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Paweks online Magazin |
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| a | . | Demokratie wagen | ||||||||
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Zu den
Selbstverständlichkeiten westlicher Lebensart zählt zur Zeit
die Demokratie.
Aber wie so oft bei Selbstverständlichkeiten erweist sich auch die
Staatsform
Demokratie als Fiktion. Wer immer bei uns herrschen mag, das Volk ist
es nicht.
Es wäre dazu auch gar nicht in der Lage. Rund die Hälfte der
Bevölkerung empfindet Politik als Schicksal, das es zu ertragen
gilt.
Ahnungslos reden diese Menschen von denen da oben, die angeblich
machen, was
sie wollen. Der „kleine Mann“ sei doch nur „Spielball der
Mächtigen“. Getreu
der Operettenweisheit, „vergiss, was nicht zu ändern ist“, suhlen
sie sich
denkfaul in ihrem Opferdasein und verzichten auf jede Wahl. Weitere 30%
verstehen ebenfalls nichts von Politik, wollen aber zumindest ihren
Interessen
entsprechend gut verwaltet werden. Aus dieser Gruppe stammen die
meisten
Traditionswähler der Volksparteien. Ihr eigentümliches
Demokratieverständnis
offenbart sich im Gebrauch der Floskel „Vater Staat“. Vielleicht 10%
haben ein
Anliegen wie Umweltschutz oder Steuerminderung, das sie an
Interessenvertreter
delegieren. Die restlichen 10% wollen Veränderungen, deswegen
gelten sie als
Extremisten. Nach diesem zugegeben groben
Raster können höchstens 20% der Bevölkerung als
politisch im engeren Sinne
bezeichnet werden. Mehr würde unsere Gesellschaft auch nicht
vertragen, denn
die wichtigste Voraussetzung für Demokratie, wie sie bei uns
praktiziert wird,
ist die politische Abstinenz der Bürger. Andernfalls wären
die Macht- und
Besitzverhältnisse gefährdet. Dieses Problem kannten die
Griechen noch nicht. Was man uns als Urform der Demokratie preist, war
ein
Debattierclub der hochwohlgeborenen Männer. Unter Ausschluss der
Frauen und des
übrigens Gesindes handelten sie untereinander die Durchsetzung
partieller, in
außenpolitischen Konflikten auch gemeinsamer Interessen aus.
Obwohl die
tatsächliche Teilhabe an politischen Entscheidungen bescheiden
war, sollte es
nach dem Verfall der Stadtstaaten Jahrhunderte dauern, bis Westeuropa
wenigstens diesen Stand wieder erreichte. Zunächst waren es nur
die höchsten
Adeligen, die für sich Sitz und Stimme in Entscheidungsgremien
erzwangen. Mit
dem technisch und wirtschaftlich bedingten Erstarken des
Bürgertums im 17.
Jahrhundert drängte eine neue Klasse an die Macht. Eine Stimme
für jeden
Hausbesitzer, so lautete ihre Forderung. Die vom Bürgertum
betriebene
Industrialisierung verlangte spätestens im 19. Jh. einen neuen Typ
von
Arbeiter. Die notwendigen Arbeitsmassen konnten nicht mehr mit
Fußtritten und
Peitschenhieben zur primitivsten Arbeit gezwungen werden, sie sollten
sie,
wollten sie nicht verhungern, „freiwillig“, sprich selbstdiszipliniert
verrichten. Dazu aber mussten sie sich mit dem Ganzen, dem Staat, der
Nation
identifizieren können. Also erhielten auch jene Männer, die
zwar kein Land,
aber immerhin ihre Arbeitskraft besaßen, das Stimmrecht. Erst als
die Männer
nicht mehr ausreichten als Arbeitskräfte, wurde auch Frauen das
Stimmrecht
gewährt. Und seit kurzem dürfen sogar Fremdblütige,
Ausländer unter bestimmten
Voraussetzungen sich an der Wahl lokaler und regionaler Volksvertreter
beteiligen zwecks Integration. Demokratie entstand also
nicht aus Absicht, sondern aus Notwendigkeit. Sie ist, wie schon Marx
erkannte,
die Staatsform des bürgerlichen Herrschaftssystems. Von der
Monarchie oder
Diktatur unterscheidet sie sich im Ergebnis nur dadurch, dass an Stelle
direkter Machtausübung Suggestion und Illusion die Ausbeutung
leisten. Das
Dilemma liegt nun darin, dass sie das Herrschaftssystem auf keinen Fall
gefährden darf, dass also die Mehrheit der Bevölkerung nie
auf die Idee kommt,
die herrschende Klasse der Macht zu berauben. Ein simpler Trick
stabilisiert
die Verhältnisse. Da jeder Bürger unabhängig von
Abstammung und Vermögen das
gleiche Recht hat, mit seiner Wählerstimme seinen Vertreter, seine
bevorzugte
Partei zu wählen, hat er das Gefühl der Teilhabe an der
Macht. Bei allem Unmut
über Einzelentscheidungen können sich die Bürger in
einer Demokratie mit ihrer
Geschäftsführung identifizieren, schließlich ist sie
demokratisch gewählt und
kann, wenn die Mehrheit es will, alle paar Jahre ausgewechselt werden. Allerdings entscheidet der
Bürger in der Regel nicht über Sachfragen, sondern bestimmt
nur einen Vertreter
seiner Interessen, der freilich nicht ihm, sondern laut
Geschäftsordnung allein
seinem Gewissen, de facto seiner Parteiführung gegenüber
verantwortlich ist. Da
er nur im Namen des Volkes, aber nicht als dessen weisungsgebundener
Delegierter handelt, können die wirklich wichtigen Entscheidungen
von den
tatsächlichen Machthabern gefällt und den Volksvertretern zur
Billigung
nahegelegt werden. Als Argumentationshilfe gegenüber ihren
Wählern dienen
„Sachzwänge“, wobei die Sache nichts anderes ist als das Interesse
der
herrschenden Klasse. So erfüllt die
Volksvertretung einen doppelten Zweck: Nach unten suggeriert sie mit
Unterstützung der Medien und Bildungseinrichtungen den
Bürgern das Gefühl, dass
sie zumindest alle paar Jahre die Grundzüge der Politik bestimmen,
als Souverän
agieren können. Nach oben garantiert sie die Umsetzung
ökonomischer Interessen
bei größtmöglicher Akzeptanz der Ausbeutung durch die
Ausgebeuteten. Dafür wird
zur Not sogar die Mär von der Parteienvielfalt einer großen
Koalition geopfert.
