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a . Fluch und Segen der Naivität

. Rätselhaft scheint der Großmut vieler EU-Bürger gegenüber Islamisten. Auch wenn die meisten Europäer selbst an keinen Gott so richtig noch glauben, befürworten sie den Bau von Moscheen, treten ein für den Islamunterricht auch an öffentlichen Schulen, fordern ein Bleiberecht sogar für militante Anhänger Allahs und das Wahlrecht auch für Menschen, die keine europäische Sprache sprechen. Wer dagegen opponiert, gilt ihnen als Rassist, als Ewig-Gestriger, als verstockter Reaktionär. Ganz offensichtlich sind die Freunde des Islam nicht fähig, zwischen reaktionärer Fremdenfeindlichkeit und der Abwehr aufklärungsfeindlicher Umtriebe zu unterscheiden. Da es sich bei den Verfechtern des multikulturellen Miteinanders nicht um den dümmsten Teil der Bevölkerung, sondern zumeist um gebildete, freundliche, engagierte Menschen handelt, verlangt das Missverständnis eine Erklärung.
Die These vom wellenförmigen Verlauf der Geschichte ist banal und trotzdem richtig. Interessanter aber als das Phänomen sind seine Ursachen. Wie also konnte es passieren, dass die bis 1945 wieder einmal tödliche Ausländerfeindlichkeit der bildungsbürgerlichen Eliten Europas in nur wenigen Jahrzehnten von einer gemeingefährlichen Ausländeranbiederung abgelöst wurde?
Wie die meisten ihrer europäischen Nachbarn sind auch die politisch aktiven, meinungsbildenden Deutschen zwischen 20 und 50 in einer ungewöhnlich zivilen, auf Ausgleich, auf argumentativer Verständigung aufbauenden Gesellschaft aufgewachsen. Vom Kindergarten an haben sie Toleranz gelernt, Achtung der Mitmenschen, Akzeptanz des Andersartigen. So wuchsen zwei, drei Generationen heran, deren Friedfertigkeit, politische Korrektheit, Gerechtigkeitsempfinden die kühnsten Träume der Reformpädagogen noch übertrafen. Es entstand eine weitestgehend unpolitische Gesellschaft, in der fast jeder nach seiner Facon leben konnte im Vertrauen auf gegenseitige Toleranz hart an der Grenze zur mitmenschlichen Gleichgültigkeit..
Entsprechend nett entwickelte sich das Menschenbild dieser Generationen. Schließlich lehrte die Erfahrung, dass niemand einem schlug, wenn man selbst niemanden angriff, zur Not sorgten Muttis und Vatis, Lehrerinnen und Lehrer, Pfarrer und Journalisten für die Durchsetzung der Gewaltfreiheit. Als nun diese Generationen aufgrund ihres ererbten Wohlstands mit immer mehr Fremden konfrontiert wurden, traten sie ihnen in der Mehrzahl so offen und hilfsbereit gegenüber, wie sie es gelernt und als wohltuend erfahren hatten. Ganz selbstverständlich gingen sie davon aus, dass die Fremden ähnlich tolerant sind wie sie selbst, dass alle Menschen nicht nur gleichwertig, sondern gleich sind, dass unterschiedliche Sitten und Gebräuche nebeneinander bestehen können, weil sie zwar anders sind, doch dem gleichen Entwicklungsstand angehören.
Zudem empfanden diese Generationen Scham gegenüber den Verbrechen ihrer Ahnen und Urahnen, fühlten sich zur Wiedergutmachung verpflichtet. Der Fremde, so unverständlich er sich auch betragen mag, gilt ihnen immer als Opfer – zumindest jenen, die nicht in den sich herausbildenden Gettos wohnen, sie nur zur Abwechslung hin und wieder besuchen.
Anders als Kirchenfürsten, Unternehmer und Politiker, deren Ausländerpolitik sich an spezifischen, sehr divergierenden Interessen orientiert, handeln die bildungsbürgerlichen Ausländerfreunde aus Naivität. Beseelt von einem allgemeinen und daher sehr vagen Gutsein, können sie sich gar nicht vorstellen, dass Menschen, die keine Kapitalisten, Amerikaner und Juden sind, zur Verwirklichung ihrer ideologischen Ziele nötigenfalls jeden Betrug, jedes Verbrechen begehen. Ihre Unfähigkeit, die eigene Lebenserfahrung als historisch und regional bedingt zu erkennen und sie daher nicht zu verallgemeinern, macht sie blind gegenüber den Fakten. Archaische Clanverhältnisse, Unterdrückung von Frauen, Zensur, Verbot jeder Aufklärung, anachronistische göttliche Gebote, religiöse Anmaßung etc. können noch so offensichtlich sein und werden doch nicht wahrgenommen. Menschen, die Adorno gelesen haben und zumindest seine Sprache nachahmen können, sehen Helden in korrupten Verbrechern, obwohl die Fakten z. B. über Herrn Arafat dokumentiert sind und nachgelesen werden können. Auch der Koran, auf den bereits ein englischer Lord schwören durfte und alsbald gewiss auch deutsche Politiker arabischer Abstammung ihren Eid leisten werden, ist kein geheimes Buch, im Gegenteil, Allahs Anweisungen, wie ein rechtschaffener Muslim mit Ungläubigen umzugehen hat, liegen in mehreren deutschen Übersetzungen vor. Die Barbarei ist nachlesbar, wie die Pläne der Nazis nachlesbar waren, lange bevor sie die Deutschen mit überwältigender Mehrheit wählten. Doch beherrscht von einer krankhaft übersteigerten selektiven Wahrnehmung sehen sie nur, was sie sehen wollen, und interpretieren die Wirklichkeit nach ihren Kindergartenerfahrungen. Wenn ihre Angebote zur Integration von Muslimen nicht genutzt werden, erkennen sie darin nicht die Verweigerungshaltung, sondern nur eine Unzulänglichkeit der eigenen Bemühungen.
