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a . Antipolitik

. Bis ins hohe Alter stellt das Leben spannende Fragen, z. B.: Wer verblödet schneller, man selbst oder die Gesellschaft?
Zur Zeit liegt die Gesellschaft weit vorne. Vor allem ihre Entpolitisierung macht gewaltige Fortschritte, auch wenn dies andere anders sehen. So glauben Jacques Derrida und Jürgen Habermas, in den großen europäischen Friedensdemonstrationen vom 15. Februar 2003 das „Signal für die Geburt einer europäischen Öffentlichkeit“ erkennen zu können. Im Unterschied zu Habermas und Derrida sehe ich in dieser europäischen Öffentlichkeit keinen Hoffnungsträger.
Im Gegenteil, diese Friedensbewegung ist die dümmste seit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten vor 70 Jahren. Getragen wird sie gewiss von Menschen guten Willens. Doch guter Wille, den auch viele Nazis und andersgläubige Spießer für sich beansprucht haben, endet meist in Frustration, die oft üble Eigenschaften im Menschen weckt.
Der Irakkonflikt war, wie jeder Konflikt dieser Art, zutiefst politisch. Selbstverständlich ging es, worauf der stellvertretende US-Verteidigungsminister Wolfowitz mit seiner bei deutschen Politikern unvorstellbaren Offenheit hinwies, nicht so sehr um Massenvernichtungswaffen in den Händen eines Massenmörders. Dieses Problem hätte auch anders gelöst werden können. Der Krieg wurde geführt, um dem moslemischen Fundamentalismus, seinem Weltmissionierungswahn Einhalt zu gebieten, die Verhältnisse im Nahen Osten neu zu gestalten, die Ölversorgung der Industriestaaten zu sichern und die nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Machtblocks zwingende Entscheidung zwischen Multi- und Unilateralismus herbeizuführen. All dies waren und sind Herausforderungen, die heftigster Diskussion bedürfen. Doch statt die notwendige Diskussion zu führen, reduzierte die Friedensbewegung den Interessenkonflikt auf einen Streit über bösen Krieg und guten Frieden, wofür ihr Angelo Bolaffi zu recht einen „nur als radikal antipolitisch zu bezeichnenden Pazifismus“ bescheinigte.
Wer über Ursachen, wer über gesellschaftliche Verhältnisse nicht sprechen will oder kann, verfällt leicht ins Menscheln. Natürlich ist Friede wünschenswert, genauso wie Artenvielfalt, Regenwald, soziale Sicherheit, Gesundheitsvorsorge, Vollbeschäftigung  etc., nur hilft das demonstrative Wünschen als säkularisierte Form des gemeinschaftlichen Betens nicht viel, und häufig hätte die Erfüllung solcher Wünsche grausame Folgen.
Dies lässt sich historisch wie philosophisch begründen. Was wir Europäer heute an Freiheit besitzen, ist das Ergebnis barbarischer Kriege. Jede Errungenschaft, die freie Berufswahl, die Überwindung der Leibeigenschaft, die Demokratie, zuletzt die Befreiung vom Faschismus musste blutig erkämpft werden. Möglicherweise hätte ein Frieden mit Nazideutschland Millionen Menschenleben gerettet. Allerdings wären diese Menschen inzwischen längst tot, wir aber und unsere Nachkommen alle Nazis. Doch vielleicht hätte man friedensbewegt schon auf die französische Revolution und ihre harmlosen kontinentaleuropäischen Pendants verzichten sollen? Mit ein bisschen Glück würde gelegentlich auch einmal ein gütiger König für uns Untertanen sorgen. Oder hätten unsere Vorfahren noch früher den Kampf verweigern sollen, gegen die Türken vor Wien, gegen die Araber in Spanien? Allah hätte uns viel erspart: den Kapitalismus, die Industrialisierung, die Emanzipation der Frau ...
Der antipolitische Pazifismus bedeutet letztlich immer die eigene Auslieferung an jene, die sich keinen Deut um irgendwelche Friedenssehnsucht kümmern, sie höchstens instrumentalisieren. Friede an sich ist nur ein frommer Kindertraum. In der wirklichen Welt muss er immer wieder erkämpft und, so lange die Kraft reicht, mit allen Mitteln verteidigt werden.
