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a . Fluch der Harmonie

. Kann es etwas Schöneres geben, als eine milde Sommernacht bei Kerzenschein im Kreis lieber Freunde zu verbringen, den Grillen zu lauschen beim Trinken eines feinen Weines?
Es kann!
Ein Klumpen gefrorene Scheiße aus einem Flugzeugklo,  der knapp an dem sentimentalen Gesocks vorbei mitten auf den nett gedeckten Tisch fällt, erschiene mir tausendmal schöner.

Dabei bin ich kein Misanthrop, im Gegenteil. Ich wünsche jedem Menschen Glück und Frieden, die Fähigkeit zu lieben und sich lieben zu lassen, eine zumindest ihm selbst sinnvoll erscheinende Arbeit, vor allem das Selbstbewusstsein, das erst ein mutiges Leben ermöglicht. Und selbstverständlich sind ausruhen, sich sammeln, schauen, das Versinken in Geräusche oder Musik nicht verwerflich. Nur mit dem Harmoniegesäusel sollte endlich Schluss sein. Ungefähr 174 000 Harmonielinks bietet allein Google. Dort findet man die Diskothek „Harmonie“ („Für Leute über 30“), einen Melitta-Cafe „Harmonie“, Gesundheitstipps für „ein Leben in Harmonie mit den Mondrhythmen“, ein „universelles Harmoniegesetz, das gemäß experimentell und mathematisch bestätigter Erkenntnisse auf dem Goldenen Schnitt beruht“ („Mit der 6-Elemente-Produktreihe der 273-GmbH werden alle materiellen und immateriellen Systeme in den Goldenen Schnitt gebracht.“), Hunderte Verweise auf Feng Shui, diesen Goldesel der Innenarchitekten, und natürlich einen Haufen lyrischen Kitsch (1).
Doch all die frommen Friedenswünsche, sentimentale Naturverbundenheit, verlogene politische Korrektheit, geistige Bescheidenheit, die Verbannung jeder Irritation, die Suche nach dem Mittelweg (der, wie Friedrich Logau schon 1650 wusste, in den Tod führt) sind nur harmlos scheinenden Symptome einer schrecklichen Geisteskrankheit, von der in den hochindustrialisierten Ländern immer mehr Menschen befallen werden. Und die Weltgesundheitsorganisation, die so beeindruckende Kampagnen gegen grausame Krankheiten wie das Rauchen führt, nimmt von dieser bedrohlichsten aller Seuchen nicht einmal Notiz. Wie sollte sie auch, gehört doch ihr Personal zu jener Bildungsbürgerschicht, die, längst vom Virus befallen, diesen mit allen ideologischen, medialen, pädagogischen Mitteln verbreitet.
Was, fragen Sie nun schon ein wenig genervt, ist denn an Harmonie (grch. Eintracht) so falsch?
Harmonie oder zumindest das, was wir Menschen unter ihr verstehen, beruht auf Lügen oder Irrtümern und erzeugt immer neue Lügen oder Irrtümer. So hat der Wahn von einer als selbstverständlich angenommenen Harmonie der Planetenumlaufbahnen jahrhundertelang Wissenschaftler in die Irre geleitet, bis der Entwicklungsstand ihrer Beobachtungs- und Messinstrumente auch den schlichtesten Geist von der Falschheit der Annahme überzeugte. Doch bis es so weit war, wurden die kompliziertesten Modelle entwickelt, um die immer genaueren Beobachtungen mit einem harmonischen Bild des Weltalls vereinbaren zu können.
Auch die ersehnte Harmonie mit der Natur ist bestenfalls ein Selbstbetrug. Denn die Natur entspricht so gar nicht unseren Harmoniebedürfnissen. In den Wipfeln der Bäume mag manchmal Ruhe herrschen, aber unter ihnen wird verdrängt und getötet, tobt der Kampf um Nahrung und Licht. Die Rehlein am Waldesrand äsen nicht neben der Bundesstraße, um den vorbeifahrenden Naturliebhaber zu erfreuen, sondern weil sie Hunger haben und in Gebieten, die ihnen mehr Schutz bieten, nichts mehr zum Fressen finden.
