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Selten wurde etwas mehr über- und zugleich unterschätzt als das Internet. Es weckt Begeisterung und Unternehmerdrang wie zuletzt der Goldrausch im 19. Jh. und scheint doch in all der Gier nach dem schnellen Geld, das mit der billigen Befriedigung falscher Bedürfnisse zu erzielen ist, unverstanden.

Das Internet muss über die mediale Propagierung hinaus eine gewaltige Faszination ausüben, wenn Millionen Nutzer keine Kosten, Mühen und Ärgernisse scheuen, um teilhaben zu können. Und wer trotz der millionenfach verschenkten Zugangssoftware noch nicht im Netz ist, empfindet dies oft als Versäumnis. Internet muss man einfach haben, am besten in Form von Aktien, für die bereitwillig das Hundertfache der Verluste gezahlt werden, die Internetunternehmen machen. Denn dem Internetgeschäft, versichern Börsengurus, die dem Versandhandel früher weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt haben, gehört die Zukunft, und wem es gelingt, sein Produkt in irgendeinem Internetzusammenhang zu bringen (z. B. durch das Angebot von Keksen, die beim Surfen nicht krümeln), hat – vorausgesetzt es gelingt ihm, seinen Aktienanteil rechtzeitig zu verkaufen – ausgesorgt.

Wie stark die Triebkräfte der Interneteuphorie sein müssen wird deutlich, wenn man sich die Bedingungen des Internetzuganges ungeschönt von Werbeversprechen bewusst macht. Was sich kein Abonnent einer Zeitung bieten lassen würde, ist im Internetgeschäft üblich: Wochen oder gar Monate kann es dauern, bis der beantragte Zugang freigeschaltet wird. Das notwendige Modem garantiert trotz aller Werbeversprechen noch keineswegs die erfolgreiche Einwahl. Es gibt Internetneulinge, denen die verzweifelte Inanspruchnahme teurer Hotlines mehr kostete als das Modem selbst, vom Zeitverlust ganz abgesehen. (Computer allgemein sind, was oft verdrängt wird, gierige Zeitfresser, und man muss schon sehr aufwendige Arbeiten durch den Computer ausführen lassen, damit sich der Zeitaufwand für die Einrichtung, Wartung, Reparatur etc. überhaupt lohnt.)

Ist der Internetzugang endlich eingerichtet, scheint Geld keine Rolle mehr zu spielen. Durchschnittlich 5 Pfennige kostet zur Zeit jede Minute im Netz. Fernsehen zum Vergleich schlägt bei einer durchschnittlichen TV-Nutzung von 170 Minuten pro Tag mit 0,37 Pf. (über Antenne) bzw. 0,66 Pf. (über Kabel) je Minute zu Buche, Rundfunk gibt es schon für 0,19 Pf. die Minute. Was aber dem Internetnutzer für 5 Pf. pro Minute geboten wird, ist vor allem Wartezeit. Das schnellste Modem garantiert noch keinen Datenfluss, oft vergehen Minuten, bis sich eine Bildschirmseite aufgebaut hat. Internetnutzer, die jeden Kellner in einem Restaurant anfauchen, wenn er den Prosecco nicht subito serviert, nehmen quälend lange Übertragungszeiten mit Eselsgeduld hin, und die Provider und Netzbetreiber tun zur Verbesserung der Kapazitäten nicht mehr, als unbedingt notwendig, bringt doch jede Verzögerung (solange nach Zeit und nicht nach Datenmenge abgerechnet wird) Mehreinnahmen. Allein die Deutsche Telekom dürfte von Internetnutzern monatlich 100 Millionen DM zusätzliche Telefongebühren erhalten. Und das Schönste an der Sache ist: Wer telefoniert, erwartet als Gegenwert für seine Gebühren selbstverständlich eine jederzeit funktionierende, einwandfreie Verbindung, deren Gewährleistung im Störungsfall sofort angemahnt wird. Internetkunden, die neben Telefon- auch noch Zugangsgebühren zahlen, sind froh und dankbar, wenn es überhaupt funktioniert. Ihre naive Gutmütigkeit scheint grenzenlos. So testete z. B. die Internetpropagandazeitschrift TOMORROW (2/99) sieben virtuelle Supermärkte und war sehr angetan. Alle Lebensmittel wurden frisch und unbeschädigt geliefert, allerdings waren nicht alle gewünschten Waren (z. B. Rumpsteak) in allen Läden vorhanden, und die gelieferten Produkte wichen in Art und/oder Menge teilweise von den bestellten ab. Der Einkauf dauerte im Durchschnitt 57 Minuten und damit wohl rund dreimal so lange wie die Auswahl und Bezahlung in einem realen Supermarkt. Trotzdem: „... unsere kritischen TOMORROW-Tester hatten ausnahmslos Spaß am virtuellen Shopping. So sehr, dass sie den Service auch privat nutzen wollen.“ Dafür nehmen sie offenbar gerne in Kauf, dass Cookies (kleine Textdateien des Anbieters, die im Computer des Konsumenten gespeichert werden) ihre Auswahl, Vorlieben, Interessen registrieren und auswerten. Im Internet ist der gläserne Konsument schon Wirklichkeit, und niemanden scheint dies zu stören, nicht zuletzt weil der Name dieser Implantate so viel niedlicher ist als ihre parasitäre Spionagefunktion.

