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a . Frieden um jeden Preis

. Die Friedensdemonstrationen der letzten Wochen waren beeindruckend, mehr noch, erschreckend. Was treibt Hunderttausende auf die Straße, um gegen die geplante Beseitigung einer Diktatur zu protestieren, mit der verglichen die Naziherrschaft 1938 noch human genannt werden konnte? Und bedrückender noch ist der Verdacht, die Friedensdemonstranten von heute wären auch damals für die Verschonung einer Diktatur auf die Straße gegangen. Wie heute für die „unschuldige“ Bevölkerung im Irak hätten sie damals für die „unschuldigen“ Hitlerwähler gebetet und nicht Hitler, sondern seine Widersacher als kriegslüstern diffamiert. Der Unterschied zwischen damals und heute besteht allein darin, dass die Appeasementdemonstranten nur ihre Ruhe haben wollten, die Friedensdemonstranten des Jahres 2003 tatsächlich Frieden fordern, Frieden um jeden Preis.
Auffällig an den Friedensdemonstrationen rund um den Erdball ist, dass fast alle Teilnehmer glauben, nicht aus Kalkül, sondern aus einem moralischen Anspruch zu handeln. Die deutsche Friedensbewegung der 60er und 70er Jahre hatte eine Funktion, die vielleicht nicht allen Teilnehmern bewusst war: Sie sollte und wollte den Sozialismus schützen. Ihr ging es nicht um einen abstrakten Frieden, sondern darum, eine militärische Vorherrschaft des kapitalistischen Westens zu verhindern, die für den Sozialismus schließlich tödliche Rüstungsspirale zu stoppen. Doch spätestens, als Ida Ehre auf Friedenskundgebungen Borchert zitierte und deutsche Schlagersänger begannen, vom Frieden zu trällern, wurde ein Wandel deutlich. Den neu Hinzugekommenen ging es weniger um die Bedrohung des Sozialismus, sondern um die Bedrohung des eigenen Vorgartens. Einzelne Mietshäuser, ganze Straßenzüge, sogar einige Gemeinden wurden damals von ihren Bewohnern zu atomwaffenfreien Zonen erklärt. Nun hätte auch der misstrauischste Feind nie vermutet, dass in diesen Zonen Atomwaffen lagern könnten. Die Erklärungen waren also absurd, doch keineswegs unmotiviert. Die Bewohner der atomwaffenfreien Zonen wollten ihre Unschuld dokumentieren in der Hoffnung, dafür von jeder Zerstörung verschont zu bleiben. Aus der Friedensbewegung wurde allmählich wieder eine Ohne-Mich-Bewegung, der es nicht mehr darum ging, politische Verhältnisse zu gestalten, sondern sich den politischen Verhältnissen zu verweigern.
Fortan bestimmte diese privatistische Haltung fast alle sozialen und „politischen“ Basismanifestationen. Ob es sich um Atomenergie, Ozonlöcher, vom Aussterben bedrohte Tiere, Lebensmittelqualität oder Müll handelt, immer ist es nur die Bedrohung der eigenen Existenz, des eigenen Wohlbefindens und bestenfalls noch der eigenen Brut, die zum partiellen Widerstand animiert. Denn was der Egomane nicht weiß, auch wenn er es sehr wohl wissen könnte, macht ihn nicht heiß.
Ihr  unpolitischer Charakter erklärt die ungewöhnliche soziale Breite der Bewegung. Nie sah man bei Demonstrationen in Berlin oder London so viele Pelzmäntel, so viele nett gekleidete junge Leute, die keineswegs misstrauisch beäugt wurden. Das Kümmern um das eigene Wohlbefinden vereinigt alle Schichten. Allein die Veteranen der Friedensbewegung, ältere Damen und Herren mit ihren kaum jüngeren Liedern, wirkten ein wenig deplaziert. Aber auch sie wurden herzlich aufgenommen in die Masse der Neubewegten.
