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a . Die Seuche Angst

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„Ich habe mein ganzes Leben lang Angst gehabt. Ich wusste aber nicht wovor.“
(Adolf Eichmann, Organisator des Judenvernichtung)

Zu den größten Plagen der Menschheit gehört die Angst. Sie vergiftet die Beziehungen der Menschen untereinander, ist ein schlechter Ratgeber, macht abhängig. Angst, nicht Übermut, schafft Gewalt zwischen Menschen, Völkern, Religionen. Letztere gäbe es gar nicht ohne Angst. Jedes psychische Übel wurzelt letztlich in der Angst.

Obwohl wir seit Menschengedenken die Angst kennen und 2007 jeder zweite Deutsche unter ihr leidet, gehört sie zu den am wenigsten erforschten Umständen menschlichen Lebens. Entsprechend banal sind ihre Erklärungsversuche. Heidegger erklärte Angst als ein „Bangen vor dem In-der-Welt-Sein und somit als eine Grundtatsache des Daseins“. Freud führte Angst zunächst auf das unbewusste Erlebnis des Geburtsaktes zurück. Später behauptete er, Angst entstehe aus Furcht vor Triebverzicht. Beide Erklärungen bestätigen nur, dass Freud ein Scharlatan war. Aber auch für Marxisten war Angst kein Forschungsgegenstand. Buhrs „Philosophisches Wörterbuch“ enthält keine einzige Zeile über die Angst, aber mehr als acht Seiten über den Antikommunismus, obwohl dieser ohne das Phänomen Angst nicht zu verstehen ist. Dieter Duhm dagegen analysierte immer noch lesenswert in seinem 1972 veröffentlichten Buch die „Angst im Kapitalismus“, vergaß aber, dass es Ängste auch schon vor dem Kapitalismus und gewiss auch im Sozialismus gab.

Schier unzählig sind freilich die Veröffentlichungen von Medizinern, Psychologen, Quacksalbern und Handauflegern über die 500 klinisch festgestellten Ängste. Einige dieser Ängste sind Volkskrankheiten wie die Angst vor Insekten, die Juckreiz hervorrufen, die Höhenangst, Angst vor dem Alleinbleiben, vor Spinnen, vor dem anderen Geschlecht, vor Gewitter, Mikroben, Körpergerüchen, Freiheit, Sexualität, Angst davor, in der Öffentlichkeit zu sprechen, Angst vor Blut, vor Krebs, vor der Dunkelheit, der Stiefmutter, vor Nuklearwaffen, vor zahnärztlicher Behandlung, vor dem Tod, vor Fremden oder Ausländern und vor allem die Angst zu denken. Andere Ängste sind eher selten wie die Arachibutyrophbie (die Angst davor, dass Erdnussbutter am Mundwinkel hängen bleibt), die Cherophobie (Angst vor Freude) oder die Metrophobie (Angst vor Poesie). Aber es gibt auch klinisch anerkannte Ängste, die überraschend selten auftreten wie die Germanophobie (Angst vor Deutschland) oder die Papaphobie (Angst vor dem Papst). Die Angst sichert vielen Wissenschaftlern ein Einkommen, doch sie forschen nicht über die Angst, sondern untersuchen Formen der Angst, die sich als Funktionsstörungen des Menschen auswirken, seine Verwertung in der Produktion von Mehrwert behindern. Sie wollen reparieren, nicht von der Angst befreien.

