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a . Die Alternative 

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Vor allem jungen Menschen gelten Vernunft und Aufklärung wieder einmal nicht viel. Kriege, Terror, Arbeits- und Perspektivlosigkeit, das häufige Scheitern emotionaler Beziehungen, ein Gefühl der Einsamkeit, kurz das Elend der Welt quält sie, und keine vernünftige Lösung ist für sie in Sicht. Viele suchen daher wieder in Religionen ihr Heil. Wer sich hilflos fühlt, weil er keinen Weg sieht, die Verhältnisse zum Guten hin zu ändern oder auch nur die schlimmsten Auswirkungen zu verhindern, findet oft tatsächlich Trost bei Göttern, Gurus oder Idolen, versprechen sie doch, das Gute zu belohnen, das Böse zu strafen, zumindest irgendwann und irgendwo. Gebete, Meditationen, Rituale sind Auffangbecken der Hilflosigkeit und die Götter  Imaginationen, mit denen man das unverstandene Leid teilen kann.

Die Vernunft dagegen ist brutal, weil sie keine Unzulänglichkeit duldet. Da mag man noch so viel gelesen, studiert, sich an Problemen abgearbeitet haben, um schließlich – je nach Intelligenz früher oder später – zu erfahren, dass alles Wissen nicht ausreicht, unsere Probleme wirklich zu lösen. Wir scheitern mit unserer Vernunft, weil ihre Basis, unser Wissen, erbärmlich unzulänglich ist. Wer dabei übersieht, dass uns die meisten Irrtümer der Lösung ein Stückchen näher bringen, mag resignieren aus Enttäuschung. Doch jede Enttäuschung ist zugleich eine Entlarvung und damit eine Überwindung falscher oder unzureichender Annahmen. Den Mutigen machen Enttäuschungen stärker, weil wissender und somit irgendwann auch bewusster, wem jedoch Kraft und Ausdauer fehlen, muss, um nicht zu verzweifeln, in den Glauben fliehen.

Aber zur Vernunft, zur Aufklärung gibt es keine Alternative, weil wir Menschen unter materiellen Bedingungen leben. Kleine Kinder beschimpfen den Stein, an dem sie sich stoßen, größere Kinder verfluchen die unverstandenen Zustände. Aber welch höheres Wesen sie auch immer um Beistand bitten mögen, die Mutter oder einen Gott, der Stein bleibt, was er ist, und gesellschaftliche Zustände lassen sich nicht wegträumen, weil sie Konsequenzen menschlichen Handelns sind, die weder die Mutter noch ein lieber Gott ungeschehen machen können.

Wer glaubt, macht es sich meistens nur bequem, doch zahlt er mit Entmündigung dafür. Sich in den Schoß einer Kirche, einer Sekte oder des jeweils einzigen Allmächtigen zu flüchten und wie ein kleines Kind zu glauben, der Papa werde es schon richten, sollte eines Menschen unwürdig sein und ist dumm. Auch wenn es uns auf Grund mangelnden Wissens nicht möglich ist, auch nur die dringendsten Probleme bewusst zu lösen, ist der Glaube ein faules Angebot. Wer glaubt, statt sich um Wissen zu bemühen, verweigert sich den Mühen der Menschwerdung. Denn längst noch nicht haben wir Frühmenschen unser Potential ausgeschöpft. Gewiss, verglichen mit unseren Vorfahren vor 20 oder 50 000 Jahren haben wir uns beeindruckend entwickelt. In großen Teilen der Welt haben wir uns Lebensumstände geschaffen, die einst unvorstellbar waren. Wir scheißen uns nicht mehr bei jedem Blitz oder Rascheln im Dunklen in den Lendenschurz. Wir töten individuell sehr viel seltener. Unser Horizont hat sich Dank unserer Mobilität und der Medien großartig erweitert. Auf Grund unseres gigantisch angewachsenen Wissens können wir heute vieles reparieren, was noch vor kurzem irreparabel war. Und sogar noch unsere modischen Irrtümer wie der konservative Umweltschutz zeugen von einem höher entwickelten Bewusstsein.

Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin, dass mit dem erreichten Stand unsere Menschwerdung abgeschlossen ist, im Gegenteil: Die Beschleunigung des Wissenszuwachses, die rasante Zunahme der Wissensteilhabe durch die Vernetzung, die wachsende Sensibilisierung für globale Entwicklungen u. v. m. erzeugen einen Entwicklungsschub, wie ihn die Menschheit bisher nicht erlebt hat. An ihm teilzunehmen, ihn mitzugestalten ist ein mühsames, dennoch lustvolles und – ein wenig Bescheidenheit vorausgesetzt – auch befriedigendes Unterfangen. Selbstverständlich werden wir immer wieder Rückschläge erleben, werden sich vermeintliche Lösungen als schreckliche Irrtümer erweisen. Aber sogar noch die Chance, die Ursachen für unsere Irrtümer irgendwann zu begreifen, ermöglicht uns Feste des Denkens, der Vernunft. Und alle Ängste, der Mensch könne durch sein Handeln die Erde zerstören, ist kindisch, weil maßlos selbstüberschätzend.

Wer glaubt, mag also Trost finden, allerdings nur in frühmenschlicher Befangenheit. Nur Wissen, Vernunft, Aufklärung ermöglichen die Teilnahme am menschlichen Entwicklungsprozess. Die Fähigkeit des Menschen, seine Umwelt bewusst zu gestalten, ist einzigartig. Sie unterscheidet ihn vom Tier. Wer diese Fähigkeit preisgibt im Glauben an eine göttliche Lenkung, ist letztlich ein Schmarotzer. Durch Beten entstehen keine Häuser, Wasserleitungen, Kraftwerke, Herzschrittmachen, auf die doch die Betbrüder und –schwestern nicht verzichten wollen. Aber die Arbeit des Forschens, die Ungläubigkeit voraussetzt, überlassen sie anderen oder diffamieren sie sogar noch wie Papst Benedikt XVI. in seiner Münchner Predigt. Vordergründig wirbt er um Verständnis für die Völker Afrikas und Asiens: „Nicht im christlichen Glauben sehen sie die eigentliche Bedrohung ihrer Identität, sondern in der Verachtung Gottes und in dem Zynismus, der die Verspottung des Heiligen als Freiheitsrecht ansieht und Nutzen für zukünftige Erfolge der Forschung zum letzten Maßstab erhebt.“ Abgesehen davon, dass die Menschwerdung auch bei den Völkern Afrikas und Asiens schon so weit fortgeschritten ist, dass vielen Menschen Gott gleichgültig wurde, fordert Benedikt XVI. wie alle seine Vorgänger den Vorrang des Glaubens über die Wissenschaft. Geschäftstüchtig nutzt er zugleich die Ängste vieler Menschen im Westen vor dem islamistischen Terrorismus, um eine religiöse Unterwerfung attraktiv zu machen: „Die Toleranz, die wir dringend brauchen, schließt die Ehrfurcht vor Gott ein – die Ehrfurcht vor dem, was dem anderen heilig ist. Diese Ehrfurcht vor dem Heiligen des anderen setzt aber wiederum voraus, dass wir selbst die Ehrfurcht vor Gott wieder lernen. Diese Ehrfurcht kann in der westlichen Welt nur dann wieder regeneriert werden, wenn der Glaube an Gott wieder wächst, wenn Gott für uns und in uns wieder gegenwärtig wird.“ Usama bin LadIn hat das Gleiche viel kürzer gesagt: „Es gibt nur Gläubige und Ungläubige.“ Wer nicht glaubt, war oft des Todes in der Christenheit und ist es im Islam der Gotteskrieger.

Niemand soll der Trost im Glauben genommen werden, aber nicht weniger gilt: Niemandem darf verboten werden, Alternativen aufzuzeigen und sie zu leben. Dieses elementare Menschenrecht verdanken wir keiner Religion, sondern allein der Aufklärung. Wer an ihr zweifelt, macht sich selbst zum seligen Tor.

 © 2006 Karl Pawek
pawek@web.de

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