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a . Fehltage

. Was geschah am 5. Oktober 1582? Das Datum ist deswegen so interessant, weil an diesem Tag nachweisbar niemand gestorben ist, freilich auch niemand geboren wurde. Nichts geschah, kein Unglück ereignete sich, kein Verbrechen wurde begangen, niemand hingerichtet, nicht einmal Sonne und Mond gingen auf und wieder unter. Diesen 5. Oktober gab es nicht, genauso wenig wie die folgende Woche, wie den 13. und 14. Oktober dieses Jahres.
Die Erklärung ist banal. Der alte, noch von den Römern stammende Kalender hatte sich in seiner ungenauen Zählung so weit von den Sonnenwenden entfernt, dass, hätte man ihn beibehalten, irgendwann Weihnachten und Ostern auf denselben Tag gefallen wären. Daher veranlasste Papst Gregor XIII. eine Kalenderreform, die künftig durch Schaltjahre, nachträglich durch das Überspringen von zehn Tagen die Zählung wieder mit der Natur in Einklang bringen sollte. Da auch der Kalender Glaubenssache ist, wurde er zunächst nur in katholischen Ländern übernommen, was zur Folge hatte, dass z. B. Newton am 25.12.1642 unter Protestanten geboren wurde, aber unter Katholiken am 4.1. Geburtstag hatte.
Irritierend an der Angelegenheit ist weniger die Tatsache, dass die Geburtsdaten (z. B. 1642 oder 1643 für Newton) so eindeutig nicht sind, wie uns Quizmaster und Schulbücher weismachen wollen, wirklich irritierend ist das Fehlen von 10 Tagen in der Menschheitsgeschichte.
Dies ist bezeichnend für unser Denken. Da wir innerhalb eines Kalendersystems aufgewachsen sind, nehmen wir ganz selbstverständlich an, dass unsere partielle Erfahrung für die gesamte Dauer dieses Systems gilt, dass also heute vor 500 Jahren der gleiche Monat und innerhalb des Monats das gleiche Tagesdatum galt. Wir verallgemeinern unsere Lebenserfahrung und sind überrascht, wenn Fakten ihr widersprechen.
Hierin liegt ein Problem menschlichen Denkens. Je weiter Ereignisse zurückliegen, desto fehlerhafter wird unsere Interpretation, indem wir ihnen das Raster unserer Lebenserfahrung überstülpen. Nachvollziehbar wird das in der Kunstgeschichte. In fast allen Gemälden über das Leben und Sterben Christi tragen die Figuren Kleidung aus der Gegenwart des Malers. Dies ist mehr als nur ein Stilproblem. Kleidung, Stoffqualität, Accessoires sind nicht nur Ausdruck eines Lebensgefühls, sie prägen es auch. In rohen Tüchern lebt es sich nicht nur anders als in feiner Baumwolle, es denkt sich auch anders. Auch unsere Vorstellung von Sauberkeit hat wohl nichts mit den Hygienestandards um Christi Geburt gemein. Jesus und seine Jünger müssen für unser neuzeitliches Geruchsempfinden schrecklich gestunken haben, aber was für uns unerträglich wäre, war für sie kein Problem.
Noch bis vor kurzem gab es keine Rechtsstaatlichkeit für das Volk, keine Sozialversicherung. Gerechtigkeit, Schicksal, Tod haben daher noch im Mittelalter eine völlig andere Bedeutung gehabt als für uns. Fast niemand besaß eine Uhr, Pünktlichkeit war unbekannt. Es gab kaum Mobilität, die meisten Menschen verließen ihr kurzes Leben lang nicht die Region, in der sie zur Welt gekommen waren. Ihre Welt und daher auch ihre Erfahrung war sehr anders, und doch glauben wir, sie hätten so gefühlt, geliebt, gedacht wie wir.
