche Freiheiten als ein Adeliger vor der Französischen Revolution. Ist nur das Einkommen gesichert, kann er/sie im Rahmen der Gesetze tun und lassen, was er/sie will, braucht auf niemanden Rücksicht zu nehmen.

Diese Individualisierung, ergänzt durch eine Befreiung von ideologischen Bindungen, hat freilich fatale Konsequenzen: Sie fördert die Egozentrik und damit die soziale Isolation. Im gleichen Maße, wie der Wert des Einzelnen, sein Recht auf Privatheit Anerkennung gewann, wurde der Einzelne sich selbst wichtig, sogar zum „Gesamtkunstwerk Ich“ (Johannes Goebel, Christoph Clermont) erklärt. Befreit von ständischen, klassenspezifischen und schließlich auch familiären Zwängen entsozialisierten wir uns. Als einsam gewordene Ichs sind wir tatsächlich autonom, aber auch schutzlos und daher voller Angst. Mit größter, von keiner wirklichen Gefahr abgelenkten Sensibilität betrachten wir unser Wohlbefinden, und je genauer wir hinschauen, desto mehr Bedrohung erkennen wir. Sogar noch unsere sympathischsten Engagements - für den Frieden, den Regenwald, das Klima etc. - entstammen weniger der Vernunft oder humanistischer Überzeugung als unserer Sehnsucht nach der heilen Welt - zumindest so weit das Auge reicht.

Wie individuelle Ängste in individuelle Aggressionen umschlagen und z. B. einen unbescholtenen Rentner dazu treiben können, einen Menschen wegen des Übertretens eines Rauchverbotes zu töten, können aus gesellschaftlichen Ängsten gesellschaftliche Aggressionen entstehen. Dies gilt es ebenso zu verhindern wie ein weiteres Ausbreiten der Wehleidigkeit und Risikoscheu in Deutschland, die auf Dauer nicht nur unseren Wohlstand bedroht. Der erreichte Stand der Individualisierung ist hoffentlich ausreichend, uns vor immer noch naheliegenden mythologisch-völkischen Sinngebungen, vor der drohenden Rückführung der Individuen in eine Volksgemeinschaft zu bewahren, aber vielleicht doch noch nicht so dominant, dass Erkenntnis und Einsicht nicht mehr wirksam werden können. Das Ich als Maß aller Dinge hat nur im sozialen Verbund eine Überlebenschance. Dazu bedarf es keiner staatlichen Erziehungsprogramme, es genügt, wenn die üblich gewordene Rücksichtslosigkeit gesellschaftlich geächtet wird, wenn wir im brüllenden Handybesitzer nicht den Erfolgreichen, im lauten Nachbarn nicht den Lebenslustigen oder Gestressten, im quengelnden Gör nicht die Selbstverwirklichung, im unverschämten Moderator nicht den Medienprofi, in der Frustrierten nicht die Emanzipierte, im Ellbogenvirtuosen nicht den Macher, im Reisegepäck- oder Hausratversicherungsbetrüger nicht den Schlaukopf sehen, sondern sie als Tölpel erkennen, als armselige Figuren, nicht Ichs, schon gar nicht Gesamtkunstwerke, nur hohle Egozentriker. Der Zeitgeist kommt nicht über uns, wir sind es, die ihn prägen.

Der erste Schritt, sich von Angst zu befreien, ist, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, sich zu resozialisieren. Darauf zu warten, dass in Zeiten großer Not dies auch der dümmste Egozentriker begreift, ist vielleicht das einzige Risiko, das wir tatsächlich meiden sollten.
© 1999 Karl Pawek
pawek@web.de

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