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Paweks online Magazin |
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Erschreckende
Bilder kamen
zu Ostern aus Rom: Über 100 000 Menschen, viele von weit
entfernten Orten
angereist, bejubelten einen alten kostümierten Mann, der mit
schwacher Stimme
Beschwörungsformeln sang. Anschließend zogen viele von ihnen
am Grab seines
Vorgängers vorbei, manche weinten, tief betroffen waren alle, als
wäre der
heilige auch ihr leiblicher Vater. Und wie
schon in Köln oder
vergangenes Jahr in Rom handelte es sich bei den Pilgern weniger um
verzweifelte Alte und Kranke, sondern überwiegend um junge
Menschen, die ihr
Leben nicht unter Anleitung ihrer Vernunft, sondern zu Ehren
Gottvaters,
Gottsohnes, Gottheiligengeistes und vor allem der Gottesmutter zu
gestalten
trachten. Wären die christlichen Massenveranstaltungen nur Events
wie ein
Popkonzert oder der Todestag von Elvis, könnte man sie als
massenhysterische
Auswüchse der Volkskultur abtun. Doch mehren sich die Anzeichen,
dass diese
jungen Pilger an etwas glauben, das der christlichen Lehre ähnelt.
Theologisch
sind wohl die meisten von ihnen ahnungslos, kaum einer wird jemals eine
Enzyklika gelesen haben, aber ihre Sehnsucht nach Frieden, Harmonie,
nach
Wellness für die Seele wird von dem kostümierten alten Mann,
wenn er nicht
lateinisch verbrämt knallharte Machtpolitik betreibt, befriedigt
oder zumindest
vertröstet wie von keiner anderen Institution in den christlich
genannten
Ländern. Nach
Jahrzehnten des
Verfalls religiöser Bindungen in Deutschland liegt seit 1995 der
Kreis jener,
die sich religiös nennen, stabil bei knapp 50 Prozent der
Bevölkerung. Wie eine
neue Allensbachumfrage (FAZ v. 12.4.2006, S. 5) ergab, wuchs im selben
Zeitraum
der Anteil jener, für die ihre Religion eine große Bedeutung
hat, von 35 auf 42
Prozent. Vor allem junge Menschen flüchten sich in den Schoß
der Kirche. So hat
sich der Anteil jener, die aus ihrem Glauben Kraft gewinnen, seit 1995
in der
Altersgruppe zwischen 16 und 29 Jahren von 18 auf 26 Prozent, bei jenen
zwischen 30 und 44 Jahren von 27 auf 34 Prozent erhöht. Deutschen
unter 30 Jahren
ist es vor allem wichtig, gute Freunde zu haben, eine gute, vielseitige
Bildung, Erfolg im Beruf, immer etwas Neues zu lernen, soziale
Gerechtigkeit,
Menschen in der Not zu helfen, Kinder zu bekommen, Verantwortung
für andere zu
übernehmen. In alle diesen Bereichen liegt der Anteil der
Religiösen um bis zu
25 Prozent über den der Nichtreligiösen. Extrem ist der
Unterschied bei der
Auseinandersetzung mit der Sinnfrage, sie ist 45 Prozent der
Religiösen, aber
nur 19 Prozent der Nichtreligiösen wichtig. Allein bei den
Wünschen, Spaß zu
haben, das Leben zu genießen und über ein hohes Einkommen zu
verfügen,
überwiegt der Anteil der Nichtreligiösen. Gläubigen wie
Ungläubigen am
unwichtigsten ist eine aktive Teilnahme am politischen Leben. Nur 14
bzw. 7
Prozent sprechen ihr eine Bedeutung zu. Die Zahlen
scheinen die
Vermutung zu bestätigen, dass eine aufklärerische,
materialistische Hinwendung
zur Diesseitigkeit von vielen Menschen als Verunsicherung erfahren
wird. Die
Renaissance des Glaubens wäre somit eine Antwort auf eine zu
frühe, zu
unvermittelte Emanzipation durch politische und ökonomische
Befreiung von
traditionellen Bindungen. Weil die Aufklärung nur rudimentär
stattfand und den
meisten Menschen nur eine Liberalisierung, eher noch nur Libertinage
brachte,
gewann die Sinnsuche wieder an Bedeutung. Diese