Ich esse Tiere und würde sie, hätten wir nicht die sehr sinnvolle Arbeitsteilung, dafür auch selbst töten. Ich bin, obwohl es in Deutschland fast strafbar ist und demnächst vielleicht auch sein wird, kein Tierfreund, aber es widert mich an, wie bekennende Tierliebhaber und Vegetarier mit ihren Hunderln und sonstigen Viechern umgehen. Ihre oft absurde Domestizierung der Tiere ist eine Denaturierung zur Verwirklichung menschlicher Harmonievorstellungen eines gütlichen Zusammenlebens von Mensch und Tier. Verdrängt dabei werden muss, dass fast jedes Haustier abhauen würde, wenn es nur könnte, dass die Treue des Hundes nur erbärmliche Abhängigkeit ist, dass ein Köter jedem folgt, der ihm das Fürchten lehrt und Fressen gibt.
Aber auch der Stein im Bachbett, gar lieblich anzuschauen, wie die Wellen ihn umspülen, hat sich nicht an seinem Platz zur Ruhe gelegt, sondern wurde durch gewaltige, eruptive Kräfte, durch Erdbeben und Vulkanausbrüche dorthin geschleudert. Und die Sonne, die uns so wunderbar wärmen kann, deren Licht uns glücklich macht, ist nichts anderes als eine lebensspendende, aber auch lebensvernichtende permanente Explosion, mit der verglichen die Explosion aller von Menschen gebauten Massenvernichtungswaffen nur das Glucksen einer Knallerbse ist. Wer von Naturschönheiten spricht, verdrängt ihr Entstehen aus dem Inferno. Wie sehr freut sich mancher, wenn er in 300 oder 400 Meter Höhe über dem Meeresspiegel den versteinerten Abdruck eines Fisches findet, und jammert doch zu Hause über die angeblich von Menschen hervorgerufene Gefahr, dass der Meeresspiegel demnächst um einen Meter steigen könnte. Vielleicht wissen sogar die meisten Ökologen, wie die Welt entstanden sein könnte (gewiss nicht durch die Jesuitenerfindung Urknall), welchen Klimaschwankungen die Erde ausgesetzt war noch in jüngster Zeit, wie viele Tierarten lange vor dem Auftritt der Menschen ausgestorben sind, aber es wird ihnen nicht bewusst. Sie empfinden ihre Umwelt nicht als einen Zustand der Natur, sondern als Natur schlechthin. Nur weil sie zur Zeit auf dieser Welt leben, soll es plötzlich Schluss sein mit der Evolution, soll alles für ewige Zeiten oder zumindest für die eigene Brut so bleiben, wie es ist? Welch Dummheit, wie immer gepaart mit Überheblichkeit, steckt in diesem Anspruch! Noch immer ist es die menschliche Harmoniesehnsucht, die blind macht gegenüber der Wirklichkeit.
Am verlogensten freilich ist das Streben nach Harmonie in der Gesellschaft. Das banalste Beispiel sind „besinnliche“ Feste wie Weihnachten. Wer dabei nicht mitharmonisiert, gilt als Schuft und Schlimmeres. So sehr sich auch die egozentrischen Interessen von Familienmitgliedern unterscheiden mögen, am Weihnachtsabend wird Harmonie gespielt, so lange die glücklichmachenden Drogen reichen. Viele von uns finden inzwischen solche Veranstaltungen lächerlich und merken doch nicht, dass sie sich im Alltag kaum weniger lächerlich verhalten. „Behindert ist nur, wer für behindert gehalten wird“, stand kürzlich auf einem gut gemeinten Plakat. Politisch korrekt suggeriert dieser Satz, dass es eigentlich keine Behinderten (Andersfarbigen, Frauen, Männer etc.) gibt, sondern nur Rollenzuweisungen, die uns „Brüder“ und „Schwestern“ in das Korsett der Differenzierung zwingen. Solch Unsinn muss in die Katastrophe führen. Denn aller guter Wille ändert nichts an einer Behinderung, einer Hautfarbe, einem Geschlecht. So ungerecht das Schicksal auch sein mag, kann man es auf Dauer doch nicht wegleugnen zugunsten einer wohlfeilen und daher im Bürgertum so beliebten Harmonie. Denn sie kleistert, wie jede politische Korrektheit, die Unterschiede, Gegensätze nur zu.
