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a . Gottesanbeter

. Sie glauben an einen Gott? Warum tun Sie sich das bloß an? Ich will niemandem den Glauben ausreden, schlecht machen, wegnehmen, Sie nur darauf aufmerksam machen, dass Ihr Glaube andere Folgen hat, als Sie denken. Himmel oder Hölle werden Sie nie kennen lernen, letztlich wissen Sie das selbst. Und Ihre Angst vor der Sinnlosigkeit, vor dem Tod ist unbegründet, sobald sie Ihre Abhängigkeit als Gottesanbeter überwunden haben. Nur Ihr Glaube hindert Sie daran, die mentalen Fesseln unserer archaischen Vergangenheit zu sprengen. Die Freiheit, gottlos leben zu können, ist das bisher wohl wichtigste Etappenziel auf unserem langen Weg der Menschwerdung.
So modern Ihnen Ihr Glaube auch scheinen mag, unterscheidet er sich prinzipiell nicht von dem Ihrer Urahnen, die sich schlotternd vor Angst in eine Höhle verkrochen, als es blitzte und donnerte über ihnen. Selbstverständlich kennen Sie die Ursachen eines Gewitters und wissen daher, dass es zu seiner Entstehung keines zürnenden Gottes bedarf, aber auch kein Gott es verhindern kann. Damit sind Sie schon ein wenig klüger als z. B. Ihre islamischen Glaubensgenossen, die nicht Erdkrustenbewegungen, sondern einen Gott für schreckliche Erdbeben verantwortlich machen (statt wütend auf ihn zu sein, dass er ihnen zwar unzählige Reinigungsgebote, nicht jedoch die Technik erdbebensicheren Bauens verkündet hat).
Und dennoch glauben Sie an etwas über oder in Ihnen, das alle Macht hat über Ihr Schicksal, das Ihr Handeln und Denken beurteilt, sie straft und belohnt. Aber wahrscheinlich können Sie sich bloß nicht vorstellen, kein Kind mehr zu sein. Wie Sie einst an der Schürze oder den Jogginghosen Ihrer Mutter hingen, klammern Sie sich immer noch an die Vorstellung eines allmächtigen Vaters oder einer allmächtigen Mutter. Sie wollen immer noch nicht auf Ihren eigenen Füßen stehen, Ihr Handeln selbst verantworten. Ihr Glauben hält Sie infantil. Sie brauchen, könnte man meinen, einen Psychiater. Doch billiger und hilfreicher ist Aufklärung.
Ahnung, Angst und Unverstand sind die Wurzeln jeder Religiosität. Tiere brauchen keinen Gott, weil sie nicht verstehen, nur funktionieren, reagieren. Sie besitzen keine Vorstellung von Zukunft, ihr Schicksal ist ihnen daher gleichgültig. Kein Tier weiß, wie alt es ist, obwohl es sein Alter gewiss spürt, jedoch nur als Zustand, nicht als Menetekel. Erst der Mensch entwickelte die Fähigkeit, Erfahrungen zu verallgemeinern, abstrahieren, kombinieren und daraus situationsunabhängige Schlüsse ziehen zu können. Aus dieser frühen Form der Intellektualität entstand sein Bewusstsein.
Doch längst nicht alles verstand der Mensch. Vor allem die Unfähigkeit, Kausalitäten zu erkennen, machte ihn und macht ihn noch heute hilflos. Hinzu kam die Erfahrung der Endlichkeit, die den Hochmut des Bewusstseins aufs Tiefste verletzte. Die Angst vor dem Unverstandenen und die Angst vor dem eigenen Tod suchten und fanden Trost bei einem oder mehreren höheren Wesen. Ihnen lieferte sich der Mensch aus in der erbärmlichen Erwartung, wenn schon nicht die Wirklichkeit, so doch deren vermeintlichen Lenker beeinflussen, günstig stimmen zu können. Gebete in allen Religionen sind Beschwörungen, gleichgültig, ob sie stehend, kniend, hockend oder liegend geleistet werden.
