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a . Angstfriede

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So erfreulich es ist, dass zum ersten Mal seit Jahrhunderten sich fast niemand auf der Welt vor dem deutschen Militär fürchtet und die zahlreichen deutschen Militäreinsätze im Ausland von vielen Beobachtern sogar als Lachnummer empfunden werden, sollte daraus nicht auf Friedfertigkeit des deutschen Volkes geschlossen werden. Denn nicht Einsicht oder gar Vernunft verdrängen den deutschen Militarismus.

Als im April 2008 die deutsche Marine, die seit 8 Jahren im Rahmen der „Operation Enduring Freedom“ am Horn von Afrika verdächtige Schiffe beobachtet ohne nennenswerte Konsequenzen, mit ihrer Fregatte „Emden“ einem von Piraten bedrohten japanischen Frachtschiff zur Hilfe eilte, titelten deutsche Tageszeitungen: „Deutsche Marine schlägt Piraten in die Flucht“. Tatsächlich waren, als ein Marinehubschrauber den Frachter erreichte, die Piraten schon abgehauen und angeblich unauffindbar.

Zwei Tage später, am 23. April, stellte die „Emden“ vor der jemenitischen Küste einen Segelfrachter, dessen Ladung verdächtig schien, doch abgedeckt war. Statt der deutschen Bitte zu entsprechen, die Ladung in Augenschein nehmen zu dürfen, holte die Daubesatzung ein paar Gewehre und eine Panzerfaust hervor und veranlasste damit die „Emden“ abzudrehen. Aber keine deutsche Zeitung titelte: „Segler schlagen die deutsche Marine mit einer Panzerfaust in die Flucht“.

Tatsächlich blieb der „Emden“ gar keine andere Wahl, als abzudrehen und das verdächtige Schiff dem großen Bruder zu melden. Denn nach einem Beschluss des deutschen Bundestages dürfen deutsche Kriegsschiffe zwar im Rahmen der Friedensmission Präsenz zeigen, doch keine Waffengewalt anwenden. Auch bei anderen Auslandseinsätzen der Bundeswehr achtete das Parlament darauf, dass eine eventuelle Gefährdung der deutschen Soldaten möglichst gering ist. Zwar lassen sich Verkehrsunfälle und Selbstmordattentate nicht völlig ausschließen, doch ist meines Wissens noch kein Bundeswehrsoldat im Kampf gegen Terroristen, Freischärlern oder Soldaten des Gegners gefallen.

So entsteht außerhalb Deutschlands der Eindruck, Deutschland will mit seinen Soldaten fast überall dabei sein, aber nichts riskieren. Die nach Nationalitäten aufgeschlüsselten Opferzahlen bei multinationalen Militäreinsätzen lassen keinen anderen Schluss zu, es sei denn, der alte Nibelungenzauber wirkt noch immer und macht deutsche Soldaten unverwundbar.

Da ich überzeugt bin, dass auch heute noch deutsche Offiziere mehr riskieren lassen würden, als die Nation braucht, müssen es die Bürger sein, die in großer Mehrheit jeden Kampfeinsatz der Bundeswehr verweigern, weil es das Leben von deutschen Soldaten gefährden könnte. Nur nehme ich diesen Bürgern nicht ab, dass sie als Pazifisten handeln. Zumindest erinnere ich keine Proteste, keine Empörung in diesem Land gegen die Tatsache, dass Deutschland der drittgrößte Rüstungsexporteur der Welt ist. Ich vermute, dass viele Bundesbürger es sogar für schlau halten, an Kriegen zu verdienen, ohne sich an ihnen wirklich beteiligen zu müssen. In Wahrheit ist der deutsche Pazifismus Risikoscheu.

Von der Atomenergie über die Gentechnologie bis hin zu Partnerbeziehungen scheuen die Deutschen jedes nicht versicherbare Risiko. Dafür nehmen sie Regulierungen, Einschränkungen, sogar Verbote in Kauf in der Hoffnung, dass zumindest der Status quo damit gewahrt werden kann. Sie wollen nichts gewinnen und geben sich der Illusion hin, dadurch auch nichts verlieren zu können. Immer mehr Deutsche leben lieber als Singles, als sich dem zudem noch mühevollen Risiko einer festen Beziehung zu einem anderen Menschen auszusetzen. Lieber zahlen sie Milliarden Euro an Abgaben, um ihren Strom nicht als Atomstrom beziehen zu müssen. Lieber verzichten sie auf Forschung und Experimente, als genetisch veränderte Pflanzen auf ihren Feldern zu dulden, obwohl es keinen Nachweis gibt, dass solche Pflanzen schädlicher sind für den menschlichen Organismus als die ebenfalls genetisch veränderten, aber gezüchtet genannten Tomaten, Erdbeeren, Getreide- oder Kartoffelsorten. Da man nie wissen kann, welche Folgen jede Gestaltung hat, verzichten sie lieber auf jedes Gestalten und üben sich im Konservieren. Dabei verdrängen sie die Tatsache, dass auch das Konservieren eine folgenreiche Handlung ist. Die biblische Anregung, sich die Erde untertan zu machen, erscheint diesen Naturanbetern ein Frevel, sie wollen sie gegen alle Gesetze der Natur im gegenwärtigen Zustand bewahren für ihre Nachkommen.

