alles
Paweks
online
Archiv
.
- Home - Magazin - Vorsicht - Galerie
- Links

a . Faschismus 

.

Haider und die Wähler seiner FPÖ provozieren nicht nur Politiker, sondern auch Intellektuelle. Vom alpenländischen Faschismus sprechen sie, zitieren verächtliche und tatsächlich verachtenswerte Äußerungen des Kärntner Landeshauptmanns über Opfer der Naziherrschaft und verweisen auf Ähnlichkeiten mit Hitler. Gewiss, Haider ist schlau, rechts, reaktionär, er personifiziert die Schande seiner Wähler wie seiner österreichischen Gegner, die den Aufstieg dieses Scharlatans nicht zu verhindern wussten. Aber er ist kein Faschist und schon gar nicht der mögliche Führer einer faschistischen Bewegung.
Nun wäre es nicht schlimm, gewöhnliche Reaktionäre als Faschisten darzustellen, würde die inflationäre Etikettierung solcher Leute nicht die Aufmerksamkeit trüben gegenüber dem wirklichen Faschismus. Es gibt entsprechend den verschiedenen ideologischen Haltungen sehr unterschiedliche Faschismustheorien. Ihnen allen aber ist gemein, dass Faschismus undemokratisch sei, die gewalttätige Herrschaft Verrückter oder Reicher oder Verlierer, jedenfalls einer Minderheit. Jede ideologische Gruppe behauptet freilich von ihren Anhängern (mit sehr unterschiedlicher Berechtigung), dass gerade sie nicht Faschisten gewesen seien. Und alle zusammen sind sich (mit sehr unterschiedlicher Scham) darüber einig, dass die Verbrechen des Faschismus einmalig, unvergleichbar waren.
Deutschland 1940 (aus: Jahrgangsvideo 1940) Beides stimmt so nicht, vielmehr handelt es sich um Schutzbehauptungen, die den Faschismus aus dem Repertoire verdrängen sollen, das Demokratien zur Verfügung steht. Doch die Wähler des Faschismus gehörten allen Klassen (meinetwegen auch Schichten, Gruppen o. ä.) an, waren Männer und Frauen, Ungebildete und Gelehrte und stellten in Deutschland spätestens nach 1936 in jeder Kategorie die Mehrheit. Die Nationalsozialisten sind nicht nur durch freie Wahlen an die Macht gekommen, sie wurden auch mehrfach in relativ freien Wahlen und Volksabstimmungen triumphal bestätigt. (Zwar wurden KPD und später SPD verboten, aber kaum jemand in der BRD kam nach dem KPD-Verbot 1956 auf die Idee, deswegen Bundestagswahlen als unfrei zu bezeichnen.) Die wenigen Antifaschisten waren daher nicht nur die klügsten und mutigsten, sondern auch die einsamsten Menschen ihrer Zeit. Das Trugbild vom Naziterror, der alle eingeschüchtert habe, konnte nur entstehen, weil unsere Vorfahren es nach 1945 kaum wagten, von ihrem Glücklichsein, ihrem Hoch- und Wohlgefühl im Faschismus zu berichten. Aber unzählige Fotos, Briefe, Tagebücher verraten, dass ihre Autoren mehr waren als – was schlimmstenfalls eingestanden wurde – Mitläufer. Solange es gut ging, also bis 1942, verstanden sich die meisten Deutschen und Österreicher als  überzeugte, engagierte Volksgenossen. Und sogar noch das Hitlerattentat von 1944 wurde mehrheitlich verabscheut.
Schon zeitgenössische Ausländer standen dem Phänomen Faschismus, soweit sie nicht selbst Faschisten waren, hilflos gegenüber. Amerikanische und mehr noch sowjetische Politiker glaubten Deutschland missbraucht und vergewaltigt von den Nationalsozialisten, weil sie nicht erkannten, dass der Nationalsozialismus nur der adäquate Ausdruck deutschen Fühlens und Wollens war mit Hitler als dem „größten deutschen Michel“ (Veit Valentin) an der Spitze. Bis zuletzt hatten die Alliierten erwartet, als Befreier in Deutschland einmarschieren zu können und trafen doch nur auf Ablehnung, Hass, bestenfalls Unterwürfigkeit.
