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Wieder einmal
haben Benimmbücher Konjunktur. Wie in den 50er Jahren, als aus dem Nachkriegschaos
die bundesdeutsche Wohlstandsgesellschaft entstand und Frau von Pappritz uns
über die Benutzung der Toilettenspülung in Neubauwohnungen belehrte,
drängt es auch heute wieder Autoren und Verleger, uns Umgangsformen beizubringen.
Angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen ist die Notwendigkeit
des Unterfangens einsichtig, fragwürdig freilich bleibt sein Nutzen.
Umgangsformen waren immer nur Codes, deren Beherrschung
die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaftsschicht erkenn- und überprüfbar
machte. Bereits die Anstandslehren des Mittelalters verzichteten darauf, die
Unterlassung von Mord, Diebstahl, Vergewaltigung, Betrug im Umgang der Menschen
miteinander zu fordern, dies galt, so häufig die Gebote auch übertreten
wurden, als selbstverständlich. Gutes Benehmen war nie eine Frage der
Moral, sondern der Beherrschung von Regeln. Diese wechselten allerdings so
häufig, dass Benehmen in einer sich wandelnden Gesellschaft zur Glücksache
wurde. Ein Verhalten, das in Paris oder London längst en vogue war,
konnte in Hamburg verächtliches Stirnrunzeln hervorrufen, bis es, begleitet
vom Spott der Pariser oder Londoner, viel zu spät auch in der Hansestadt
übernommen wurde. Der Umgang mit Kir Royal oder Wangenküssen z.
B. unterscheidet heute den Provinzler aus der Unterschicht vom Zeitgeistavantgardisten.
Die meisten Regeländerungen entbehren dabei jeder begründbaren
Rechtfertigung, sind rein normativ. So musste man in Deutschland bis in die
Mitte unseres Jahrhunderts die Suppe mit der Löffelspitze einnehmen,
um zur guten Gesellschaft zu gehören, erst seit den 50er Jahren
darf sie wieder von der Löffelseite in den Mund fließen. Und obwohl
moderne Edelstahlmesser längst nicht mehr anlaufen, gilt vielen das
Schneiden von Kartoffeln immer noch als unfein.
Die Lächerlichkeit mancher Benimmregel darf freilich
nicht die Sicht auf bedeutsamere Entwicklungen versperren. In einer hierarchisch
gegliederten Gesellschaft hatten Codes tatsächlich eine Unterscheidungs-
und Vorbildfunktion. So musste vom 15. bis ins 17. Jahrhundert an einer vornehmen
Tafel das Brot mit dem kostbaren und daher seltenen Messer geschnitten werden.
Als nun das Bürgertum sich ebenfalls Messer in größerer Zahl
leisten konnte und sein Brot ebenfalls schnitt, setzte die Aristokratie eine
neue Norm: Als Geste aristokratischer Eleganz, die Schlichtheit ausdrücken
sollte, forderte sie nun wieder das Brechen des Brotes mit der Hand. Vergeblich
verlangte daraufhin eine bürgerliche Anstandslehre trotzig: „Das Brot
mit der Hand flach zu drücken und dann mit den Fingerspitzen kleinen
Stücke abzubrechen, das ist ein Vergnügen, das du gewissen Leuten
bei Hofe überlassen musst. Für dich schickt es sich, das Brot anständig
mit dem Messer zu schneiden.“ Der Klassenstandpunkt unterlag der Vorbildfunktion,
bis heute brechen auch Gewerkschaftsführer zumindest in Restaurants das
Brot - „wie es sich gehört“ - mit der Hand.
