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a . . Arbeit statt Beschäftigung 

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Den Verlierern der Bundestagswahl war die Erleichterung anzusehen. Entspannt übergaben sie die Regierungsgewalt den Siegern, die naiv jubelten, statt zu erschrecken vor ihrer Verantwortung. Denn kein Regierungswechsel unter möglichen Koalitionären vermag die Probleme zu lösen, an denen die Vorgänger scheiterten und die Nachfolger mangels Alternativen sich verausgaben werden. Der Arbeitslosigkeit ist nur mit radikaleren Mitteln beizukommen, als Populisten und Traditionalisten sie denken können.

Arbeitslosigkeit kann zwei Ursachen haben, ökonomische und/oder technologische. Vertraut ist uns die ökonomische Arbeitslosigkeit als Folge gestörter Wirtschaftsprozesse, wie sie in Asien und Russland zu beobachten ist. Solche Wirtschaftskrisen können ausbrechen, ohne dass sich die materiellen Bedingungen der Produktion geändert hätten. Die Zahl der arbeitsfähigen Menschen, ihre Konsumbedürfnisse, die mögliche Arbeitsproduktivität und die zur Verfügung stehenden Arbeitsmittel sind am Vorabend der Krise nicht anders als nach deren Ausbruch. Ungeachtet dessen, dass Krisen wohl ein notwendiger Bestandteil wirtschaftlicher Entwicklungen sind, hat die Wirtschaftswissenschaft ein Instrumentarium hauptsächlich zur Konsum- und Kapitalsteuerung geschaffen, das Wirtschaftskrisen und die sie begleitende Arbeitslosigkeit immerhin mildern kann.

Ratlos dagegen scheinen wir der technologischen Arbeitslosigkeit gegenüberzustehen. Gewiss, das Phänomen ist nicht neu, ganze Berufszweige verschwanden oder wurden in den letzten Jahrhunderten marginalisiert. Millionen Weber, Heizer, Bergleute, Landarbeiter etc. haben ihre Arbeit verloren durch den Einsatz von Maschinen. Doch gelang es in der Industrialisierung bisher immer wieder, die Arbeitslosen in neu entstehende Massenproduktionen wie den Automobilbau zu integrieren. Nun aber scheint ein Stadium der Mechanisierung, Automatisierung, Computerisierung erreicht, in dem menschliche Arbeitskraft immer seltener noch mit maschinellen Produktionskosten konkurrieren kann. Gleichzeitig wächst die Produktivität der Noch-Arbeitsplatzbesitzer weitaus stärker als die Nachfrage nach Produkten. (Dies gilt selbstverständlich nicht im Weltmaßstab. Allein die weltweite Nachfrage nach Automobilen könnte Millionen Menschen für Jahrzehnte beschäftigen, hätten die Interessenten nur die Mittel, die gewünschten Produkte auch zu bezahlen, was freilich auf absehbare Zeit illusionistisch ist, weil dies eine andere Weltwirtschaftsordnung voraussetzen würde.)

Mit Bündnissen für Arbeit, der Propagierung selbständiger Tätigkeiten, der Erwartung eines prosperierenden Dienstleistungssektors wird sich die technologische Arbeitslosigkeit dauerhaft nicht in den Griff bekommen lassen. Zwar überraschten vor allem die USA mit der Schaffung Millionen neuer Arbeitsplätze für Dienstleister. Wer über die Stadtautobahnen von Los Angeles fährt, wird unzählige Dienstleistungsbetriebe, aber nur noch sehr wenige intakte Produktionsstätten entdecken, die Nachbarstadt San Diego, einst ein Zentrum der Flugzeug- und Schiffbauindustrie, ist heute ein Altenheim mit angeschlossener Universität. Studenten, Vegetarier und Pillenschlucker sind zur Haupteinnahmequelle des Stadthaushaltes geworden. Aber ganz abgesehen davon, dass es sich bei Dienstleistungen größtenteils nur um sehr gering bezahlte Teilzeitjobs handelt, die eine Ergänzung und längst nicht die Bestreitung eines notwendigen Haushaltseinkommens erlauben, wird der Dienstleistungsboom nicht von langer Dauer sein. Auch Dienstleistungen müssen -  und sei es noch so schlecht -  bezahlt werden. Solange eine Gesellschaft dank beeindruckender Sparleistungen der vorangegangenen Generationen über ihre Verhältnisse leben und sich Annehmlichkeiten leisten kann, funktioniert das Modell. Irgendwann aber ist das Erbe aufgebraucht, und Dienstleister selbst können sich kaum Dienstleistungen leisten. Der Boom wird sich als Scheinblüte erweisen und bestenfalls als höfische Reminiszenz Bestand haben. Immer weniger, immer reichere Spitzenverdiener werden sich immer mehr Dienstleistungen kaufen und damit die ökonomisch ehemals sehr wichtige Funktion des Hofes wiederbeleben, dessen Luxus- und Versorgungsbedürfnis vielen Menschen Arbeit und einigen sogar Brot gab. Die Dienstleistungsgesellschaft mit ihrer Tendenz zur Devotheit könnte sich zum modernen Feudalismus entwickeln.