Denn an der Befreiung von Angst ist nichts zu verdienen, weil kein potentieller Auftraggeber daran Interesse hat, im Gegenteil. Angst ist die ideale und billigste Voraussetzung, Herrschaft auszuüben. Ohne Angst vor der Hölle oder anderen Misslichkeiten gäbe es keine Religionen, ohne Angst vor Klimakatastrophen, Aids, Rinderwahn, Baumsterben, Supergau etc. ließen sich Menschen nicht auf berechenbare Wähler reduzieren. Angst vor dem Unbekannten, vor Arbeitsplatzverlust, vor Krankheiten (wie sie z. B. dem Passivrauchen angedichtet werden) hält die Menschen in Trab, lenkt sie ab von den wirklichen Problemen, Skandalen, macht sie gefügig. Angst gilt daher immer noch als probates Erziehungsmittel. Gruselgeschichten, Zeugnisnoten und Götter, die alles sehen, erfreuen sich ungeschmälerter Beliebtheit. Die Vorstellung von angstfreien Menschen lässt noch die kleinsten Herrscher in Familien, Schulen, Unternehmen erschauern, denn ohne die Angst ihrer Untertanen stünden sie nackt da und ihr Gehabe erschiene allen lächerlich.

Sogar unsere Sprache ist vage und entsprechend unnütz, wenn es darum geht, das Phänomen Angst zu benennen. Dem einen macht ein wilder Löwe Angst, der anderen eine Maus, und beide haben Angst vor der Zukunft. Doch die eine Angst ist etwas völlig anderes als die andere und erst recht als die dritte.

Die Angst vor wilden Tieren mit kräftigen Gebissen oder vor verrückten Menschen mit gezückten Messern ist eine vernünftige Selbstschutzreaktion unseres Körpers. Sie mobilisiert Aufmerksamkeit und Kräfte zur Abwehr oder Flucht und hilft uns zu überleben.

Weniger vernünftig als hysterisch ist die Angst vor einer Maus. Zwar hat auch sie rationale Momente. Kleine Nagetiere haben früher massenhaft gefährliche Krankheiten übertragen, doch wer Hunde auf die Schnauze küsst, sollte vor Mäusen und Ratten keine Angst haben. Die Mäusephobie ist eine Folge der Geborgenheit in einer zwanghaft heilen Umwelt. Wer mit Mäusen aufgewachsen ist, wird vor ihnen nicht erzittern, wer dagegen im blitzblanken, immer akkurat aufgeräumten Kinderzimmer groß wurde und gelernt hat, zwischen niedlich und pah pfui zu unterscheiden, wird Angst empfinden vor dem Ungewohnten. Obwohl im Unterschied zum Löwen bei der Maus ein Besenstiel, ein Fußtritt helfen könnte, sie zu verjagen, löst diese Form der Angst eine Lähmung der Glieder aus, nur die Stimmbänder werden aktiviert, rufen Hilfe herbei, die, wenn sie erfolgreich ist, die Abhängigkeit in der Geborgenheit verfestigt.

Etwas völlig anderes ist die Angst vor der Zukunft. Junge Menschen sind, soweit sie nicht verrückt gemacht werden von einer Massenhysterie, gegen sie gefeit. Für sie heißt Zukunft „Chance“. Erst im Verlauf des Erwachsenwerdens wechselt ihr Lebensgefühl von „I can’t get no satisfaction“ zu „Que sera, sera?“, wird jede Ungewissheit zur Bedrohung. Durch die erzwungene Anpassung an die Verhältnisse mutiert allmählich der resignierte Verzicht zum verinnerlichten Wert. Hieß es vorher, alles kann nur besser werden, wächst nun die Angst, das Wenige zu verlieren. Dabei bedeutet Zukunft nur Veränderung, Bewegung, ohne dass ihr ein Ziel, gar ein positives oder negatives, vorgegeben wäre. In dem Maße, in dem das Vertrauen anderen gegenüber, vor allem aber in sich selbst schwindet infolge unvermeidbarer Desillusionierung, Müdigkeit, erscheint Veränderung immer stärker als Bedrohung. Langsam beginnt die schrecklichste aller Ängste, die Angst vor dem Tod, zuerst der geliebten Anderen, dann vor dem eigenen, den Menschen zu beherrschen.

