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a . . Der Ausstiegswahn 

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Wohl zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit will die politische Mehrheit eines Landes die Nutzung und Weiterentwicklung einer Technologie beenden. Ähnliche Absichten gab es schon früher und gibt es heute in religiös geprägten Ländern. Wie in Deutschland gegen Atomkraftwerke wehrten sich Menschen in England gegen Höllenmaschinen, die aus Dampf mechanische Bewegung erzeugten, bekämpfen Fundamentalisten nicht nur in Afghanistan elektronische Medien. Im Unterschied aber zu diesen bisher vergeblichen Versuchen von Minderheiten, technologische Möglichkeiten nicht zu nutzen, sie vielmehr zu verbieten, scheint in Deutschland zumindest für eine Legislaturperiode ein Ausstieg aus der Atomtechnologie realisierbar.

Die Verfechter des Ausstiegs verweisen auf das Risiko von Atomkraftwerken. Ihre Argumentation provoziert ein paar Anmerkungen unabhängig vom tatsächlichen Gefährdungspotential, dessen Einschätzung nur Unwissenden leicht fällt:
Was nützt es, deutsche Atomkraftwerke abzuschalten, wenn nur wenige Kilometer jenseits der deutschen Grenzen auch künftig Atomstrom erzeugt wird? Wirklich sicher fühlen sich die Betroffenen, die Atomkraftgegner doch nur, wenn sie im Umkreis von mehreren 1000 Kilometern kernkraftwerksfrei leben können. Als sich das Unglück von Tschernobyl ereignete, flüchteten jene, dies es sich leisten konnten, bis nach Portugal. Es ist daher anzunehmen, dass der Atomausstieg in Deutschland nur der Anfang eines zumindest europaweit erwarteten und erwünschten Verzichts ist. Sollte es aber – vielleicht auf Grund unterschiedlicher Mentalitäten – nicht dazu kommen, müsste zumindest Europa wieder einmal am deutschen Wesen genesen, weil der eigene Ausstieg andernfalls sinnlos wäre.

Und wie werden wir es mit Stromimporten, mit dem grenzüberschreitenden Stromaustausch halten? Da man Strom seinen Erzeugungsantrieb nicht ansieht, kann Atomstromverzicht nur Autarkie bedeuten, ein anachronistisches Wirtschaftsideal mit bestenfalls isolationistischen, in der Regel jedoch bald auch aggressiven Folgen. Oder wollen wir das mit dem Atomstrom so genau nicht nehmen und damit zufrieden sein, dass kein Atommüll auf oder in deutschem Boden lagert? Dies entspräche einer Haltung, die dem deutschen Bürger, wenn er gerade einmal nicht missionarisch tätig ist, sehr vertraut sein dürfte und bereits in der apolitischen Spätfriedensbewegung mit ihren atomwaffenfreien (Schreber-) Gärten zu beobachten war: der Wunsch nach Harmonie, Ruhe, Sicherheit, das sprichwörtliche St.-Florians-Prinzip, die deutsche Zivilgesellschaft mit ihrer aggressiven Heimeligkeit.

Nun wird niemand bestreiten, dass auch die Atomstromgewinnung mit einem unvermeidlichen Risiko verbunden ist. Das Besondere an diesem Risiko freilich ist, dass es – anders als z. B. beim Kohlestrom – auch Konsumenten betrifft. Vergleicht man nämlich die Todesraten bei der Energiegewinnung, sind Kohlenbergbau und Kohleverbrennung ( wie auch Ölförderung und Gasgewinnung) sehr viel gefährlicher als die Atomstromerzeugung. (Nimmt man gar die Strommenge zum Vergleich, sind – trotz Tschernobyl und zahlreicher ungeklärter Vorfälle – bei der Errichtung und dem Betrieb von Windkraftwerken wohl mehr Menschen umgekommen als durch den Betrieb von Atomkraftwerken.) Der Unterschied zwischen den Risiken besteht darin, dass die Gefahren der traditionellen Energiegewinnung Arbeiter betreffen, die man nicht kennt und die einem nichts angehen, das Atomrisiko aber auch von Bildungsbürgern, Schöngeistern und Erben getragen werden muss. Deren Ängste um das Wohlbefinden ihrer Sippen gebar die friedfertig nur scheinende erbärmliche Ideologie des Verzichts.

Ein Ausstieg aus der Atomenergie bedeutet, Herausforderungen nicht anzunehmen, sich zu bescheiden, sich und seinen Mitmenschen nichts zuzutrauen. Entwicklungspsychologisch betrachtet handelt es sich dabei um ein geläufiges Phänomen. Jeder Mensch steht immer wieder vor der Entscheidungsmöglichkeit, sich Unvertrautes zuzumuten oder es sein zu lassen. Wer sich für das unbekannte Neue entscheidet, scheitert vielleicht, behält aber zumindest die Chance dazuzulernen. Wer aus Angst (anders als aus Großmut) verzichtet, hat bereits resigniert, wird, soviel er auch joggen oder Rad fahren mag, zum Mithocker bei den ewig unzufriedenen Besitzstandswahrern.

Einmal mehr wird deutlich, dass Widerstand an sich noch nicht politisch und schon gar nicht fortschrittlich ist. Wer Widerstand leistet, weil ihm etwas nicht passt, handelt naiv reaktionär. Die Grünen, die Ökologen und nicht etwa lächerliche Neonazis bilden das Sammelbecken der Reaktion auf dem Zeitgeistniveau. Die klügeren Konservativen haben dies längst bemerkt, höchstens noch formale Vorbehalte halten sie vom Schulterschluss ab.

Das Klientel der Ökologen und Grünen besteht überproportional zur Gesellschaft aus Akademikern, Bildungsbürgern, Schwärmern, Erben. Nie in der deutschen Geschichte hat sich diese Gruppe bewegter Intelligenzler politisch fortschrittlich verhalten. Der Geist in Deutschland (oder was man hierzulande dafür hält) stand mehrheitlich immer rechts. Lehrer, Journalisten, Autoren, Professoren usw. haben sich nicht nur in ihrer überwältigenden Mehrheit jeweils der Rechten angeschlossen, seit die Germanen lesen und schreiben lernten, sondern die Rechte geformt, getragen, angeleitet, geführt. Es wäre ein fataler Irrtum, aus der Vielzahl überlieferter Namen von fortschrittlichen deutschen Intellektuellen auf die Geisteshaltung dieser Spezies allgemein zu schließen. Erinnert werden nämlich nur jene, deren Denken Bestand hatte zumindest über eine Epoche hinaus. Alle anderen aber, die überwältigende Mehrheit konservativer, meist reaktionärer Bildungsbürger, gerieten alsbald in Vergessenheit, weil ihr Denken konfrontiert mit der sich weiter entwickelnden Wirklichkeit früher oder später seine Dümmlichkeit offenbarte. (Man muss nur 1000 zufällig gewählte Schriften aus irgendeinem Jahrhundert gelesen haben, um eine realistische Einschätzung der Intelligenz zu gewinnen. Wer dabei zwei oder drei Texte findet, deren Lektüre nicht ärgerliche Zeitverschwendung ist, hat Glück gehabt.)

Warum soll es heute anders sein, nur weil die Bewegung ihre Farbe gewechselt hat? Komisch an diesen Grünen und Ökologen ist nur, dass sie so verächtlich über ihre Eltern und Großeltern denken, sich über sie lustig machen oder sich ihrer gar schämen, ist doch auch in ihrem Fall der Apfel nicht weit vom Stamm gefallen.
© 1999 Karl Pawek
pawek@web.de

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