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a . Die letzte Chance 

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Kulturkritiker können es sich sehr einfach machen. Wer nachweist, dass BILD verdummend, die meisten Fernsehprogramme zerstreuend und viele Computerspiele verrohend wirken, ist fein raus. Auch wenn er damit nur bestätigt, was alle, sogar die BILD-Leser, Fernsehzuschauer und Computerspieler wissen, gilt er als Fachmann und braucht sich um Honorare nicht zu sorgen. Dass seine Medienschelte völlig irrelevant ist und auf einer Verwechslung beruht, wissen zwar die kritisierten Medienmacher, aber aussprechen dürfen dies auch sie nicht. Schließlich will es sich niemand mit seinen Ernährern verderben.

Die meisten Medienkritiker scheinen zu glauben, dass die Medien sich ihre Konsumenten heranziehen, also für deren mentale Verfassung mit verantwortlich sind. Daher gehen sie davon aus, dass bessere Medien auch bessere, klügere, menschlichere Nutzer hervorrufen könnten. Der Irrtum ist fast schon lächerlich, denn das Einzige, das bessere Medien bewirken, ist ihre schnelle Pleite. (Allein die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Anstalten können sich noch hin und wieder Qualität leisten, die freilich selten honoriert wird durch Einschaltzahlen.) Im Kapitalismus entscheidet der Markt über Erfolg oder Konkurs. Nicht das Volk wird durch BILD & Konsorten verblödet, vielmehr ist BILD das adäquate Medium eines blöden Volkes, dessen Bedürfnisse nur schamlos bedient werden von den Medien.

Niemand kann, der Sozialismus lieferte den jüngsten Beweis, auf Dauer die Bedürfnisse der Menschen missachten. Allerdings verhält es sich mit den Bedürfnissen nicht so einfach, wie es den Anschein hat. Sie unterscheiden sich nämlich gründlich in ihrer Qualität.

Unabdingbar für das Leben auch der Menschen sind Trinken, Essen, Schlafen und (noch) Vögeln. Diese elementaren Bedürfnisse unterliegen keiner Moral, keiner Wertung. Sie zu befriedigen ist das Recht jedes Menschen, notfalls auch mit Gewalt. Erst wenn die Befriedigung dieser elementaren Bedürfnisse gewährleistet ist, gewinnt das Verlangen nach Sozietät und die Neugierde an Bedeutung. Unsere Sprech- und Denkfähigkeit macht aus Rudeln Gemeinschaften. Nur durch Sozialisierung und Gestaltungsmächtigkeit entwickelt sich das Menschentier zum Menschen.

Die Lust, mit anderen Menschen zu sprechen, ihre Nähe zu suchen, mit ihnen gemeinsam Dinge zu vollbringen, die jeden Einzelnen überfordern würden, das Abenteuer des Verstehens und damit des Gestaltens der Umwelt, Spiel und Neugierde, aber auch geregelter Schutz und gewährleistete Sicherheit sind spezifisch menschliche, im weitesten Sinne kommunikative Bedürfnisse.

Aber auch sie spielen in der Kulturkritik kaum eine Rolle. Den Kritiker als Weltverbesserer interessieren vor allem die „falschen“ Bedürfnisse der Menschen, die er durch Moral, Verbot, notfalls Zwang eliminieren oder als Lohnabhängiger eines Medienkonzerns durch Bedienung wenigstens profitabel machen möchte. Dabei verwechselt er allerdings Symptome und Ursachen.

Schier endlos ist die Liste der sogenannten falschen Bedürfnisse wie Konsumgier, Schadenfreude, Unterdrückung, Missbrauch, Nationalstolz, Neid, Überhöhung und Verteufelung, Glaube und Zynismus, also des ganzen Repertoires von BILD und Kommerz-TV. Wer sie anprangert übersieht freilich, dass es sich bei diesen miesen Trieben ausnahmslos um kompensatorische Bedürfnisse handelt. Sie sind nicht im Menschen angelegt, sondern die Produkte falsch gestalteter Verhältnisse, die lange vor dem ersten Medienkonsum wirksam werden. Daher ist es auch dumm, bei ihrer Bedienung von Ersatzbefriedigung zu sprechen, denn dies impliziert, dass die zugrunde liegenden Bedürfnisse im Menschen angelegte statt vom Menschen verursachte sind. Nicht die Art der Befriedigung ist schäbig, sondern eine Gesellschaftsordnung, die solche Bedürfnisse erzeugt.

