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a . Ein deutsches Schicksal

. Es ist gar nicht so schwer, sich in die Welt der Straffälligen hineinzuversetzen. Zumeist sind es nur Pech und Unbeherrschtheit, die Kriminelle von uns Unauffälligeren unterscheiden.
Noch viel vertrauter und doch fremder ist mir Magnus G., der junge Mann von nebenan. Seine Biografie ähnelt der Lebensgeschichte unzähliger Gleichaltriger: Als Sohn einer Erzieherin und eines früh verrenteten Bauingenieurs wuchs er im katholischen Vorstadtmilieu auf. Außer Taschengeld, an dem der Vater aus erzieherischen Gründen sparte, fehlte ihm nichts. Seine durch väterliche und göttliche Autorität hervorgerufene Schüchternheit, Unsicherheit kompensierte er durchaus erfolgreich als Schülersprecher, Gruppenleiter in der katholischen Heimatgemeinde, Vorsitzender eines Fußballfanclubs. Noch während seiner Schulzeit schloss er einen Bausparvertrag ab, um sich möglichst bald eine Eigentumswohnung kaufen zu können. Nach dem Abitur verweigerte er den Kriegsdienst, weil er jede Form von Gewalt verachtet und Waffen selbstverständlich ablehnt.
Für sein Jurastudium mit dem Ziel, Verwaltungsjurist oder Staatsanwalt zu werden, erhielt er von seinen Eltern monatlich DM 800, den Rest verdiente er sich mit dem Verteilen von Prospekten und gelegentlichen Messejobs. Damit gelang es ihm sogar, mehrere Zehntausend Mark Rücklagen zu bilden, weil die Börse boomte und schnelles Geld verlieh.
Bereits als Schüler und erst recht während seines Jurastudiums lernte er einige junge Leute aus „guten“ Häusern kennen und mit ihnen das „gute“ Leben. Man reiste viel an Orte, die angesagt sind, trug die angesagten Klamotten, traf sich in den angesagten Discos. Magnus, dessen politischer Horizont über die Fressgasse nicht hinausreicht, fand das neue Leben natürlich chic, auch wenn es ihm seine Ersparnisse kostete. Aber wer gäbe nicht gerne seine Ersparnisse her, wenn er dafür die große Liebe fände? Als knapp gehaltener Schüler hatte Magnus kein Glück bei Mädchen gehabt. Nun aber, da er in den besseren Kreisen verkehrte und verbal seine finanziellen Erfolge von übermorgen schon vorwegnahm, öffnete sich dem 26jährigen eine gut aussehende 16jährige Schülerin. Gewiss, das abgöttisch geliebte Mädchen ist anspruchsvoll. Wenn er sie mit seinem Honda-Civic von der Schule abholte und sich dabei ein wenig verspätete, schrie sie ihn schon mal in aller Öffentlichkeit an. Und selbstverständlich erwartet sie von einem Freund auch andere als nur geschlechtliche Liebesbeweise, schließlich weiß sie, was sie noch wert ist. Magnus musste immer höher stapeln, während seine Ersparnisse dahinschmolzen.
Dabei ist Magnus nicht leichtsinnig. Als er plötzlich eine Million Euro erhält, erfüllt er sich und seiner niedlichen Freundin zwei lang gehegte Träume: Er kauft einen Mercedes C 200, aber nur als Jahreswagen für 30700 Euro, und zwei Flugtickets, nicht etwa nach Mauritius oder zu den Seychellen, sondern zu den Kanaren. Überhaupt ist das Leben des jungen Paares so extravagant nicht. Ein typischer 24-Stunden-Verlauf: Abholen der Freundin von der Schule, Ausleihen des Videofilms „Die Affäre Thomas Crown“, doch leider ist der Videorecorder kaputt. Also geht man in eine Disco (Cookies) und dann noch in eine Bar (Hoppers), übernachtet in Magnus Wohnung, steht am nächsten Morgen um ½ 11 Uhr auf und beschließt, den Rest des Vormittages im Solarium (Sun Point) zu verbringen.
Viel kleinbürgerlicher geht es eigentlich nicht, irritierend ist nur, dass Magnus am Tag davor in seiner Wohnung einen kleinen Jungen umgebracht, die Leiche in einem Weiher entsorgt und den Eltern des Jungen einen Erpresserbrief zugestellt hat. Eine Million und sie bekämen ihr Kind zurück.
Ein ganz durchschnittlicher junger Mann mit ganz durchschnittlichen Träumen, eigentlich solide und durchaus fleißig – noch in Untersuchungshaft wird er die mündliche Prüfung zum 1. Staatsexamen mit der Note befriedigend bestehen – tötet ein Kind. Das Motiv ist banal: Er braucht Geld, um in einer Welt, in der alles nur so viel wert ist wie das dafür bezahlte Geld, bestehen zu können. Aber es ist nicht nur die Leichtigkeit des käuflichen Seins, die Magnus G. zu seiner Tat verführt, es ist vielmehr sein Anspruch auf ein vermeintliches Glück. „Ich habe mich nicht wohl in meiner Haut gefühlt“, erklärt er seinem Richter. Magnus G. ist nur einer der unzähligen Menschen, die glauben, immer zu kurz gekommen zu sein, zu kurz beim Taschengeld, zu kurz bei Frauen, zu kurz in seinem ganzen Leben.