Je mehr Wissen der Mensch gewann, desto weniger Götter brauchte er. Mit jedem Geheimnis, das er löste, geriet ein bis dahin zuständiger Gott in Vergessenheit. Und obwohl unsere Welt immer noch voller Geheimnisse ist, haben wir so viel Vertrauen in ihre Erklärbarkeit gewonnen, dass wir z. B. das noch unverstandene Verhalten der Teilchen von Physikern erforschen lassen, satt uns einen Teilchengott zu erschaffen.
Während es in unterentwickelten Teilen der Welt noch von Göttern wimmelt, benötigen Menschen in höher stehenden Kulturen nur mehr einen Gott, eventuell mit Gefolge als Ansprechpartner für die Sorgen des Alltags. Dieser eine Gott mag heißen, wie seine Gläubigen wollen, und doch hat er in allen Religionen letztlich nur die eine Funktion, die Menschen aus ihrer Endlichkeit zu „erlösen“.
Natürlich betet niemand für ein ewiges Leben. Die meisten Gebete gelten immer noch dem eigenen Schicksal und dem Schicksal geliebter Mitmenschen, gelegentlich auch anderen scheinbar unbeeinflussbaren Dingen wie Frieden. Und je hilf- und ahnungsloser ein Mensch ist, desto mehr braucht er einen Gott, der dem, was sinnlos oder bedrohlich scheint, eine gute Wendung geben könnte. Dieser Gebrauchsgott ist für viele der einzige Ansprechpartner, nur ihm können sie sich offenbaren. Freilich haben wir inzwischen Kulturtechniken entwickelt, die auch diese Funktion Gottes überflüssig machen. Mit Hilfe der Psychologie, der Hirnforschung, der Verhaltenslehre, der Ernährungswissenschaft, der Massage- und anderer Wohlfühltechniken gelingt es vielen Menschen auch ohne Gebet, Frieden und Geborgenheit zu finden. Allein der Tod lässt sich weder naturwissenschaftlich noch kulturtechnisch überwinden. Er ist die letzte noch verbliebene Wurzel der Religiosität.

Da also Religionen immer noch menschlichen Ängsten entsprechen, lassen sie sich nicht, wie zahlreiche Revolutionäre in den letzten drei Jahrhunderten erfahren mussten, einfach per Dekret abschaffen. Zwar gibt es durchaus junge Menschen, die religionsfrei aufwuchsen, ohne Schaden zu nehmen an ihrer Person, und damit beweisen, dass ein Leben ohne Religion sehr wohl möglich ist. Doch fürchte ich, dass die meisten von ihnen beizeiten Ersatzbindungen suchen werden, die in ihrer Banalität viel erbärmlicher sind als z. B. das Christentum. Und oft genügt schon eine Krankheit, ein Leiden, und sie machen sich doch noch auf zu Gott.
Wer an Gott glaubt, tut es aus Not. Niemand sollte sich daher lustig machen über Gläubige und ihre Rituale, ihre Hoffnungen. Ihnen ist freilich auch nicht mit aufklärender Religionskritik beizukommen, denn wie sich Verliebte nicht um die Wirklichkeit scheren, kümmert den Gläubigen kein Argument. Die Freiheit von Religion setzt sehr viel Erfahrung, sehr viel Verstehen, sehr viel Selbstbewusstsein voraus. Sie zu gewinnen ist nur wenigen möglich in unserer Gesellschaft, erst die ferne Zukunft wird vielen eine Chance bieten.