Wenn aber eine derart unausgereifte Technik wie das Internet trotz ihrer horrenden Kosten und Gefahren des Datenmissbrauchs so viel Begeisterung weckt, muss sie ihren Nutzern einen beachtlichen Gegenwert bieten. Dieser Gegenwert ist offensichtlich im Fall der Recherche. Ob beruflich oder privat, das Internet ist ein sehr brauchbares Informationsbeschaffungsinstrument und kann zeitaufwendiges Suchen in Bibliotheken, Infozentren, Katalogen etc. reduzieren. Wer lernt, im Internet die richtigen Fragen zu stellen, wird – solange Fakten gesucht sind – relevante Antworten finden. Als Einstieg in eine Recherche ist das Internet tatsächlich hilfreich. Nur betrifft diese Nutzung eine winzige Minderheit von Menschen, deren Interessen und Zeitbudget ihnen auch schon vor der Öffnung des Netzes die Informationsbeschaffung ermöglichte und die schon damals eher zu viele als zu wenige Informationen fanden. Eine Ausnahme freilich gibt es. Massenhaft genutzt als Rechercheinstrument wird das Internet, wenn es um Informationen über den Körperbau, insbesondere über die Geschlechtsorgane und deren Gebrauch geht. Obwohl weder bei Nutzungsstatistiken noch bei Analysen kommerzieller Aktivitäten im Netz die Suche nach Sex gesondert ausgewiesen (sondern unter dem Begriff Information aufgeführt) wird, ist Sex -  wie schon in der Geschichte der Fotografie, des Films und Videos - der Motor des medialen Siegeszuges. Millionen Webseiten handeln vom oder mit Sex. Die Hitlisten der Suchbegriffe, die von Internetnutzern eingegeben werden, betreffen Sex in allen erdenklichen Umschreibungen. Und sogar dort, wo z. B. bei Sportler- oder Schauspielernamen der Sexbezug nicht sofort erkennbar ist, werden seltener Schwimmzeiten oder Filmtitel gesucht, sondern ganz bestimmte Fotoserien. Auch Tiergattungsnamen sind so unschuldige Suchbegriffe nicht, wie Naturliebhaber meinen. Und Webcameras stehen seltener an Stränden, auf Plätzen oder Gipfeln, wie zahllose Zeitschriftenreportagen glauben machen wollen, sondern in Schlafzimmern, Bordellen, Umkleidekabinen, Toiletten, wo sie gelegentlich sogar in Klobecken montiert sind. Im Internet endlich finden die Menschen alles, was sie schon immer über Sex wissen wollten, und sind sogar bereit, dafür zu zahlen. Während kaum ein gesitteter Internetshop (und sei er an der Börse mehr Wert als ein deutscher Chemiekonzern) bisher seine Investitionskosten einbrachte, boomt das Sexgeschäft im Netz. Hier werden die Gewinne gemacht, die E-Commerce-Analysten für die noch ferne Zukunft den Internetshops versprechen.

Doch nicht nur unter ökonomischen, auch unter kulturellen Aspekten wird Sex im Internet zu dessen bedeutendsten Bereichen gezählt werden müssen. Denn die meist geleugnete oder verschwiegene Fähigkeit des Internets, jedermann und jederfrau, vor allem aber jedem Kind Zugang zu sexuellen Informationen (und seien es nur Abbildungen) zu ermöglichen, wird revolutionäre Folgen haben. Für den Bereich der islamischen Welt ist diese These leicht einsichtig (wenngleich auch nicht deren Erklärung: Revolutionär ist nicht eine vermeintliche Sexualisierung, sondern im Gegenteil die durch Liberalität bewirkte Entsexualisierung der bisher durch Restriktion bis knapp unter dem Siedepunkt sexualisierten Gesellschaften). Doch so sehr unterscheiden sich die Verhältnisse in der islamischen Welt noch immer nicht von denen in Europa und den USA. Auch hier funktioniert die Erziehung autoritärer Charaktere, männlichen oder weiblichen Rollenverhaltens noch immer über sexuelle Restriktion. Der freie Sexfluss im Internet könnte daran einiges ändern.

Jungs, die weibliche Brüste in all ihren Formen und Farben so genau kennen wie die Trikots ihrer Fußballstars, für die der Anblick von Schamlippen und Klitoris so selbstverständlich ist wie der ihres Penis, werden Frauen nicht mehr zum Objekt ihrer Neugierde deformieren. Natürlich haben die reaktionären Sittenschützer recht: Man muss einem sexuell restriktiv erzogenen Mann nur ein ihn aufreizendes Pornobild zeigen, um zu riskieren, dass er seine Hemmschwelle überspringt und sexuell gewalttätig wird (wofür freilich nicht das Pornobild, sondern die „anständige“ Erziehung verantwortlich ist). Gehört aber erst der Anblick weiblicher Geschlechtsorgane zu den alltäglichen Schauerfahrungen, wird einen Jungen bald mehr die Frau als deren primäres Geschlechtsorgan interessieren, woraus sich völlig neue Möglichkeiten der zwischengeschlechtlichen Kommunikation ergeben. Und umgekehrt: Der Mythos von der Macht und Herrlichkeit des Mannes könnte nicht nur für kleine Mädchen fragwürdig werden beim Anblick vermuteter männlicher Ruten, die doch im Normalfall eher Zitzen ähneln. Sie könnten sogar auf die Idee kommen, Freud zu widersprechen und statt das Fehlen des Penis zu beklagen, die Männer wegen ihres gar nicht so prächtigen Auswuchses zu bedauern.

Gewiss sind die Ursachen unseres Sexual- und Rollenverhaltens komplexer, als Wilhelm Reich und erst recht seine Anhänger dachten. Aber die erstmalige Möglichkeit, am Arbeitsplatz wie im Kinderzimmer, in Schweden wie auf Sizilien zu jedem beliebigen Zeitpunkt sexuelle Neugierde zumindest medial befriedigen zu könne, wird bedeutsamere Folgen haben als aller Versandhandel oder Musikklau im Internet. Und es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte neuer Entwicklungen, dass ihre Bedeutung gerade dort liegt, worüber anfangs fast niemand spricht.