Ein Profi begeht seine Verbrechen als Job. Er kennt das Risiko und nimmt es in Kauf. Magnus dagegen meinte, einen Anspruch auf ein bisschen Glück zu haben. Die Entführung eines Kindes und die Erpressung der Eltern war nicht böse gemeint, nur ein Spiel, und Magnus viel zu naiv, um sich die Konsequenzen vorstellen zu können. Als das Spiel allerdings anders verlief, als vermutet, war er nicht im Stande, andere Züge als die geplanten zu machen.
Absurd war schon die Annahme, sein Opfer, das ihn kannte und dem er unmaskiert entgegentrat, würde ihn nicht verraten. Vor Gericht gab Magnus G. an, er hätte dem kleinen Jakob so lange Alkohol einflößen wollen, bis dieser einen „Filmriss“ bekam. Mag sein, dass es sich dabei um eine Schutzbehauptung gegen den Verdacht einer von Anfang an geplanten Tötung handelte. Doch glaube ich Magnus G. durchaus, dass er tatsächlich jede körperliche Auseinandersetzung vermeiden wollte. Es sollte ein faires Spiel sein, ohne Schmerz und Leiden: „Ich bin kein aggressiver oder gewalttätiger Mensch.“ Nur erschreckend naiv.
Unter dem Vorwand, eine von Jakobs Schwester vergessene Jacke zurückgeben zu wollen, lockte er den Jungen am 27.9.2002 in seine Wohnung und schlug ihm vor, Entführung zu spielen. Aber Jakob erwies sich als Spielverderber. Er wehrte sich gegen die Klebebänder, gegen Hand- und Fußfesseln, schrie. Magnus versuchte es im Guten: „Sei doch bitte ruhig!“ Da aber sein kindisches Bitten nichts half und er sich keine andere Methode vorstellen konnte, den Jungen zu beruhigen, würgte und schüttelte er ihn, klebte ihm noch mehr Bänder über Mund und dann auch Nase, legte sich neben ihn, eine Hand auf sein Gesicht gepresst. Magnus muss schrecklich gelitten haben unter der ungewollten Gewaltanwendung. Das Leiden des Jungen hat er unter diesen Umständen vielleicht gar nicht wahrgenommen, doch ganz gewiss sich wieder einmal nicht wohl gefühlt in seiner Haut.
Nachdem der Junge endlich ruhig war, trug Magnus ihn ins Badezimmer, zog ihn bis auf Unterhose und T-Shirt aus, duschte ihn sauber und drückte schließlich seinen Kopf unter Wasser um zu überprüfen, ob Jakob noch atmete. Der Junge war tot.
Wieder überrascht der keineswegs sensible, doch überaus empfindliche Magnus G. Nicht zum Transport der Leiche, sondern weil er Jakob nicht mehr ansehen konnte, zog er ihm zwei Müllbeutel über.
Aber das Spiel musste weitergehen. Noch bevor er Jakobs Leiche in einem Weiher ablegte, brachte er den bereits vor Wochen geschriebenen Erpresserbrief zu Jakobs Eltern. Die Geldübergabe im Stadtwald unter den Augen der Polizei verlief problemlos. Und Magnus mag naiv sein, aber ein Dummer ist er nicht. Betrug ist gang und gäbe, also prüfte er sofort an einem Automaten, ob das Geld auch echt war.
Magnus G. ist kein Monster, kein cooler Killer. Im Alltag wie vor Gericht offenbart er sich als unauffälliger junger Mann: bieder und strebsam, ganz gut erzogen, ein wenig labelfixiert, selbstgerecht und sehr empfindlich, gewiss kein Macho, eher unsicher, doch umtriebig, vor allem jedoch infantil. Magnus weint häufig, besonders dann, wenn ihm sein Schicksal in den Sinn kommt. Ähnlich behütet aufgewachsene schwächliche Egozentriker gibt es zuhauf, ihr Typ prägt eine ganze Generation. Magnus hatte nur das Pech, dass er in seiner Spielwelt dringend ein paar Bonuspunkte brauchte, um nicht als Verlierer auszuscheiden. Er wollte sie sich durch ein Entführungsspiel besorgen, traf in der Wirklichkeit aber auf einen sich verzweifelt wehrenden Jungen und war durch diesen Levelwechsel total überfordert. Er tötete nicht aus Hass oder Gier oder gar Lust, sondern aus hilfloser Unreife. Sein Motiv waren die Attribute, die ein erbärmliches Leben im Spätkapitalismus erst erträglich machen: Designerklamotten, Discoreisen, das Aushalten einer lebendigen Barbiepuppe. Da er sich nur im Konsum verwirklichen konnte, wurde er selbst zum Image. Gleichgültig, welches Urteil ihn jetzt erwartet, sitzt er schon von Geburt an „lebenslänglich“ in einem Käfig.