Wer modisch immer topp gekleidet sein will, die Wohnung putzt, bis es auch unterm Sofa glänzt, sich unentwegt duscht und deodoriert, seinen Sexpartner benutzt, mobbt, protzt, neidet, der leidet doch nicht unter „falschen“ Bedürfnissen, sondern unter einem Minderwertigkeitsgefühl. Dies ist aber mit Sicherheit nicht angeboren, vererbt, sondern bewusstlos anerzogen. Daher kann es nicht darum gehen, die Symptome anzuprangern und Besserung zu verlangen. Dies ist ungefähr so klug, wie vom Fieberkranken zu fordern, sich ein wenig zusammenzunehmen, dann würde das Fieber schon sinken. Wer von „falschen“ Bedürfnissen spricht, will von ihren Ursachen nichts wissen, weil andernfalls nicht billige Moral, sondern mühsame Politik gefragt wäre, Handeln statt Predigen.

Zudem garantiert die Moralisierung gesellschaftlich erzeugter Verhältnisse den Bestand des Minderwertigkeitsgefühls. Denn Konsum, Missbrauch, Unterdrückung können auf Dauer nicht kompensatorische Bedürfnisse befriedigen, im Gegenteil. Wer sie auslebt, weiß sehr wohl um ihre Schäbigkeit und wird dadurch in seinem Minderwertigkeitsgefühl noch bestärkt. Davon profitieren nicht nur die Medien, die solche Bedürfnisse bedienen, sondern auch die Kirchen, Schulen, Unternehmer, also alle Einrichtungen, die angstvoll angepasstes Menschenmaterial verwerten können.

Das Fatale an den kompensatorischen Bedürfnissen ist, dass niemand sie bewusst und damit verantwortlich erzeugt. Minderwertigkeitsgefühle werden weitergegeben von Eltern, Erziehern, Kollegen etc., die selbst an ihnen leiden. Minderwertigkeit entsteht, wo Konkurrenz die Solidarität zerstört hat, wo das Besser über das Anders triumphiert, wo eine Hierarchie der Werte herrscht. Keinem Kind würde es schaden, wenn es nicht Muttis und Vatis und Omas und Opas liebstes, schönstes, klügstes, bestes etc. wäre, sondern nur geliebt würde als das, was es ist: eines unter Millionen Bälger.

Der Keim des Konkurrenzdenkens wird schon im frühen Kindesalter gelegt. Irgendwann merkt Muttis Liebster, Vatis Liebste nämlich, dass andere Menschen ihn oder sie nicht bevorzugen, nicht einmal mögen. Muss es nicht schockierend sein für das viel gepriesene Kind, wenn es begreift, dass es nur eines unter vielen ist, von denen die meisten irgendeine Sache besser können als es selbst? So legt bereits die unschuldig glückselig dumme Eltern- und Großelternverzückung den Keim des Minderwertigkeitsgefühls. Das jeder kapitalistischen Gesellschaft eigene Konkurrenzverhalten verstärkt dann lebenslänglich, was Schulnoten, Hackordnung, Sexualverbote auslösen: die Beschädigung des Selbstwertgefühls.

Jeder Versuch, diesen Mangel zu kompensieren, vergrößert ihn nur. Die meisten Menschen geben sich auf und suchen Trost in Drogen oder dem Lob der Anpassung, in Pferden oder Pferdestärken, in Statussymbolen oder Religionen. Einige wenige werden brutal und nehmen sich, was sie wollen. Sie werden entweder straffällig oder machen Karriere, bis der Ehrgeiz ihre Gedärme zerfrisst. Auf die Dauer kann kein Erfolg das fehlende Glück ersetzen.

Kompensatorische Bedürfnisse sind in der kapitalistischen Gesellschaft gewiss ein äußerst wichtiger Wirtschaftsfaktor. Und dennoch ist es ein Skandal, dass Krankheitssymptome völlig unreflektiert zu Profitzwecken benutzt werden dürfen. Eine menschenfreundliche Gesellschaft, die es freilich im Kapitalismus nicht geben kann, würde eher die Entstehung kompensatorischer Bedürfnisse verhindern wollen, als das Aussterben von Viechern oder einen zukunftsträchtigen Klimawandel. (Wenn jemand es sich leisten kann, als Forscher auf jede Karriere zu verzichten zugunsten der Erkenntnis, sollte er oder sie untersuchen, ob es Menschen gäbe ohne Klimawandel.)

Obwohl das Sein unser Bewusstsein bestimmt, enthebt uns dies nicht der Mühe, die Evolution des Menschen auch gegen die ökonomischen Bedingungen voranzutreiben, zumindest Vorstellungen eines menschenwürdigen Lebens zu entwickeln. Noch haben wir die Wahl: Wir können abwarten, bis die mentale und eines Tages auch ökonomische Verelendung im Kapitalismus, dessen Spielregeln sich im Zeitalter der Globalisierung zum Nachteil der bisherigen Gewinner ändern, revolutionäre Aufbrüche erzwingt. Das Lebenselixier des unverschämt reich gewordenen Westens jedenfalls, die Ausbeutung der restlichen Welt, geht zur Neige, der technologische Vorsprung schmilzt nicht zuletzt Dank der Grünen, dieser Beule am Arsch des Fortschritts, dahin. China, Indien, Brasilien werden in absehbarer Zeit nicht den gegenwärtigen westlichen Lebensstandard erreichen, und doch wird sich der Lebensstandard global angleichen, indem der westliche auf ein längst überwunden geglaubtes Niveau herabsinkt. Der Westen als gelackmeierter Verlierer der von ihm betriebenen Globalisierung wird erleben, was die Araber mit schrecklichen Folgen erleiden mussten: die hilflos wütende Ohnmacht nach dem Verlust von Pracht und Herrlichkeit.