Aber auch wenn wir uns der Lebensverhältnisse vergangener Epochen bewusst sind und uns bemühen, uns mit Hilfe der bekannten (und hoffentlich richtig bewerteten) Fakten in die Welt unserer Vorfahren hineinzudenken, kann dies nur bedingt gelingen. Zu viel uns Selbstverständliches können wir, da es uns gar nicht bewusst wird, nicht hinterfragen. Unser Verständnis der Vergangenheit wird durch die Erfahrung der Gegenwart verzerrt.
Deutlicher noch werden die Fehlschlüsse menschlichen Denkens im Blick auf die Zukunft. Die meisten Science-Fiction-Geschichten sind so entsetzlich dumm, weil sie simple Prolongationen unserer Erfahrungen darstellen und nicht berücksichtigen, dass ein verändertes Leben auch ein verändertes Bewusstsein hervorbringen wird. Neue Technologien wie der Ackerbau, das Rad, die Dampfmaschine, der Computer haben die ökonomischen und damit auch die politischen und kulturellen Verhältnisse radikal verändert. Trotzdem fällt es uns sehr schwer, dieses Wissen auch auf die Zukunft anzuwenden, weil unser lebenszeitlich beschränktes, also momentanes, statisches Denken die Veränderungen kaum wahrnimmt und wenn, dann meistens nach den Maßstäben von gestern: Das Geschwätz von der guten alten Zeit ist ein trauriger Beweis unserer mentalen wie intellektuellen Unbeweglichkeit.
Diese Beschränktheit gilt auch in den Wissenschaften. Aus ihrer Geschichte kennen wir unzählige Erklärungen, Beweise, Theorien, die sich als unzulänglich oder falsch herausgestellt haben, obwohl sie in ihrer Entstehungszeit als endgültig galten. Das mindert nicht die Leistung der Wissenschaftler, denn wir Nachgeborenen wissen inzwischen, dass sie damals gar nicht weiter denken konnten. Meist fehlten ihnen notwendige Kenntnisse und Techniken, häufig begrenzten Ideologien, die ihnen als solche gar nicht bewusst waren, ihren Denkhorizont. Die lustigsten Beispiele liefert die Medizin. Freud z. B. war gewiss kein Dummkopf, aber doch ein Produkt seiner Zeit und unterlag daher dem damals dominanten Masturbationswahn. Noch 1898 warnte er vor der Selbstbefriedigung, weil sie Stuhlverstopfung, Rückenmarksreizung, Kopfdruck, Müdigkeit, Verdauungsstörungen, Aufgeregtheit, Anfälle von Beklemmung, Schwindel beim Gehen, Schlafstörung und eine Verminderung der Potenz hervorrufe. Solche, nicht einmal produktive Irrtümer finden sich in allen Wissenschaften, vielleicht mit Ausnahme der Mathematik, die in sich logisch sein mag, doch wohl insgesamt auf einem menschlichen Irrtum beruht.
Obwohl wir die Geschichte der Wissenschaften als eine Geschichte von Irrtümern kennen, zweifeln wir genauso wenig wie unsere Vorfahren daran, dass die meisten unserer wissenschaftlichen Kenntnisse unumstößlich sind. Das statische, reaktive Denken verhindert, dass wir aus der Geschichte wirklich etwas lernen, z. B. den Satz: „Nichts bleibt, wie es ist.“ Noch die bedeutendsten Theoretiker des Kapitalismus und Kommunismus waren und sind davon überzeugt, dass ihre Gesellschaftsmodelle endgültig sind, also noch ein paar Millionen Jahre Bestand haben werden. Dass die Menschheit, kosmologisch betrachtet, ihre Gesellschaftsformen alle paar Augenblicke gewechselt hat, wissen sie sehr wohl, scheint sie aber in ihrer Gewissheit genauso wenig zu beeindrucken wie einen Christen die Ankündigung, dass in absehbarer Zeit, vielleicht in tausend oder zweitausend Jahren, Christus nur mehr einigen wenigen Religionshistorikern bekannt sein wird.
