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a . Euro - ein Opfer für die Zukunft 

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Die Deutschland AG steckt in der Zwickmühle. Seit sie, wohlweislich ohne ihr Personal zu fragen, den Euro eingeführt hat, fällt der Nachfolger einer einst harten Mark. Die neue Währung, von der EU-Kommission 1995 als „stark und stabil“ angekündigt, ist tatsächlich so stabil wie der Rubel oder der Simbabwe-Dollar. Zwar werden die meisten Topmanager, Wirtschaftsjournalisten und Kaffeesatzleser in den Analyseabteilungen der Banken nicht müde, das bevorstehende Ende der Eurotalfahrt von 1,18 $ je Euro auf bis jetzt 0,84 $ (das entspricht einem Wertverlust von über 28% in knapp zwei Jahren) zu prognostizieren, doch meist erreicht der Euro einen neuen Tiefststand noch vor der Veröffentlichung der Prognose. Als Verursacher dieser inflationstreibenden Abwärtsspirale gilt der starke Dollar.

Aber jeder England-, Schweiz- oder Japanreisende könnte es besser wissen, macht er zur Zeit doch jene Erfahrung, die z. B. Italienern während Jahrzehnten alle Auslandsreisen vermieste: Für ihre Lire bekamen sie im Ausland jeden Monat weniger. Heute beweist die Kartenabrechnung auch DM-Touristen, dass nicht nur der Dollar schmerzhaft teuer ist, sondern auch das britische Pfund, der schweizer Franken, der japanische Yen, letzterer trotz einer Volkswirtschaft, deren erbärmlicher Zustand allgemein beklagt wird. Der Euro ist also offensichtlich nicht so schwach, weil der Dollar so stark ist, sondern weil der Euro schlicht nicht mehr Wert ist, als auf dem Markt für ihn bezahlt wird. Wie aber soll man das den Bundesbürgern erklären, ohne die Wahrheit sagen zu dürfen? Mit Übertreibungen des Marktes? Mit Aktivitäten böser Spekulanten? Mit wirtschaftspolitischen Manipulationen durch die USA? Irgendwann erkennt auch der Unbedarfteste in solchen Gründen den Vorwand. Doch für die Wahrheit ist es noch zu früh. Denn eine Erklärung der Deutschland AG, die heutige Euroschwäche sei der Preis für die künftige Vorherrschaft deutscher Unternehmen in Europa, könnte auch beim dritten Versuch Deutschlands, diesmal unter der Tarnkappe EU, seine europäischen Nachbarn zu dominieren, Widerstand wecken nicht nur in Dänemark und das Projekt gefährden. Nur unter dem Dach einer EU, die sich Deutschland ganz gewiss nicht aus einem europäischen Geist Unsummen kosten lässt, und unter deutscher Wirtschaftshoheit, die aus historischen Gründen immer noch nicht militärisch erzwungen werden kann, sondern erschlichen werden muss, ist der alte Traum eines von Deutschland geführten und benutzten Europas realisierbar.

Schon die Kriegsziel-Richtlinien des damaligen Reichskanzlers Bethmann Hollweg vom 9. September 1914 forderten „die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes durch gemeinsame Zollabmachungen, unter Einschluss von Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Österreich-Ungarn, Polen und eventuell Italien, Schweden und Norwegen. Dieser Verband, wohl ohne gemeinsame konstitutionelle Spitze, unter äußerlicher Gleichberechtigung seiner Mitglieder, aber tatsächlich unter deutscher Führung, muss die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren.“

Durch den verlorenen Krieg ökonomisch ein wenig bescheidener, dafür aber völkischer stellte der Paneuropa-Propagandist Coudenhove-Kalergi 1924 fest: „Für den nationalen Deutschen gibt es nur zwei Wege, sein Volk aus der Sackgasse, in der es sich heute befindet, zu retten: entweder die Vorbereitung eines Revanchekrieges gegen seine Nachbarn zur Schaffung eines Reichsgebietes, dessen Grenzen mit denen des deutschen Sprachgebietes zusammenfallen – oder aber die Vorbereitung Paneuropas, das allen Deutschen in Europa nationale Unabhängigkeit und Zusammenschluss innerhalb einer größeren Föderation gewährleistet.“