Wir könnten aber auch die Früchte des Frühkapitalismus, Säkularisierung, Zivilisierung im Inneren, Aufklärung nutzen, um ein neues, menschenwürdigeres und dadurch zukunftsträchtiges Gesellschaftsmodell zu entwickeln. Als die Menschen den ersten Überschuss erwirtschafteten, leisteten sie sich Religion und Kunst. Unser noch vorhandener Reichtum sollte es uns erlauben, den Verstand zu nutzen nicht nur zum Zweck der Profitmaximierung, sondern zur Steigerung der Lebensqualität. Dazu bedarf es zunächst einer über die grundlegenden Erkenntnisse von Karl Marx hinausreichenden Analyse unserer gesellschaftlichen Verhältnisse. Da dies nicht von den Zulieferbetrieben des Kapitals, von den bestehenden Universitäten und Instituten geleistet werden kann, bedarf es zunächst der Vernetzung eigenständiger Denker mit dem Ziel, eine aufklärerische Bewegung zu initiieren. Wenn es möglich war, viele Nationen in relativ kurzer Zeit mit „grünen“ Irrtümern zu infizieren, sollte eine Aufklärungskampagne, deren Nutzen jedem, der durch sie von Ängsten und Zwängen befreit werden kann, sofort erkennbar ist, weitaus attraktiver sein. Zumal mit dem Internet eine Zugangsmöglichkeit zu den Menschen besteht, wie es sie in der Geschichte noch nie gab.

Als Wikipedia gegründet wurde, glaubte außer ihren Initiatoren niemand, dass dieses online-Lexikon, bei dem jeder Nutzer zugleich Autor sein kann, jemals den großen traditionellen Lexika zur Konkurrenz werden könnte. Nun kommt es darauf an, der medial revolutionären, aber inhaltlich traditionellen Wissensdatenbank ein auch inhaltlich revolutionäres Produkt an die Seite zu stellen: die Enzyklopädie des angewandten Denkens. Wissen ist nützlich, um in der Schule oder in einem Fernsehquiz über die Runden zu kommen. Doch Wissen allein reicht nicht aus, die Verhältnisse zu verstehen, gar sie sinnvoll zu gestalten. Wissen als Anhäufung von Informationspartikel gleicht einer unsortierten Bibliothek, einem Haufen Datenträgern mit endlosen Zeichenfolgen. Wer sie entziffert, weiß etwas, aber versteht noch nichts.

Wie Zauberkünstler haben auch Kapitalisten und ihre geistigen und geistlichen Handlanger kein Interesse daran, dass jemand ihre Tricks offen legt (zumal die meisten Kapitalisten selbst ahnungslos sind über die Gründe ihres Erfolges und an den Fleiß glauben wie kleine Kinder an den Weihnachtsmann). Eine Enzyklopädie des angewandten, aber nicht profitabel verwertbaren Denkens kann daher nicht aus den bestehenden Bildungseinrichtungen entstehen. Gelänge es jedoch, ihre Notwendigkeit zur Verbesserung der Verhältnisse so vielen Menschen einsichtig zu machen, wie sich zur Notwendigkeit des Energiesparens motivieren ließen, könnten öffentliche Mittel eingefordert werden. Weniger problematisch freilich wäre es, ließen sich vereinsamte Menschen durch die Perspektive, andere vor diesem Schicksal bewahren zu können, dazu bewegen, die Hälfte des von ihnen Tierschutzvereinen vererbten Vermögens dem Aufbau einer Enzyklopädie des angewandten Denkens zur Verfügung zu stellen. Auch sollten sich Sponsoren finden lassen, denen die finanzielle Unterstützung einer menschenfreundlichen Forschung gelegen kommt.

Vor allem aber wäre sie für den Westen die auf absehbare Zeit vielleicht letzte Chance, auf die Entwicklung der globalen Verhältnisse Einfluss zu nehmen. Wie sehr auch andere Kulturen ihren Wert und ihre Bedeutung haben mögen, war es doch der Kapitalismus, der die größten Ressourcen, Potentiale in der bisherigen Menschheitsgeschichte freigesetzt hat. Als Erben dieses Systems könnten wir die Schuld der Ausbeutung durch die Verbreitung der Aufklärung begleichen. Dies ist ein menschliches und kein kompensatorisches Bedürfnis und daher befriedigend sogar noch im vorhersehbaren, doch nur vorläufigen Scheitern.
© 2007 Karl Pawek
pawek@web.de

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