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a . Einmischungen 

. Jede Gesellschaft braucht Normen und Regeln, auch wenn diese keineswegs so endgültig sind, wie viele Zeitgenossen meinen. Meistens ändern sie sich unauffällig mit der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft, manchmal werden sie in Umbruchsituationen sogar gründlich umbrochen, dabei aber im Grunde nur den veränderten Produktionsverhältnissen angepasst. Auch Revolutionen sind nur  erfolgreich, wenn sie ökonomische Gegebenheiten institutionalisieren, ideelle Revolutionen dagegen vergeuden nur Blut.

Seit einigen Jahren beobachten wir in den westlichen Demokratien eine längst überwunden geglaubte Haltung. Wie einst römische Imperatoren, christliche Eroberer oder kapitalistische Kolonisatoren, die immerhin ihren wirtschaftlichen Interessen folgten, bemühen sich westliche Idealisten scheinbar selbstlos, den Geltungsbereich der bei uns herrschenden Normen und Regeln auszuweiten. Der ökonomischen Globalisierung folgt die ideelle. Soweit sie sich darauf beschränkt, Aggressionen gegenüber Nachbarstaaten zu ächten, den Opfern – auch militärisch – zu helfen, Aggressoren zur Rechenschaft zu ziehen, ist dagegen nichts einzuwenden. Auch ist es das Recht eines jeden Staates, mittels Boykott und Embargo die Feinde der eigenen Ordnung zu isolieren, um sie dadurch zur Respektierung ihrer Nachbarn zu zwingen. Der Krieg gegen den Irak war trotz aller ihn begleitenden Partikularinteressen die völkerrechtlich zwingende Antwort auf den Einmarsch irakischer Truppen in Kuwait. 

Ganz anders aber verhält es sich mit den Interventionsforderungen vieler Nicht-Regierungs-Organisationen und mit staatlichen Versuchen, mittels vorgeblich internationaler Gerichtshöfe, nationalem oder unionistischem Rechtsverständnis internationale Geltung zu verschaffen. Die Absicht dieser Weltverbesserer, allen Holocaustleugnern, Kinderschändern, Diktatoren das Handwerk zu legen, ist gewiss gut gemeint, aber gemeingefährlich. Denn andere Gesellschaften gehorchen anderen Normen und Regeln. Sie verlangen z. B. die Todesstrafe für Gottesleugner, die Ächtung Homosexueller, das Blutopfer für ihre Religion, ihr Volk. Sozialistische Gesellschaften haben einen anderen Freiheitsbegriff als kapitalistische, und afghanische Freiheitskämpfer teilen mit ihren korsischen oder baskischen Brüdern nur die Beschränktheit des Denkhorizontes beim Drang nach dem Suppentopf.

Wer aber seine Regeln und Normen zum globalen Maßstab macht, muss sie für objektiv richtig, für allgemein gültig halten, was in den meisten Fällen freilich Schwachsinn voraussetzt. Denn selbstverständlich dünken sich auch Muslime und Rote Khmer, Faschisten und Veganer im Besitz ewiger Wahrheit, und sie tun dies mit kaum weniger Recht als wir. Nur fehlt ihnen im Unterschied zu unseren Weltverbesserern (noch) die Macht, ihren Anspruch durchzusetzen. Daher können wir die Verhängung eines Todesurteils über einen im Westen lebenden Gottesleugner als lächerliche, anachronistische Anmaßung empfinden. Doch die Machtverhältnisse werden sich, wie bislang alle Weltbeherrscher erfahren mussten, ändern, und der Westen wird es noch bitter bereuen, nach dem Zusammenbruch des Sozialismus das Nichteinmischungsprinzip im Wahn von der ewigen Gültigkeit kapitalistischer Normen und Werte leichtfertig abgeschafft zu haben. Die Taten eines Milosevics unterscheiden sich nämlich nur in der Perspektive von denen unseres Kanzlers oder des Mr. President. Millionen Menschen gehen an der von westlichen Politikern durchgesetzten Weltwirtschaftsordnung zu Grunde. Die größte ethnische Säuberung besteht im Verreckenlassen von täglich 30000 Kindern falscher Hautfarbe. 

In Wahrheit sind weltweite Tier-, Kinder-, Frauen- oder Menschenrechtskampagnen  nur PR-Strategien des Imperialismus, der durch ideologische Anpassung die Kosten der ökonomischen Ausbeutung reduzieren will. Denn Unterdrückung kostet Geld. Gelänge es, unser kapitalistisches Wertesystem (nicht ein Häuptling, sondern eine fleißige Unternehmerelite darf sich das Volksvermögen unter den Nagel reißen; Menschenrechte für isolierte Individuen; Anpassung der Frauenrolle an die Bedürfnisse des Marktes, Taschengeldkonten statt Kinderarbeit usw.) weltweit durchzusetzen, stünde dem Kapitalismus eine noch glänzendere, die derzeitigen Verhältnisse als immer noch frühkapitalistisch einordnende Zukunft bevor.

Wie sehr wir die imperialistische Anmaßung schon verinnerlicht haben, wird an einem simplen Alltagsbeispiel deutlich: Die US-Regierung verbietet ausländischen Fluggesellschaften, ihren Passagieren auf Flügen in die USA das Rauchen zu gestatten, obwohl sie weder für die Flugzeuge noch für die außeramerikanischen Überfluggebiete irgendwelche Hoheitsrechte besitzt. Und alle Staaten außer Rußland lassen sich das gefallen, weil es doch so vernünftig, so gesund erscheint, obwohl wahrscheinlich mehr Flugzeugpassagiere an mangelnder Beinfreiheit als am Rauch von 10 oder 20 Zigaretten sterben. (Gar nicht zu reden von der Strahlenbelastung, die bei Interkontinentalflügen höher ist als bei der Fahrt auf einem Castor-Behälter quer durch die Bundesrepublik.) Wie immer in der Geschichte ist es nicht Wissen, das im Gegenteil sorgsam gehütet und verheimlicht wird, sondern nur die gerade herrschende Meinung, die den anderen aufgezwungen werden soll.

Dass der moderne ökologische und humanistische Interventionismus gut gemeint ist, entschuldigt ihn nicht. Auch die spanischen Eroberer in Südamerika, die englischen Kolonialisten in Afrika, Franzosen und Portugiesen in Asien waren nicht nur Schurken, sondern auch Gläubige. Wie der deutsche Ökologe, der aus ganz egoistischen Gründen in Sorge um die Zukunft der eigenen Brut brasilianischen Bauern die Brandrodung untersagen möchte, glaubten seine Ahnen, den Wilden mit der Bekehrung, mit Arbeitszwang und Disziplin etwas Gutes zu tun. Erst die Geschichte hat sie als Unterdrücker und Ausbeuter entlarvt. Wie der Kapitalismus tarnt sich auch der Imperialismus bis zur Unkenntlichkeit und nutzt den Idealismus der christlichen Alt- wie ökologischen und menschenrechtlerischen Neureligiösen zur Durchsetzung der Gewinnmaximierung. Da Geld keine Moral, keine Scham kennt, ist der Kapitalismus in seiner ganzen Brutalität  unschuldig wie ein Raubtier. Jene aber, die ihm ideologisch neue Territorien erschließen, werden sich nicht nur als Trottel, sondern als seine beflissensten Handlanger erweisen. Sie und nicht irgendwelche lokalen Gauner gehören vor einem in Zukunft hoffentlich tatsächlich internationalen Gerichtshof. 

© 2001 Karl Pawek
pawek@web.de

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