Ein zweites Mal im 20. Jahrhundert wählte Deutschland die Option Krieg. Erst als sich wieder eine Niederlage abzeichnete, besann man sich der friedlichen Alternative. Am 5. April 1943 erließ Reichsaußenminister Rippentrop Richtlinien für die Arbeit eines Europa-Ausschusses: 
„Hauptaufgabe des Ausschusses ist in der gegenwärtigen Phase des Krieges die Sammlung von Material und die Vorbereitung von Unterlagen für die bei Kriegsende zu treffenden Regelungen der europäischen Neuordnung. Die Ausarbeitung bestimmter Pläne für die Gesamtgestaltung des künftigen Europas hat daher vorerst noch zu unterbleiben. Es ist davon auszugehen, dass in Zukunft zwischen dem Großdeutschen Reich und den einzelnen europäischen Ländern Bindungen teils engerer, teils loserer Art herzustellen sein werden, die sich einer schematischen Formel entziehen. Für jedes einzelne Land und Volk wird hier zu gegebener Zeit eine besondere Entscheidung zu treffen sein. Feststehend ist jedoch schon heute, dass das künftige Europa nur bei einer voll durchgesetzten Vormachtstellung des Großdeutschen Reiches Bestand haben kann. Die Sicherung dieser Vormachtstellung ist demnach als der Kern der künftigen Neuordnung anzusehen.... Für die propagandistische Behandlung der Europa-Frage muss es vorerst noch sein Bewenden dabei haben, dass wir in allgemeiner Formulierung bei sich bietenden Anlässen zum Ausdruck bringen, unser Ziel sei die Schaffung einer gerechten Neuordnung, die den Europäischen Völkern eine gesicherte Existenz in enger wirtschaftlicher und kultureller Verbundenheit und unter Ausschaltung fremder Bevormundung ermöglichen werde. Auf die politische Struktur des künftigen Europas näher einzugehen, kommt bis auf weiteres noch nicht in Frage...“

Denn selbstverständlich war man sich im Auswärtigen Amt bewusst, dass das Ziel deutscher Politik, die Germanisierung Europas, angesichts der sich abzeichnenden Niederlage dem Ausland gegenüber zunächst unausgesprochen bleiben musste. Am 9. September 1943 notierte der Gesandte Cecil von Renthe-Fink: 
„In dem gewaltigen Ringen um die Zukunft Europas erscheinen wir als Vorkämpfer einer neuen, besseren Ordnung, in der alle europäischen Völker einen gerechten und würdigen Platz finden werden. Bisher hatten wir es vermieden, in der europäischen Frage mit einem konkreten Vorschlag hervorzutreten. Es unterliegt aber keinem Zweifel, dass die Frage, was Deutschland in Europa vorhat, die europäischen Völker aufs stärkste bewegt und ihre Haltung entscheidend bestimmt. Zugleich verlangt die Lage gebieterisch die äußerste Anspannung aller Kräfte Europas für unseren Sieg. Es ergibt sich daraus die Notwendigkeit, für die Neuordnung Europas einen Plan zu entwickeln, der geeignet ist, den europäischen Völkern einen Ansporn zu geben, durch ihre Leistung zu unserem Sieg beizutragen. Ihre Befürchtung, dass nach dem Sieg Deutschland von seiner Macht rücksichtslosen Gebrauch machen würde, müsste zerstreut werden.
Wenn wir jetzt den Gedanken einer staatenbundlichen Lösung, beruhend auf freiwilliger Zusammenarbeit selbständiger Nationen, aufnehmen würden, so würde bestimmt das Vertrauen der europäischen Völker in unsere Politik gefestigt und ihre Bereitwilligkeit erhöht werden, unserer Führung zu folgen und für unseren Sieg zu schaffen.“