Die Risikoscheu hat zwei Ursachen. Zum einen ist sie die Folge von Wohlstand und Sattheit. Wie ihre Nachbarn in den noch führenden kapitalistischen Ländern verlangt es die Deutschen vor allem nach Wohlbefinden. Ihre Aufmerksamkeit gilt weniger der Außenwelt als dem eigenen Körper. Auf Reisen wollen sie nichts Neues, schon gar nicht die Wirklichkeit entdecken, sondern romantische oder rassistische Erwartungen bestätigt bekommen, vor allem aber ihre Seele baumeln lassen und Wellness erleben. Nicht zum ersten Mal in der Geschichte tritt diese Haltung als Vorbote eines gesellschaftlichen Wandels auf. Europa vergreist, doch die Demenz verhindert schmerzliche Einsicht in den Zustand. Vielleicht erwächst aus der Immigration, die Nordamerika lebendig hält, ein anderes Europa, andernfalls sollte es zum Weltkulturerbe erklärt werden, das sich aus Eintrittsgeldern und durch touristische Dienstleistungen finanziert.

Die zweite Ursache der deutschen Risikoscheu ist national. Das letzte Risiko, das Deutschland einging, war riesig und hatte gewaltige Folgen. Statt am deutschen Wesen zu genesen, besiegte die Welt Deutschland trotz erbitterten Widerstands. Zwar stand die Strafe der Welt in keinem Verhältnis zu den Verbrechen der Faschisten, im Gegenteil, Deutschland hatte unverschämtes Glück. Statt im siegreichen Faschismus sich vollends zu entmenschlichen, wurde durch die Niederlage und ein wenig Umerziehung, die im Westen sehr viel erfolgreicher verlief als im Osten, Deutschland eine menschenwürdige Zukunft geschenkt. Nicht nur ökonomisch war Deutschland der wahre Kriegsgewinner.

Doch die Erfahrung, mit dem vermeintlich großartigen Experiment Faschismus gescheitert zu sein, machte die Deutschen zumindest bis zur Generation der Grünen übervorsichtig. Sie betrieben den Wiederaufbau, arbeiteten fleißig und lebten sparsam, leisten sogar die geforderte Wiedergutmachung und passten sich weitgehend den fremden Siegermächten an. Durch den Verzicht auf jede eigene Ideologie, auf ein nationales Bewusstsein, wurden sie immer erfolgreicher im Geschäftemachen. Das eine oder andere Relikt faschistischer Herrschaftsträume ließ sich unauffällig nebenbei sogar wiederbeleben in der von Deutschland dominierten EU, in der von Deutschland im Namen der Menschlichkeit betriebenen Zerschlagung Jugoslawiens. Aber erst die Grünen wagten es, mit ökologischen Heilslehren wieder ideologisch eigenständig zu argumentieren und zu handeln. Ihr Erfolg auch im Ausland, ihr unpolitisch scheinender, weil menschelnd begründeter Antiamerikanismus überzeugten in relativ kurzer Zeit alle Parteien in Deutschland und eröffnete neue faschistoide, freilich erneut unfruchtbare Perspektiven. Menschenrechte sind das neue Instrument deutscher Machtpolitik fast ohne militärische Gewalt.

Solch Risikovermeidungsstrategien können durchaus eine Zeit lang funktionieren, die Schweizer praktizieren sie erfolgreich seit Jahrhunderten. Doch Deutschland ist sehr viel größer als die Schweiz und wird nicht von allen Akteuren der Weltwirtschaftspolitik als Safe gebraucht und daher unter einen Sonderstatus gestellt. Als wirtschaftliche Großmacht muss Deutschland um Absatzmärkte konkurrieren, was auf Dauer nicht konfliktfrei gelingen wird.

Vor allem aber können Risiken nur so lange vermieden werden, wie auch die Anderen das Risiko scheuen. Fundamentalisten z. B., aber auch alle, die nichts zu verlieren haben, fürchten das Risiko nicht. Das friedliche, in Wahrheit nur ängstliche Deutschland wird erfahren, was Friedrich Freiherr von Logau schon im 17. Jahrhundert wusste: „In Gefahr und höchster Not bringt der Mittelweg den Tod.“ Und wie bei Angsthasen üblich, werden sie bei Gefahr nicht besonnen, sondern aggressiv reagieren. Risikoscheu ist kein Garant für Friedfertigkeit, nur ein gern getragenes Mäntelchen, das Unschuld vorgaukeln kann.

 © 2008 Karl Pawek
pawek@web.de

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