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| a | . | Fortschritt | |||||
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Vielen
Menschen ist der
Fortschritt suspekt, weil niemand wissen kann, wohin er führt.
Diese Haltung
ist nicht neu. Gesellschaften, die sich selbstzufrieden in ihren
Verhältnissen
eingerichtet haben, scheuen jedes Risiko der Veränderung. Doch
gerade dadurch
beschleunigen sie ihren Verfall. Denn das Bewahren eines Zustands
könnte nur
funktionieren, wenn auch die Umwelt, Natur und Gesellschaft statisch
wären. Da
dies aber auf Dauer nie der Fall ist, weil jede Handlung, sogar das
Nichtstun,
Konsequenzen hat, kollidiert das aus dem Gestern entstandene Wollen mit
der
sich stetig verändernden Wirklichkeit. Solche gesellschaftlichen
Prozesse
entsprechen der kindlichen Entwicklung. Das Kleinkind lernt durch
Nachahmung,
es übernimmt die Kulturtechniken und Verhaltensweisen seiner
Bezugspersonen,
verinnerlicht sie. (Viele später auftauchende psychische Konflikte
sind eine
Folge unzulänglicher Vorbilder.) In der nächsten
Entwicklungsstufe kann das
Kind eigenständig nach den verinnerlichten Vorbildern auch auf
unerwartete
Ereignisse reagieren. Doch mit zunehmendem Alter stößt der
Jugendliche immer
häufiger auf eine Wirtlichkeit, zu deren Bewältigung die
gespeicherten Muster
nicht ausreichen. Entweder scheitert er an solchen Herausforderungen
und
flüchtet sich in Passivität, oder er nutzt
Analogieschlüsse zu ihrer
Bewältigung, oder er versucht sich im Probieren. Mit letzterem
öffnet er sich
dem Fortschritt, da er den Musterkatalog um eigene, aktuelle
Erfahrungen
erweitert, schließlich modifiziert. Dieser
individuelle wie
gesellschaftliche Entwicklungsstrang Imitieren – Reagieren – Agieren
existiert
auch in der Tierwelt, doch nur beim Menschen kann er Fortschritt
schaffen, wenn
das Agieren sich nicht wie beim Tier auf die anpasslerische
Bewältigung von
Problemen beschränkt, sondern die Veränderung von Bedingungen
beabsichtigt.
Meistens hat dies nur einen banalen Fortschritt zur Folge wie
Erhöhung einer
Motorleistung, Vervielfachung der Prozessorgeschwindigkeit,
Vergrößerung der
Funktionsvielfalt von Handys etc. Solch banaler, quantitativer
Fortschritt kann
jedoch immer zu qualitativen Veränderungen führen, z. B.
Mobilität,
Arbeitszeitverkürzung, Bewusstseinsbildung durch Informationsschub
usw. Auch
kapitalistische Gesellschaften können diese Art von Fortschritt
nicht
verhindern. Wer seine Produkte weltweit verkaufen möchte, erzielt
nicht nur
Gewinne, sondern bekommt unvermeidlich auch die Globalisierung mit all
ihren
revolutionären Folgen dazu. Interessanter
noch als
dieser ungewollte, unbewusste Fortschritt, der allerdings als Schrecken
aller
konservativen Dummköpfe von unschätzbarem Wert ist, ist der
gestaltende
Fortschritt. Aber auch er ist ambivalent. Technische, soziologische,
biologische Kenntnisse können verwendet werden, um längst
überholte nationale,
mythische, rassistische Vorstellungen zu verwirklichen. Wo der
Fortschritt sich
mit dem Mythos verbindet, entsteht Faschismus. In ihm wird der
Fortschritt
barbarisch. Doch
bedeutender, weil
dauerhafter, ist der emanzipatorische Fortschritt. Auch er ist nicht
ungefährlich,
weil er auf Experimenten beruht. Solche Experimente wie der Sozialismus
können
aus unendlich vielen Gründen scheitern und bleiben doch die
großartigste
Herausforderung des Menschen. Der emanzipatorische, intelligente
Fortschritt
entsteht aus Wissen, Abstraktion und kombinatorischem Denken und
bedeutet
letztlich nichts anderes als die Arbeit am biblischen Auftrag, sich die
Erde
untertan zu machen. Dass dabei sich mancher Versuch als Irrtum erweist,
weil
unser Wissen unzureichend, unsere Absichten nicht selbstlos sind, darf
nicht zu
einer Vermeidungsstrategie, wie sie zur Zeit en vogue ist, führen.
Denn das
Bewährte ist immer ein Produkt der Vergangenheit und meist
untauglich zur
Bewältigung neuer Aufgaben und Probleme. Der
Fortschritt in all
seinen wissenschaftlichen, kulturellen, politischen und
ökonomischen Formen ist
das wertvollste Produkt des menschlichen Geistes. Die Welt erleiden,
sich ihr
anpassen, ums Überleben kämpfen tun auch Tiere. Nur der
Mensch ist fähig, sie
bewusst zu gestalten. Doch dazu bedarf es des Mutes und der Zuversicht. Ein
herausragendes Beispiel
dafür ist die Existenz Israels. Jahrtausende lang haben Juden
versucht zu
überleben, geduldet zu werden von ihren Nachbarn, bis sie
schließlich vom Volk
der Dichter, Denker und Mörder beinahe ausgerottet worden sind.
