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| a | . | Hilfloser Antifaschismus |
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Fast
so unfassbar wie die
Verbrechen des Faschismus sind die Mühen, ihn zu
„bewältigen“. Milliarden Euro,
Millionen Unterrichtsstunden, Hunderttausende Veranstaltungen, ganze
Sendejahre
waren vergeblich. Vor allem junge Menschen wählen in Deutschland
wieder zuhauf
nationalsozialistisch und trauen sich damit etwas, wofür die
meisten Älteren
nur zu feige sind. Noch verhindern die Dumpfbacken in der NPD, dass
auch
„anständige“ Durchschnittsbürger dieser Partei ihre Stimme
geben. Aber jüngere,
zeitgeistigere Aktivisten stehen schon in den Startlöchern, um die
alten
Parteikader und ihre minderbemittelten Zöglinge aus den
Führungsposten der NPD
und ähnlicher Sammelbecken zu verdrängen. Nimmt
man den Antisemitismus
als Kennzeichen einer faschistischen Haltung, muss mindestens die
Hälfte aller
Bundesbürger als faschistoid gelten. Wenn es gelingt, und wir sind
dem Ziel
schon sehr nahe, die Verbrechen des Faschismus als Taten einiger
weniger
Krankhafter, Getriebener, Verirrter darzustellen, sollte sich die
Meinung, es
war nicht alles schlecht am Nationalsozialismus, zur Gewissheit
wandeln, dass
an ihm sehr vieles gut war: die Sozialpolitik, der Umwelt- und
Mutterschutz,
sogar Details wie seine Anti-Raucher-Kampagnen werden wieder
vorbildlich erscheinen
sogar im grünen Milieu. Und je mehr terroristische Gefahren den
Überwachungsstaat fordern, desto vertrauter werden uns Blockwarte,
Gestapo und
SA. Den Deutschen wird wieder bewusst, was viele schon seit 1945
ahnten: Nicht
Einsicht hat sie zivilisiert, sondern die Umerziehung. Lange haben sie
ihren
fremden Lehrern gefolgt, nun aber, da diese seit zehn Jahren nicht mehr
die
Aufsicht führen und niemand mehr den Deutschen auf die Finger
klopfen kann,
emanzipieren sie sich. Offenbar
haben die meisten
Umschüler nichts verstanden. Denn man sagte ihnen zwar, dass der
Nationalsozialismus schlecht war, doch musste man ihnen seine Ursachen
verschweigen, bilden sie doch noch heute das Fundament unserer
Gesellschaftsordnung. Aber es gibt keinen Antifaschismus ohne
Kapitalismuskritik. Max Horkheimer zog daraus die Konsequenz: „Wer vom
Kapitalismus nicht reden will, soll über den Faschismus
schweigen.“ Seine
schroffe Forderung war so treffend,
dass sie unter den Volkserziehern schnell in Vergessenheit geriet. Nun
kann man den Faschismus
nicht auf seine kapitalistischen Wurzeln reduzieren. Faschismus ist die
Staatsform idealistischer, zu kurz gekommener oder sich bedroht
fühlender,
autoritär strukturierter Gesellschaften. Gewiss ist es richtig,
dass sich der
Kapitalismus in weiten Teilen Europas nach dem 1. Weltkrieg
gefährdet fühlte
(wie heute sich viele Islamisten und südamerikanische
Trotzköpfe gefährdet
fühlen) und auf Abhilfe sannen. Normal wäre es gewesen, wie
sein noch viel mehr
bedrohter Feind, der Kommunismus, zum Mittel der Diktatur zu greifen,
den
Widerstand schlicht zu unterdrücken. Doch schien dafür den
Vordenkern des
Kapitals die Lage schon zu gefährlich revolutionär, also
suchten sie nach einem
effektiveren Mittel. Auch wenn es zweifelhaft ist, ob überhaupt
ein einziger
Kapitalist das Wesen des Faschismus begriffen
hat und sich die Nationalsozialisten ganz gewiss
nicht als
Retter des Kapitals verstanden, war der Faschismus die sichere
Lösung. Denn
Faschismus ist mehr als eine Diktatur (und daher
totalitarismustheoretisch auch
nicht zu entschärfen): Der Faschismus nutzt die Ängste der
Menschen zur
systemkonformen Stabilisierung, er macht die Unterdrückung
Andersdenkender zum
Volksbegehren. Das Geld aller Krupps hätte nicht ausgereicht, die
Nationalsozialisten wie gewünscht an die Macht zu bringen,
hätten Hitler und
seine Helfer nicht der Mehrheit der Deutschen aus dem Herzen, eher noch
aus dem
Bauch gesprochen. Hitler wurde nicht, wie die im Hinblick auf das
Proletariat
sträflich idealistischen Kommunisten glauben wollten, eingesetzt,
sondern
gewählt. Für die Mehrheit der Deutschen waren die
Nationalsozialisten
Hoffnungsträger. In
Krisensituationen besteht
die Aufgabe der Kapitalistenlobby darin, für die Lösung der
vom Kapitalismus
verursachten Probleme einen Weg zu finden, der mehrheitsfähig und
zugleich
systemkonform ist. Können dies die Medien, Schulen, Politik nicht
mehr leisten,
weil der Widerstand zu groß ist, bedient sich der Kapitalismus
der Ängste und
Denktraditionen der Menschen. Ihnen entsprechend bietet er
Ersatzobjekte an,
denen die Schuld an den unerträglichen Verhältnissen
angehängt werden kann. Da
der traditionelle Glaube sehr viel stärker ist als das immer
unfertige,
instabile Wissen, spielt Rationalität dabei keine Rolle, solange
eine Behauptung
nur einem Vorurteil entspricht. Daher können im Faschismus Blut,
Rasse, Wesen,
Ehre, Mystizismen und andere Absurditäten ernsthaft zu
„wissenschaftlichen“
Grundlagen der Ideologie werden. Entscheidend ist, dass nur mit weit
verbreiteten Vorurteilen jene Mobilisierung, Begeisterung erreicht
werden kann,
die ein ablenkendes totales Engagement ermöglicht, allerdings aus
friedlichen
Bürgern eine Horde von Denunzianten und Mördern macht. Dies
ist, wie die
Geschichte zeigt, nicht ungefährlich für die Menschen, die zu
Millionen im
faschistischen Taumel umkommen, doch das Kapital bleibt dabei
ungeschoren. Dies
macht den Faschismus zum effektivsten Retter des Kapitalismus aus der
Not. Wer
den Faschismus versteht
und nicht pervers ist, sollte gegen jedes faschistische Denken gefeit
sein,
zugleich aber sich gezwungen fühlen, den Kapitalismus wie andere
–ismen und
–tümer in Frage zu stellen, zu überwinden. Darin liegt das
Dilemma der
Volkserzieher in Medien, Schulen, Politik: Bestenfalls aus Mitleid mit
den
Opfern des Faschismus, häufiger aus Rücksichtsnahme auf
ausländische
Vorbehalte, wollen sie faschistische Tendenzen bekämpfen,
dürfen jedoch
keinesfalls den Verursacher der Probleme und Nutznießer falscher
Lösungen
benennen. Wer aber den Kapitalismus hinnimmt, kann sich jeden Kampf
gegen
rechts schenken. © 2006 Karl Pawek |
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