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. Sind die Verhältnisse erträglich, fällt es dem Menschen schwer, Alternativen zu denken. Zu den Versäumnissen aus Gewohnheit zählt eine radikale Kritik der Schule, die sich in unserer Gesellschaft fast immer auf eine Effizienzkritik beschränkt. Auch PISA misst letztlich nur Quantitäten, obwohl die Befähigung zum Lernen sehr viel wichtiger ist als die Menge des Gelernten. Unberücksichtigt bleibt zudem meist, dass sich die Schule in den letzten Jahren verändert hat, indem sie sich notgedrungen von einer Bildungseinrichtung zu einer Erziehungsanstalt zurückentwickelte. Immer mehr Zeit kostet es Lehrern, häusliche Versäumnisse in der Sozialisation und bei den Bildungsgrundlagen zu korrigieren. Doch als Reparaturbetrieb gesellschaftlicher Fehlentwicklungen ist unsere Schule hoffnungslos überfordert.
Längst wissen wir, dass sich die Grundlagen des Lernens bereits im Säuglings- und Kleinkinderalter herausbilden. Über das intellektuelle Potential eines Menschen entscheidet weniger der Schulbesuch, der bestenfalls Defizite schmälern, Begabungen fördern und Fähigkeiten aktivieren kann, als die ersten Erfahrungen eines Kleinkindes mit seiner Umwelt. Wechselnde optische, taktile, akustische, später vor allem sprachliche und emotionale Eindrücke formen die Organisationsstruktur des kindlichen Hirns, indem sie z. B. den Grad seiner Vernetzung und Aktivierung bestimmen. Wer einen Säugling, wie es üblich ist, in Ruhe lässt, ihn vor Hell-Dunkel-, Laut-Leise-, Kalt-Warm-Kontrasten, vor dem Anfassen aller Gegenstände, die nicht aus poliertem Holz sind, bewahrt, beraubt ihm der Entwicklung seines Potentials. Diese Form der Fürsorge macht Kinder dumm wie später die Ansprache im Kinderkauderwelsch. „Schnucki“ und „Putzi“ und „Töfftöff“ sind nicht kindgerechte Wörter, sondern wirklich so blöd, wie sie sich anhören. Würde das „Schnucki“ mit seinem Vornamen angesprochen, würden die Gegenstände seiner Umgebung mit ihrer richtigen Bezeichnung benannt, wäre das Kleinkind früher in der Lage, den Schritt von der Lautmalerei zur Artikulation zu vollziehen. Eine deutliche, dialektfreie Aussprache der Eltern könnte zudem das Kind vor Rechtschreibschwächen bewahren.
Da ist es doch verwunderlich, dass angehende Eltern in der Regel Schwangerschaftskurse besuchen, sich über die Vor- und Nachteile diverser Gebärtechniken informieren, zahlreiche Untersuchungen über sich ergehen, eine frühzeitige Geschlechtsbestimmung durchführen lassen und nach der Geburt durchaus bereit sind, ihr eigenes Leben auf eine Versorgungseinrichtung zu reduzieren, deren Hauptaufgabe darin zu bestehen scheint, jeder Unmutäußerung des Säuglings durch vorauseilende Besänftigung zuvorzukommen, dass aber dieselben Eltern so gut wie nichts wissen oder lernen über die Entwicklung eines Säuglings zum Menschen.
Wenn es uns mit der Forderung von Chancengleichheit ernst ist, darf ein Mensch während seiner wahrscheinlich entscheidenden Lebensphase nicht unnötigen Zufällen ausgesetzt sein. Aber aus Angst, die von den meisten Muttis und Vatis so sehnlich gewünschte Elternbindung des Kindes zu gefährden, stößt eine Fremdbetreuung des Nachwuchses bei den meisten Eltern auf heftigen Widerstand. Dabei wussten Adelige und Bourgeois sehr gut, warum sie für ihre Kinder eine Betreuung engagierten. Ihr Motiv war nicht nur Bequemlichkeit oder Zeitmangel, sondern die Ahnung, dass permanente Kommunikationsmöglichkeit die optimale Kleinkinderförderung darstellt.
So früh wie möglich und spätestens mit der Entwöhnung von der Muttermilch sollten Kleinstkinder zunächst die Möglichkeit, dann die Verpflichtung haben, einen neuen Typ von Grundschule zu besuchen, in der qualifiziertes Personal nach wissenschaftlichen Standards die kleinen Lebensschüler betreut und fördert. Dazu braucht es keiner liebevollen Ersatzmuttis und –vatis, sondern Lehrerinnen und Lehrer mit spezieller Ausbildung in den Bereichen Entwicklungspsychologie, Kindermedizin und Gehirnphysiologie. In Kleingruppen könnte bereits im Alter von drei oder vier Jahren weniger das Rechnen als ein Mathematikverständnis, weniger Rechtschreibung als ein Sprachvermögen vermittelt werden. Derart geförderte Kinder wären in der Lage, sich bis zu ihrem zwölften Lebensjahr praktische wie intellektuelle Fähigkeiten anzueignen, deren Niveau (bei allerdings veränderten Inhalten) dem heutigen Abiturientenwissens entsprechen würde.