Noch lassen sich einige Arbeitslose zum Aufbau einer selbständigen (Dienstleistungs-) Existenz überreden. In den meisten Fällen wird ihnen die Selbständigkeit kaum mehr einbringen als die Arbeitslosenhilfe, aber Selbständige, die sich in einem Ausmaß ausbeuten, wie sie es keinem Vorgesetzten gestatten würden, halten sich für ihr Schicksal selbst verantwortlich und verhalten sich daher still. Jede Selbständigenkampagne erhöht die Konkurrenz und senkt die Preise, reduziert die Kosten der Arbeitslosigkeit und lässt in einigen Fällen sogar Innovationen erwarten, deren meistversprechende die Industrie aufkaufen kann. Das scheinbare Allheilmittel Selbständigkeit stellt also Staat, Gesellschaft und Wirtschaft zufrieden, vorausgesetzt, die neuen Selbständigen sind ausreichend krankenversichert, damit nicht der Staat die Folgekosten des meist vergeblichen Selbständigenstresses übernehmen muss.

Bündnisse für Arbeit schließlich können auf Dauer nicht funktionieren, weil sie den Interessen beider Bündnispartner widersprechen und systemwidrig sind. Wer Marktwirtschaft will, muss auch den Arbeitsmarkt akzeptieren. Außer einigen hunderttausend hochqualifizierten Fachleuten, die es freilich auf dem Markt nicht gibt, benötigen die Unternehmen keine Arbeitskräfte, sie suchen höchstens die Kosten der vorhandenen zu reduzieren. Selbstverständlich lässt sich die Bezahlung der Arbeitslosigkeit umleiten, statt die Unterstützung direkt zu gewähren, kann man Unternehmen bitten, Arbeitslose zu beschäftigen und sie mit staatlichen Geldern zu entlohnen. Man muss allerdings ein wenig naiv sein, um in der Dazwischenschaltung einer Instanz eine gesamtgesellschaftliche Kostenersparnis zu erwarten, denn kein Unternehmer kann es sich leisten, auf die Erzielung des höchstmöglichen Profits zu verzichten. Unnötige Arbeitskräfte oder Arbeitskräfte zu höheren als unbedingt notwendigen Kosten zu beschäftigen, ist längerfristig ruinös teuer. Hinzu kommt, dass Arbeitskräfte, die auf Grund staatlicher Zuschüsse befristet eingestellt werden, wenig motiviert sind, da sie sich eher beschäftigt als benötigt fühlen müssen. Die Umverteilung von Geldern, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Vorruhestandsregelungen, Teilzeitangebote sind nur (ihrer produktivitätssteigernden Wirkung wegen für Unternehmen manchmal durchaus profitable) Manipulationen, die kurzfristig stabilisierend wirken, langfristig aber das Problem nicht lösen.

Dies wird auch einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung nicht gelingen. So einleuchtend der Vorschlag scheint, die geringer werdende Arbeit auf mehr Arbeitende mit kürzeren Arbeitszeiten zu verteilen, so wenig anwendbar ist er. Denn die Reduzierung der Arbeit infolge technologischer Entwicklungen geht mit ihrer Qualifizierung einher. Es waren die einfachsten, gleichförmigsten Arbeiten, die als erste überflüssig wurden, und immer mehr komplexere folgen. Trotz schärfsten Widerspruchs der correctness wird man feststellen müssen, dass jene Arbeitsplätze wegrationalisiert werden, deren Eigner gerade genug Fähigkeiten und Fertigkeiten besitzen, um diese Arbeiten ausführen zu können. (Andernfalls hätten sich die meisten von ihnen für kompliziertere Arbeiten qualifiziert. Niemand arbeitet auf Dauer gerne unter seinem Niveau.) Für eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung fehlen also Arbeitskräfte, die den Anforderungen der verbliebenen Arbeitsplätze genügen. Diese Feststellung muss Protest hervorrufen, obwohl sie durch den täglichen Umgang mit überforderten Arbeitskräften ebenso bestätigt wird wie durch die Erfahrung jener, die sich über die Grenze ihrer Kraft hinaus verausgaben, weil sie niemanden finden, der in der Lage wäre, mit ihnen sich die Arbeit zu teilen. Die unbedingt verteidigenswerte Prämisse einer Gleichwertigkeit aller Menschen darf uns nicht blind machen für ihre ungleichen Biografien und damit unterschiedlichen Fähig- und Fertigkeiten. Sie machen Menschen nicht mehr oder weniger wertvoll, nur mehr oder weniger geeignet für viele Arbeiten. Das lässt sich ganz korrekt leugnen, aber nicht ohne aufwendige gesellschaftliche und wissenschaftliche Arbeit ändern. Gerade in dieser Erkenntnis liegt ein Schlüssel zur Überwindung der Arbeitslosigkeit.