Die politische Korrektheit übertüncht unser Scheitern in der Zivilisierung der Menschen. Weil ganz offensichtlich Vorurteile noch nicht überwindbar sind, hoffen die Korrekten, durch den Sprachgebrauch die Haltung zu verändern. Aber nie ist das Medium – hier die Sprache – die Ursache von Verhaltensweisen, es kann sie nur bestärken, aussprechbar machen, muss aber dazu Prädispositionen nutzen, kann also die Sau nur rauslocken, nicht erschaffen. Wer z. B. Schwarze für gleichwertige Menschen hält, wird nicht geschockt sein durch die Bezeichnung Neger oder einen nicht allzu blöden Negerwitz, wie er keinem Neger (oder wie man diese Menschen auch immer nennen mag) Witze über Weiße übel nimmt. Denn natürlich unterscheiden wir uns in der Hautfarbe, im Temperament, in unseren Macken und Nahrungsmittelpräferenzen, in Erfahrung und Tradition  und damit wohl auch im Empfinden. Diese Unterschiede sind kein Übel, sondern eine Bereicherung, wenn wir uns nur gleichwertig nehmen. Aber „gleich“, wie uns diverse Verfassungen glauben machen wollen, sind wir Menschen noch lange nicht. Spätestens in diesem Stadium der Diskussion fällt die pikierte Anmerkung, dass „gleich“ nichts anderes als „gleichwertig“ meine. Doch meist lässt die dabei gezeigte Emphase auf Defizite schließen, auf ungeklärte Verhältnisse, unausgestandene Kämpfe.
„Gleich“ ist ein schwammiger Begriff, eine Abstraktion, hinter der sich sehr konkrete Unterschiede in Macht, Auftreten, Besitz etc. verbergen. Spötter können daher zu Recht behaupten, manche seien gleicher als gleich. Nur wer folgenlos faseln will, nennt alle Menschen gleich, wogegen es eminente gesellschaftliche und damit politische Konsequenzen hat, ihre Gleichwertigkeit anzuerkennen. Um nicht von der systemgefährdenden Gleichwertigkeit sprechen zu müssen, die man andererseits zur Zeit nicht einfach leugnen darf, muss das harmonisierende „gleich“ geschützt werden. Daher verbietet es sich in unserer Gesellschaft, über Ungleichheiten auch nur nachzudenken. Dabei springen sie uns doch in die Augen. Ganz offensichtlich sind sich z. B. Männer und Frauen keineswegs gleich. Sie unterscheiden sich im Bau und in der Funktion ihrer Geschlechtsorgane, in ihrer Hormonproduktion, in ihrem Sozialverhalten. Es macht nämlich einen fundamentalen Unterschied, ob ich als Mann meinen fast unbeschränkt zur Verfügung stehenden Samen so häufig wie möglich ejakuliere, oder als Frau meine wenigen zur Verfügung stehenden Eier befruchten lasse. Beide, Mann wie Frau, wollen ihre Gene weitergeben, doch die Strategien sind sehr unterschiedlich. Männer probieren es über die Quantität, Frauen suchen die Qualität, da die Folgen einer nicht allzu häufig möglichen Befruchtung für sie ungleich schwerwiegender sind als für ihn. (Daran ändert auch die Anti-Baby-Pille nichts. Sie ermöglicht nur den folgenlosen Genuss des Naturtricks Sexuallust, wie Verdauungspillen dem Vielfraß erlauben, häufiger seinem Vergnügen zu frönen. Die Körperfunktionen bleiben dabei unverändert. Ein wenig lächerlich freilich wird der Mann. Während für Frauen die Anti-Baby-Pille ein Stück Selbstbestimmung ermöglicht auf der Such nach dem richtigen Befruchter, rammelt der Mann nun meistens sinnlos vor sich hin. Für ihn wird der Koitus mit der vor Empfängnis geschützten Frau zum Selbstzweck und schließlich Leistungsbeweis.)