Wenn Sybil Gräfin Schönfeldt, deren Lehren des
guten Tons immer wieder neu aufgelegt werden, meint, Messer, Gabel und Löffel
fände man seit Jahrtausenden in allen Kulturen, unterliegt sie einem
Irrtum. Ganz abgesehen davon, dass auch heute noch nur ein Drittel der Menschheit
diese Esswerkzeuge benutzt (ein Drittel isst mit Stäbchen, ein Drittel
mit den Fingern), ist z. B. der Gebrauch der Gabel bei uns erst seit gut 200
Jahren üblich. Zwar fand ihre erste Verwendung in unserem Kulturkreis
bereits vor 1000 Jahren statt. Petrus Damiani beschrieb den unerhörten
Vorgang, der sich 995 bei der Hochzeit einer byzantinischen Prinzessin in
Venedig ereignete: „Sie rührte keine Speise mit den Fingern an, sondern
die Eunuchen mussten ihr die Gerichte in kleine Stücke haargenau schneiden,
die sie sich dann mit einem zweizinkigen Gäbelchen aus Gold in den Mund
schob.“ Aber Prinzessin Argillo wurde damals schlicht als überspannt
angesehen, ihrem Geziere an der Tafel entsprach ihr Verlangen, ausschließlich
in Tauwasser zu baden.
Auch unsere vornehmsten Vorfahren griffen damals noch mit
ihren Händen in die gemeinsame Schüssel, erst im 11. Jahrhundert
entstand als Unterscheidungsmerkmal vom Pöbel die Sitte, nur mehr die
drei linken Finger der rechten Hand in eine Schüssel zu tauchen. Die
schon den Römern als Bratenspieß bekannte Gabel galt als Satanswerkzeug
und war während des gesamten Mittelalters vom Kirchenbann belegt, Hildegard
von Bingen geißelte die „Verhöhnung und Verärgerung Gottes
durch die Benutzung des teuflischen Instrumentes statt der Finger, um die
Mäuler zu stopfen“. Obwohl der König von Frankreich im 14. Jahrhundert
bereits 12 Gabeln besaß, wird ihr Gebrauch noch 1558 in einer Anstandslehre
nicht einmal erwähnt. Statt dessen heißt es: „Vor der Mahlzeit
tust du recht daran, dir, ob es nötig sei oder nicht, vor allen Augen
die Hände zu waschen, damit jene, die ihre Finger mit dir zusammen in
eine Schüssel tauchen, die Gewissheit haben, dass du die deinen gereinigt
hast.“
Montaigne, einer der gebildetsten Männer des Jahrhunderts,
bekannte: „Manchmal esse ich so hastig, dass ich mich in den Finger beiße.“
Der italienische Komponist Monteverdi ließ hundert Jahre später
für jede Mahlzeit, bei der er eine Gabel benutzen musste, zur Buße
dieser Tabuverletzung drei Messen lesen. Im 18. Jahrhundert wurden in den
meisten französischen Restaurants keine Gabeln gereicht (was Goethe veranlasste,
sich ein Reisebesteck zu kaufen), und noch vor 100 Jahren war es den Matrosen
der britischen Marine untersagt, Messer und Gabel zu benutzen, weil dies
der Disziplin und Männlichkeit abträglich sei.
Angesichts solch fundamentaler Besteckfragen scheinen unsere
Sorgen um die richtige Plazierung und das richtige Anfassen des Bestecks ein
wenig übertrieben. Doch lassen sich am Umgang mit den Esswerkzeugen drei
Regulatoren des guten Benehmens erkennen. Ihre Anordnung auf der Tafel, ihre
Zuordnung zu den Speisen (Oliven? Nur mit dem Löffel!) und ihr Gebrauch
sind zunächst Ausdruck des gerade gültigen gesellschaftlichen Codes.
Er erlaubt Rückschlüsse auf die Klassenzugehörigkeit des Essers,
ist somit ein Erkennungszeichen. Darüber hinaus ist der Gebrauch solcher
Instrumente durchaus vernünftig, weil hygienischer als das Essen mit
den Fingern. Schließlich aber ist er auch Ausdruck gesellschaftlicher
Veränderungen seit dem Mittelalter, nämlich der von Elias beschriebenen
Distanzierung des Menschen von seinem Nachbarn. Erst schlief man nicht mehr
nackt in einem Bett, dann aß man nicht mehr aus einer Schüssel,
schließlich zog man sich in die Privatheit eigener Zimmer zurück.
Diese Distanzierung hatte Folgen für das als richtig angesehene Benehmen.
Noch in der Renaissance galt das Anfassen eines weiblichen Busens durch einen
Fremden als Huldigung, als Schmeichelei. Doch wie beim Umgang mit Essbestecken
entwickelte sich auch in der Sexualität eine größere Distanz
zum Körper des anderen, endlich zum eigenen Körper. Ein Ratgeber
für junge Mädchen forderte 1884: „Wenn Du ein Bad nimmst, so streue
etwas Sägemehl auf das Wasser, damit Dir der peinliche Anblick Deiner
Scham erspart bleibe.“ Manchmal mutiert ein Code zur Moral.