Die innige Verbundenheit der meisten Deutschen mit ihren nationalsozialistischen Führern wirkt bis heute nach im Tabu. Weil die Deutschen eben nicht Opfer von Verführung und Terror waren, sondern gläubige Überzeugungstäter, konnten sie ihre nationalsozialistische Vergangenheit nicht bewältigen. Um das, was sie mit Herz und (wenig) Verstand für gut und richtig hielten (und, wie wir noch sehen werden, in variierter Form noch halten), zu verurteilen, genügte keine Befreiung, sondern bedurfte es der Umerziehung. Umerziehung aber ist nur der letztlich vergebliche Versuch, Menschen wider ihren Empfindungen und Bedürfnissen etwas abzugewöhnen durch Strafandrohung und Tabus, also mittels einer von Religionsführern in Jahrtausenden entwickelten, doch wenig effektiven Methode. Wer wirklich vergewaltigt wurde, muss nach seiner Befreiung nicht motiviert werden, seinen Vergewaltiger zu verdammen, dessen Taten zu ächten. Die Art seiner Verbrechen wie die Zahl seiner Opfer spielt dann nur eine untergeordnete Rolle und muss nicht gesetzlich festgeschrieben werden. Hätten Faschisten mangels Zeit nur die Hälfte oder ein Zehntel ihrer Opfer töten können oder weniger brutale Tötungsmittel angewandt, wäre ihre Schuld doch um keinen Deut geringer, ihr Verhalten nicht weniger verabscheuenswert – vorausgesetzt, man verabscheut den Faschismus überhaupt. 
Deutschland 1939 (aus: Jahrgangsvideo 1939) Weil dies nicht der Fall war, musste er tabuiert werden. Wer nämlich gar nicht vergewaltigt wurde, sondern lustvoll und gewinnbringend an der Orgie beteiligt war und sie – frei von Repression – jederzeit wiederholen würde, muss angeleitet werden, wider eigenen Wissen, eigener Erfahrung das Geschehene zu verdammen, seine damals empfundenen Lust- und Glücksgefühle zu verdrängen. Weil sich die meisten Deutschen ihrer Verbrechen auch nach 1945 gar nicht bewusst wurden, blieb nur die quantitative Ungeheuerlichkeit als nicht mehr hinterfragbarer Maßstab. 
Aber selbstverständlich gibt es kein Verbrechen der Faschisten, das nicht in Vergangenheit und Zukunft im Namen von Religionsführern, zum Nutzen von Farmern und Unternehmern oder aus ideologischer Notwendigkeit begangen wurde und begangen werden wird. Nichts, kein Fitzelchen ihrer Ideologie haben die Faschisten erfunden, nicht den Rassismus und schon gar nicht den Antisemitismus, nicht die Ausbeutung und nicht den Herrschaftswahn, nicht die Reduzierung der Frau auf ihre Gebärmutter und die des Mannes auf einen Krieger. Weil aber die Verbrechen des Faschismus gewöhnliche Verbrechen sind, wie sie in allen höher entwickelten Gesellschaften vorkommen, musste das Alltägliche zum Besonderen erklärt und die Besonderheit unter Tabuschutz gestellt werden. Die Kritik an Leuten wie Haider, der nur sagt, was viele Österreicher denken, richtet sich daher weniger gegen eine Haltung, sondern – wie im Fall des ungeschickt zitierenden Bundestagspräsidenten Jenninger – gegen die Tabuverletzung. Andernfalls hätte man als Tourist Österreich (aber auch die meisten anderen Länder der Welt einschließlich des eigenen) schon seit Menschengedenken boykottieren müssen. 
Faschismus ist zwar nur eine unter vielen möglichen Organisationsformen der Gesellschaft, aber seine Besonderheit lässt sich nicht aus seinen Taten ableiten. Nur ihrer Rasse wegen wurden auch in den USA ungezählte Menschen getötet oder zu Tode geschunden. Auch die USA setzten Vernichtungsmittel zur Massentötung ein, überfielen Staaten, beuteten sie aus. Dennoch war es töricht von deutschen Pfarrerskindern und Politologiestudenten Ende der 60er Jahre, die USA faschistisch zu nennen. Denn Faschismus ist mehr als nur der übliche Herrschaftsterror, wie er – entsprechend ihren zivilisatorischen Möglichkeiten – auch von ozeanischen, afrikanischen oder südamerikanischen Stämmen angewandt wurde und wird.