Auch wenn Reaktionäre Unterschiede immer dazu missbrauchen, unterschiedliche Wertigkeiten abzuleiten, verbieten es dennoch die Unterschiede zwischen Mann und Frau, von Gleichheit zu sprechen. Trotzdem macht die Harmonisierungstendenz auch vor diesem fundamentalen Unterschied nicht Halt: Unisex in der Mode, Frauen beim Militär, Männer in Schönheitssalons, Kuschelsex, Arbeitsplatzkonkurrenz .... Weil die (Interessens-) Unterschiede nicht wahrgenommen werden sollen, haben wir zwar einige Frauen in der Politik, aber keine Vorstellung von weiblicher Politik, wie wir umgekehrt nie die Frage stellen, was an der praktizierten Politik eigentlich politisch und was nur von männlichen Eigenschaften geprägt ist.
Das Streben nach Harmonie ist der gefährlichste Feind der Aufklärung und wird daher gerne von den Herrschenden gefördert. Als Axel Cäsar Springer das Hamburger Abendblatt gründete, stellte er das immer noch erscheinende Provinzblatt unter den jahrzehntelang im Titel abgedruckten Leitspruch „Seid nett zueinander“. Das geschah 1948. Gerade drei Jahre war es her, dass die Deutschen den größten Massenmord der Menschheitsgeschichte abbrechen mussten, dass aus Blockwarten und gewöhnlichen Denunzianten wieder Hausmeister und Nachbarn geworden waren, dass bis auf wenige Ausnahmen die Täter von gestern wieder als friedliche Bürger auftreten konnten. Der Leitspruch war verlogen von Anfang an und blieb es bis heute. Denn natürlich war das Hamburger Abendblatt nie nett zu Linken, Arbeitnehmern, Flüchtlingen, Andersfarbigen, Alternativen. Schließlich braucht Harmonie den Störenfried, andernfalls würde sie als Dauerzustand nicht einmal bemerkt.  Das Nettigkeitsgebot galt immer nur gegenüber Gleichgesinnten, Hamburger Kleinbürgern also, deren (vor allem von ihnen selbst gepriesene) Weltoffenheit nach 1945 genauso nur ein Anschein war wie ihre angebliche Naziferne zuvor.
Allerdings wollen die Klügeren unter den Andersdenkenden gar nicht, dass man nett zu ihnen sei. Denn jeder Nettigkeit haftet etwas Herablassendes, Gönnerhaftes an. Nett ist man zum unvermeidlichen Nachbarn, zu Schwiegereltern, Kindern und Kleintieren, zu Kranken und Alten, solange sie nicht nerven. Nett sein kostet nichts und macht sich gut. Daher wären anspruchsvollere Slogans wie „Seid solidarisch miteinander“ oder auch nur „Helft einander“ als Zumutung empfunden worden. Zudem hätten sie auch nicht Springers Menschenbild entsprochen. Nur ein Volksverächter konnte Zeitungen wie „Bild“, „Welt“ und „Hamburger Abendblatt“ machen. Sein Erfolg lag darin, dass er die miesesten Begierden seiner Leser zur Auflagensteigerung nutzte und ihnen zugleich die Zugehörigkeit zur Gruppe der Anständigen, Rechtschaffenen, Übervorteilten vermittelte. Springer ermöglichte es den Lesern seiner Blätter, mit den Fingern auf die wenigen Menschen zu zeigen, die noch größere Dreckschweine sind als sie selbst, und dadurch die eigene Schuld zu relativieren.