Benimmbücher haben immer etwas Komisches und zugleich
Vergebliches an sich. Komisch wirkt ihre Ernsthaftigkeit, Bedeutsamkeit, mit
der alsbald überholte Standards eingefordert werden. Komisch ist z.
B. ihr Festhalten an Kleiderordnungen, die es natürlich auch heute noch
gibt: Wo nicht Frack oder Smoking die Gruppenzugehörigkeit bestimmen,
sind es zwei oder drei Streifen auf den Turnschuhen, dieser oder jener Name
auf dem sichtbar getragenen Etikett, für Leseschwache tut es auch ein
Tiersymbol. Komisch wirken die längst durchschauten Unterdrückungsmechanismen
der Höflichkeit (was Frauen zur Ehre dargebracht wird, soll sie nur schwach
und hilflos halten), die hierarchischen Sitz- und Grußordnungen (wo
Alter, so ab 40, nicht als Erfahrung, sondern als Behinderung gesehen wird),
die Formalien des gesellschaftlichen Umgangs („Auf eine Verlobungsanzeige
antwortet man mit einer schriftlichen Gratulation“), wenn die Mehrheit aller
Paare nicht mehr heiratet, geschweige denn sich verlobt. Solche Ratschläge
in aktuellen Benimmbüchern sind nur vergebliche Versuche, ein erkennbares
Defizit an Umgangsformen durch antiquierte Höflichkeitsrituale aufzuheben.
Wo es aber keine Stände mehr gibt, muss es auch am Anstand fehlen, kann
Verhalten alles Mögliche sein, nur nicht unanständig.
Schon die Sprache entlarvt Höflichkeit als reaktionär.
Was schert uns Demokraten die Etikette? (Ludwig der 14. soll, als sich im
Schlosspark von Versailles niemand mehr an die aufgestellten Schildchen =
Etiketten hielt, die das Betreten des Rasens untersagten, ein Dekret erlassen
haben: „Jedermann muss sich an die Etiketten halten.“) Und warum soll ich
links von einer Frau gehen, wenn ich für gewöhnlich keinen Degen
an meiner linken Seite trage, der gegen ihre Beine schlagen könnte?
Gegen die Antiquiertheit, oft Verlogenheit der Höflichkeit
- selbstverständlich gab es viele sehr höfliche Nazis - opponieren
auch moderne Konservative wie Cora Stephan. Nüchtern verlangt sie das
Erlernen von Umgangsformen, um den als unausstehlich empfundenen Menschen
nicht an die Gurgel zu gehen: „Das ist der tiefere Sinn der Umgangsformen:
einer Begegnung mit Fremden in einer Welt, deren Hauptkapital nicht gerade
das Vertrauen ineinander ist, die Bedrohlichkeit zu nehmen.“
Selbstverständlich brauchen wir Umgangsformen, die
ein erträgliches Zusammenleben ermöglichen. Die Straßenverkehrsordnung
bietet dafür ein weitgehend akzeptiertes Vorbild: Wer auf gleichberechtigten
Straßen von rechts kommt, hat - unabhängig von Geburt, Geschlecht,
Verdienst oder Alter - Vorfahrt, Drängeln ist ebenso verboten wie rechts
Überholen etc. Ein modernes Benimmbuch könnte analog zur Straßenverkehrsordnung
ein Regelwerk des gesellschaftlichen Umgangs aufstellen (vielleicht mit einem
Sonderkapitel für Radfahrer?). Es könnte dabei auch die Schicklichkeitsfragen
von heute behandeln, Fragen der Mülltrennung, der Grenzen sexueller Anmache,
des Umgangs mit Ausländern (Wer grüßt zuerst? Der junge deutsche
Polizist oder die alte türkische Frau?), des Umgangs mit einem Handy,
des Verhaltens im Internet...
Solch ein modernes Benimmbuch wäre gewiss amüsant,
würde aber nicht viel an den unerträglich werdenden Verhältnissen
ändern. Denn nicht die Regeln sind das Problem, sondern unser aller Sozialverhalten.