Sexueller Informationshunger jedenfalls ist der beste rationale Grund, einen Internetanschluss zu beantragen. Abfahrtszeiten, Telefonnummern, Kochrezepte etc. lassen sich auch anderswo und häufig effektiver abfragen. Irrelevante Nachrichten werden nicht dadurch bedeutsamer, dass ich sie sofort auf dem Bildschirm habe, allein ihre kurzen Verfallszeiten könnten die Minutenaktualität rechtfertigen. Dort allerdings, wo aktuelle Informationen Gewinn oder Verlust bedeuten, also z. B. bei der Entwicklung von Aktien- und Optionsscheinkursen, ist ein Internetzugang von Vorteil. Börseninformationen sind daher nach dem Sex die zweitwichtigste Informationsdienstleistung im Internet, ohne dass dies eine Errungenschaft des Netzes wäre. Denn selbstverständlich gab und gibt es solche Informationen auch außerhalb des Netzes. Sie waren und sind sehr viel schneller, verlässlicher und aktueller, allerdings auch sehr viel teurer über einfache Telefonverbindungen von entsprechenden Datenanbietern direkt abrufbar. Der Vorteil des Internets besteht allein darin, dass es diese oft kostenlosen Informationen zum Ortstarif liefert. Doch solche Angebote sind nur Vorleistungen, die selbstverständlich kostenpflichtig werden, sobald in naher Zukunft geeignete Zahlungssysteme im Internet zur Verfügung stehen. Dann wird der Chart vielleicht zwei Pfennige kosten und der Nutzer nach ein paar Monaten den Sinn des Sprichwortes „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert“ begriffen haben. Mit Seitenpreisen von zwei Pfennigen, also immer noch fast umsonst für den Konsumenten, werden einige Wirtschaftsverlage in einem Jahr mehr verdienen als in ihrer gesamten Existenz vor der Öffnung des Internets. Freilich wird diese Entwicklung Folgen haben für den Aktienmarkt.
Heute schon betätigen sich in den USA Zehntausende Studenten, Hausfrauen, Rentner, Aussteiger mit dem Intraday-Handel. Sie kaufen bei Internetbrokern Aktien, um sie nach wenigen Minuten, höchstens Stunden wieder zu verkaufen. Dieses Spiel kann durchaus einträglich sein und nach einiger Erfahrung gelegentlich Tagesgewinne in der Höhe von Monatseinkommen bescheren. Es ist allerdings auch ein wesentlicher Faktor für die rasant zunehmende Schwankungsbreite von Aktienkursen und höchst gefährlich für den Markt. Wer in Aktien investiert oder professionell mit Aktien handelt, hat in der Regel einen Zeithorizont von mehreren Monaten oder gar Jahren. Ihn wird nicht jede Stimmungsänderung, jedes Gerücht, jede kurzfristige Irritation veranlassen, sofort alle Aktien abzustoßen. Intradayzocker dagegen müssen sofort reagieren, da sie sich keine Buchverluste, die vielleicht erst nach sechs Monaten wieder zu Buchgewinnen werden, leisten können, erst recht nicht, wenn sie wie üblich auf Kredit gekauft haben. Je mehr nun von ihnen am Markt mitspielen, desto fürchterlicher wird trotz vorgesehener Unterbrechungen des Computerhandels der nächste Crash. Solange freilich das Internet in dem derzeitigen desolaten Zustand verharrt, wird dieser Crash die Intraday-Spieler am härtesten treffen, da bereits bei harmlosen Kursschwankungen in der Vergangenheit die meisten von ihnen gar nicht mehr dazu kamen, ihre Verkaufsaufträge loszuwerden. Noch gibt es keinen Internetbroker, dessen Computersystem dem vorhersehbaren Ansturm gewachsen wäre.

Während aber Börsendienste wie die meisten Dienstleistungsanbieter nur Trittbrettfahrer des Internets sind, die dessen Möglichkeit nutzen, ferne Informationsspeicher zum Ortstarif zu erreichen, profitieren vor allem Sexdienste von einer dem Internet eigenen Qualität: Es gaukelt dem Konsumenten eine Anonymität vor. Zumindest fühlt sich der Internetnutzer, wenn er die Angebote durchstöbert, an Plaudereien teilnimmt, nicht beobachtet und schon gar nicht erkannt. Dies ist zwar ein Irrtum, denn gerade in der Computerkommunikation lässt sich jede Aktivität zurückverfolgen, aber der falsche Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass der Surfer das Gefühl hat, überall dabei zu sein und doch nicht angesprochen werden zu können, wenn er es nicht will, seine Identität, solange es nicht ans entsprechend unbeliebte Zahlen geht, niemandem offenbaren zu müssen.

Denn Surfen ist nichts anderes als ein Herumstöbern in anderer Leute Sachen, wie man es schon als Kind am liebsten unbeobachtet machte. Wie das Durchwühlen von Müllhalden oder vergessenen Dachbodenkisten erhält auch das Surfen im Internet seinen Reiz aus der Hoffnung, Unerwartetes, Seltenes, Obskures und vielleicht sogar Kostbares zu finden. Während aber diesem Herumstöbern im realen Abfall, in dunklen Kellern, ja sogar in ehrwürdigen Archiven etwas Muffiges anhaftet, gilt Internetsurfen als schick und in. Allein die Sprache verwandelt eine uralte und keineswegs bewunderte Leidenschaft des Menschen in eine beneidete, attraktive Tätigkeit.

Ich vermute aber, dass mehr noch als sprachliche Beschönigungen die vermeintliche Anonymität im Internet es ist, die seine eigentliche Faszination ausmacht. Wer einen Laden, eine Bibliothek, ein Kommunikationszentrum betritt, fühlt sich beobachtet, kann jederzeit von Animateuren des Konsums, der Wissensvermittlung, des korrekten Sozialverhaltens angesprochen werden. Vor allem Menschen, die nur vage Vorstellungen haben von der Erfüllung ihrer Wünsche, scheuen die direkte Kommunikation, wollen in Ruhe gelassen werden, ohne Zeit- und Rechtfertigungsdruck stöbern. Internetnutzung mache einsam, diagnostizieren Sozialwissenschaftler immer wieder und übersehen dabei, dass es vielleicht überwiegend einsame Menschen sind, die das Internet überdurchschnittlich häufig nutzen. Von zu Hause aus, also in der Geborgenheit des Heimes, können sie ihre Entdeckungen machen, können sie sich in der freilich tastaturbedingt reduzierten Kommunikation sogar eine erfundene, sie jedenfalls schützende Identität zulegen, können die dümmsten Fragen stellen, ohne sich zu blamieren.  Schon verdienen sich die ersten Psychiater eine Zujacht, indem sie versprechen, Menschen von ihrer Internetabhängigkeit, die bis zum Verzicht auf Nahrungsaufnahme sowie Schlaf und in dessen Folge zu Zusammenbrüchen führen kann, zu heilen. Solche Krankheitsbilder aber werden nicht durch ein Medium verursacht, nur sichtbar gemacht. Exzessive Internetnutzung deutet daher auf den selbstverständlich unerfüllten und im Netz auch unerfüllbaren Wunsch hin, die eigene Kontakt- und Kommunikationsunfähigkeit, die Einsamkeit zu überwinden. Dieses der gegenwärtigen Verfassung vieler Menschen entgegenkommende und daher so attraktive Versprechen des Internets bildet die Grundlage seines Erfolges. Es ist gewiss kein Zufall, dass Skandinavier unter allen Europäern am liebsten (Schweden: 39% aller Privathaushalte) das Internet nutzen, Italiener dagegen das Handy bevorzugen.