Nun ist Springer längst tot und sein Imperium hoffnungsvoll marode, sodass man sein Wirken als Episode in der Geschichte der Bundesrepublik abhaken könnte, wäre seine faule Saat nicht so prächtig aufgegangen. Über 3670 Verweise bietet Google zur Suchanfrage „Seid nett zueinander“. Die meisten davon sind topaktuell, nennen Popstars, Pfarrer und Politiker als Zitierende. Eine „Nettikette“ normiert die Kommunikation unter Computernutzern. Um ja niemanden durch brutale Wahrheit zu verletzen, sind wir alle nett miteinander, heucheln Verständnis für jeden Schwachsinn, verbergen noch die bösesten Absichten hinter Nettigkeiten und üben uns täglich in politischer Korrektheit.
Solche Verhaltensweisen sind nicht neu und dennoch erschreckend. Denn nett zueinander war auch das entpolitisierte Bildungsbürgertum im Biedermeier, in dem das Leben der gebildeten Kreise, wie ein älterer Brockhaus berichtet, „abgesperrt von der verantwortl. Mitgestaltung des öffentl. Lebens, tatenlos, nach innen gedrängt, dahinfloß“. Frauen begannen damals wieder, sich in Korsetts zu zwängen, Männer schmückten sich mit bunten Farben, in der Kunst dominierte das Naive, Eng-Behagliche, Sentimentale. Das Leben war erfüllt von dem innigen Wunsch nach Sammeln und Hegen, und die zeitgenössischen Grünen predigten die bescheidende Ehrfurcht vor den gegebenen Ordnungen.
Die Folgen sind bekannt. Mit Biedermeiern ist keine bürgerliche Revolution zu machen, sie sind die perfekten Untertanen, aber pfeifen auf alle Gemütlichkeit, wenn es darum geht, gerechte Weltkriege zu führen. Denn wer sich selbst zu lange vor den eigenen Herren duckt, lässt seine Aggressionen gerne gegenüber Fremden aus. In dem so harmlos scheinenden Biedermeier wurzelt die deutsche Katastrophe.
Wenn sich auch deutsches Biedermeier und deutsche Gegenwart fürchterlich ähneln, drängt sich doch ein wesentlicher Unterschied auf. Das Biedermeier war eine Folge politischer Unterdrückung, unsere Gegenwart scheint ganz demokratisch selbst gestaltet.
Letzteres freilich stimmt nicht ganz. Nach der Niederlage von 1945 mussten die Deutschen allem abschwören, woran sie mit viel Herz und wenig Hirn geglaubt hatten. In kürzester Zeit sollten sie sich demokratischen Vorgaben anpassen – sogar im Kino. Hatten vor kurzem noch „Filmkunstwerke“ wie „Jud Süß“ begeistert (2), sollte man nun profane Amischinken goutieren, für die sogar Gelder der so notwendig gebrauchten Marshallplanhilfe ausgegeben werden mussten. Nur innerhalb eines fremdbestimmten Spielraums durften die Deutschen agieren. Im Ost-West-Konflikt auf Bündnispartner angewiesen, konnten sie fast fünfzig Jahre lang nicht sich selbst, sondern nur das, was von ihnen erwartet, verlangt wurde, entwickeln. Die formale Demokratie Bundesrepublik (ähnliches galt für die DDR) war eine vielleicht sogar von den Bürgern akzeptierte, doch fremdbestimmte Organisationsform. Weil die Deutschen politisch nicht sein durften, wie sie eigentlich wollten, verwirklichten sie sich in der von aller Welt bewunderten wirtschaftlichen Aufbauleistung. Das deutsche Wirtschaftswunder ist ein großartiges Beispiel dafür, welches Potential in Frustrationen stecken kann. (Freilich gilt auch: Je unabhängiger Deutschland wird, desto stärker reduziert sich seine Wirtschaftskraft.)