Die Friedensdemonstranten vom 15. Februar 2003 gehören zum größten Teil Generationen an, die nur Frieden erlebt haben und ihn daher fast für einen Naturzustand halten. Dass sie diesen bald 60jährigen Frieden den schrecklichsten bisher von Menschen ersonnenen Waffen verdanken, der atomaren Erpressung, ist den meisten genauso wenig bewusst wie die kriegerische, imperialistische Ursache ihres Wohlstands, ihrer Mobilität. Auch das T-Shirt für 3 Euro, das Benzin für 15 Cent (vor Steuern) halten sie für Gaben der Natur. Wer diese Ahnungslosen Komplizen des Imperialismus nennt, Nutznießer der amerikanischen Truppenpräsenz überall auf der Welt, provoziert nur wütenden Protest.
Der antipolitische Pazifismus ist so attraktiv, weil er dem eigenen Gewissen schmeichelt, Aktivismus vorgaukelt und ein Gemeinschaftsgefühl schenkt. In unserer Wellness-Gesellschaft ist er die billigste Art, sich wohl zu fühlen und daher fast so geil wie Geiz. Doch wehe, wenn er jemals politische Macht erlangen sollte.
Denn der antipolitische Wunsch nach Frieden bedeutet Stillstand und damit unweigerlich die Kollision mit der sich verändernden Realität. Alle zur Zeit gängigen antipolitischen Bewegungen für Frieden und Umweltschutz, gegen Walfang und Globalisierung, Gen- und Atomtechnik usw. sind abgründig konservativ. Ihr gemeinsamer Nenner ist die Bewahrung des Status quo. Dies war schon immer des Spießers höchstes Ziel und wurde doch nie erreicht. Denn die Materie steht nicht still. Geschwindigkeiten (z. B. der Erdumdrehung) ändern sich, die Pole wandern, Klimazonen verschieben sich, wo heute der Regenwald wuchert, glänzt morgen mit oder ohne menschliches Zutun die Wüste. Sehr viel schneller vollziehen sich die Veränderungen der Menschheit. Jede neue Technologie greift in die gesellschaftlichen Verhältnisse ein, fast unbemerkt bei uns, weil sich die Entwicklungen kontinuierlich vollziehen, schockierend in Gebieten, die bis vor kurzem kaum über Außenkommunikation verfügten. Heute schon in der weltweiten Kommunikation, irgendwann auch im Warentransport spielen Entfernungen keine Rolle mehr. Das muss Auswirkungen haben auf Menschen im brasilianischen Urwald, in der afrikanischen Savanne, auf südpazifischen Inseln und ist doch nur ein winziger Teil der immer engeren Veränderungswellen, die über unseren Erdball wogen. Unter diesen Bedingungen am Status quo festhalten zu wollen, ist dümmster Voluntarismus.
Vielmehr müsste es darum gehen, mit den Mitteln von heute die Verhältnisse von morgen zu gestalten, Verhältnisse, die der größtmöglichen Zahl von Menschen Freiheit, Gleichwertigkeit, Lebensfreude ermöglichen, auch wenn dafür genveränderte Lebensmittel, Atomenergie, die Beseitigung von Herrschercliquen oder gar die Rohdung eines Regenwaldes notwendig sein sollten. Kein Fehler, der dabei von Fortschrittsantreibern begangen (und durch erneuten Fortschritt überwunden) werden muss, ist so gefährlich wie das Beharren auf Stillstand. Freilich ist auch Fortschritt wie Frieden kein Wert an sich. Doch verlangt seine Gestaltung erst recht gesellschaftliche und wissenschaftliche Erfahrung, denn er ist nur politisch, nicht menschelnd beherrschbar.
Vollgefressen, mediengelangweilt, besitzstandsfixiert sind die Zentraleuropäer in den Dämmerschlaf der Selbstgerechten verfallen. Natürlich ist auch dies kein Dauerzustand. Irgendwann wird es, wenn niemand von außen eingreift, emotional so kalt, intellektuell so leer, ökonomisch so miserabel sein auf diesem (immerhin dosenfreien?) Kontinent, dass es weh tut und die Menschen wieder erwachen und sich auf den Weg aller Entpolitisierten machen: in einen neuen Faschismus.

 
 
© 2003 Karl Pawek

pawek@web.de
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