Doch was soll danach mit den Jugendlichen geschehen? Zwar verbietet der kleinbürgerliche Traum von Kindheit, eine Arbeitswelt für Zwölfjährige auch nur zu denken, doch schlimmer als Kinderarbeit ist die Infantilisierung junger Menschen durch naive Kinderfreunde. Während ernsthaft überlegt wird, das Renteneintrittsalter für zunehmend demente, kranke, überforderte und daher frustrierte Menschen auf 70 oder gar 75 Jahre zu erhöhen, werden geschlechtsreife Kinder durch unsere Fürsorge unmündig gehalten. Aber wie es heute Sechzehnjährigen absurd erscheint, dass ihre Eltern noch im Alter von 20 Jahren deren Eltern für jeden Kinobesuch, jeden Ausflug um Erlaubnis fragen mussten, werden unsere Urenkel mit zwölf Jahren eine Mündigkeit ab 18 nur noch lächerlich finden. Und wenn unsere Bourgeoisie Arbeit für so schrecklich hält, dass sie diese Arbeit Kindern ersparen möchte, sollte sie sich weniger um ein Kinderschutzalter kümmern als um die Arbeitsverhältnisse. (Wie verlogen der Kampf gegen Kinderarbeit ist, habe ich als Kind selbst erfahren: Schon als Elfjähriger habe ich ohne Bezahlung an Wochenenden, gelegentlich auch vor Schulbeginn an Wochentagen durchaus freiwillig gearbeitet, ohne dass ein einziger Erwachsener, gar ein Lehrer dagegen opponiert hätte. Ich war Messdiener.) Kinder jedenfalls, die sich durch Arbeit Unabhängigkeit erkaufen und Anerkennung jenseits des Bravseins gewinnen können, scheuen die Arbeit nicht und würden unter veränderten Bedingungen gerne ihre beschützte Abhängigkeit gegen eine gewiss nicht mühelose Selbstständigkeit eintauschen.
Zumal sie eine zweite Lernchance hätten. So antiquiert es ist, dass Menschen in ihrer Jugend bis zu 13 Jahre lang eine Schule und anschließend vielleicht noch vier oder fünf Jahre eine verschulte Universität besuchen müssen, so antiquiert ist es, dass dieser Schulbesuch dann für den Rest des Lebens reichen soll. In einer Zeit, in der sich Wissen in immer kürzeren Abständen verdoppelt, werden Menschen von morgen durch Lehrer von gestern mit ihrem Bildungsstand von vorgestern unterrichtet.
Eine verkürzte Schulzeit in der Jugend sollte daher durch ein Bildungsangebot im Erwachsenenalter ergänzt werden. Bildungsgutscheine für 6-8 Semester könnten es jedem und jeder ermöglichen, zu einem Zeitpunkt, den er oder sie für richtig hält, sich weiterbilden zu lassen, neue Wissensbereiche kennen zu lernen, sich intellektuell umschulen zu lassen. Die Tatsache, dass die Idee mit den Bildungsgutscheinen nicht neu ist, macht sie nicht falsch, im Gegenteil. Eine nachschulische Anpassung des Wissens- und Erkenntnisstandes wird immer dringender, um die sich verändernden Verhältnisse begreifen und mitgestalten zu können. Wie soll jemand, dessen schulisches Wissen bezüglich der Gentechnik sich auf die mendelschen Regeln beschränkt, die Gentechnologie verstehen? Wie soll jemand, dessen Ausbildungsziel Automechaniker war, ohne Computerkenntnisse auch in Zukunft seine Arbeit leisten können? Welcher niedergelassene Arzt leistet sich noch den Luxus einer Weiterbildung?
Obwohl Alternativen zu unserem herkömmlichen Schulsystem trotz aller erkennbar werdenden Unzulänglichkeiten auf absehbare Zeit keine Chance haben, weil auch die Institution Schule sich mehr um ihre Existenz als ihre Funktion kümmert, ist es wichtig, dass wir Alternativen zumindest denken. Denn alternativlos verdörren wir in einer Endzeitlichkeit, deren sterbenslangweilige Unproduktivität schon heute lähmend über unserem Land liegt.

 
© 2002 Karl Pawek

pawek@web.de
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