Vor allem Randgruppen, Spezialisten werden von der technologischen Fähigkeit des Internets, beliebig viele Interessenten zusammenführen zu können, profitieren. Briefmarkensammler oder Taubenzüchter haben schon vor Einführung des Internets zahlreiche Kontakte untereinander gehabt, aber ein Privatforscher, den südschleswige Messerformen in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts interessierten, dürfte nur selten Gelegenheit gehabt haben,  sein Fachwissen mit anderen zu teilen. Mittels des Internets wird auch er Gleichgesinnte finden. Mehr noch als die übriggebliebenen Linken haben Neonazis die Vernetzungsmöglichkeiten für ihre politische Arbeit genutzt. Befreiungsbewegungen in der 3. Welt sind dank des Internets ebenso „weltweit“ präsent wie chinesische Dissidenten, da das Internet im nichtkommerziellen Bereich fast nicht zu kontrollieren, zu überwachen ist und daher auch kaum zensiert werden kann, wenn die Nutzer dies nicht aus Naivität oder Unkenntnis zulassen.

Doch ungleich größer als die ideologischen und kommunikativen Auswirkungen des Netzes werden seine ökonomischen sein. Heute schon sind von den über 800 Millionen Internetadressen 83% kommerzieller Art, und manche Branche erfährt durch das Internet eine unerwartete Stimulation, z. B. der Antiquariatshandel. Die Suche nach einem alten Buch war bis vor kurzem ein mühsames Unterfangen, unzählige Läden mussten aufgesucht, oft selbst durchstöbert werden, Suchanfragen führten bestenfalls nach Wochen zu einem Ergebnis. Seitdem aber immer mehr Antiquariate ihr Angebot in das Internet stellen, genügen oft ein paar Mausklicks, um den gewünschten Titel und darüber hinaus auch noch das preiswerteste Angebot zu finden. Antiquariate, die sich diesem System nicht anschließen, haben langfristig kaum eine Überlebenschance.
Kaum minder stark dürfte das Internet sich auf die Zukunft von Buchhandlungen, Soft- und Hardwareläden, Telefonbuch- und Fahrplanverlage, Freizeitjournale, Musikdistributoren, Versteigerer, Bankfilialen und Reisebüros auswirken, also auf alle Branchen, bei denen ein Produkt nicht berührt, geschmeckt oder gerochen werden muss für eine Kaufentscheidung. Fax und e-mail werden einen Teil des Postbetriebes überflüssig machen, und wer seine Videothek noch nicht verkauft hat, sollte sie abschreiben. Managing- Berater Heinz-Jürgen Weiss: „Der Einzelhandel ist durch E-Commerce tot. Wir brauchen nur noch Anpassräume für Schuhe, Probierstellen für Wein und Ausstellungsflächen, um das Produkt zu erfassen.“
Kaum abzuschätzen ist die Auswirkung des Netzes auf Tageszeitungen. In ihren redaktionellen Inhalten haben sie die Konkurrenz nicht zu fürchten. Obwohl der Vertrieb auf gedrucktem Papier sehr viel teurer ist für den Verleger als die Bereitstellung einer Onlineversion, wird die Tageszeitung auf Grund der Rezeptionsgewohnheiten noch lange in ihrer gegenwärtigen Form erhalten bleiben. Eine Zeitung auf Papier kann überall gekauft, überall hin mitgenommen, überall gelesen, durchblättert werden. Während bei einer gedruckten Tageszeitung zwischen dem Lesen einer Überschrift und der Entscheidung, den Artikel zu lesen oder nicht, nur ein Augenblick liegt, ist der Aufruf und das Laden eines Onlineartikels sehr viel zeitraubender. Nur spezialisierte Informationsdienste lassen sich sinnvoll elektronisch versenden und individuell ausdrucken.

Trotzdem wird das Internet Tageszeitungen existenzgefährdend beeinflussen, indem es ihnen einen wichtigen Teil ihrer ökonomischen Basis entzieht. Es wird in absehbarer Zeit einfach unsinnig sein, eine Klein- oder Stellenanzeige, die sich an fünf oder vielleicht auch hundert potentielle Interessenten wendet, hunderttausendmal zu drucken. Der Klein- und Stellenanzeigenmarkt der Zukunft wird im Internet stattfinden, was den notwendigen Verkaufspreis von Tageszeitungen fast verdoppeln muss und Anzeigenblätter völlig verschwinden lassen wird.

Aber das Internet ist nicht nur ein Jobkiller, es wird auch unsere Städte verändern. Viele Läden werden nicht mehr in der Lage sein, in ihrer Preisgestaltung gegenüber ihren virtuellen Konkurrenten zu bestehen. Die realen Lager virtueller Shops werden sich an den Rändern der Städte oder auf dem Land befinden, wodurch die enormen Miet- und Präsentationskosten von Innenstadtläden ebenso eingespart werden können wie die Kosten für Verkäuferinnen. (Es ist bezeichnend für die Phantasielosigkeit sogenannter Analysten, dass sie gerade die Branche, die vom Internetkommerz wirklich profitieren wird, die Logistik- und Speditionsunternehmen, völlig übersehen.) Ein Warenangebot zum Anfassen wird es nur mehr in teuren Luxusgeschäften geben, Normalverdiener, denen schon längst ihre Arbeit fremd geworden ist, werden auch noch der von ihnen produzierten Waren entfremdet. Und sollten die Menschen nicht gute neue Gründe finden, sich auf den Straßen zu bewegen, wird das Internet auch das Verkehrsaufkommen bedeutend reduzieren.