Tiere kennen keine Angst vor der Zukunft, vor dem Tod. Sie fürchten ihre Feinde und nehmen Reißaus, kämpfen oder stellen sich tot, wenn sie ihnen begegnen. Ansonsten leben sie in den Tag hinein, verrichten, was ihnen vorgegeben ist an Nestbau oder Vorratsammeln und sterben, wenn es soweit ist. Angst ist ein Produkt der Phantasie und somit nur dem Menschen eigen. Es würde sich daher anbieten, zwischen der (tierischen) Furcht und der (menschlichen) Angst zu unterscheiden. Erstere wird durch eine objektiv vorhandene Bedrohung hervorgerufen (Realangst), letztere durch eine Vorstellung (neurotische Angst): Bebt die Erde, habe ich Furcht oder Realangst; kann ich nicht schlafen, weil ich jederzeit mit der Möglichkeit eines Erdbebens rechne, erleide ich (neurotische) Angst.

Im Sprachgebrauch vermischen sich beide Begriffe, und tatsächlich ist ihre Unterscheidung eine willkürliche Abstraktion. Hat z. B. ein Erdbeben stattgefunden, kann ich mit größter Wahrscheinlichkeit ein Nachbeben erwarten. Meine Schlaflosigkeit würde demnach eher aus Furcht als aus Angst resultieren. Andererseits dürfte ich vor dem Tod keine Angst haben, da er mich auf jeden Fall ereilt. Trotzdem fürchtet niemand mehr den Gevatter Tod, sondern hat Angst vor dem Sterben und den Umständen, unter denen es eintritt.

Die sprachliche Konfusion deutet auf eine Konfusion im Denken hin. Was ist Angst wirklich? Zweifellos handelt es sich bei der Angst um eine Grunderfahrung menschlichen Lebens nach der Geburt. Aber anders als Freud glaubte, ist die Geburt selbst für das Kind nicht traumatisch, nicht ängstigend, sondern nur eine Zustandsänderung ohne psychische Folgen. Sie mag unangenehm, gar schmerzhaft sein, ist aber doch nur ein Vorgang des Seins, der vom Organismus hingenommen oder verarbeitet wird. Bedeutsamer für die Entstehung von Angst ist der Hunger des abgenabelten Lebewesens. Wird er gestillt, ist es gut, verzögert sich jedoch die Sättigung, nachdem sie zur Gewohnheit wurde, kann Panik entstehen. Das Kind schreit, bis es – von wem auch immer – Nahrung erhält. Es bedarf keiner Mutter und keiner Liebe, um die Entwicklung eines Säuglings zu gewährleisten, sondern nur der Verlässlichkeit. Sie schafft die Grundlage des Vertrauens, das später über die Lebensqualität entscheidet.

Neugeborene besitzen kein Bewusstsein, ihre Empfindungen sind zunächst rein körperlich. Sie spüren Zustände wie Schmerz, Wärme, Hunger, Müdigkeit und reagieren auf sie zwar lautstark, aber ohne Emotionen. Sogar der irritierende Wechsel von Tag und Nacht, Licht und Dunkelheit, wird von ihnen einfach hingenommen. Und ob sich ein Mann oder eine Frau, weiße, gelbe, schwarze Menschen ihrer annehmen, ist ihnen zunächst gleichgültig, Hauptsache, es erfolgt überhaupt eine adäquate Reaktion. Was außerhalb ihres Körpers geschieht, nehmen sie mehr oder minder interessiert wahr. Nur die Gewohnheit erzeugt Wiedererkennung und damit die Entstehung von Präferenzen. Wer lange genug ausschließlich unter Weißen aufgewachsen ist, wird vor dem schwarzen Mann erschrecken.

Erst mit der Sprache entwickelt sich Bewusstsein und damit Fantasie. Aus ihr erwächst die Angst vor dem Alleinsein, der Dunkelheit, denn das Bewusstsein belebt die Außenwelt. Im Kleinstkind entsteht die Ahnung, dass Teile seiner Umwelt Personen mit eigenem Willen und willkürlich scheinendem Verhalten sind. Noch weiß es aber nicht so genau, ob nur das menschliche Gegenüber oder auch die wehende Gardine, die zuschlagende Tür ein eigenständiges Wesen ist. Die kindliche Entwicklung ähnelt der Menschheitsentwicklung. Mit der Entstehung des Selbstbewusstseins geht die „Beseelung“ der Umwelt einher. Dies erzeugt Ungewissheit und somit ein Bedürfnis nach Glauben. Der Mensch schuf sich seine ersten Götter, um jemanden vielleicht Allmächtigen milde stimmen zu können. Wer die Naturgesetze nicht kennt, kann nur beten und hoffen.