Ein von mir hochgeschätzter Schriftsteller, der mir Deutschenhass vorwirft, versuchte kürzlich, meiner Kritik am deutschen Wesen mit der rhetorischen Frage zu begegnen: „Haben wir uns denn nicht alle Mühe gegeben?“
Gewiss habt ihr das! Ihr habt euch unentwegt entschuldigt und auch einiges bezahlt. Ihr habt euch lieber die Zunge abgebissen, als einen miesen Juden öffentlich einen miesen Juden zu nennen. Ihr ward nett zu allen zahlenden Fremden. Ihr habt Flüchtlinge nicht schlechter behandelt, als es eure Nachbarn taten. Ihr ward glücklich, wenn man euch Musterschüler nannte.
Warum aber hat euch euer Verhalten Mühe gekostet? Dem Anständigen bereitet es keine Mühe, anständig zu sein. Der Hilfsbereite empfindet keine Strapazen bei der Hilfe. Der Großzügige schenkt ohne Beklemmung. Mühe aber macht die Verstellung, das Tun als ob.
Auch das zweite deutsche Biedermeier entstand aus politischer Unterdrückung, wobei die Besatzungsmächte alsbald von den Medien abgelöst werden konnten.
Nie hatte ein Bundesbürger wirklich die Wahl zwischen politischen Alternativen (was vielleicht so schlecht nicht war), immer nur war diese Gesellschaft um scheinbaren Ausgleich bemüht. Diese lähmende Haltung dominierte sogar noch den Deutschunterricht in den Schulen. These – Antithese – Synthese lautete das Gebot beim Aufsatzschreiben, als ob etwas nicht falsch oder richtig sein könnte. Solche Zöglinge arrangieren sich, statt zu gestalten, und entwickeln eine entpolitisierte Funktionalität.
Wo aber Interessen verleugnet, verdrängt werden, löst Harmonisierung alle Konflikte in dümmliches Wohlgefallen auf. Eine Folge davon ist, dass sich die sehr wohl interessengesteuerten Mächtigen durchsetzen, weil es keinen Widerstand mehr gibt. Der Staat verkommt zu einem schlecht geführten Dienstleistungsunternehmen, das Volk ist nur noch dazu aufgerufen, den nettesten, sympathischsten, besten Verkäufer zu wählen. Entscheidend für seinen Wahlerfolg ist sein Auftreten, sein „Outfit“ bis hin zur Krawatte und Frisur, und niemand kommt mehr auf die Idee, den Verkäufer und sein Produkt in einem Zusammenhang zu sehen. Denn es gibt nur mehr dieses eine Produkt in unterschiedlichen Farben. Während Heerscharen von nationalen und europäischen Beamten gegen unvermeidliche, weil kapitalismuskonforme Monopole kämpfen, hat sich fast unbemerkt von der Öffentlichkeit die Monopolisierung der Politik längst vollzogen.
Dass unter diesen Umständen sich kein Mensch mehr für Politik interessiert, die Bürger als Idioten (3) ihr Leben fristen, kann nicht überraschen. Solche Menschen haben nichts zu gewinnen, nur zu verlieren. Die Well des neudeutschen Konservatismus breitet sich ungestört aus, allein Fremde, Andersgläubige, Terroristen bedrohen das falsche Idyll.
Aber auch ernsten terroristischen Gefahren gegenüber erweist sich ein Biedermann, eine Biederfrau als hilflos. Die Harmonie hat ihre Körper, ihren Geist bereits so sehr gelähmt, dass sie sich nur noch nach Ruhe sehen, nach dem ewigen Frieden. Sogar ihre Reiselust hat vor imaginären und realen Gefahren kapituliert. Der Urlaub wird (so häufig wie seit Jahrzehnten nicht mehr) wieder in Deutschland verbracht, jedes Abenteuer gemieden. Die Scheu vor Entdeckungen und den dabei manchmal unvermeidlichen Konflikten beherrscht nicht nur Politik und Wissenschaft, sondern die deutsche Mentalität.