Unabsehbar sind die Auswirkungen auf den Kulturbetrieb, vor allem auf Urheber. Wer als Autor, Fotograf oder Komponist seine Werke ins Internet stellt, sozialisiert sie. Was digitalisiert  im Netz vorhanden ist, gehört nach dem ersten, vielleicht noch bezahlten Abruf der Allgemeinheit und kann – notfalls mit ein paar elektronischen Tricks – beliebig vervielfältigt, ergänzt, verändert werden. Eine Kontrolle ist nur dort möglich, wo Werke anderer im großen Umfang weiterverkauft werden und durch die Zeitdauer der Transaktionen von der Werbung für ein illegales Produkt bis zu dessen Bezahlung an den Raubkopierer die Chance besteht, eines Verkäufers habhaft zu werden. Doch selbst dies wird oft nicht möglich sein. Denn während der Drucker einer Raubkopie in der Regel im Verbreitungsgebiet seiner Produkte arbeitet, diese transportiert und verteilt werden müssen von Menschen, die jederzeit bei ihrem Tun beobachtet und zur Verantwortung gezogen werden können, ist es fast hoffnungslos, einen Biträuber rechtzeitig zu erwischen. Der neue, lange erwartete Roman von X. z. B. lässt sich innerhalb weniger Stunden digitalisieren und irgendwo auf der Welt ins Netz stellen. Bevor der Verlag von diesem Missbrauch erfährt und die Regierung z. B. Pakistans bewegen kann, den Server in ihrem Gebiet zu veranlassen, den von ihm wahrscheinlich noch gar nicht bemerkten Missbrauch zu stoppen, sind vielleicht schon 1000 Kopien auf Festplatten rund um die Welt gespeichert. Mit jeder dieser Kopien lässt sich das Katz- und Mausspiel wiederholen.

Überhaupt nicht zu kontrollieren ist die Verwendung urheberrechtlich geschützter Dateien für private Anwendungen, zumal billige oder gar kostenlose Graphik- oder Musikprogramme beliebige Modifikationen der Vorlagen erlauben, was wiederum standardisierte Überprüfungen äußerst erschwert. Da aber Rechtsverordnungen, die nicht durchsetzbar sind, das Rechtssystem selbst gefährden (denn fast niemand schert sich um Verbote, deren Übertretung nicht bestraft wird oder werden kann), wäre es vielleicht sinnvoll, das Urheberrecht im Bereich des Internets überhaupt abzuschaffen. In den USA werden entsprechende Vorschläge schon heute ernsthaft diskutiert: Wer für das Netz produziert, soll für die Produktionsarbeit bezahlt werden, aber über keinerlei Rechte an seinem Werk verfügen.

Das klingt revolutionärer, als es ist. Bis weit ins 19. Jahrhundert lebten Künstler vom Verkauf ihrer Kunst und nicht von den Rechten an ihren Werken. Viele der bedeutendsten Gemälde, Plastiken, Musikstücke und Texte entstanden als Auftragsarbeiten, bei denen der Künstler bis in Details den Wünschen des Auftrag-, also des Geldgebers zu folgen hatte. Zweck dieser Kunstproduktion freilich war, den Ruhm des Auftraggebers zu steigern, Erinnerungen wach zu halten, Andacht zu wecken etc., und nur in den seltensten Fällen sollten die Werke einen Händlerprofit ermöglichen. Freilich konnte sich schließlich auch die Kunst einer Kommerzialisierung nicht entziehen. Entweder wurde sie selbst zum Handelsobjekt, oder sie diente als direkte oder indirekte Werbung der Verkaufsförderung. Kommerzielle Kunst verkommt dabei zur Kunstfertigkeit. Sie muss leicht verkäuflich oder zumindest verkaufsfördernd sein, in jedem Fall attraktiv, schnell konsumierbar und möglichst ebenso schnell produzierbar, will ihr Schöpfer mit dieser Art von Kunst seinen Lebensunterhalt verdienen. Wer nicht den Markt bedient, sondern in der Hoffnung auf künftige Verkäufe über einen längeren Zeitraum Monate oder gar Jahre in ein Werk investiert, hat unter diesen Voraussetzungen keine Chance. Im Internet wird diese Entwicklung nur konsequent weiter geführt. Mit der bei AmerikanerInnen fast schon sympathischen Offenheit bringt es die First Lady des Netzes, Esther Dyson, auf den Punkt: „Inhalte (und die Schaffung von Inhalten) binden und verbrauchen die Aufmerksamkeit von Individuen.“ Die Qualität dieses Inhalts ist dabei völlig bedeutungslos, abgesehen von seiner Fähigkeit, Aufmerksamkeit zu wecken, denn: „Wirklich kommerziellen Wert wird die Aufmerksamkeit der Leute haben, nicht der Inhalt, mit dem diese Aufmerksamkeit „verbraucht“ wird.“

Es ist schon faszinierend zu beobachten, in welch kurzer Zeit ein zunächst militärisches, dann wissenschaftliches Medium vollständig kommerzialisiert werden konnte und wie diese Kommerzialisierung die Inhalte verändert. Kunst im Internet hat den einzigen Zweck, Individuen zum Anklicken eines Werbebanners oder einer Produktbestellung zu animieren. Der Künstler wird dabei zu der traurigen Figur, die er im Grund immer war, zum Dienstleister. Natürlich könnte man zur Wahrung werbeunabhängiger Kunst im Internet jeden Internetzugriff mit einer geringen Urheberrechtsabgabe zu belegen und die von den Provider einkassierten und abzuführenden Beträge entsprechend den Zugriffszahlen an alle zu verteilen, die ihre ins Internet gestellten Werke angemeldet haben. Im Unterschied zu ähnlichen Konstruktionen (GEMA) wäre beim Internet der bürokratische Aufwand gering, weil die Abrechnung über wenige Zentralcomputer vollautomatisch erfolgen könnte. Dies würde freilich voraussetzen, dass eine solche Lösung weltweit eingeführt und akzeptiert würde, da das Netz regionale Beschränkungen nicht erlaubt. Entsprechend gering sind die Chancen der Realisierung.