Wo Hierarchien nicht mehr für Ordnung sorgen, kann uns nur gegenseitige
Achtung, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft vor der Barbarei schützen.
Die Verweigerung gegenüber längst überholten Höflichkeitsritualen
in den 60er und 70er Jahren war sinnvoll und gerechtfertigt. Nur haben wir
unbedarfte Revoluzzer von damals es uns zu einfach gemacht. Weil wir viel
unsinniges autoritäres Geschwätz zu hören bekommen hatten
von Eltern und Lehrern, glaubten wir, unseren Kindern das Zuhören ersparen
zu können. Fördern statt Fordern wurde zur Erziehungsmaxime und
Kant zum reaktionären Knilch: „Der Mensch kann nur Mensch werden durch
Erziehung.“
Ökonomisch sorgenfrei trieben wir den Individualismus
bis zum Narzissmus, machten uns und unsere Befindlichkeit zum Maßstab
aller Dinge. Was vergnüglich und befreiend war, erweist sich nun als
infantil, zerstörerisch. Immer häufiger trifft man Menschen, denen
ihr asoziales, rücksichtsloses Verhalten nicht mehr bewusst wird. Unfähig,
Triebverzicht zu leisten, handeln sie nach ihrer Lust und Laune, ohne für
ihre Handlungen die geringste Verantwortlichkeit zu empfinden. (Viele jugendliche
Straftäter wissen wirklich nicht, was sie tun.) Dem ist nicht mit Benimmbüchern,
autoritären Normen, Erziehungsanstalten oder gar Justizmaßnahmen
beizukommen, da es sich um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen der
egozentrischen Selbstverwirklichung handelt. Der erfolgreiche Ellbogenvirtuose
unterscheidet sich vom jugendlichen Bandenboss nicht mental, er hatte nur
mehr Glück und bessere Chancen in der Wahl seiner Strategie. Beide handeln,
wie es ihnen nützlich scheint, ohne Verantwortung, Rücksichtnahme.
Ursache dafür ist nicht schlechtes Benehmen, nicht das Versäumnis,
ihnen beigebracht zu haben, welche Hand man als „richtige“ reicht (im Gegenteil,
die größten Schurken wissen sich meist formvollendet zu benehmen),
sondern mangelnde Sozialisation in der Kindheit. Dabei dominiert längst
nicht mehr die einst viel beklagte Wohlstandsverwahrlosung, als Kinder statt
Rat und Anleitung Geldgeschenke erhielten und sie nichts entbehrten außer
der Fürsorge. Heute ist es vielmehr die oft absurde Rücksichtnahme
auf Kinder, auf ihre momentanen Bedürfnisse, ihre Selbstverwirklichung.
Vor allem allein erziehende Mütter und Väter überhäufen
ihr eigen Fleisch und Blut mit all der Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft,
die sie ihrem Zeugungspartner nicht gewähren konnten oder wollten. Nicht
selten entwickelt sich dabei das Objekt ihrer Liebe, die meist nur Verhätschelung
ist, zur terroristischen Plage, bis das Verhältnis solch unterforderter
Kinder zu ihren überforderten Eltern(teilen) im gegenseitigen Anbrüllen,
gelegentlich auch in Tätlichkeiten endet. Wer im Kind das Zentrum seiner
Welt sieht, macht es zum Egozentriker.
Für einen Führerschein muss jeder lernen, sogar
zwei Prüfungen ablegen; die beim Schulbeginn schon weitgehend geprägte
Entwicklung eines Säuglings zum Menschen dagegen verlangt vom Erziehungsberechtigten
keine Kenntnisse, keine Fähigkeiten, auch Dummköpfe, Psychopathen,
Sadisten gelten allein ihrer Elternschaft wegen als qualifiziert.
Was wir brauchen, sind nicht so sehr Benimmbücher,
wichtiger wären Erziehungsratgeber, notwendig ist die Diskussion einer
Erziehungskultur auch außerhalb der staatlichen Einrichtungen. Wer wem
die Türe aufhält, ist doch völlig gleichgültig, wenn nur
jeder willens ist, es zu tun.
pawek@web.de
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