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a . Bambule

. Wiederholt demonstrierten in Hamburg tausende Menschen, bewacht von tausenden Polizisten, für das Recht von einigen Bauwagenbewohnern, sich den Standort ihrer Bauwägen selbst aussuchen zu dürfen. Nun gibt es in Hamburg sicher nicht weniger Menschen, die gerne im Stadtpark oder an der Alster ihre Wohnwägen und Zelte aufstellen würden, es aber auf Grund bekannter Verordnungen gar nicht erst in Erwägung ziehen, geschweige denn für die Verwirklichung ihres Wunsches demonstrieren. Da aber jede Demonstration gegen die Senatspolitik der Herren Schill, Beust und Konsorten gerechtfertigt ist, verdienen auch die Bauwagendemonstranten jede Unterstützung.
Was aber soll das Ausland von uns denken? Leben wir Deutsche denn in einer fast schon idealen Demokratie, dass gewöhnliche Verordnungswillkür die größten Demonstrationen hervorruft. (Die noch zahlreicher besuchten „Friedensdemonstrationen“ sind in Wahrheit keine Demonstrationen, sondern Kundgebungen, auf denen friedensbewegte Menschen ihre Übereinstimmung mit unserer im Irak- und Palästinakonflikt ebenfalls friedensbewegten Regierung bekunden. Und die Behinderung der Atommülltransporte nach Gorleben kann bestenfalls noch als Ritual gelten.) Wie glücklich muss ein Volk sein, das inmitten einer Welt von Elend, Horror, Unterdrückung nichts Schlimmeres im eigenen Land vorfindet als eine Zwangsräumung.
Natürlich hatte es die Jugend um 1968 leichter bei ihrem Kampf gegen die Verhältnisse. Ihr Protest gegen Nazideutschland und Nazibundesrepublik war nicht nur moralisch geboten, sondern zugleich wohltuender Vatermordersatz. Versager waren die Alten gewesen, feige und spießig und obrigkeitshörig. Ihre Schuld anzuprangern fiel um so leichter, als man sich selbst nie hatte bewähren müssen in vergleichbaren Situationen. Hinzu kam, dass sich der Protest ganz unauffällig und vielleicht sogar unbewusst mit dem altdeutschen Antiamerikanismus verbinden ließ; man beschimpfte Amerika wegen seines Krieges in Vietnam und durfte sich bei „Yankee go home“- Rufen sogar noch fortschrittlich fühlen. Und der Kampf gegen universitären Muff und sexuelle Unterdrückung und Zwangskleidung und Sauberkeitswahn war nicht nur überfällig, sondern durchaus vergnüglich. Man vögelte unbelasteter, konnte mittelhochdeutsche Seminare in politische Diskussionszirkel umwandeln, ohne seine Scheine zu riskieren, musste seine Zeit nicht für Putzen und Aufräumen vergeuden und durfte zusammen mit allen Genossen und Genossinnen in Jeans die Nonkonformität ausleben.
Gewiss, solch zynischer Rückblick ist ungerecht gegenüber einigen wenigen. Aber die Mehrheit der Revoluzzer von damals ist längst wieder dort angekommen, von wo aus sie einst aufbrach: Der Minister für den Jugoslawienkrieg, der Minister für das Dosenpfand, die Chefredakteure, die einsehen mussten, dass man Springer & Co. nicht so leicht enteignet und sich daher ihnen andienerten, die ehemaligen Kommunisten und kommunistischen Sektierer, die als Beamte und Bundesverdienstkreuzträger nicht mehr unterscheidbar sind von ihren Kollegen aus dem RCDS und noch schlagkräftigeren Verbindungen, sie alle lassen ahnen, dass 68 für viele nur ein Irrtum, bestenfalls ein Initiationsritus war.
Nur wenige haben 1968 wirklich etwas dazugelernt, sich politisiert, radikalisiert. Zumindest in ihrem Denken sprengten sie die Gummizellen der spießbürgerlichen Ideologie, nutzten das Instrumentarium des Marxismus, wollten die Verhältnisse begreifen, um sie mit Hilfe der Genossen im Osten ändern zu können. Aber Autonarren und Schönschwätzer an der Spitze, Anpassler und untertänige Zuträger an der Basis ließen den Sozialismus so weit verkommen, dass er seine Territorien dem Kapitalismus ausliefern musste. Wofür Millionen Menschen jahrzehntelang unter oft schrecklichen Bedingungen gekämpft, wofür hunderttausende ihr Leben gegeben haben, erwies sich als ein Trugbild. Seither scheint es zum Kapitalismus keine Alternative zu geben, Zukunft reduziert sich zur lähmenden Prolongation. Eine schreckliche, zunächst intellektuelle, nun auch ökonomische Müdigkeit breitet sich aus. Mit der Entpolitisierung wuchs die Privatisierung, die Suche nach dem individuellen Glück im Zeitvertreib und Konsum. Und weil es nichts anderes mehr gibt als das eigene Fortkommen, das private Glück, wächst die Angst. Zukunft, für politisch Denkende immer Inbegriff der Hoffnung, wird zur Bedrohung. Daher sind alle neuen gesellschaftlichen Bewegungen konservativ, oft reaktionär. Bewahren, Schützen, Verhindern sind die Schlagworte des neuen Biedermeiers. Doch Konservieren ist ein undankbares Geschäft, manchmal gelingt die Erhaltung, aber häufig genug lassen sich Verderbnis, Zerfall nicht verhindern.