Eine wenn auch nur vorläufige Internetbilanz greift jedoch zu kurz, wenn sie sich auf die ökonomischen Auswirkungen beschränkt. Aber auch unter sozio-kulturellen Aspekten erweist sich das Netz als zwiespältig. Wer in 20 oder 30 Jahren über die Geschichte des Internets, über die Anfänge der Computerisierung forschen will, wird vor dem gleichen Problem stehen wie z. B. Ernährungshistoriker. Sie wissen zwar, wie und was die Menschen früher gegessen haben, kennen den Nährwert auch nicht mehr gebräuchlicher Lebensmittel, wie aber ein Fasan aus der römischen Küche, das Bier der Germanen oder Milch im Mittelalter schmeckte, können sie nur vermuten, denn Nahrungsmittel waren bis zur Entdeckung der Tiefkühltechnik verderbliche Waren. Daher ist z. B. der Geschmack von Schweinefleisch um 350 n. Chr. unwiederbringlich verloren.
Um ähnlich verderbliche Ware handelt es sich bei Dateien. Zwar gab und gibt es Versuche von Privatleuten, zumindest die Inhalte des World Wide Web elektronisch zu archivieren. Die Archivierung selbst ist einfach und kann von entsprechenden Programmen automatisch geleistet werden. Aufwendig und teuer ist freilich die Konservierung, also Speicherung der unvorstellbar großen Datenmengen. Zwar werden neue und sehr viel billigere Speichermedien die Aufbewahrungskosten senken, doch können auch sie nicht das Problem der Kompatibilität lösen. Meine ersten Texte auf Computer habe ich mit dem Programm „Textomat“ auf einem Amiga geschrieben. Noch besitze ich die Disketten, aber längst keinen Amiga mehr, die Programmdiskette ist wahrscheinlich verloren gegangen. Mit einigem Aufwand ließe sich vielleicht noch ein Amigabesitzer finden, dessen Computer meine Dateien lesen und sie z. B. in Word umwandeln könnte. In wenigen Jahren freilich wird auch der letzte Amiga verschrottet sein und es bestenfalls noch irgendwo im Internet Programme geben, die zumindest das Betriebssystem eines Amigas simulieren können. Ob dann allerdings überhaupt noch 3 ½ Zoll Diskettenlaufwerke gebräuchlich sein werden, ist fraglich. (Versuchen Sie heute, eine 5 ½ -Zoll-Diskette lesen zu lassen. Die meisten Computerbesitzer werden sie für einen Vorläufer der CD-ROM halten und sie – mit üblen Folgen – in ihr DVD-Laufwerk legen.)

Wer also Dateien archivieren will, muss sie nicht nur speichern, sondern rechtzeitig immer wieder in neue Standards umwandeln. Diesem Aufwand aber (der von keiner Institution bezahlt wird) widerspricht unsere technologiegehetzte Vorstellung von der Flüchtigkeit des Mediums und seiner Inhalte. Eine Homepage in Schwarz-Weiß, ohne Bilder, ohne animierte Banner erscheint uns so veraltet, langweilig, dilettantisch, dass wir ganz unabhängig von ihrem Inhalt kein Interesse haben, sie uns auch nur anzusehen, geschweige denn sie zu speichern, aufzubewahren. Denn nicht Inhalte, sondern die Anwendungen der am weitesten fortgeschrittenen technologischen Standards bestimmen die Wertigkeit und den Gebrauch neuer Medien.

Pathfinder, eine der ältesten Online-Publikationen, wollte dieser Vergänglichkeit trotzen und richtete ein Web-Museum ein, das zuletzt mehr als 13 Millionen Produkte, zumeist Bildschirmseiten aus den Jahren seit 1994, enthielt. (Viele dieser Seiten wurden im realen Pathfinder-Museum ausgedruckt präsentiert, weil – eine schmerzliche Einsicht für Computerfreaks – der traditionelle Druck handbarer ist als die elektronische Projektion.) Trotz hervorragender Präsentation auch im Internet (noch erreichbar unter www.geocities.com) mussten die Initiatoren dieses Projektes die Erfahrung machen, dass sich weder neumodische Surfer noch altmodische Kunst- und Designliebhaber für die besten Webseiten der Vergangenheit so stark interessieren, dass Time Warner als Eigentümer von Pathfinder das Museum weiter finanzieren will. Noch im Sommer 99 soll es vom Server genommen werden, verzweifelt bitten die Museumsleute zuletzt in einem Aufruf vom 7. Mai Besitzer von Speicherkapazitäten, zumindest Teile der Kollektion herunterzuladen und aufzubewahren, wo sie freilich, vermute ich, alsbald dem  Vergessen anheim fallen werden.

Das politische Geschwätz vom Ende der Geschichte könnte also in der Computerwelt zur ungeahnten Einsicht werden. Das Verfallsdatum von Dateien ist so kurz, dass morgen die gestern erstellten niemand mehr kennen wird. Nicht so sehr Viren bedrohen unser elektronisches Gedächtnis, viel gefährlicher ist seine permanente und offenbar systemimmanente Zerstörung durch die Alzheimersche Computerkrankheit. Öfter schon in der Menschheitsgeschichte gerieten wie bei uns im Mittelalter Wissen, Erkenntnisse, Erfahrungen in Vergessenheit. Aber im Unterschied zum elektronisch gespeicherten Wissen, das durch Vergessen unwiederbringlich verloren geht, bleibt gegenständlich gespeichertes Wissen zumindest in Bruchstücken erhalten und damit rekonstruierbar.

Die Gefahr, dass ein Teil der Menschheit durch den Computer ihr Gedächtnis verliert, ist durchaus real. Doch wie einst die Araber den entzivilisierten, seuchengeplagten, kulturarmen Europäern das Wissen der Griechen und Römer wiederbrachten, könnten die nichtcomputerisierten Völker Afrikas und Südamerikas eines Tages den vom Chip abhängigen und am Chip zugrunde gehenden Völkern des Nordens (die Jahr-2000-Hysterie macht zumindest heute schon unsere Hilflosigkeit gegenüber Programmfehlern und unser Angewiesensein auf mechanisch nicht mehr steuerbare Abläufe bewusst) deren Geschichte, deren Fähig- und Fertigkeiten zumindest in rudimentärer Form überliefern.

Eine solche zutiefst kulturpessimistische Perspektive mag beeindrucken, doch wird sie sich wohl als falsch erweisen. Denn abgesehen davon, dass die Speicherkapazitäten noch schneller wachsen als die Chipfrequenzen, und Speicherplatz spottbillig wird, könnte der Computer auch die Bedürfnisse und Haltungen der Menschen verändern. Tradition bereichert und lähmt zugleich. So wie es unsinnig ist, jedes Ding immer wieder neu zu erfinden, ist es auch unsinnig, alles so zu tun, wie es schon immer gemacht wurde. Jede tradierte Kultur, auch die der Griechen, war daher nicht nur Bereicherung, sondern auch Reduzierung. Durch ihre immer anachronistische, jedoch übermächtige Interpretation der Wirklichkeit be-, ja verhinderte sie oft deren Erkenntnis auf technologie- und ökonomiegemäßem Niveau. (Viele Forscher mussten die Erfahrung machen: Nicht so sehr die Entdeckung des Neuen ist mühsam, sondern die Überwindung des Alten. Geschichte und ihr Agent, die Tradition, sind der schwerste Klotz am Sprungbein des Fortschritts.)