Trotz alledem ist es gerade diese Naivität, die den Fluss des Lebens nicht in einem Teich versickern lässt. Goethes Mahnung, keinem über 30 zu trauen, war und ist berechtigt. Denn Wissen kann auch lähmen, konservieren. Hätte ich vor 30 Jahren schon gewusst, was ich heute zu wissen glaube, wäre ich wohl kein Sozialist geworden, hätte ich nicht versucht, Freiheitsbewegungen zu unterstützen, gegen den Obrigkeitsstaat aufzubegehren, mich von religiöser und kleinbürgerlicher Vormundschaft zu befreien, sondern als Zyniker mein Leben gefristet.
Ich habe in meinem bisherigen Leben nicht viel bewegen können, aber was ich bewirkte, verdankt sich meiner Naivität. Nur Ahnungslosigkeit erlaubt es einem, Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, vernünftiges Abwägen raubt die Kraft, eingefahrene Wege zu verlassen. So ist es kein Zufall, dass z. B. die Entscheidung zwischen Wehrpflicht und Berufsarmee weniger unter den Parteien als unter den Generationen umstritten ist. Ältere Menschen sehen in der Wehrpflicht einen Beitrag zur Sicherung demokratischer Militärstrukturen, wogegen ein Berufsheer, wie historische Erfahrungen nahe legen, sich eher zu einer verschworenen, demokratisch kaum zu kontrollierenden Gemeinschaft entwickeln kann.
Diese Sorge teilen die jüngeren Generationen nicht. Aufgewachsen mit einer harmlos scheinenden, behäbigen, vorsichtigen, fast untauglichen Wehrpflichtigenarmee unter parlamentarischer Aufsicht können sie sich eine Armee, die jenseits demokratischer Verhältnisse eigene politische Vorstellungen entwickelt, gar nicht vorstellen. Für sie überwiegt daher die Frage der Wehrgerechtigkeit, also das moralische gegenüber dem politischen Argument. Solche Naivität kann gefährliche Auswirkungen haben, doch im Unterschied zur Konservierung des Bewährten bietet sie auch Chancen.
Während die jüngeren Generationen von Naivität geleitet werden, bremst Angst die älteren. Ihre Sorgen um die Zukunft beruhen freilich auf Verhältnissen, die mehr oder minder weit zurückliegen. Es handelt sich also um Prolongationen, die jüngste Veränderungen der Bedingungen nicht berücksichtigen.
Allein Risikobereitschaft kann die Irrtümer aus überholten Erfahrungen überwinden. Die gegenwärtige europäische Gesellschaft ist wohl die risikoscheuste der Geschichte. Doch uns Ältere sollte eben diese Geschichte lehren, dass Angst vor dem Risiko selbst tödlich und damit sehr riskant ist. Vertraute Strukturen, vertraute Denkmuster lassen sich nicht straflos über ihre Verfallszeit hinüberretten. Der Konservatismus ist letztlich immer zum Scheitern verurteilt. Allein der Mut zur Alternative, zum Risiko bietet nachdenklichen Menschen zukunftsfähige Gestaltungsmöglichkeiten.
Viel einfacher haben es die Jüngeren. Obwohl selbst nicht weniger risikoscheu als die Alten, verführt sie Naivität und Unwissenheit zum Handeln. Was sie tun, halte ich zwar für falsch. Aber durch ihr Tun öffnen sie neue Möglichkeiten. Bezüglich der Islamisierung möchte ich die neue Zeit nicht erleben. Doch für die Menschen der Zukunft werden sich auch unter islamistischen oder ähnlich faschistischen Bedingungen neue Herausforderungen ergeben, neue Anstrengungen, neues Glück.
Diese Zuversicht darf freilich nicht als Plädoyer für Relativismus, gar Gleichgültigkeit missverstanden werden. Auch wenn die Chancen auf einen Sieg sehr gering sind, müssen wir kämpfen für die Aufklärung, gegen die Barbarei oder das, was wir unter Barbarei verstehen. Denn nur im Kampf, im Streit kann das bessere Neue entstehen.

© 2004 Karl Pawek
pawek@web.de
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