Allerdings müssten wir uns zuerst vom Arbeitsethos befreien, wie es in seltener Eintracht von Protestanten, Kapitalisten und Sozialisten gepriesen wurde. Arbeit sei Gottes Gebot (Luther), sittliche Pflicht (Fichte), wurde uns unentwegt gepredigt, und sogar Thomas More, in dessen Utopia der Arbeitstag nur sechs Stunden dauert, forderte eine „Aufsichtsbehörde gegen Müßiggang“. Immerhin anerkannten diese frühen Propagandisten der Arbeit noch deren lästige, mühselige Eigenschaften, die nach Abschaffung der Sklaverei der inneren Zuchtrute bedürfen. Fourier, wie immer seiner Zeit voraus, propagierte gar schon moderne Motivationstechniken und schlug vor, „die Arbeit ebenso anziehend wie heute das Vergnügen, den Festschmaus, Bälle, Theatervorstellungen usw. zu gestalten“. Die Sozialisten schließlich erklärten die Arbeit zur Voraussetzung menschlicher Selbstverwirklichung. Wie tief wir diese Überhöhung der Arbeit verinnerlicht haben, zeigen die Versuche, rechte Gewalt, Verbrechen etc. als Folgen der Arbeitslosigkeit zu erklären. Die meisten der so entschuldigten Gewalttäter sind überhaupt nicht arbeitslos.

Nicht nach Arbeit sehnt sich der Mensch, und Arbeitslosigkeit ist noch längst kein Unglück. Gibt es nicht eine Unzahl arbeitsloser Rentiers, Grundbesitzer, die sehr zufrieden sind ohne Arbeit? Und die weniger Reichen hoffen auf den Lottogewinn, die lebenslängliche Rente, um endlich ihren Job kündigen zu können. Andererseits können sich die meisten Menschen ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen. Der Widerspruch erklärt sich aus unterschiedlichen Bedeutungen des Begriffs. Wer sich die Arbeit macht, über Arbeit nachzudenken, wird unter Arbeit meist etwas anderes verstehen als jener, der arbeiten muss, um zu überleben. Ersterem gewährt Arbeit mancherlei Befriedigung über die der Pflichterfüllung hinaus. Ihm bedeutet Arbeit Gestalten, Sich-Einbringen, Forschen und Lehren, alles Tätigkeiten des planenden Handelns und somit Inbegriff des Menschseins. Wer Arbeit so versteht, kann freilich nicht arbeitslos werden, denn nichts außer Krankheit und Tod hindert ihn an seinem Handeln.

Für die meisten freilich ist Arbeit Notwendigkeit, Zwang. Was immer man diesen Arbeitenden auch über den Sinn der Arbeit erzählen mag, besteht doch deren einziger Zweck im Verdienst. Sie arbeiten, um leben zu können, auch wenn für gewöhnlich zum Leben nicht viel übrig bleibt an Zeit und Geld. Abgesehen von einigen notwendigen und erlernbaren Fertigkeiten ist diese Arbeit austauschbar. Ob jemand Güter durch Europa fährt, Büros putzt, Männer befriedigt, Regler betätigt, Kohle fördert oder Osterhasen verpackt, von wirklicher Bedeutung ist nicht die Art der Arbeit, sondern ihr Lohn. Fortschrittlichere Arbeitslosengruppen wiesen daher zu Recht darauf hin, dass ihr Problem nicht in der Arbeitslosigkeit, sondern in der Verdienstlosigkeit liegt.