Nun sind auch nicht so sehr die Gläubigen das Problem. Bei ihnen handelt es sich meist um freundliche, hilfsbereite, durchschnittliche Menschen, die nicht missionieren, nur glauben wollen. Ganz anders verhält es sich mit der Priesterkaste. So unschuldig die Hirten auch gewesen sein mögen bei der Übernahme ihres Amtes, verdirbt es auf Dauer jeden Charakter. Denn zu groß ist ihre Macht über die Gläubigen. Vielleicht nicht einmal bewusst nutzen sie die Hilflosigkeit, Ängste der ihnen zuströmenden Menschen aus, um sie mittels Ge- und Verbote, Drohungen und Versprechen zu instrumentalisieren. Sieht man von ein paar Heiligen ab, gibt es kaum einen Priester, der sich seinen Anhängern nicht überlegen fühlt. Natürlich weiß er mehr über die von ihm vertretene Religion und hat in der Regel in Glaubensfragen gegenüber den Gläubigen immer Recht. Doch gilt dies ähnlich auch für Lehrer oder Polizisten und mag Eigenheiten, doch noch nicht charakterliche Veränderungen hervorrufen. Viel bedeutsamer ist, dass Priester sehr schnell die Schwächen der Menschen, ihre Unsicherheiten, Ängste und damit ihre Formbarkeit erkennen. Die Herde will geführt werden. Natürlich machen Psychiater ähnliche Erfahrungen (und nutzen ihre Macht über Patienten auch manchmal aus), doch der Psychiater liefert eine bezahlte Dienstleistung. Entspricht sie nicht den Erwartungen, verlieren viele Patienten die Geduld und wechseln die Couch. Ein Priester aber verkörpert sehr viel mehr als nur einen Seelenarzt. Nur er, dafür sorgen überall die Oberpriester, kann den Gläubigen auf den richtigen Weg zum richtigen Gott führen. Aus seinem Mund kommt nicht das Wort eines vielleicht irrenden Fachmanns, sondern Gottes Wort. Und dies gilt noch für den größten Schwachsinn.
Ich bin katholisch erzogen worden, war Ministrant und glaubte an Himmel und Hölle, den „lieben“ Gott und Christus, dessen Porträt über meinem Bett hing und dessen Blick mir in jeden Winkel des Zimmers folgte. Lieber wurde ich ohnmächtig vor Hunger, als die Heilige Kommunion durch eine vorherige Nahrungsaufnahme zu missachten. Doch stärker als meine Gottesfurcht wurden allmählich die Freuden der Masturbation. Anfangs beichtete ich jede „Selbstbefleckung“, doch war meinen Religionslehrern ein Missgeschick passiert. Sie hatten ihre Abscheu vor jeder Selbstbefriedigung so sehr übertrieben, dass meine Scham jede Angst vor der noch sehr fernen Hölle überwog. Ich ging immer seltener zur Beichte und trotzdem jeden Sonntag zur Kommunion, um meinen Eltern, vor allem aber meiner Großmutter Sorgen über meinen moralischen Zustand zu ersparen. Mit 13 oder 14 Jahren hörte ich schließlich ganz mit dem Beichten auf, besuchte aber weiterhin jeden Sonntag den Gottesdienst. Indem ich mich der priesterlichen Kontrolle entzog, wuchs mein politisches Bewusstsein. Als eines sonntags mir nicht wahlberechtigten ein Oberpriester von der Kanzel auftrug, CDU zu wählen, stand ich auf und verließ die Kirche bis zum Ende seiner Predigt. Damals kannte ich Lubitschs „Sein oder Nichtsein“ noch nicht, aber immer, wenn der Priester die Kanzel bestieg, verließ ich fortan die Kirch, nur wartete draußen nicht die Geliebte auf mich, sondern nur eine Zigarette.
Je länger ich keine Predigt mehr hörte, desto schwächer wurde der Glaubenszwang. Bis zum Beginn meines Studiums ging ich weiter sonntags in die Kirche, mehr aus Gewohnheit als aus Gottessehnsucht, bis ich mir schließlich selbst albern vorkam, zumal der Sozialismus eine nicht weniger strahlende, nur sehr viel nähere Zukunft versprach. Schließlich trat ich aus der Kirche aus und nirgendwo mehr ein. Dass ich noch immer Sozialist bin, mag nicht zuletzt an meiner Kirchenerfahrung liegen: Wann immer Oberfunktionäre eine Rede hielten, hörte ich nicht zu. Hinausgehen musste ich nicht, denn damals durfte man in linken Versammlungen noch rauchen.