Wahrscheinlich schon in dieser Phase entscheidet sich, ob ein Kind zum Menschen oder zur Memme wird. Lebt es in einer erklärten Umwelt auf, in einer Gemeinschaft selbstbewusster Menschen, die in der Lage sind, Ungerechtigkeiten, Versäumnisse, Egoismen einzugestehen und zu bedauern, die sich gegenseitig nicht gefügig machen wollen durch Drohung und Angst, die ihre eigenen Bedürfnisse nicht verdrängen und daher die der anderen erkennen können, die sich nicht als Familie, sondern Solidargemeinschaft verstehen und vor allem kein Herrschaftswissen einsetzen, sondern durch Erklärung die Geheimnisse entzaubern, bleibt dem Kind genug ängstigende Ungewissheit. Aber es lernt, die Ungewissheit zu akzeptieren im vorgelebten Vertrauen darauf, Probleme lösen zu können. Ein solch glückliches Kind verfügt über die besten Voraussetzungen für ein angstarmes Leben.

Wird es aber nur erzogen, also den Erwartungen, Normen der großen Menschen angepasst, beschädigt Fremdbestimmung das Selbstbewusstsein. Es lernt gezwungenermaßen, auf unverständliche Forderungen angemessen zu reagieren und wird, wenn diese Erziehung konsequent ist, ein braves Kind voller Angst davor, zumeist blödsinnigen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Ist die Erziehung inkonsequent, entsteht im Kind Widerstand, der Großartiges, aber auch Erbärmliches, Schreckliches hervorbringen kann.

Angst mit all ihren Ausdrucksformen wie Wut, Gewalt, Verachtung, Hass, Ohnmacht etc. ist der reziproke Wert des Vertrauens zu sich selbst und in die anderen. Da wir uns aber - nicht ganz freiwillig - eine Klassengesellschaft gewählt haben, deren Strukturen von Herrschaft und Abhängigkeit auch die privaten Bereiche deformiert hat, ist Selbstbewusstsein unerwünscht, weil systemgefährlich. Nur Angst sichert Herrschaft, weil sie der Garant des Konservatismus ist. Priester lernten sehr früh, diesen Mechanismus zu nutzen, indem sie mit Strafen der Götter drohten und zugleich einen Verhaltenskodex aufstellten, der den Gläubigen half, Bestrafung zu vermeiden, und den Pfaffen ein ansehnliches Einkommen garantierte. Vor allem die Gebote zum Triebverzicht und zum Gehorsam gegenüber den Eltern/Alten erwiesen sich als effektives Instrument, Kinder gefügig, gehorsam zu machen. Die säkularen Nachfolger der Priester, die Ärzte und Politiker, übernahmen die ebenso nützliche wie einträgliche Technik, Ärzte, indem sie ihre immer ängstlichen Kunden in ein Abhängigkeitsverhältnis zwingen durch Gesundheitsgebote, kaum verständliche Diagnosen und teure Reparaturangebote, Politiker, indem sie die Verhältnisse nicht erklären, sondern nur Abhilfe versprechen, wobei sie sogar den übelsten Trick der katholischen Kirche, den Ablasshandel, übernehmen. Die von den meisten Menschen akzeptierten Kosten einer umverteilenden Energiepolitik sind nur verkaufte Ablässe. Die Menschen verbrauchen Energie, weil diese notwendig oder nur hilfreich ist, und zahlen für ihre Sünde der Energienutzung Strafe, mit der z. B. nicht weniger umweltschädliche Verfahren wie die Gewinnung von Biotreibstoffen, vor allem aber sehr einträgliche Forschungsprojekte und Gutachten subventioniert wird.