Als Auswurf abendländischer Kulturgeschichte ist der Faschismus nicht zufällig ein europäisches Phänomen. Gewöhnliche, unkultivierte Verbrecher rauben und töten zum eigenen Nutzen. Wer den Handel beherrschen will, muss Konkurrenten ausschalten, wer Profit machen will, muss Arbeiter ausbeuten, wer das Sagen haben will, muss andere zum Schweigen bringen. Das alles ist hässlich, aber rational und berechenbar. Der Faschist raubt und mordet selbstverständlich auch zum eigenen Nutzen, aber dieser Erfolg ist nur die angenehme (und keineswegs sichere) Begleiterscheinung seines eigentlichen Motivs. Der Faschist handelt vor allem, weil es ihm Sinn macht. Faschismus kann nur verstanden werden als angewandter Idealismus. Deutschland 1944 (aus: Jahrgangsvideo 1944) Denn anders als im Kapitalismus ist im Faschismus der ökonomische Gewinn nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zur Durchsetzung faschistischer  Ideale. Nicht an der Mark, sondern am deutschen Wesen sollte die Welt genesen. Natürlich haben sich diesen faschistischen Idealismus schlaue Unternehmer zu Nutze gemacht, ihn für sich wirken lassen. Sie bedienten sich des Faschismus, gründeten ihn aber nicht, bedienten sich seiner sogar erst relativ spät und ließen ihn relativ früh bereits wieder fallen. Faschismus entsteht nicht in Konzernzentralen, sondern im Bildungsbürgertum, das Vieles (wie z. B. die recht profanen Bedingungen seiner Existenz) nicht wahrhaben will und daher gezwungen ist, die Wirklichkeit umzuinterpretieren, eine Methode, die dem Kapitalisten bei Strafe des Untergangs verwehrt ist. Für den Kapitalisten ist ein Jude schlimmstenfalls ein Konkurrent, den man austrickst oder von dem man ausgetrickst wird, und sonst nur noch als Arbeitskraft und Konsument von Interesse. Für faschistische Bildungs- oder nur Kleinbürger stellen sich die Verhältnisse komplizierter, leider zu kompliziert dar. Da er all das gefühlte, aber unverstandene ökonomische, psychische, sexuelle usw. Unbehagen sowohl aus Blindheit, aber auch aus seinem Instinkt heraus, jede Veränderung der Verhältnisse könnte ihm die Grundlage seiner Existenz entziehen, nicht bekämpfen kann, braucht er – wie der unglückliche Nichtraucher den Raucher – einen stellvertretenden Verursacher. Zwar kennt er kaum Juden, da ihm aber die vermeintlich klügsten Köpfe der europäischen Kulturgeschichte seit Jahrhunderten den Juden als Verursacher allen Übels darstellten, glaubt er im Juden, im zwar ununterscheidbaren, aber sozusagen radioaktiven jüdischen Blut die Wurzel des Bösen zu erkennen. Anders als der rational handelnde Kapitalist will er daher den Juden nicht austricksen, sondern ausmerzen, natürlich nicht eigenhändig, aber mit herzlicher Zustimmung.
Das Beispiel lässt sich aktualisieren. Wer einen Ausländer überfällt, um ihm das von der Sozialhilfe angeblich nachgeschmissene Geld abzunehmen, ist ein gewöhnlicher, rationaler Räuber. Wer dagegen einen Ausländer gar nicht berauben, sondern verprügeln, gar totschlagen will, ist ein Faschist. Oder: Wer ein Land überfällt, um sich zu bereichern, führt einen üblichen Krieg. Wer aber ein Land überfällt, um dort seine Vorstellungen von Menschenrechten durchzusetzen, sollte noch andere, rationalere Gründe dafür haben, um nicht als Faschist gelten zu müssen. 
Deutschland 1933 (aus: Jahrgangsvideo 1933 Idealismus verleiht dem Faschismus nicht nur den auch von nicht infizierten Beobachtern oft als unwiderstehlich beschriebenen Schwung, jene Begeisterung, mit der sich die Menschen in einen scheinbar sinnstiftenden Totalitarismus stürzten, sondern macht ihn – zumindest für Idealisten – so schwer identifizierbar. So absurd es klingen mag: Auch Faschisten wollen neben Macht und Wohlstand das Gute. Dafür waren sie bereit, der als schlecht und verdorben empfundenen Wirklichkeit Gewalt anzutun, sie nach ihren (schrecklich falschen) Vorstellungen zu ändern. Da Idealismus geistfeindlich und irrational ist, indem er das Wissen zugunsten des Glaubens und Wollens negiert, muss seine Anwendung zum Leid der Betroffenen, zum Glück für die Überlebenden immer in die Katastrophe führen.
Unsere Zeit ist nicht arm an politischem, ökologischem und moralischem Idealismus, die faschistische Gefahr also keineswegs gebannt. Aber ausgerechnet Haider, seine Anhänger oder meine österreichischen Landsleute überhaupt für Idealisten zu halten, ist absurd. Auch haben wir es im Fall Haider nicht mit einem Metzger zu tun, der Kälber (sogar Brecht war nicht frei von Idealismus) zur Schlachtbank führt, sondern mit einem bauchrednerisch begabten Eseltreiber. Ich halte Leute, die an den Sinn der schon von den Nationalsozialisten gepredigten Mülltrennung glauben, für gefährlicher. 
© 2000 Karl Pawek
pawek@web.de

a . .
alles
Paweks
online
Archiv
.
- Home - Magazin - Vorsicht - Galerie
- Links