Doch reicht die selbstverständliche Angst vor Krieg und Gewalt zur Erklärung des Phänomens noch nicht aus. Verstärkt wird die Furcht offenbar durch eine gewachsene Empfindsamkeit. Die Schreckensschwelle ist so niedrig wie noch nie. Hinter jeder Ungewöhnlichkeit lauert gleich die Katastrophe, jedes Problem weckt Hysterie. Dies gilt freilich primär für medial vermittelte Irritationen. Kriege, wie sie tagtäglich stattfinden und in besseren Zeitungen auch dokumentiert werden, können noch so grausam, verheerend sein, zum unerträglichen Skandal werden sie für diese Friedensdemonstranten erst durch die Vorführung. Nicht so sehr die irgendwo praktizierte, nur die im Fernsehen gezeigte Brutalität trifft unzählige Gutmeinende ins Mark. Dies ist um so verwunderlicher, als uns Volkserzieher seit Jahrzehnten weismachen wollen, dass Filme und Computerspiele mit ihren verabscheuungswürdigen Orgien der Gewalt die Betrachter und Spieler verrohen lassen. Tatsächlich sieht heute ein regelmäßiger Zuschauer von Fernsehnachrichten in einem Jahr mehr Erschossene, Erschlagene, Verkrüppelte, als früher ein Soldat während eines Weltkrieges zu Gesicht bekam. Doch die unzähligen Bilder der Gewalt scheinen die Zuschauer nicht abzustumpfen, das Gegenteil ist der Fall. Die täglichen Kriegs- und Katastrophenberichte im Fernsehen steigern noch die Aufgeregtheit, Empfindlichkeit. Sogar junge Menschen im besten Rabaukenalter, die in Videospielen locker Dutzende Gegner abknallen, zeigen sich von jeder realen Verletzung, jeder realen Gewalt in ihrem medialen Umfeld zutiefst schockiert. Die üblichen Kerzenprozessionen und Blumenaltäre dürften zwar weniger einem Mitleid entspringen als dem Wunsch, sich einzubringen, teilzuhaben am Schrecken. Sie sind wohl ein Ventil der eingeredeten Betroffenheit, eine Art Nordstaatenvariante des Klageweibergeschreis. Aber unstrittig bleibt, dass Menschen, die Zeit ihres Lebens wohlbehütet nur Frieden und Wohlstand kennen gelernt haben, sehr viel sensibler reagieren.
Allerdings fehlt ihnen jedes politische Verständnis der Zustände, wohl auch die Erfahrung. Sie leiden (vor allem an ihrer Betroffenheit) und wollen sich für Frieden (man könnte es auch Ruhe und Ordnung und Unversehrtheit nenne) engagieren. Mangels Wissens lassen sie sich dabei von Klischees, von medial verstärkten Vorurteilen leiten. Sie fordern daher nicht die Köpfe der Verbrecher im Irak und anderswo, weil sie deren faschistische Brutalität nicht vorgeführt bekommen und  sich daher auch nicht vorstellen können, sondern wollen den amerikanischen Präsidenten Bush in die Schranken ihrer Kindergartenzivilisation weisen, weil er als Störenfried erscheint.
Solch eine politische Kurzsichtigkeit ist gemeingefährlich und wird in einer Katastrophe enden. Denn zu den Vorurteilen gesellt sich die Dummheit. Selbstverständlich geht es im Irakkonflikt auch um Öl und Wirtschaftsmacht, nur gilt dies für den kriegswilligen Bush genauso wie für die falschen Friedensfreunde Chirac, Putin und Schröder. Für die Amerikaner jedenfalls ist Venezuela als Öllieferant viel wichtiger als der Irak.
Ich glaube auch nicht, dass die meist nur wahltaktische Solidarität mit Israel die amerikanische Regierung veranlasst, einen Krieg zu riskieren, obwohl dieser Krieg die vielleicht letzte Chance ist, den jüdischen Staat vor der Vernichtung durch den Friedensnobelpreisträger Arafat und seine Geldgeber zu bewahren. Der Kern des Konfliktes scheint mir sehr viel fundamentaler.
Die USA als letzte imperialistische Großmacht muss wie jeder Bandenführer von Zeit zu Zeit Überlegenheit beweisen, um potentielle Konkurrenten im Zaum halten zu können. Denn imperialistische Vorherrschaft ist keine Gottesgabe oder Rasseneigenschaft, sondern muss immer wieder erkämpft werden. Sie braucht daher einen Gegner.