Wir sollten nicht so tun, als ob alle Religionen gleich wären, obwohl sich jede Unterscheidung zwischen richtig und falsch verbietet. Religion ist eine Glaubenssache, bei der nicht die historisch bedingte Sache, sondern der Glaube entscheidend ist. Dennoch gibt es Kriterien, die Differenzierungen ermöglichen, z. B. der Abstraktionsgrad von Gottheiten und Geboten. Je konkreter ein Gott imaginiert wird, desto archaischer ist seine Religion. Dies gilt auch für ihre Gebote. Reinigungsrituale, Essengebote, detaillierte Eigentumsverfügungen etc. deuten auf ihren vor- oder frühzivilisatorischen Ursprung hin. Entwicklungsgeschichtlich handelt es sich dabei um naive Religionen. Solange sie nur praktiziert und anderen nicht aufgezwungen werden, stellen sie kein Problem dar. Kritisch wird es erst, wenn die Anhänger solch naiver Religionen gewiss im besten Glauben Anders- oder Ungläubige retten oder ausmerzen wollen. In so einem Fall stoßen zwei unterschiedlich entwickelte Kulturen aufeinander. Der höher entwickelten Religion gelingt es fast immer, Elemente der älteren, archaischeren Religion zu integrieren. Der christliche Kalender ist voller heidnischer Feste mit neuen Namen, und mache Gottheit wirkt in den Heiligen weiter. Dennoch gelangen solche Integrationen selten unblutig, aber immer noch relativ friedlich im Vergleich mit dem umgekehrten Weg.
Besitzen die Anhänger einer entwicklungsgeschichtlich primitiveren Religion die Machtmittel, eine modernere Glaubensgemeinschaft zu missionieren, drohen Krieg und brutale Gewalt. Denn die archaischere Religion könnte nur auf Kosten ihrer Selbstaufgabe oder revolutionärer Veränderungen kulturgeschichtlich höher stehende Elemente übernehmen. Das Gebot der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen z. B. würde den Islam in seiner heutigen Auslegung fundamental verändern. Seine Paradiesvorstellung, seine Familienstrukturen, seine sexistische, von der katholischen Kirche geteilte Interpretationshoheit würden durch die Emanzipation so lächerlich erscheinen, wie sie sind. Daher wird der islamische Klerus eine solche Veränderung mit allen ihm zur Verfügung stehenden Machtmitteln und mit der Unterstützung seiner männlichen Anhänger, die andernfalls manche Bequemlichkeit und viele Vorrechte verlieren müssten, verhindern. Da unter den Bedingungen der Globalisierung ein solcher Abwehrkampf nicht in der regionalen Isolation geführt werden kann, ist der Islam zur Missionierung der Ungläubigen, zur Eroberung ihrer Territorien gezwungen. Wer bei uns an ein gütliches Neben- und Miteinander von Christentum und Islam glaubt, ist schlicht blöd. Er sieht und weiß nicht, dass seine Toleranzvorstellung nicht universell, sondern avantgardistisch und Epochen entfernt ist von der Toleranz des Islams. Wie das römische Reich sich nie mehr erholt hat von dem Einbruch der Barbaren aus dem Norden, würde unsere Zivilisation und Kultur von den Barbaren aus dem Süden zerstört werden.
Manche satten, überdrüssigen Schwachköpfe mögen der Ansicht sein, dass unsere Gesellschaft nichts besseres verdient hätte als den Untergang. Andere Dummköpfe versprechen sich durch die Islamisierung eine Überwindung des zur Menschheitsgeißel mutierenden Kapitalismus. Doch jeder, der sich dem Humanismus, der Aufklärung, also dem Sozialismus verpflichtet fühlt, muss mit aller Kraft versuchen, die islamische Anmaßung abzuwehren. Solange nicht westliche Schulen, westliche Medien, westliche Glaubensgemeinschaften und westlicher Lebensstil in den islamischen Ländern toleriert werden, sind Moscheen, Islamschulen, Kulturvereine bei uns nur eine Verhöhnung westlicher Toleranz. Und selbstverständlich wäre das Tragen von Kopftüchern als modisches Accessoire und damit als Ausdruck des Selbstgefühls überhaupt kein Problem, ginge es nicht auch in diesem Fall um Eroberung. Die Technik ist nicht nur Rauchern bekannt: Anfangs wurden winzige Teilbereiche zu Nichtraucherzonen erklärt, bald wurden sie zahlreicher, die ersten Raucherzonen entstanden, die schnell immer mehr zurückgedrängt wurden in Hinterstuben und Hauseingänge, bis in absehbarer Zeit das Rauchen in der Öffentlichkeit verboten sein wird. Am Anfang stehen immer Kleinigkeiten, die ein Gutmütiger nicht verwehren will, am Ende bleibt ihm nichts, das er noch teilen könnte. 