Wie einige Tierarten bewusstlos fähig sind, sich auf der Grundlage unveränderter genetischer Bedingungen sehr schnell einer veränderten Umwelt anzupassen, findet sich auch der Mensch, in welche Welt auch immer er hineingeboren wird, zurecht. Das Neugeborene ist nur genetisch-körperlich, doch nicht geistig-kulturell strukturiert, verfügt also anfangs nicht über Wissen, sondern über ein Potential, das ihm ermöglicht, seine Umwelt als gegeben zu akzeptieren und aus eigener Lebenserfahrung zu verändern. Dafür bedarf es mehr der Wachheit und Intelligenz als überlieferten Wissens. Denn die übliche Annahme, man könne aus den Erfahrungen früherer Generationen etwas lernen für die Gestaltung der Zukunft, beruht auf einem konservativen Trugschluss. Er übersieht, dass frühere Entwicklungen unter so nicht mehr gegebenen Bedingungen stattgefunden haben. Es ist z. B. durchaus wahrscheinlich und – wie ich meine – schon heute erkennbar, dass wir uns noch immer bemühen werden, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu verstehen, während wir selbst gutgläubig wie Hitler und seine Massengefolgschaft an kaum weniger schrecklichen Verbrechen beteiligt sind. Die Assyrer, Römer, Konquistatoren, Nationalsozialisten oder Stalinisten waren nicht Schurken, die Böses tun wollten, sondern Gläubige, die vollbrachten, was sie für gut und notwendig hielten. Das Pech ihrer Opfer war nur, dass der Glaube dieser Herren(völker) ziemlich dumm, interessenabhängig sowie zeit- und ortsbedingt war.

Auch wenn es uns Älteren kaum möglich und schon gar nicht erstrebenswert scheint, ein Leben im Zeitgeist zu führen, weil wir unter einem längst überholten Zeitgeist, der uns in der Jugend natürlich zeitlos schien, groß geworden sind, muss ein solches (von Jugendlichen immer schon gelebtes) geschichtsloses Leben nicht armselig, sinnlos sein. Was die Vergangenheit Nützliches lehrt, nämlich dass nichts so bleibt, wie es ist, kann auch aus der Flüchtigkeit der Gegenwart erfahren werden. Und muss man wirklich die Sozialverhältnisse des Mittelalters kennen, um über unsere gegenwärtigen nachdenken zu können, sie vielleicht sogar verändern zu wollen? (Selbstverständlich braucht jede Gesellschaft Standards in der Sprache, der Logik etc., da andernfalls keine Kommunikation möglich wäre, aber woher diese Standards kommen, ist so wesentlich nicht.) Vielleicht fördert die Computerisierung und die durch sie hervorgerufene Vermehrung und erleichterte Verfügbarkeit des gegenwärtigen Wissens, gerade weil das Gestrige so schnell vergessen wird, ein Denken auf der Höhe der Zeit. Der Computer, der alle Arbeitsabläufe und damit auch Entwicklungen ungeheuer beschleunigt, ermöglicht uns durch die entsorgende Wirkung seines Kurzzeitgedächtnisses erst, diesen Veränderungen auch folgen, sie verstehen zu können, indem er die traditionelle Zeitachse unseres Wissens verblassen, vergessen lässt zugunsten einer vielleicht unhistorischen, dafür aber die Dinge eher erforschenden als interpretierenden Tiefenachse. An die Stelle des Erinnerns könnte das Durchdringen treten und Wissen den Altväterglauben ablösen.

Weit weniger spekulativ sind die ausgleichenden Eigenschaften des Internets. Zweifellos wird es dazu beitragen, das Stadt-Land-Gefälle weiter zu verringern. Der Wohnort eines Menschen, wenn er nur verkabelt ist, spielt für die Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben eine immer geringere Rolle. Dem Hirten auf einer bayerischen Alm stehen theoretisch durch das Internet dieselben Informationen zur Verfügung wie dem Professor in Paris oder einem Manager in London. Im Falle einer Erbschaft braucht er nicht einmal mehr nach München zu fahren, um sich über die Zielorte einer geplanten Weltreise, über Flugverbindungen zu erkundigen, Hotels und Mietwagen zu buchen, sich über Veranstaltungen während seiner Reise zu informieren und Eintrittskarten zu bestellen, in den besten Restaurants der Welt sich Tische reservieren zu lassen usw. All dies kann er mittels eines einfachen Computers und eines Modems von jeder Telefonsteckdose aus selbst erledigen. Auch hat er heute schon die Möglichkeit, sich an virtuellen Universitäten fortzubilden, ohne Zeitverzögerung an der Nasdaq  Aktien zu kaufen und zu verkaufen, Madonnas neue Single zu hören, bevor sie im Plattenhandel vorrätig ist. Noch mögen diese Möglichkeiten seine Fähigkeiten und Bedürfnisse übersteigen, aber in den hochindustrialisierten Ländern ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis die Internetkommunikation so selbstverständlich wird wie das Telefonieren.

Noch grandioser könnten die Auswirkungen auf die Menschen in den Entwicklungsländern sein. Die abseitigste Wüsten- oder Urwaldsiedlung könnte demnächst zu vertretbaren Kosten einen drahtlosen Internetzugang erhalten. Das Bildungs- und Gesundheitswesen ließe sich innerhalb weniger Jahre auf einen heute noch unvorstellbaren Stand bringen. Billige, gerade noch 100 DM teure Webcameras würden völlig neue Formen der Fernunterrichts, der Ferndiagnose ermöglichen. Der Anschluss an die Zivilisation, wenn er denn erwünscht sein sollte, wäre nur ein Willensakt und sofort erreichbar.
Doch ökonomische und politische Interessen machen aus der Perspektive eine Utopie. Denn natürlich ist das World Wide Web nur ein verkaufsfördernder Euphemismus und so weltweit gar nicht, kostet doch allein schon ein Computer in Nordamerika knapp einen durchschnittlichen Monatslohn, in Bengalen aber acht Jahreseinkommen. Die Internetdurchdringung Afrikas und weiter Teile Südamerikasund Asiens  lohnt noch lange keinen Kapitaleinsatz und wird daher auf absehbare Zeit unterbleiben, zumal dies den wirtschaftlichen und politischen Eliten der ärmsten Länder nur recht ist. Nichts bedroht Vetternwirtschaft, Despotismus und Aberglaube mehr als Bildung, Information, Kommunikation. Für Stammesfürsten jeglicher Art ist der Traum von der weltweiten Vernetzung ein Alptraum.