Das Dumme an dieser Situation aber ist, dass der Kapitalist, der fundamentalistische Muslim, die großen Führer Asiens, die Hungernden Afrikas sehr genau wissen, was sie wollen. Gegen die Milliarden Menschen, die bereit sind, für Veränderungen zu ihren Gunsten zu kämpfen, wirken die europäischen Spießer mit ihrer Bewahrmentalität nur noch lächerlich. Am lächerlichsten von allen sind die Deutschen. Sie empört nicht die spießerüblich verdrängte Tatsache, dass Jahr für Jahr Millionen Kinder verhungern, verdursten, an leicht und billig behandelbaren Krankheiten sterben, sondern der Vorschlag, uralten Stammesbrüdern und –schwestern hochkomplizierte, sehr teure Operationen nicht länger zu finanzieren. Wer partout eine Galgenfrist will, kann sie sich kaufen, und wem das Geld dafür fehlt, wird so begierig auf ein Weiterleben in Armut nicht sein. Ein gerechter Lohn für weniger Wohlgeborene jedenfalls wäre hilfreicher als der kostenlose Einbau einer neuen Herzklappe kurz vor dem Tod.
Aber für den notorisch undankbaren Spießer gibt es kein Glück, schon gar nicht Gerechtigkeit, nur den Anspruch. Er will nicht wahrhaben, dass soziale Verhältnisse, körperliche Konstitution, mentale Flexibilität vom Schicksal sehr ungleich verteilt werden, dass Glück oder Pech schon an den Babys haftet. Er will aber auch nicht die Bedingungen ändern, denn dafür bräuchte es Sozialismus, Genforschung, Aufklärung, alles Dinge, von denen man nicht weiß, wohin sie führen. Er sieht keine Alternativen, und zeigt man sie ihm, will er sie nicht sehen. Seine einzige Perspektive ist das Mehr von dem, was er kennt und als wohltuend empfindet. Am liebsten kuschelt er in einer sozialen Hängematte und lässt – ich kenne kein idiotischeres Bild – seine Seele baumeln. Dies alles wäre nicht schlimm, würde er dabei sanft entschlummern, „hinscheiden“. Doch die soziale Hängematte bekommt immer mehr Risse, und Stürme drohen die baumelnde Seele zu erschüttern, zu peitschen, hinwegzufegen. Dann aber wird er, der Friedlichste unter den Friedfertigen, die Kerzen löschen, seine Weihrauchstäbchen brechen und um sich schlagen. Seine politische Ahnungslosigkeit lässt ihn keine Problemlösung erkennen, er kann nur reagieren wie ein waidwundes Tier.


(1) Unter der Internetadresse www.poesie-des-lebens.de findet sich ein Gedicht „Harmonie“, das allein schon jedem die Lust auf Harmonie austreiben sollte:

„Wenn Licht und Schatten miteinander im Einklang sind,
wenn Außen und Innen ein perfektes Spiegelbild des Glücks werfen,
wenn der Fluss des Lebens ungehindert durch Täler und Wiesen fließt,
dann fühle ich die Harmonie des Klanges der Erde.

Wenn eine zarte Frau in den starken Armen ihres Mannes liegt,
wenn ein zerbrechliches Kind an den Brüsten seiner Mutter Nahrung schöpft,
Wenn Freunde gemeinsam im Tanz ihren Pulsschlag zum Fliegen bringen,
erklingt das Lied des Lebens in stiller Harmonie.

Wenn die kalte Winterluft meinen Atem gefrieren lässt,
wenn junge Knospen in warmem Sonnenschein erblühen,
Wenn ein sanfter Wind das Meeresrauschen im Rhythmus hält,
erstrahlt die schlichte Harmonie des Lebens in Vollkommenheit.

(2) Zwischen 1941 und 1943 haben 20,3 Millionen Zuschauer diesen Hetzfilm gesehen. Es gibt keinen Hinweis, dass auch nur ein einziger Zuschauer dazu gezwungen worden wäre.

(3) Im ursprünglichen griechischen Sinn bezeichnet Idiot einen Menschen, dem die öffentlichen Angelegenheiten gleichgültig sind.

 
© 2003 Karl Pawek
pawek@web.de
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