Interpretation
freilich wird problematisch durch die Tatsache, dass die Wiedergeburt
der
Religiosität vor allem bei jungen Menschen kein
ausschließlich westliches
Phänomen ist. Denn auch in der islamischen Welt, die keine
Aufklärung und kaum
eine vergleichbare Materialisierung der Lebensverhältnisse kennt,
nimmt die
Gläubigkeit besonders unter jungen Menschen zu. Immer
häufiger sind es auch
dort nicht mehr die Erwachsenen, die ihre Jungen in die
Gebetshäuser drängen,
damit Gottesfurcht sie als mentale Rute disziplinieren möge,
vielmehr suchen
die Jungen Anschluss an die Glaubensgemeinschaft trotz der
Gleichgültigkeit und
manchmal sogar gegen den Willen der Erwachsenen. Dies lässt ahnen,
dass ihre
Religiosität Bestand haben wird. Wer als Kleinkind religiös
erzogen wird, nimmt
Gott zunächst wie ein Naturereignis, als Teil der Wirklichkeit
hin. Aber obwohl
jeder Zweifel an Gott durch die Androhung schwerster Strafen verhindert
werden
soll, hat der christlich erzogene Jugendliche die Chance, sich von dem
anerzogenen Glauben zu emanzipieren. Die Klügsten und Mutigsten
von ihnen
erfuhren an sich selbst, dass die „Kritik der Religion ... die
Voraussetzung
aller Kritik“ (Karl Marx) ist. Wer sich dagegen aus eigener
Überzeugung einer
Gottesgemeinschaft anschließt, bleibt seinem Glauben eher treu,
ist es doch
sehr viel leichter, sich vom elterlichen Zwang als von einer eigenen
Entscheidung zu distanzieren. Sowohl den
christlichen wie
den muslimischen Neubekehrten gemeinsam ist die Eigenschaft, dass sie
theologisch bzw. interpretatorisch unwissend sind. Ihr Glaube
entspringt einem
Gefühl, das religionswissenschaftliche wie –geschichtliche Details
nur als
irritierend empfinden würde und sie daher ausblendet. Die
Religiosität des
Volkes braucht deswegen Schriftgelehrte, die ihm sagen, was falsch und
was
richtig ist, ihm Handlungsanleitungen geben. Mancher Bestandteil der
katholischen Theologie wie manche Interpretation eines Koranverses
würde von
diesen jungen Gläubigen als Schwachsinn abgetan werden, wären
sie ihnen nur
bekannt und dürften sie sich ein Urteil erlauben. Wie viele
Rompilger mögen die
Sexualmoral des alten kostümierten Mannes teilen, obwohl sie
genauso
verbindlich ist wie die absurde Lehre von der leiblichen Himmelfahrt
Marias?
Einfacher haben es die Muslime. Abgesehen von der Einzigartigkeit
Allahs gibt
es Interpretationen der Koranverse in einer Bandbreite, dass sich
für fast jede
Handlung ein Ge- oder Verbot finden lässt, von der Toleranz
gegenüber
Andersgläubigen bis zu deren Tötung, von der Hochachtung
gegenüber Frauen bis
zu deren Steinigung. Überhaupt scheint die moderne
Volksreligiosität sehr
privatistisch: Jeder glaubt für sich im Rahmen weit gezogener
Grenzen. Der
Glaube der Volksreligiösen ist weniger ein theologisches als ein
psychologisches Phänomen. So
unterschiedlich die
ökonomischen Hintergründe auch sein mögen, befinden sich
junge Christen wie
junge Muslime auf der Sinnsuche. Und nachdem hier wie dort,
wahrscheinlich
global, die elterliche Autorität schwächelt, bedürfen
verunsicherte Menschen
eines Ersatzes. Aus Angst vor der Mündigkeit wählen sie sich
Gott als höchste
Autorität. Die Jugend im Westen lebt in einer Welt relativen
Wohlstands, die
von Neid und Konkurrenz und Zerstörung geprägt wird. Die
Entsozialisierung
bewirkt Einsamkeit, kein gemeinsames Ziel eint die Menschen. Nur die
Religion
bietet Trost. Anders sind die Voraussetzungen in der islamischen Welt.