Doch ist der Islam nur die reaktionärste mir bekannte Religion und gewiss kein Anlass, etwa das Christentum zu verteidigen. Denn auch dessen (schwankende) Toleranz, Bescheidenheit (im Kapitalismus), (nachzüglerische) Modernität sind sehr relativ. Unter den derzeitigen Umständen braucht es keinen Mut, als Atheist unter Christen zu leben, doch oft war es anders und wird eines Tages wohl auch wieder anders sein.
Denn wie allen Gottesanbetern ist auch den Christen jeder Ungläubige ein Ärgernis. Im Unterschied zu manchen Sekten, deren Anhänger, zumindest so lange sie selbst eine Minderheit darstellen, vielleicht wirklich nur Gottlose vor dem Verderben retten wollen, hat die Kirche nie nur ein Glaubensangebot gemacht. Vielmehr versuchte sie immer, Un- oder Andersgläubige einzureihen und dies nicht, um deren Seelenheil zu retten, sondern um jede Alternative zu ihr selbst zu eliminieren. Nichts hasst sie so sehr wie den Ungläubigen. Die fatale Rolle der Kirchen im Nazireich entstand aus diesem Hass. Vor die Alternative gestellt, zwischen Kommunismus und Nationalsozialismus zu wählen, entschloss sie sich, letzteren zu tolerieren, denn Nazis glauben immerhin an etwas Mystisches, Kommunisten nur an die soziale Vernunft.
Wenn heute noch in deutschen Amts- und Schulstuben Kreuze hängen, ist dies kein Glaubensbekenntnis, sondern nur Anmaßung. Selbstverständlich darf niemandem verwehrt werden, an etwas zu glauben und dies auch anderen mitzuteilen. Aber ein Glaubensbekenntnis ist eine persönliche Angelegenheit, nur Menschen, nicht staatliche Institutionen können, dürfen glauben. Schulunterricht dagegen oder Rechtsprechung unter dem Zeichen des Kreuzes zwingt allen Beteiligten ein Wertesystem auf, dessen absolutistischer Anspruch längst anachronistisch, intolerant und undemokratisch ist. In diesem Zusammenhang muss man Jesus Christus vor seinen Kirchen in Schutz nehmen. Nichts ist von ihm überliefert, das ihre Religionspraxis rechtfertigen könnte.
Manche meinen freilich, Ungläubigkeit müsse zu einem allgemeinen Werteverfall führen. Ganz abgesehen davon, dass auch gläubige Christen selten uneitle Nächstenliebe praktizieren, ja nicht einmal sich selbst lieben können, die Gläubigkeit also kein Garant wertvollen Lebens ist, sind die von interessierter Seite geschürten Verlustängste unsinnig. Denn bestenfalls dient Gott der anpasslerischen Erziehung kleiner Kinder, die nicht lügen, stehlen, vor allem nicht mit ihren Geschlechtsteilen spielen können, ohne dass der „liebe“ Gott ihnen zuschaut. Kinder erfahren Religiosität restriktiv. Meist wird sie auf ihren erzieherischen Gebrauchswert reduziert. Hervorragend dafür geeignet ist die vor allem von Protestanten hoch geschätzte alttestamentarische Strenge. Christi Wirken dagegen wird meist zensiert übermittelt. Sein Umgang mit einer Prostituierten, seine Drogenproduktion, seine Verachtung für Geschäftemacher und Staatsbüttel, seine Aufforderung, wie die Vögel auf dem Feld zu leben, gelten als pädagogisch wenig wertvoll. Betbrüder und - schwestern halten es lieber mit dem strafenden Gott, denn Angst ist ein sehr effektiver Lehrmeister.