Nach seiner Verhaftung log oder schwieg Magnus, wie es das Recht jedes Verdächtigen und die Pflicht jedes Spielers ist. Damit aber provozierte er eine Ungeheuerlichkeit, die seiner Tat gleichkommt. Nicht ein genervter Vernehmungsbeamter, sondern ein überforderter Polizeivizepräsident drohte mit Folter, falls Magnus nicht unverzüglich den Aufenthaltsort seines Entführungsopfers nenne.
Selbstverständlich musste die Polizei nicht brutaler vorgehen als üblich. Magnus, der jede Gewalt und daher erst recht jede ihn treffende Gewalt ablehnt, verriet nur Minuten nach der Folterandrohung das Versteck.
Die Kritik an den Verhörabsichten eines deutschen Polizeivizepräsidenten blieb verhalten. Vorzüglich in den Feuilletons diskutierten ein paar Linksliberale den Sinn des Folterverbotes, während Amtsträger beschwichtigten, nachdem ihnen Volkes Stimme mehrheitlich versichert hatte, dass ein bisschen Folter in solchen Fällen nicht schlimm wäre.
Natürlich wäre auch ich wütend, wenn mir ein verstockter Spielbubi nicht den Aufenthaltsort seines vielleicht noch lebenden Opfers nennt. Und ich würde mich unter Umständen auch nicht scheuen, ihn durch ein paar Schläge in die wirkliche Welt zurückzuholen. Doch jede Absicht, für solche und ähnliche und dann immer mehr Fälle die Folter zu institutionalisieren, ist gemeingefährlich, weil sie unser Rechtssystem zerstört.
Die Folter stammt aus einer Zeit, als nur der Geständige verurteilt werden durfte. Sie sollte also dazu dienen, einen Richterspruch auch ohne Beweise oder Indizien, die damals mangels kriminaltechnischer Verfahren kaum eine Rolle spielten, zu rechtfertigen und somit Fehlurteile zu vermeiden. Die hehre Absicht wurde freilich durch die Praxis geschändet: Unter Folter redet sich auch der Unschuldige ins Verderben. Diese Missbräuchlichkeit veranlasste bereits 1740 Preußen, ein paar Jahre später Österreich, die Folter zu verbieten.
Erst im 20. Jahrhundert wurde das Foltern, obwohl es illegal blieb, wieder üblich, freilich weniger, um Geständnisse, sondern um Informationen zu erpressen, Staatsfeinden auf die Spur zu kommen. Obwohl diese Form der Vernehmung sehr viel blutigere Umstürze oder Attentate verhindern kann, gilt sie als verwerflich, barbarisch. Nicht umsonst suchen Folterer immer die Anonymität.
Was sogar im Notstandsfall als Verbrechen gilt, soll in Kriminalfällen angebracht sein in einem Land, das ohne Not die „Menschlichkeit“ auch durch einen Krieg (nein, nicht gegen das Mörderregime im Irak, nur gegen die Serben) durchsetzt? Aber auch jene, die nur ihre eigene Menschenwürde interessiert, sollten in der Folterandrohung gegen Magnus G. den Rückfall in barbarische Verhältnisse erkennen. Mit der Wiedereinführung der Folter wird ein mühsam errichteter Zivilisationsdamm niedergerissen, und die Folgen werden schrecklich sein: Morgen ist es der Pädophile, der seinen Lieferanten, übermorgen der Drogenabhängige, der seinen Dealer, und überübermorgen der Hühnerdieb, der sein Eierversteck verraten soll.
Und völlig falsch wäre es, die Folterandrohung gegen Magnus G. als Fehlverhalten eines Beamten abzutun. Denn er meinte es wie die unzähligen anderen Gutmeinenden in diesem Land nur gut. Darin liegt die eigentliche Bedeutung des Vorfalls. Die löbliche Absicht – in diesem Fall die vergebliche Hoffnung, ein Kind retten zu können – schert sich keinen Deut um die Folgen. Es ist dieses unpolitische, unreflektierte Gutsein, die institutionalisierte Für- und Vorsorge, die verzweifelte Sehnsucht nach einer heilen, geordneten Welt, die unsere Gesellschaft in ihr Verderben führt. Orwell war so dumm gar nicht, er hat, aber das war schließlich auch sein Auftrag, nur links und rechts verwechselt.
Unlängst wurden 356000 Deutsche gefragt, welcher Einrichtung sie am meisten vertrauen. Die höchste Zustimmung erhielt mit 64% der ADAC, gefolgt von der Polizei (53%), Greenpeace (49%) und dem Kindergarten (48%). In diesem Spiegel unserer Gesellschaft sind unschwer Magnus G. und der Herr Polizeivizepräsident zu erkennen.

  
© 2003 Karl Pawek

pawek@web.de
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