alles
Paweks
online
Archiv
.
- Home - Magazin - Vorsicht - Galerie
- Links

a . Individualismus 

.

Nach der Aufklärung soll es nun dem Individualismus an den Kragen gehen. Immer kritischer werden private Lebensentwürfe wie Singledasein, Kinderlosigkeit an ihrer Gemeinnützigkeit gemessen. Eine Kampagne wie „Du bist Deutschland“, die wohl unbewusst, doch nicht zufällig eine Naziparole übernommen hat,  setzt sogar schon wieder die Volksgemeinschaft voraus. Wenn ich Deutschland sein und mein Bestes geben soll, macht dies nur Sinn, wenn Deutschland mein Lebenszweck ist. Mehr Kinder sollen wir in die Welt setzen, vorgeblich um die Rentenfinanzierung zu sichern, in Wahrheit aber, um das Aussterben der Deutschen zu verhindern.

Wer nicht Deutschland, sondern nur ein Ich ist, das in einem Staat namens Deutschland lebt und sich aus eigenem Interesse um die bestmögliche Organisation, eine humanistische Zielsetzung dieses Staatswesens kümmert und gar meint, dass es schon genug unterernährte Kinder auf der Erde gibt, wer sich mehr um die Zukunft der Welt als um den Bestand und die Größe Deutschlands sorgt, gilt schon wieder als Volksfeind. Noch meidet man den Begriff, doch der lautstark geäußerte Vorwurf der Unverantwortlichkeit kann nur nationalistisch interpretiert werden. Und es ist gewiss kein Zufall, dass islamistische Gesellschaften, die den Individualismus als westliches Übel brandmarken, auf viele Deutsche eine große Faszination ausüben, wie es auch kein Zufall ist, dass viele ehemalige Sozialisten und Kommunisten, die im Individualismus nur einen Störfaktor sahen, bei nationalistischen Partein wie der PDS gelandet sind.

Bei alledem muss man zwischen Individualismus und der viel häufigeren Egozentrik unterscheiden, deren asoziale Ichbezogenheit als kapitalismuskonformer Antrieb auch Nationalisten wünschenswert erscheint. Konkurrenz belebt das Geschäft, und solange das Volk nicht wieder ein höherer Lebenszweck beseelt und das deutsche Wesen sich volksgemeinschaftlich austoben darf, soll jeder um seinen Erfolg oder auch nur um seinen Arbeitsplatz kämpfen, was immer heißt, einen anderen aus der Bahn zu werfen.

So ist in unserer Gesellschaft Egozentrik eine nützliche, doch miese Charaktereigenschaft. Sie steigert das Bruttosozialprodukt, weckt aber zugleich die Abstaubermentalität. In dem Maße, in dem weltwirtschaftliche Entwicklungen den binnenstaatlichen Konkurrenzkampf erfolgloser machen, weil immer weniger siegen, immer mehr nur verlieren können, vor allem Einkommen, wird der Egozentriker zunächst zum Schnäppchenjäger, schließlich zum Versorgungsschlaumeier, der kühl kalkulierend das Sozialleistungsangebot ausreizt. Auch privat ist der Egozentriker eine unangenehme, wenn auch häufig anzutreffende Figur. An seinen Mitmenschen interessiert ihn allein deren Nützlichkeit für ihn selbst. Schon die Begrüßungsfrage „Wie geht’s?“ ist bei ihm nur rhetorisch. Egal, wie die Antwort lautet, wird er schnellstens und ausdauernd auf sein eigenes Wohl und Weh zu sprechen kommen. Fixiert auf sich selbst fehlt ihm jede zweckfreie Neugierde. Bei Reisen bestimmt daher vor allem die Qualität der Wellnesseinrichtungen sein Reiseziel. Viele Singles und Alleinerziehende sind Egozentriker, unfähig zu lieben, sich zurückzunehmen, zu sorgen um einen anderen. Ihre Einsamkeit ist nur der Preis ihrer unerträglichen Anspruchshaltung.

Mit Individualismus hat Egozentrik nichts gemein. Der Individualist versteht sich als gesellschaftliches Wesen, er weiß, wie viel er der Gesellschaft verdankt und will seine Erfahrungen und Einsichten mit der Gesellschaft teilen. Aber auch wenn er sich zurückzieht aus der Gesellschaft, weil er mit ihr nichts mehr zu teilen hat, lebt er sozialverantwortlich. Er geht seinen Weg bemüht darum, andere nicht an ihrer Entfaltung zu hindern.

Irgendwo zwischen Individualisten und Egozentrikern fristet der Egoist sein trauriges Dasein. Er denkt immer nur an sich, seinen Vorteil, kann dabei aber Materialist und durchaus intelligent, zumindest schlau sein. Der Egozentriker dagegen betrachtet alles von seiner Warte aus und ist unfähig, beim Denken von seiner Person zu abstrahieren. So bleibt er infantil sein Leben lang. Die Überhöhung des eigenen Wertes, der eigenen Bedeutung macht ihm zum idealistischen Schwachkopf, dem das Wissen zur Bescheidenheit des Individualisten fehlt. Egozentriker kann jeder Trottel sein, Individualismus setzt Selbstbewusstsein voraus. Daher sind Individualisten ein Ärgernis für alle, für angepasste Spießer, die jeder Mut provoziert, wie für Volkserzieher, die für ihre hären Zwecke Menschenmaterial statt Individuen brauchen.

Quelle des Handelns ist für alle Menschen das eigene Ich mit seiner Geschichte, seinen Erfahrungen. Während aber der Egozentriker durchaus den Volksgenossen spielen kann, solange es ihm nützt, und Anpassung für ihn oft der bequemste Weg im Konkurrenzkampf ist, entscheidet der Individualist nach eigenem Ermessen unabhängig von der dem Volk suggerierten Meinung. Da er vielleicht unwissend, aber nicht dumm ist (weil er sonst Egozentriker wäre), kann es vorkommen, dass er aus eigener Überzeugung eine dem Volk suggerierte Meinung z. B. zur Atomenergie oder zum Rauchen teilt. Aber spätestens, wenn er den Kampagnencharakter der Volkssuggestion erkennt, wird der Individualist nachdenklich. Wie er sich schließlich entscheidet, hängt von seinem Wissen und seinen Erfahrungen, aber ganz gewiss nicht von der herrschenden Meinung ab.

Der Individualismus ist die bisher höchste erreichte Stufe der Menschwerdung, sicher ein ungewolltes Geschenk des Kapitalismus und ebenso sicher dessen Totengräber. Denn im letzten Unterschied zur Egozentrik ist der Individualismus eine Schule der Vernunft. Daher ist es nur konsequent, wenn nach der Aufklärung nun auch dem Individualismus der Garaus gemacht werden soll. Wiederum gilt: Wer sich das gefallen lässt, ist nur ein dummer, feiger Egozentriker.


© 2006 Karl Pawek
pawek@web.de

a . .
alles
Paweks
online
Archiv
.
- Home - Magazin - Vorsicht - Galerie
- Links