Trotz der langen Tradition derartiger religiöser Erziehung gab und gibt es Menschen, die diese Tortur nicht nur schadlos überstanden haben, sondern aus ihr die Kraft zur Güte, Liebe, Hilfsbereitschaft, aber auch Klarheit, Konsequenz, Analyse gewinnen konnten. Unter den besseren Intellektuellen, Schriftstellern, Filmemachern ist der Anteil jener überdurchschnittlich groß, die in ihrer Kindheit als Ministranten gearbeitet haben, wie überhaupt das farbenfrohe, bilderreiche, duftende katholische Umfeld der Kreativitätsentwicklung förderlich scheint. Doch die gewöhnliche Folge religiöser Erziehung sind gebrochene, unsichere, leicht fanatisierbare, bigotte Menschen, deren Sozialverhalten von Zwängen abhängig ist.
Wer aber glaubt, nur religiöse Erziehung mache eine Unterscheidung von Gut und Böse, richtig und falsch möglich, irrt. Als kleine Kinder lernen wir vor allem durch Nachahmung und Effektivitätskontrolle. Wer in angstfreien, liebevollen Verhältnissen aufwächst, braucht keine Gebote als Grundlage seines Sozialverhaltens. Schnell merken Kinder auch, dass Wohlverhalten oft nützlicher ist als maßlose Egozentrik. Es gibt keinen wirklichen Wert, der nicht ohne religiösen Zwang angenommen werden kann, vorausgesetzt, Eltern und Ältere wissen, was sie tun. Daher wäre es sinnvoll, den schulischen Religionsunterricht durch ein Sozialkundefach zu ersetzen, das auf entsprechenden Jahrgangsniveaus die Sozialisierung einübt und erklärt. Es ist absurd, wenn junge Menschen während ihrer gesamten Schulzeit nichts lernen über Sozialisation, Denken, Beziehungen, über ihre Entwicklung vom Säugling zum Menschen. Um ein Auto fahren zu dürfen, müssen sie viele Stunden theoretischen und praktischen Unterricht absolvieren, als Eltern dagegen brauchen sie überhaupt keine Qualifikation über das Wickeln und Ernähren ihrer Kinder hinaus. Dass sie bereit wären, mehr für deren Förderung zu tun, beweist das große Interesse an Geburtstechniken, obwohl deren Auswirkung auf die Entwicklung eines Menschen sehr viel geringer ist als bei der visuellen, akustischen, taktilen und emotionalen Umwelterfahrung der ersten Lebensmonate. Jeder hierzulande kennt die Geschichte der Jesusgeburt, wie aber Intelligenz entsteht im Säuglingshirn ist nur Spezialisten bekannt. Alle anderen können nur dem „lieben“ Gott dankbar sein, wenn die Entwicklung des Kleinkindhirns halbwegs normal verläuft.
Die Behauptung, im Atheismus würden alle Werte und Moral verschwinden, ist eine Zwecklüge. Nicht nur, dass viele Menschen, die frei von religiöser Einflussnahme aufwuchsen, solidarischer agieren als die meisten Betbrüder und – schwestern, sind wirkliche Werte einsichtig, ist ihr Nutzen nachvollziehbar. Natürlich ist es mühsamer, Einsicht zu fördern als Anpassung zu erzwingen. Nur ist es ein bedeutender Unterschied, ob jemand die Gebote (und in deren Folge staatliche Direktiven, schließlich persönliche Anmaßungen) willenlos befolgt, oder selbstbestimmt zwischen gut und böse, richtig und falsch unterscheiden lernt.
Zu den übelsten Erscheinungen des Menschseins zählt der autoritäre Charakter als Voraussetzung politischen Wahns wie persönlicher Normierung, die als Unterdrückung weitergegeben wird. Allein schon die Überwindung des autoritären Charakters rechtfertigt jeden Versuch, Religionen durch Aufklärung überflüssig zu machen.

 
© 2004 Karl Pawek

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