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| a | . | Der Inflationsbetrug |
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Jeder,
der ein paar
Jahrzehnte Lebenserfahrung hat, kennt das Phänomen: Was vorgestern
noch für
eine Mark angeboten wurde, kostet heute einen Euro, also über 1,8
mal so viel.
Diese Geldentwertung nennen wir Inflation. Ihre Höhe wird an Hand
eines
Warenkorbes vom Statistischen Bundesamt berechnet. Die
veröffentlichten Zahlen
rufen regelmäßig Verwunderung hervor. Denn die gemeldeten
Inflationszahlen von
zwei oder 3 Prozent im Jahr stimmen so gar nicht überein mit den
Erfahrungen,
die Konsumenten beim Bezahlen machen, sei es bei Aldi oder Dallmayer,
im
Tabakladen, an der Tankstelle, in der Buchhandlung, beim Italiener ... Doch
der Eindruck, bei einer
gemeldeten Inflationsrate von 30% in 10 Jahren hätten sich die
Preise
verdoppelt, sei falsch, belehren die Statistiker die Bevölkerung
und verweisen
auf die „gefühlte“ Inflation. Gewiss hätten sich in den
letzten zehn Jahren die
Preise für manche Waren des täglichen Konsums
überdurchschnittlich verteuert,
doch seien im selben Zeitraum vor allem langlebigere Güter wie
Computer,
Waschmaschinen etc. auch billiger geworden. Da wir zwar täglich
Brot, aber nur
alle paar Jahre einen Computer kaufen, würden wir die
längerfristigen
Preisreduzierungen kaum bemerken und nur den Preisauftrieb bei Waren
des
täglichen Bedarfs in Rechnung stellen. Sieht
man sich allerdings
den der Inflationsberechnung zugrunde gelegten Warenkorb näher an,
wird die
„gefühlte“ schnell zur geahnten Inflation. Denn abgesehen davon,
dass die
Zusammensetzung der Warenkorbprodukte und exakte Angaben zur
Preisermittlung
wie ein Staatsgeheimnis gehütet werden (In welchen Läden
wurde der Preis
welcher Brotsorten ermittelt? Handelt es sich um das billige Toastbrot
bei Aldi
oder um ein Baguette eines noch selbstständigen Bäckers?),
verblüfft die Gewichtung
der rund 750 Ausgabepositionen für Waren und Dienstleistungen. Dem
offiziellen
Wägungsschema zufolge gibt ein Mensch in Deutschland von jeweils
1000 Euro
Einkommen 19 Euro 13 Cent für ärztliche und
zahnärztliche Dienstleistungen, für
Dienstleistungen nichtärztlicher Gesundheitsdienstberufe und
für
Krankenhausaufenthalte aus. 2 Euro 38 Cent mehr lässt er sich
audiovisuelle,
fotografische und Informationsverarbeitungsgeräte mit Zubehör
kosten. Für
Schuhe geben die Deutschen angeblich je 1000 Euro Einkommen nur 20 Cent
weniger
aus (10,17) als für Zentralheizung und Fernwärme (10,37).
Für Kaffee, Tee und
Kakao stehen 4,54 Euro zur Verfügung, für Teppiche und andere
Bodenbeläge 4,39
Euro. Versicherungsdienstleistungen im Zusammenhang mit Gesundheit
kosten uns
angeblich je 1000 Euro Einkommen 8,91 Euro, und das Essen außer
Haus ist uns
mehr wert (36,86 Euro) als Benzin, Diesel und Motoröl (34,09
Euro). Für
sämtliche Verkehrsdienstleistungen, also für unsere
Beförderung im Schienen-,
Straßen-, Luft-, See- und Binnenschiffsverkehr sowie für
„kombinierte
Personenbeförderungsdienstleistungen“ und andere „Ausgaben
für
Verkehrsdienstleistungen“ stehen uns je 1000 Euro Einkommen 19 Euro 17
Cent zur
Verfügung. In Hamburg bekommt man dafür nicht einmal 8
Fahrten mit öffentlichen
Verkehrsmitteln. Doch
nicht so sehr die
verwunderlichen konkreten Zahlen sind bedeutsam für die
Inflationsberechnung,
wichtiger ist ihr Verhältnis. Denn dieses Verhältnis
bestimmt, wie stark
Preiserhöhungen und Preisreduzierungen in die Inflationsberechnung
einfließen.
Ist der Anteil einer Ware oder Dienstleistung mit stabilen Preisen hoch
, der
Anteil einer Ware oder Dienstleistung mit exorbitanter Preissteigerung
dagegen
niedrig angesetzt, ergibt sich daraus eine sehr geringe Inflationsrate.
Sie
niedrig zu halten ist die Aufgabe der Statistiker. Notfalls ändern
sie – wie
2000 bei den Tabakwaren – die Gewichtung oder Zusammensetzung. Auch bei
der
Preisermittlung ist stabilisierende Kreativität gefragt. Doch
die Diskussion über den
Warenkorb ist bestenfalls ein Vergnügen für Korinthenkacker.