Diese Beschränktheit menschlichen Denkens, menschlichen Vorstellungsvermögens hat mehrere Ursachen. Unsere relativ kurze Lebensdauer schränkt unsere Erfahrung der Veränderung ein, zumal grundlegende Einstellungen früh, wahrscheinlich im Kindesalter, entstehen und nachher nur mehr modifiziert werden. Dies verleiht unserer Persönlichkeit die notwendige Stabilität, lähmt aber unsere Flexibilität. Hat ein Mensch dann endlich seine Rolle gefunden, muss er sie, um identifizierbar zu bleiben, möglichst beibehalten. Unser Selbstbewusstsein braucht die statische Basis. Auch schadet es zumindest in Europa dem eigenen Fortkommen, wenn jemand häufig den Standpunkt, die Interessen wechselt oder sich in unterschiedlichen Tätigkeiten versucht. Dies gilt übrigens auch in der Wissenschaft: Der Universalwissenschaftler wird heute von niemandem mehr ernst genommen, weil ihm notwendig in jedem Teilbereich das Spezialistenwissen fehlt. Eine Parzellierung des wissenschaftlichen Denkens ist die fatale Folge der Spezialisierung und führt zur Erbsenzählerei auf zugegeben hohem Niveau.
Über all dies hinaus fördert das Bewusstsein unserer Endlichkeit eine Sehnsucht nach Beständigkeit, Stillstand. Hätten wir Menschen im Leben mehr Zeit und würden uns nicht im Alter die Kräfte schwinden, würden wir mehr wagen, mehr versuchen, beweglicher sein auch im Denken.
Neben solchen psychischen Ursachen für die Beschränktheit menschlichen Denkens gibt es auch physische. Leicht können wir das am Phänomen der optischen Täuschung erkennen. Es beruht darauf, Sind die waagrechten Linien parallel ? dass wir nicht exakt sehen, sondern, um die ungeheure Informationsmenge, die über unsere Augen in das Gehirn strömt, überhaupt bewältigen zu können, die Informationen komprimiert verarbeiten. Wir nehmen die und umgebende Wirklichkeit nicht in jeder Einzelheit wahr, sondern grob als Muster, als Schablonen. Man kann dies leicht selbst ausprobieren: Verändern Sie die Position einer Vase oder auch eines größeren, nicht täglich benutzten Gegenstandes in Ihrer Wohnung und warten Sie, wie lange Ihr Mitbewohner, Ihre Mitbewohnerin braucht, um die Veränderung zu bemerken. Und wenn Männer nicht sofort die neue Frisur, das andere Make-up einer Frau wahrnehmen, beweist dies weniger Gleichgültigkeit als eine Grobkörnigkeit beim Sehen.
Bei optischen Täuschungen narren uns Musterstörungen durch Details, die nicht unserer Erfahrung entsprechen. Statt die „unstimmigen“ Details sofort zu identifizieren, interpretieren wir das Gesehene anders, um es in ein falsches, doch vertrautes Muster einordnen zu können. Das Fatale dabei ist, dass wir die meisten optischen Täuschungen gar nicht als solche erkennen würden ohne den Hinweis "Achtung, der erste Eindruck trügt". Könnte es nicht sein, dass wir auch bei der Wahrnehmung unserer Umwelt optischen Täuschungen unterliegen, weil uns niemand auf die Fehlinterpretation aufmerksam macht?  
Was für unser Sehen gilt, gilt für das Denken allgemein. Auch hier ist eine Schematisierung, Reduzierung notwendig, um effektiv sein zu können. Wir arbeiten mit mehr oder minder simplen Denkmustern, die durch unsere zur Gewohnheit gewordene Erfahrung geprägt sind. Und weil wir nie erlebt haben, dass es Tage einfach nicht gibt, irritieren uns die fehlenden 10 Tage im Oktober 1582 so sehr.

 
© 2002 Karl Pawek

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