Zwar gibt es zahlreiche Untersuchungen, die Korrelationen feststellen zwischen Krankheit/Kriminalität/Selbstmord und Arbeitslosigkeit, doch wäre es voreilig, daraus Kausalitäten ableiten zu wollen. Natürlich kann es in einer vom Arbeitsethos geprägten Gesellschaft als Schande empfunden werden, nicht im traditionellen Sinne zu arbeiten, natürlich kann ununterbrochenes Zusammenhocken familiäre Spannungen eskalieren lassen, natürlich wuchert innere Leere beim Wegfall beschäftigungstherapeutischer Arbeit, natürlich verwandelt sich das Konsumparadies zum Folterlager für Arbeitslose, aber in keinem Fall ist die Arbeitslosigkeit Verursacher der Probleme, nur Katalysator. Alle Arbeitsbeschaffungs-maßnahmen haben daher nicht nur statistische Ablenkungsfunktion. Wichtiger noch als die Reduzierung der offiziellen Arbeitslosenzahlen ist ihre Aufgabe, Menschen durch Beschäftigung zu stabilisieren. Die Arbeit wird dabei zum Selbstzweck, ökonomisch unsinnig und gesellschaftlich wertlos, ein Phänomen, an dem auch der überaus arbeitsplatzfreundliche Sozialismus scheiterte, denn die Produktivität Beschäftigter liegt noch unter der Produktivität von Lohnarbeitern.

Statt weiterhin beschäftigungstherapeutisch zu manipulieren, sollten wir endlich akzeptieren, dass in Ländern wie Deutschland die ökonomisch notwendige Arbeit unumkehrbar weniger wird. Doch Arbeit kann nicht nur ökonomischen Mehrwert schaffen, sondern auch gesellschaftlichen, nicht nur das Bruttosozialprodukt steigern, sondern die Lebensqualität. Unzählige gesellschaftliche Probleme (mit immensen Folgekosten) harren einer Lösung. Ist es z. B. nicht absurd, dass simple Fähigkeiten wie das Autofahren unterrichtet und überprüft werden, die Menschwerdung eines Säuglings aber dem Zufall überlassen bleibt? Kaum eine Mutter oder ein Vater kennt die Folgen seiner bewussten und unbewussten Erziehungshandlungen, die Vorgänge der Persönlichkeitsbildung, die Einflüsse optischer und akustischer Signale auf die Vernetzung des Hirns etc. Wir erziehen unsere Kinder auf gut Glück und begreifen (bestenfalls) viel zu spät unsere Fehler und Versäumnisse. Schön, dass es die Kariesforschung gibt und den Kinderschutzbund, aber wären Elternschulen (deren Besuch Voraussetzung sein könnte für Kindergeldzahlungen) nicht mindestens so wichtig? Wie viel sinnvolle und daher befriedigende Arbeit wartet in solchen gesellschaftlich dringenden (und nachweislich durchaus finanzierbaren) Aufgaben auf ihre Ausführung?

Eine Gesellschaft entwickelt sich, so lange sie Perspektiven besitzt. Diese im gesellschaftlichen Bereich zu erkennen, statt sie im ökonomischen zu suchen, wäre sehr viel wichtiger als die Erhaltung traditioneller Arbeitsplätze, die niemand braucht und niemandem nützen. Die Zeit quantitativen Wirtschaftens neigt sich noch längst nicht ihrem Ende zu, nur werden trotz Steigerung der Quantität immer weniger Menschen benötigt, immer mehr Arbeitskräfte freigesetzt. Freisetzung aber muss nicht Arbeitslosigkeit bedeuten, sondern kann als Chance genutzt werden, neue, dringende Aufgaben in Angriff zu nehmen. Wer in einer Zeit, in der die Entalphabetisierung dramatisch zunimmt, unnötige Arbeitsplätze im Handwerk oder beim Biotopenschutz schafft statt im Bildungswesen, handelt konventionell kurzsichtig und unverantwortlich. Was wir brauchen, ist nicht ein Bündnis für Arbeit, sondern ein Bündnis für sozialen, menschlichen, gesellschaftlichen Fortschritt. Ein solches Bündnis würde mehr Arbeitskräfte benötigen, als Arbeitslose gemeldet sind, und die Voraussetzung künftiger Produktivität sein.

Unsere Wirtschaftsordnung hat nur Zukunft, wenn es ihr gelingt, nach Wohlstand auch Glück zu schaffen. Erreicht sie das nicht, wursteln wir beschäftigungstherapeutisch weiter wie bisher, bleibt nur ein Rat: Kaufen Sie Pharmaaktien, denn Pharmaunternehmen werden die Endzykliker eines auf die Ökonomie reduzierten Spätkapitalismus sein. Ihr Arbeitskräftebedarf ist freilich äußerst gering.
© 1999 Karl Pawek
pawek@web.de

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