Dort
lassen Fernsehen und Touristen die eigenen statischen Verhältnisse
unerträglich
werden. Weil man nicht wahrhaben darf, dass die Ursachen von Armut und
Elend in
den eigenen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen
Verhältnissen liegen,
muss die Schuld dafür anderen, bösen Kräften zugeschoben
werden, dem Westen,
dessen ökonomischen Erfolg man nur zu gerne selbst erreichen
würde. Hier hilft
der Gaube, die Ohnmacht zu überwinden, an die glorreiche
Vergangenheit
anzuknüpfen. Beiden
Neubekehrten,
Christen wie Muslimen, sind die Zustände unerklärbar. Und wie
immer, wenn der
Mensch nicht versteht, warum er leidet, sucht er Kraft und Trost in der
Religion. Indem sie ihm eine überschaubare Zahl von
Verhaltensweisen
vorschreibt, macht sie ihn bei deren gewissenhafter Beachtung
unverantwortlich
für die gesellschaftlichen Zustände. Religiosität ist
das lebenslängliche
Verharren (Gläubige sprechen lieber von Geborgenheit) in einer
Erziehungsanstalt, deren autoritäre Pädagogik immer noch mit
den Mitteln der
Angst und Belohnung arbeitet, wobei den Zöglingen, anders als in
der Schule,
als Belohnung für gutes Benehmen und Leistungsbereitschaft nicht
Smilies oder
Bonbons winken, sondern die Entlassung ins Paradies. Der eigentliche
Zweck
jeder Religion ist die Erziehung, ihr dient der ganze theologische
Überbau. Die
zehn Gebote, fast alle Suren sind eine alle Lebensbereiche umfassende
Haus-
(Gesellschafts-) ordnung, eine permanente Einübung in
fremdbestimmte Rituale.
Aufstehen, sich niederknien, auf den Boden werfen, Hut abnehmen oder
Käppi
aufsetzen etc. entspricht Schulregeln und militärischem
Verhaltenskodex. Das
Bewusstmachen von Schuld, der Zwang zur Buße sind die
Einübung in die Akzeptanz
von Fremdbestimmung. Die „christlichen“ Gebote, du sollst Vater und
Mutter
ehren und nicht deines Nächsten Weib begehren, haben nichts mit
Christentum zu
tun, Christus selbst hielt sich nicht daran, sie gewährleisten
nur ein dem Vater, der Mutter, dem Besitzer eines
Weibes nützliches Verhalten. Innerhalb der Glaubensgemeinschaften
stützen
Religionen immer den Status quo. Religion ist die höchste Stufe
autoritärer Erziehung.
Papas und Lehrer müssen ihre Drohungen einschränken („Wenn
ich dich noch einmal
erwische!“), dem „Seelsorger“ steht die totale Überwachung zur
Verfügung („Gott
sieht alles!“). Der eigentliche Wert und Zweck von Religion ist ihre
Erziehungsfunktion, wie es besonders im antiquierten Islam mit seinen
Wasch-
und Essritualen deutlich wird. Darüber hinaus aber leistet
Religion (hier vor
allem das Christentum) die methodisch sehr wirksame Infantilisierung
ihrer
Anhänger zu „Kindern Gottes“, entmenschlicht sie sogar zu Tieren
(„der Hirte
und seine Herde“). Vor allem aber: Wo Gottes Wille herrscht, wird
menschlicher
Widerstand zum Frevel, allerdings auch überflüssig, winkt
doch dem
gottergebenen Dulder das Paradies als höchster Lohn. So bieten
Religionen die
scheinbare Lösung der Probleme und festigen doch nur deren
Ursachen. Das macht
sie so nützlich für die Herrschenden. Wer also hofft, die
zunehmende Religiosität der Jungen sei nur eine Modeerscheinung
und zudem
wünschenswert, weil sie junge Menschen von gefährlichen
Eskapaden abhalten
könne, irrt gründlich. Denn noch immer gilt, was Karl Marx
schon vor 150 Jahren
wusste: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des
wirklichen Elends
und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion
ist der
Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen
Welt, wie sie der
Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.“
Psychische
Auswirkungen des Opiumgenusses sind Abhängigkeit,
Antriebsschwäche,
Depressionen, Apathie und Teilnahmslosigkeit, zusammengefasst:
Entpolitisierung. Amen. © 2006 Karl Pawek
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