Aber das Herrschaftsmittel Angst wird noch sehr viel subtiler angewandt, oft so subtil, dass wir die Angst nicht einmal mehr als solche wahrnehmen. So erscheint es uns ganz normal, vor Prüfungen, öffentlichen Reden ein wenig aufgeregt zu sein oder ein wenig schlechte Laune zu haben, wenn wir zur Arbeit müssen. Wir rationalisieren solche Empfindungen als Lampenfieber oder Folgen eines schlechten Schlafs, statt in ihnen die Auswirkungen anerzogener Versagensängste zu erkennen.

Angst zwingt Menschen, gegen ihre Bedürfnisse zu leben, um die Interessen der Herrschenden zu gewährleisten. Angst macht aus Arbeit, die durchaus sozial gewinnbringend der Selbstverwirklichung dienen könnte, eine für „Arbeitgeber“ genannte Ausbeuter profitable Verrichtung. Angst deformiert Lernen zur Anpassung, macht aus Liebe Bindung, lähmt die Neugierde und bringt die Menschen dazu, hinterherzuhasten statt voranzuschreiten.

Die letzte Ursache menschlicher Angst, den Tod, können wir nicht beseitigen, nur relativieren. Wer glücklich ist, geboren worden zu sein, dessen Dankbarkeit und Freude ist sehr viel größer als die Trauer über die Endlichkeit, zumal unser Dasein auf dieser Welt Folgen hat bis zu deren Ende. Jeder Mensch ist unsterblich. Denn wir leben nicht nur in Kindern weiter, sondern auch in all dem, was wir getan oder unterlassen haben. Für jeden Menschen gilt: Ohne ihn wäre die Welt anders, jetzt und für alle Zeiten. Es ist nur die Komplexität, die uns irre macht. Wenn wir aber nachweisen können, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings dort gewaltige Auswirkungen hier haben kann, sollten wir auch begreifen, dass jede unserer Handlungen nicht minder wirkungsmächtig ist. Alles, was lebt, stirbt, doch jedes Leben wirkt nach für alle Erdenzeiten.

Da nur unglückliche Menschen Angst vor dem Tod haben, ist gar nicht der Tod, sondern das Leben ihr Problem. Dabei dürfen wir uns nichts vormachen. So richtig Duhms Nachweis ist, dass der Kapitalismus in Familie, Schule, Beruf Angst erzeugt, um sie profitabel nutzen zu können, wird die Überwindung des Kapitalismus nicht ausreichen, die Angst zu besiegen. Anders, als dies in den sozialistischen Staaten der Fall war, bedarf es dazu auch einer von der neuen Ideologie unabhängigen Aufklärung.

Die Angst kann nur besiegen, wer die Entfremdung überwindet und damit nicht länger die Gesellschaft (oder das Politbüro) als das bedrohliche Walten anonymer Mächte erlebt. Wer sich selbst entfremdet wurde, leidet unter der inneren Abhängigkeit vom Urteil anderer über ihn. Ein Symptom dieser Verstörung ist der Gebrauch des Wörtchens „man“. Behauptungen wie „Das tut man nicht“ haben jeden von uns geprägt. Wer aber ist „man“?