Der Entschluss,
einen eigenen Staat zu gründen und ihn mit allen Mitteln zu
verteidigen, sich
also nicht mehr der Willkür anderer auszuliefern, sondern die
eigenen
Lebensverhältnisse langfristig zu gestalten, ist ein bedeutender
Fortschritt
der eindeutigen Art. Meistens sind die Motive und Entwicklungen
diffuser. So
kann die amerikanische Irakpolitik Fortschritt erzeugen, obwohl ihre
Motive –
christlicher Fundamentalismus und weltlicher Profit – sehr altem Denken
verhaftet sind. Denn das gewiss eigennützige Ziel, die arabischen
Ländern zu
demokratisieren, eröffnet dem Fortschritt großartige
Möglichkeiten bei
allerdings hohem Risiko. Betrüblich
ist die Lage in
Deutschland. Für mehrere Jahrzehnte nach 1945 hatte Deutschland
das Glück, von
den Siegermächten zum Fortschritt gezwungen worden zu sein. Im
Westen sorgten
die USA für Demokratisierung, Unterdrückung völkischer,
rassistischer,
antisemitischer Impulse, für den kulturellen Anschluss an die
Moderne. Die
fleißigen Deutschen steuerten den wirtschaftlichen Erfolg bei.
Die Zukunft
Deutschlands schien zivilisiert, der Fortschritt unaufhaltsam. Im Osten
versuchte die
Sowjetunion, einen Fortschritt hin zum Sozialismus zu propagieren. Sie
und ihre
ostdeutschen Helfer scheiterten am bürokratisierten
Zwangscharakter des aus
sozialistischen Ideen entstandenen autoritären Staatswesens und an
der
fehlenden Einsicht in die deutsche Mentalität, die vielleicht
einen linken
Nationalsozialismus, doch keinen marxistischen Sozialismus
verträgt. Im Westen
seit den siebziger
Jahren, im Osten spätestens seit dem Fall der Mauer
veränderte sich mit der
wachsenden Souveränität gegenüber den Siegermächten
die politische Haltung. Die
Anpassung hin zum Fortschritt wich der Selbstbestimmung zurück in
die Vergangenheit.
Lange bevor im Westen reaktionäre Ziele (z. B. ein Krieg gegen
Jugoslawien)
erreicht wurden, hatten Umweltschützer, Atomkraftgegner,
selektierende
Menschenrechtler und Pfaffen, versammelt bei den Grünen, die
mentalen
Voraussetzungen einer fortschrittsfeindlichen, also
rückschrittlichen
Gesellschaft geschaffen. Angsthasen, deren Mut in jugendlichen
Räuber- und
Gendarmspielen aufgebraucht worden war, entdeckten die Wohligkeit des
Spießbürgertums. Bewahren oder besser noch
rückentwickeln, nicht gestalten
wurde zum vorherrschenden Leitmotiv. Nun sind Idealisten immer
gefährlich und
Dummheit tut bekanntlich weh. Dumme Idealisten aber lösen meistens
eine
Katastrophe aus. Auch wenn die Grünen keine Volkspartei wurden,
hat sich die
grüne Weltanschauung als Inbegriff reaktionären Denkens ohne
belastetes
Vokabular bei allen Parteien eingenistet. Ihr wesentlichstes Merkmal
ist die
Angst, Angst vor genveränderten Lebensmitteln, vor Atomkraft, vor
Umweltzerstörung, steigendem Meeresspiegel, vor der Natur (die
immer mal wieder
Arten aussterben lässt), vor Rauch und Geschwindigkeit, vor
Kapitalismus,
Konflikten und Verletzbarkeit. Ungebrochen ist der Hang der Deutschen
zu
Extremen. Waren sie vor 70 Jahren noch extrem übermütig,
zeigen sie sich nun
extrem ängstlich. Der gemeinsame Nenner beider Haltungen ist die
Fortschrittsfeindlichkeit. Jährlich
verlassen mehr als
100 000 Bundesbürger Deutschland. Ein Teil von ihnen muss als
Wirtschaftsflüchtlinge gelten, doch bei der Mehrheit handelt es
sich um gut
ausgebildete Fachleute und Wissenschaftler, die hierzulande für
sich und ihre
Heimat keine Zukunft mehr sehen. Deutschland mit all seinen
Restriktionen des
Denkens, seiner Reglementierung, seinem Sicherheitswahn ist für
mutige Menschen
bestenfalls langweilig, häufiger unerträglich geworden. Es
stimmt schon, dass
Deutschland bei der Neuanmeldung von Patenten immer noch
konkurrenzfähig ist,
doch handelt es sich dabei vor allem um Erfindungen, die dem banalen
Fortschritt zuzurechnen sind. In der Grundlagenforschung, in der
Gentechnik,
der Atomenergie, der Nanotechnologie ist Deutschland nur noch
mittelmäßig.
Schul- und Universitätsreformen werden daran nichts ändern,
nur die
Mittelmäßigkeit verbreitern, weil deren Ursachen tiefer
liegen. Nicht
Schulpläne, sondern Risikoscheu, ideologische Scheuklappen,
falsche
Wohlfühlsehnsucht (den Menschen soll es nicht richtig, sondern
rechtens gut
gehen), Konfliktvermeidungsstrategien sind für die deutsche Misere
verantwortlich. Solange hierzulande der Fortschritt als suspekt gilt,
wird die
Zukunft anderswo gestaltet. © 2006 Karl Pawek |
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