Unter solchen Bedingungen ist bereits eine Bauwagendemonstration ein wichtiger Akt und lehrreich in der Konfrontation mit der Polizei. Nur reichen solche punktuellen Aktionen nicht aus. Wenn da und dort hin und wieder Menschen demonstrieren, weil sie von diesem oder jenen ganz persönlich betroffen sind, wird der Staat, werden seine Behörden durch partielles Nachgeben immer die geteilte Wut besänftigen können.
Die Folge der Entpolitisierung ist der Rückzug ins Private. Wer sich aber nur noch um das eigene Fortkommen kümmert, um die eigenen Lebensverhältnisse, um das ganz private Glück, wird schließlich scheitern. Denn seine Gegner, so sehr sie auch im Wettstreit untereinander liegen mögen, praktizieren im Notfall nicht nur uneingeschränkte Solidarität, sondern besitzen auch die Machtmittel, ihre Vorstellungen durchzusetzen.
Allerdings haben unsere Medien, unsere Schulen, unsere Politiker alles getan, um diesen Gegner unkennbar zu machen für das Volk. Ihm erscheint daher der Kapitalismus als Naturgewalt, die zu hinterfragen sinnlos ist. Wissenschaftler und Publizisten im Dienste des Kapitals haben zudem raffinierte Strategien entwickelt, eine scheinbare Interessensidentität zwischen Unternehmern und Volk herzustellen, zum Beispiel durch die Propagierung einer Aktien“kultur“. Der jederzeit von Arbeitslosigkeit bedrohte Arbeiter / Angestellte freut sich als verführter Kleinaktionär, wenn „sein“ Unternehmen Gewinne macht. Dabei weiß er sehr wohl, dass Gewinnsteigerungen primär durch Reduzierung der Arbeitsplätze zu erzielen sind oder durch Betrug am Kunden, indem man ihn dazu bringt, überteuerte Produkte zu kaufen. In jedem Fall sind die Kollegen des Kleinaktionärs, ist früher oder später der Kleinaktionär selbst das Opfer. Und groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er schließlich auch noch sein dem Unternehmen zur Verfügung gestelltes Geld verliert. Denn die verlockende Durchschnittsrendite der Aktienanlage in Höhe von 10% jährlich muss differenziert gesehen werden: Längerfristig setzt sie sich zusammen aus 0% für die Kleinaktionäre und 20% für die Großen. Die Enttäuschung ist vorprogrammiert.
Aber selbst in diesem Fall wird der entpolitisierte Bürger nicht dem Kapitalismus, sondern einzelnen Betrügern, bei größeren Krisen dem jüdischen Kapital die Schuld geben. Weil es ihm niemand erklärt hat, kann er nicht erkennen, dass das Kapital sich völlig rational verhält. Findet es irgendwo in der Welt billigere Arbeitsplätze, muss es allein schon der Konkurrenz wegen die Produktion verlegen. Gibt es eine Möglichkeit der Rationalisierung, muss sie genutzt werden. Scheint ein Monopol erreichbar, ist es mit allen Mitteln anzustreben, um optimale Preise erzielen zu können u.s.w. Um das zu begreifen und entsprechend zu handeln, muss man kein Jude sein, nur ein Betrüger. Kapitalismus nährt sich durch den Trick, den Menschen weniger zu geben, als er ihnen nimmt: Weniger Geld, als die Arbeitskraft wert ist, weniger Wert, als für eine Ware bezahlt wird. Doch nachdem es durch die jeder Privatisierung folgenden Entsozialisierung gelungen ist, das ganze Volk zu Kleinbetrügern zu machen, zu Vorteilsnehmern, wurde der Interessenskonflikt zwischen Kapitalbesitzern und Lohnempfängern wegillusioniert.
Arbeitslosigkeit, Krieg, Sozialstaatsbankrott sind nur Symptome, nicht das Problem. Gemeingefährlich ist der Kapitalismus. Nur weil er immer noch funktioniert und wir keine Alternative haben, heißt das noch lange nicht, dass es keine gibt. Zwar geht nichts ohne Mehrwert, aber die Verteilung dieses Mehrwerts, ob er wie bisher Kapitalisten oder künftig der Gesellschaft zugute kommt, ist entscheidend. Einem politischen Menschen sollte es also gleichgültig sein, wo sein Bauwagen steht, in dem er nach Alternativen sucht.
Gemeingefährlich ist jeder Aberglaube, gleichgültig, ob er Christus, Buddha, Allah oder den Rudolf Steiners gilt. Aberglaube ist, wie die Religionsgeschichte beweist, ein Produkt der Unwissenheit. Wo nun der Bauwagen steht, in dem ich mir Wissen aneigne, ist nebensächlich.
Gemeingefährlich ist schließlich die Entwicklung unserer Demokratie. Zumindest theoretisch könnte sie funktionieren in Zeiten, in denen Alternativen zur Wahl stehen. Inzwischen besitzt sie nur mehr Showqualität. Weil sich Vordenken nicht lohnt, schielen die Parteien primär auf das medial gesteuerte Stimmungsbarometer des Volkes und versuchen, sich wie Kandidatinnen bei einer Misswahl entsprechend attraktiv zu präsentieren. Da alle das Gleiche (bald wohl nur mehr das Selbe) im Angebot haben, entscheiden Äußerlichkeiten den Wahlerfolg. Die daraus entstehende Gefahr könnte einem bewusst werden ganz unabhängig vom Standort des eigenen Bauwagens.
Doch die Wege zur Erkenntnis sind nie gradlinig, und jede Demonstration ist besser als keine Demonstration. Drum macht kaputt, was euch kaputt macht, aber schlagt nicht den Esel, wenn es um den Sack geht.

 
© 2002 Karl Pawek

pawek@web.de
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