Mit der totalen Niederlage von 1945 schien dieser Traum ausgeträumt. Doch bald schon erwuchs Restdeutschland in der Angst des Westens vor dem Bolschewismus und vor einem wieder erstarkenden Deutschland ein mächtiger Verbündeter. Deutschland wurde gebraucht im Kampf gegen den Kommunismus und sollte eingebunden werden in eine jeden Alleingang verhindernde europäische Ordnung. Adenauer erkannte früh die Chance und fand in den im Dritten Reich geschulten Beamten des Auswärtigen Amtes engagierte und kenntnisreiche Helfer. Die deutsche Vision einer europäischen Union, vom „Vater des Wirtschaftswunders“, Ludwig Erhard, in den letzten Kriegsjahren weiter entwickelt, war zwar nicht neu, aber unverdächtig, weil im Ausland unbekannt. (Noch heute findet sich in der Encarta oder der Britannica kein Hinweis auf die Vorgeschichte der Europaidee.) Gerne überließ man französischen Beamten die Initiative zu einer zunächst nur wirtschaftlichen Vereinigung. Doch in der Europapropaganda wollten sich deutsche Politiker und schnell entnazifizierte Wirtschaftsführer von niemandem übertreffen lassen, spielten fortan die Mustereuropäer, die bereitwillig immense Europazuschüsse investieren ließen in die europäische und damit deutsche Zukunft. Von dummen, kurzsichtigen Rechten und neuerdings auch wieder von der SPD beklagt, zahlte Deutschland z. B. 1997 rund zwanzigmal so viel an die EU wie Frankreich. Allein 1998 überwies die Bundesregierung 22,5 Milliarden DM mehr nach Brüssel, als Deutschland von dort zurückbekam. Und zwischen 1991 und 1995 sollen nach einem Papier der Länderfinanzminister sogar jährlich 14 Milliarden DM mehr Beitragszahlungen von Deutschland geleistet worden sein, als vertraglich vereinbart waren. Da Deutschland, wie Naziopfer wissen, keinen Pfennig selbstlos oder gar aus moralischer Verpflichtung zahlt, hätten seine Nachbarn stutzig werden müssen ob dieser Großzügigkeit. Doch der unerwartete Geldsegen machte sie blind. Wenn Deutschland z. B. Anfang 2002 durch die Verlagerung der Gewinne bei der Bargeldschöpfung von der Bundesbank auf die europäische Zentralbank auf fast 60 Milliarden DM vor allem zu Gunsten Frankreichs verzichtet, ist dies doch nicht der Schlauheit französischer oder der Unfähigkeit deutscher Verhandlungsführer zuzuschreiben, sondern Strategie. Deutschland spielt finanzpolitisch die Rolle des dummen Augusts, um eines Tages bei den von ihm abhängig gewordenen Nachbarn ein Vielfaches der Investitionen abkassieren zu können. Auch der Verzicht auf die Deutsche Mark, 50 Jahre lang fast die einzige Quelle deutschen Selbstbewußtsein, ist ein solches Opfer für die Zukunft, denn im Unterschied zu Mazedonien wären Frankreich, Italien oder Spanien kaum bereit gewesen, gleich die Deutsche Mark zu übernehmen. Mit deren und demnächst noch wertloserem Geld im Währungskorb freilich wird der Euro so schnell nicht steigen.

Noch wiegen sich (mit Ausnahme der von Anfang an skeptischen Briten) Deutschlands EU-Partner im Glauben, sie dürfen weiterhin am deutschen Geldsegen teilhaben. Doch irgendwann ist Schluss mit lustig. Auf Dauer wird das ökonomisch stärkste Land zunächst die Geld-, dann die Fiskal- und schließlich die Innen- wie Außenpolitik bestimmen - vorausgesetzt, Deutschland stellt sich nicht so unverschämt dumm an wie Mercedes bei der Übernahme Chryslers, bei der ein ausgebuffter Investor wie Kerkorian bereits nach zwei Jahren merkte, dass die beschworene Vereinigung von vornherein als Einverleibung geplant war. 
Wer der Prognose nicht glaubt, sollte ein wenig über deutsche Leitkultur nachdenken. Wäre das Europagesülze deutscher Politiker mehr als ein Lippenbekenntnis, hätten Merz und Co. ganz selbstverständlich die Achtung europäischer Werte, Regeln, Normen (und was sonst noch dieses Personal unter Kultur versteht) gefordert. Da es ihnen aber nicht um eine Europäisierung Deutschlands, sondern um die Germanisierung Europas geht, muss zumindest das eigene Land rein, vor allem "unverrasst" bleiben. Denn all die finanziellen Opfer der letzten Jahrzehnte wären sinnlos gewesen, könnte Europa nicht schließlich doch noch am deutschen Wesen genesen. Seiner Bewahrung dient das Gebot der deutschen Leitkultur.

© 2000 Karl Pawek
pawek@web.de

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