Denn die wirklich
relevanten Kostenverursacher sind im Warenkorb gar nicht enthalten.
Zwar
berücksichtigt er alle möglichen Dienstleistungen wie die der
Schuster oder
Friseure, Möbeltischler etc., doch den größten und
teuersten und geldgierigsten
Dienstleister, den Staat,
lässt er außen vor. Denn würde man die
Preissteigerungsrate der Steuern und
Abgaben berücksichtigen, müsste sich die Inflationsrate mehr
als verdoppeln.
Und das darf nicht sein, hängen doch von der verkündeten,
nicht von der
„gefühlten“ oder geahnten Inflation Löhne und Zinsen ab.
Beide können durch
eine niedrige Inflationsrate gedrückt werden. Offiziell
betrug die
Inflationsrate in Deutschland für den Zeitraum 1960 – 2000
252,43%. Das bedeutet,
für einen Warenkorb, der 1960 100 DM kostete, mussten im Jahre
2000
(umgerechnet) 352,43 DM bezahlt werden. Sein Preis hat sich also um den
Faktor
3,52 erhöht. Im selben Zeitraum stiegen die von den
Bundesbürgern
aufzubringenden Steuereinnahmen des Staates um den Faktor 14,75, also
viermal
stärker als der Preis des Warenkorbes. Berücksichtigt man die
Dienstleistungskosten des Staates bei der Inflationsberechnung,
beträgt ihr
Faktor nicht publizierte 3,52, sondern eher 7,94 und damit so viel wie
die
Erhöhung des Bruttomonatsverdienstes in den letzten vier
Jahrzehnten des 20.
Jahrhunderts. Aber
auch diese Zahl
beschreibt noch nicht die tatsächliche Größe der
Inflationsrate.
Aufschlussreicher ist die Preisentwicklung bei nicht beliebig
vermehrbaren Gütern.
Extrem entwickelte sich der Kunstmarkt. Belief sich 1960 das
höchste
Auktionsergebnis für ein Kunstwerk auf 123.000 $, wurden 1999
55.000.000 $ als
Auktionsrekord erzielt. Auch wenn strukturelle Veränderungen des
Kunstmarktes
die Preisentwicklung stark beeinflusst haben und der Faktor 447 nicht
als
Inflationswert angesehen werden kann, ist er doch ein Indiz für
den
Werteverfall des Geldes. Leidenschaftliche Sammler waren immer bereit,
einen
großen Teil des ihnen zur Verfügung stehenden Geldes
für Kunstgegenstände
auszugeben. Die Preisentwicklung auf dem Kunstmarkt deutet zumindest
darauf
hin, dass ihnen um die Jahrtausendwende 400 mal größere
Summen zur Verfügung
standen als 1960. Näher
an die tatsächliche
Inflationsentwicklung kommt wohl die Teuerungsrate für
Einfamilienhäuser.
Betrug deren Durchschnittspreis 1960 noch 50.000 DM, erreichte er im
Jahre 2000
die Summe von (umgerechnet) 650.000 DM, stieg also um den Faktor 13. Im
selben
Zeitraum kletterte der deutsche Aktienindex DAX von 500 auf 8000
Punkte. Ein
Anteil an den 30 größten deutschen Aktiengesellschaften
verteuerte sich in dem
Zeitraum, in dem die offiziell gemeldete Inflationsrate den Preis des
Warenkorbes um den Faktor 3,52 steigen ließ, um den Faktor 16. Obwohl solche Faktorgrößen nur als Hinweise gelten können, rechtfertigen sie doch den Verdacht, dass die tatsächliche Inflationsrate größer ist als die „gefühlte“ und erst recht als die offizielle. Wäre es da nicht höchste Zeit, dass sich eines der gewerkschaftsnahen Wirtschaftsinstitute mit dem Thema gründlicher beschäftigt? Denn als Referenzgröße für Lohnforderungen und Sparzinsen ist eine manipulierte offizielle Inflationsrate ein Werkzeug der Umverteilung, der Gewinnmaximierung auf Kosten der Lohnabhängigen. Oder glauben auch gewerkschaftsnahe Wirtschafts“weise“, die Zahl der Millionäre in Deutschland hätte sich in den letzten vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nahezu verelffacht, weil Fleiß und Bildung der Deutschen so stark angewachsen sind? Wäre dies der Fall, hätte dann nicht der Anteil der Habenichtse im gleichen Maße sinken müssen? Tatsächlich aber stieg die Zahl der Sozialhilfeempfänger von rund 500.000 im Jahre 1960 auf 2.800.000 zur Jahrtausendwende. Doch auch hier hilft die offizielle Inflationsrate, die Leistungen und damit die Kosten möglichst gering zu halten, ohne lästigen Widerspruch zu riskieren. Vermeintlich objektive Zahlen kaschieren den Betrug. © 2007 Karl Pawek |
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