In den hochentwickelten Industrieländern dagegen setzt das Internet fort, was Elias als gesellschaftliche Entwicklung seit dem Mittelalter beschrieb: die zunehmende körperliche Distanzierung, die mit einer sozialen Disziplinierung einhergeht.
Wie Messer und Gabel einen Abstand schufen zwischen dem Menschen und seinen Speisen, vollendet das Internet die Tendenz zur Berührungsvermeidung durch die anonyme, distanzierte Kommunikation – sogar im Bereich der Sexualität. Was hier mit Bekleidungszwang begann, mit der Verdunkelung sich fortsetzte und im Gebrauch des Präservativs seine materiell fortgeschrittenste Form fand, wird durch den Cybersex, der aktuellen Masturbationstechnik, weitestgehend entkörperlicht. Kommunikation unter Menschen mutiert zum Bitaustausch. Körpersignale, Gerüche, Berührungen, die gesamte menschliche Ursprache verliert ihre Bedeutung, wird tabuiert. Das Internet als extremer Gegenentwurf zur Orgie ist ein gigantisches Gefängnis voller Einzelzellen, deren Insassen nur mittels Klopfzeichen kommunizieren können. Selbstverständlich ist auch diese Reduzierung der Kommunikation nicht erst eine Folge des Internets. Buchdruck, Telefon, Radio und Fernsehen waren schon Vorläufer der distanzierten Kommunikation. Sie bereits ließen die Zukunft ahnen als Vernetzung der Hirne, deren zugehörige Körper nur mehr notwendige Anhängsel sind, die man ernähren und trainieren muss, damit die Hirnfunktion aufrecht erhalten werden kann. Aber erst in der digitalen Distanzwelt ersetzen Smilyes die Zärtlichkeit, Chats das Gespräch, Netikette Gefühle. Das Unheimlichste freilich an dieser Entwicklung ist ihre Ungewohnheit, ist der Verlust des Vertrauten. Niemand trauert dem Hauen und Stechen, Schlingen und Scheißen, Vergewaltigen und Leiden unserer mittelalterlichen Vorfahren nach, die doch in all ihrem Elend unsere heutige Lebensweise, wäre sie ihnen nur vorstellbar gewesen, als ähnlich schrecklich, beängstigend, unmenschlich empfunden hätten wie viele unter uns die Cyberzukunft.

Menschheitsgeschichte ist der Versuch, Ordnung in das als chaotisch erfahrene Leben zu bringen, denn anders als Tiere, Pflanzen, Materie können wir Menschen nicht sein ohne Sinn, und sei dieser noch so vermeintlich. Sinn verlangt nach Verstehen, und Verstehen ist anfangs nur möglich durch Abstraktion. Ob wir es nun wollen oder nicht, müssen wir die körperliche, materielle Bedingtheit unseres Denkens überwinden, damit wir die Dinge um uns aus sich heraus statt nur von uns aus verstehen können. Das Internet als Vernetzung der Hirne wird eine heute noch unvorstellbare Kapazitätserweiterung des menschlichen Denkens, dessen Qualität durch seinen Gebrauch bestimmt wird, ermöglichen. Gerade beginnen wir zu begreifen, dass nicht der Bau von Supercomputern, sondern die Verbindung gewöhnlicher Hauscomputer die effektivste Möglichkeit ist, gigantische Rechenleistungen zu erzielen. Wir übernehmen damit nur, was sich mittels der Medien und am fortgeschrittensten im Internet vollzieht: die Vernetzung menschlicher Hirne.

Natürlich ist diese wie jede Veränderung ein mühsamer und oft lächerlich scheinender Prozess, der uns überfordert. Denn von Gestern aus betrachtet scheint das Hocken vor Bildschirmen Verlust an Leben, ist Internetkommunikation äußerst ungemütlich und eine mentale Zumutung. Je mehr wir mit unüberschaubaren Informationsmengen konfrontiert werden, desto weniger helfen uns die gewohnten Selektionstechniken. Je mehr Zeit wir im Netz verbringen, desto geringer wird unsere elementare Lebenserfahrung, desto größer unsere Hilflosigkeit. Dem können wir und werden wir allein schon zum Selbstschutz begegnen mit einem zeitweiligen Rückzug aus dem WWW in die Heimeligkeit einer idealisierten Natur, in die Geborgenheit von Massenaufläufen wie der Love Parade, in das familiäre Spießertum.  Andernfalls würde uns die explosionsartige Vermehrung der Informationsfrequenz verrückt machen. Doch die menschheitsgeschichtlich relevanten Prozesse laufen im Umgang mit dem Internet ab. Surfer sind die Pioniere einer quantitativ wie qualitativ neuen Kultur.
Denn Surfen, dessen Bezeichnung so lächerlich ist wie die Tätigkeit scheint, bedeutet Arbeit, intensive, hochkonzentrierte, erschöpfende Arbeit. Arbeitsmediziner, die jedem lahmen Postbeamten vor seinem Computerterminal Arbeitsüberlastung bescheinigen, werden entdecken, dass Internetkommunikation energieverschlingender ist und über Stunden mehr Konzentration verlangt als z. B. das Steuern von Flugzeugen oder Industrieanlagen. Die Abforderungsrate von Entscheidungen, die Verarbeitungsgeschwindigkeit von Informationen entspricht durchaus den Leistungen von Topmanagern und Spitzenpolitikern. Hunderte Millionen Menschen, vor allem als träge und lustlos verschriene Jugendliche, erbringen aus purer Lust Leistungen, die ihnen kein Vorgesetzter, kein Lehrer abpressen könnte. Lernen aus Lust aber ist die effektivste Methode der intellektuellen Kapazitätserweiterung. So erbärmlich auch der sich abzeichnende Gebrauch des Internets erscheinen mag, wird sich die Vernetzung dennoch als epochaler Fortschritt erweisen, vielleicht nicht weniger bedeutend als die Renaissance.
© 1999 Karl Pawek
pawek@web.de

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