„Man“ ist kein Mensch und keine Institution, sondern ein Maßstab, wobei überlieferte Normen das Maß vorgeben. Diese Normen gelten als nicht hinterfragbar. Scheinbar handelt es sich bei ihnen um Naturgesetze. In Wahrheit sind sie pure Ideologie. Obwohl jedem Reisenden einsichtig sein müsste, dass das europäische „man“ ein anderes „man“ ist als das afrikanische oder asiatische, fällt es und sehr schwer, die ideologische Bedingtheit des „man“ zu erkennen. Denn jedes „man“ hat auch rationale Elemente. So ist es durchaus vernünftig, dass „man“ nicht schlägt, niemandem ins Gesicht spuckt, nicht betrunken Auto fährt etc. Da die Unterbindung solcher Verhaltensweisen begründbar ist, bedarf es zu ihrer Kritik keines „man“, sondern nachvollziehbarer Argumente. Kommt freilich Ideologie ins Spiel, drohen Argumente diese zu verletzen, indem sie z. B. im Widerspruch stehen zu einem idealisierten Menschenbild: „Man“ bohrt nicht in der Nase, weil sich das Nasenbohren nicht gehört? Solche Bastabehauptungen wollen nur die Wahrheit verdrängten: Das Nasenbohren kann lästige Folgen haben, weil der Finger, der vielleicht eben noch das juckende Arschloch gekratzt hat, die dort abgelegten Eier von Fadenwürmern überträgt, die dann über die Nase in den Darm gelangen und sich dort zu neuen Fadenwürmern entwickeln. Dies kann jedes Kind, dem man es erklärt, verstehen und im Übrigen dann selbst entscheiden, ob ihm das Nasenbohren ein Arschlochjucken Wert ist. Wird es jedoch nicht mit der Erklärung, sondern mit einem unfassbaren „man“ konfrontiert, liefert es sich früher oder später jeder erdenklichen Manipulation aus, akzeptiert schließlich auch Gebote wie „Mann fasst sich nicht an seine Geschlechtsteile“, die rational überhaupt nicht mehr begründbar und tatsächlich zwar sinnvoll im Sinne einer repressiven und damit angsterzeugenden Sexualerziehung, aber eben deswegen blödsinnig sind.

Das unscheinbare Wörtchen „man“ dient nur der Abrichtung und damit der Entfremdung. Wer gegen die Ratschläge oder Erklärungen anderer handelt, weiß, was er tut und muss schlimmstenfalls lästige Folgen abwägen, um sich zu entscheiden. Wer sich der anonymen Macht „man“ ausliefert, verinnerlicht seine Fremdbestimmung und wird sich schuldig fühlen im Fall des Ungehorsams. So wird das Wörtchen „man“ zur Saat der Angst.

Gelänge es uns, dieses Unwort des Jahrtausends aus unserem Sprachgebrauch zu tilgen, hätten wir schon einen winzigen, doch wichtigen Schritt in der Überwindung der Angst geschafft. Wer nicht mehr auf „man“ hört, sondern wissen will „warum“, wird bald auch andere Fragen stellen, vielleicht sogar die klügste und effektivste im politischen Alltag: „Wem nützt es?“

Noch nie in der Geschichte haben so viele Menschen Zugang gehabt zu so vielen Informationen. Wenn im Internet auch unzählige falsche Feststellungen zu finden sind, die zu bewerten das Schulfach Medienkunde lehren sollte, liegt seine Informationsqualität insgesamt weit über der einzelner Aufsätze und Bücher. Richtig genutzt ist das Internet ein großartiges Instrument zur Suche nach Wahrheit, Aufklärung. Und jede dabei gewonnene Erkenntnis, sei sie noch so unzulänglich, reduziert die Entfremdung, mindert die Angst und ermutigt, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu humanisieren, also zunächst zu entkapitalisieren.

Der Kapitalismus nährt sich von der Angst. Ihn zu überwinden ist notwendig und nur scheinbar hoffnungslos. Der letzte Versuch kam zu früh und war zu mechanistisch. Wer nur die Eigentumsverhältnisse ändert, wird immer am trägen Bewusstsein der Menschen scheitern, zumal dieses Bewusstsein kein selbsterlangtes, sondern eine durch Erziehung, Medien, Umwelt geprägte Bewusstseinsschablone ist. Ihr einen Kratzer, den ersten Sprung zuzufügen, kann schon durch den Verzicht auf das Wörtchen „man“ geleistet werden. Wenn der sichere Lohn dafür ein wenig Milderung der Angst ist, sollte sich die kleine Mühe lohnen. Zumal der nächste Versuch, die Welt zu verändern, mit „ichs“ statt „mans“, mit Selbstbewussten statt Fremdbestimmten erfolgreicher, humaner und damit nachhaltiger sein wird.

 © 2007 Karl Pawek
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