Da der Genosse der Bosse mit seiner Umverteilungspolitik an
Akzeptanzgrenzen
stieß und die damalige Oppositionspartei nicht länger
opponieren konnte gegen
eine Politik, die auch sie für richtig hält, schlossen sich
SPD und CDU
zusammen, obwohl die Wähler der einen wie der anderen Partei dies
auf keinen
Fall wollten. Wer z. B. SPD wählte, wollte gewiss keine
Erhöhung der
Mehrwertsteuer, wer CDU wählte, wollte sie wohl ebenfalls nicht,
war aber
bereit, eine zweiprozentige Erhöhung in Kauf zu nehmen in der
eingeredeten,
doch absurden Hoffnung, mit dem Erlös könnten die
Lohnnebenkosten gesenkt und
die Wirtschaft angekurbelt werden. Der wahre Grund für die
Erhöhung der
Mehrwertsteuer war, dass sie die unauffälligste Art ist,
Geringverdiener
überdurchschnittlich zu belasten, also die Umverteilung
fortzuführen. Um den
Besitzstand der Reichen nicht antasten zu müssen, beschlossen
beide Parteien
eine Erhöhung um 3 Prozentpunkte. Viel deutlicher kann man nicht
aufzeigen, wie
eine Demokratie funktioniert. Die Voraussetzung des Tricks
ist das Stellvertreterprinzip. Nur so können Volksvertreter im
Namen des Volkes
beschließen, wozu die überwiegende Mehrheit der
Bevölkerung nie ihre Zustimmung
geben würde. Dieses Stellvertreterprinzip ist für die
herrschende, über
Produktionsmittel und Medien verfügende Schicht sehr
einträglich, wie ein kurz-
oder langfristiger Vergleich von Lohn-
und Aktienkursentwicklung zeigt. Zum Glück lässt sich eine
parlamentarische
Demokratie auch noch nachvollziehbar begründen
mit der Unmöglichkeit, eine ganze Nation zur
Diskussion und Abstimmung
zu versammeln. (Die häufigen Volksabstimmungen in der Schweiz
werden bei uns
als alpenländische Exotik belächelt, zumindest nie in ihrer
Bedeutung für das
Demokratieverständnis gewürdigt. Auch die Tatsache, dass
US-Bürger ihre
Polizisten und Richter vielerorts noch selbst wählen, gilt
hierzulande eher als
Relikt des Wilden Westens.) Plötzlich aber ist die von
allen Demokratietheoretikern so sehr bedauerte Einschränkung der
demokratischen
Entscheidungsgewalt auf die Wahl von Stellvertretern hinfällig
geworden durch
das Internet. In Kürze wird jeder, der bisher eine
Wählerbenachrichtigung
erhielt, Zugang zum Internet haben. Solche Bürger brauchen keine
Abgeordnete
mehr, für die Ausübung direkter Demokratie reichen ein paar
Notare, die die
wöchentlichen oder täglichen Abstimmungen überwachen und
den ausführenden
Organen die Entscheidungen des Volkes mitteilen. Mit dem Internet wird
die den
Wählerwillen verfälschende Repräsentation
überflüssig. Die Herrschenden werden sich
also etwas einfallen lassen müssen, um eine ihnen so
nützliche Demokratieform,
in der alles denkbar, aber kaum etwas gegen ihren Willen
veränderbar ist, zu
bewahren. Wir Souveräne aber sollten sie mit ihrem
Demokratiegeschwätz beim
Wort nehmen und einfordern, was technisch und organisatorisch endlich
möglich
ist: die direkte Demokratie. Obwohl schon die Vorstellung
entsetzlich ist. Menschen, die durch Medien und ältere
Bildungseinrichtungen
dumm gehalten werden, die bereits an der Komplexität ihrer
Videorecorder
scheitern, die mehr Ängste als Wissen besitzen und politisch wie
ökonomisch
ahnungslos sind, werden schreckliche Entscheidungen fällen. Doch
allein das
Recht zur Entscheidung kann ihre Verblödung überwinden. Nur
Lebewesen, und das
gilt schon für Erstklässler, die ernst genommen werden,
entwickeln jene Neugierde
und Lernfähigkeit, die einen Verdauungs- und
Fortpflanzungsorganismus zu einem
sozialen, intelligenten, entscheidungsfähigen Menschen
emanzipieren. Riskieren wir diesen
mühsamen und gefährlichen Entwicklungsprozess nicht, wird die
Demokratie noch
mehr zum Medienspektakel wie der „Suche nach dem Superstar“ verkommen.
Die
Entscheidungen jener aber, deren egoistische Kurzfristinteressen der
gewählte
Superstar uns verkaufen muss, werden noch viel gefährlicher sein
und die Mühen
zum Elend verschärfen. pawek@web.de |
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