Da nach dem Zerfall der Sowjetunion niemand, nicht einmal Nordkorea, ökonomisch wie militärisch den USA auch nur annähernd gleichkommt, bot sich allen gegenteiligen, innenpolitisch motivierten Beteuerungen zum Trotz als Gegner die einzige Macht mit Weltbeherrschungsanspruch an, der Islam. Unter allen zur Zeit geglaubten Weltreligionen ist der Islam die aggressivste. Während bei uns nach  schrecklichen Kämpfen zur Welteroberung im Zeichen des Kreuzes die Religion Dank ökonomischer und wissenschaftlicher Prosperität zur Privatangelegenheit wurde, fordert der Islam immer noch die Bekehrung Anders- und Nichtgläubiger und die Errichtung des Gottesstaates. An Christus kann man, an Allah muss man glauben. Nordamerika als letzter Hort eines vergleichsweise harmlos gewordenen christlichen Fundamentalismus muss die Konkurrenz des sehr viel rabiateren, totalitären islamischen Fundamentalismus zumindest ahnen. Alles Leugnen seitens der us-amerikanischen Administration ändert nichts daran, dass der Irakkrieg den vielleicht noch unbewussten Kampf zwischen zwei Kulturen einläutet. Mag auch für die USA der ökonomische Vorteil noch im Vordergrund stehen, kann es nach den Erfahrungen aus zwei Weltkriegen an den schwieriger zu vermittelnden politischen Zielen keinen Zweifel geben: Längerfristiger Zweck der Irakoffensive ist die Demokratisierung und damit auch Säkularisierung Arabiens.
Anders empfindet Europa. Hier hat sich die Errungenschaft Toleranz zur Dummheit reduziert. Toleranz macht nur Sinn unter Toleranten. Den Anderen akzeptieren, wie er ist, kann nur so lange richtig sein, wie der Andere auch mich in meinem Anderssein erträgt. Wenn aber Toleranz auf Intoleranz stößt, wird sie zur tödlichen Falle. Wieso darf bei uns sich jeder kleiden, wie er will oder sie zu wollen meint, während in islamischen Ländern andersartig Gekleidete mit Steinen beworfen werden? Wieso dürfen bei uns Moscheen und islamische Vereine betrieben werden, solange in islamischen Ländern Andersgläubige und Andersdenkende schikaniert und verfolgt werden? Wieso darf bei uns der Papstpilger und Saddamscherge Aziz eine Pressekonferenz abhalten, wenn er sich weigert, die Frage eines jüdischen Journalisten zu beantworten? Tolerieren wir dies alles nur, um im Geschäft bleiben zu dürfen mit islamischen Ländern, oder sind wir in Toleranz verblödet?
Während die westlichen Friedensdemonstranten einen gefährlich zögerlichen, taktierenden US-Präsidenten als Kriegstreiber beschimpfen, scheinen sie den Friedensbeteuerungen eines überführten Massenmörders zu vertrauen. Die naive Hoffnung auf Frieden macht sie blind für die Gefahr, die Multi-Kulti-Toleranz liefert sie den Anmaßungen islamischer Fundamentalisten aus.
Unsere Welt ist in einem immer noch erbärmlichen Zustand. Die Mehrheit aller Menschen wird ausgebeutet, aus politischen und sexuellen Motiven unterdrückt, leidet an vermeidbarem Hunger, an vermeidbaren Krankheiten, verfügt nicht einmal über sauberes Trinkwasser, ist einem medialen und/oder religiösen Psychoterror ausgesetzt, vegetiert im Elend. Anlass für Demonstrationen und mehr gibt es also genug. Doch nicht die zum Himmel stinkende Ungerechtigkeit empört die politischen Bankrotteure im alten Europa, sondern die Kohlendioxidemission, der Walfang und nun die Planung eines- wie sich herausstellen wird: notwendigen – Krieges.
Entgegen allen Erfahrungen in freundlichen Kindergärten und verlässlichen Ganztagsschulen leben wir in einer Welt, in der das Bessere, was noch lange nicht das Gute ist, immer schmerzhaft  durchgesetzt werden muss, nur das Falsche kommt von ganz allein. Der alte Kleinbürgertraum, sich unschuldig durchs Leben mogeln zu können, wird nie in Erfüllung gehen. Ich habe nicht den Eindruck, dass die amerikanische Regierung leichtfertig den Krieg sucht. Leichtfertig erscheinen mir vielmehr jene Friedensdemonstranten, die, um ihre eingebildete Unschuld zu bewahren, diesen Krieg verhindern wollen. Ihre Zukunft möchte ich nicht teilen.
   
© 2002 Karl Pawek

pawek@web.de
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