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a . Kalkutta 

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Wer in Deutschland ohne Zwang eine Reise nach Kalkutta plant, stößt auf Unverständnis. Allein Drogenkonsumenten und Sextouristen sehen in Kalkutta ein lohnendes Reiseziel, kostet dort doch eine Portion Kokain zur Zeit so viel wie eine Stunde Sex: 150 Rupien = 2,60 Euro. Alle anderen halten mit Grass Kalkutta für einen „Scheißhaufen Gottes“, den nur Elendstouristen und Voyeure anschauen wollen. Dennoch lohnt es, sich einem solchen Verdacht auszusetzen. Auch wenn die Umbenennung Kalkuttas in Kolkata nichts verändert hat an dieser Stadt mit 12 oder 16 Millionen Einwohnern, kann ihr Besuch ein unvergessliches Erlebnis sein, das dem Reisenden allerdings einiges abfordert.

Es gibt keinen Reiseführer über Kolkata, nicht einmal einen Stadtplan nach westlichem Standard. Eine nur über die USA zu beziehende „Reference Guide Map“ ist zwar aus wasserdichtem Papier, aber das ist während des Monsuns auch schon ihr einziger Nutzen. Die meisten Straßen, viele Stadtviertel sucht man auf ihr vergebens, sind sie verzeichnet, stimmt oft der Name nicht mehr oder der neue Name stimmt, aber kaum jemand in Kolkata kennt ihn. Wie in fast allen Entwicklungsländern lohnt es sich nicht, Passanten nach einem Weg zu fragen. Kaum einer wird zugeben, dass er ihn nicht weiß und den Suchenden, um ihn nicht zu enttäuschen und sich selbst keine Blöße zu geben, irgendwohin schicken. Da die Entfernungen groß und die öffentlichen Verkehrsmittel mit Ausnahme der Metro unzumutbar sind, kann man Kalkutta nur mit dem Taxi oder einem Mietwagen, der aus gutem Grund ausschließlich mit Chauffeur vermietet wird, entdecken. Und wie in jeder indischen Großstadt verursacht der Verkehr dem Touristen den ersten Kulturschock.

Die Verkehrsteilnehmer, in aufsteigender Reihenfolge sind dies Hunde, Schafe, Fußgänger, Radfahrer, Rikschas, Dreiräder, Motorradfahrer, PKW, Lastwägen, Busse und Kühe, verhalten sich keineswegs aggressiv, verursachen nur einen höllischen Lärm. Das Prinzip ist einfach. Jeder macht mit dem ihm zur Verfügung stehenden Mitteln auf sich aufmerksam, da kaum ein indisches Gefährt über Rückspiegel verfügt. Wenn ein Taxi einen Bus überholen will, der gerade eine Rikscha überholt, hupt der Taxifahrer wild und schätzt dabei seine Chance ein, am Bus vorbeizukommen, bevor ein entgegenkommender Lastwagen den Bus passieren wird. Dabei setzt der Taxifahrer voraus, dass der Bus seinen Überholvorgang abgeschlossen haben wird und der Lastwagen auf den ca. ein Meter breiten Schotterstreifen neben der mit gewaltigen Löchern übersäten Straße ausweichen kann und der gerade einbiegende Rikschafahrer rechts den Platz hinter dem Taxi gegen die Fahrtrichtung nutzen wird. Wenn alle Annahmen stimmen und alle beteiligten Fahrer durch Hupen aufeinander aufmerksam geworden sind, fahren alle Gefährte in Zentimeterabstand aneinander vorbei, ohne abbremsen zu müssen, wenn nicht, bleiben von dem Manöver auf Grund fehlender Knautschzonen indischer Automobile bizarre Gebilde am Straßenrand übrig. Wegen eventuell betroffener Fußgänger wird für gewöhnlich nicht angehalten. Einem Unfallopfer kann es durchaus passieren, dass er zu einem Krankenhaus gefahren, aber auf Grund seines ärmlichen Aussehens nicht aufgenommen wird. Im März 2007 lag ein Schwerverletzter 21 Tage vor einem Krankenhausportal,  bis eine kurze Zeitungsnotiz auf sein Schicksal aufmerksam machte. Dass der Fall ohne Konsequenzen blieb, aber immerhin öffentlich wurde, gilt in Kalkutta als Fortschritt.

Bevor man also als Tourist Kalkutta besichtigen will, sollte man sich mindestens einen Tag lang dem Verkehr aussetzen, da jede Ablenkung z. B. durch eine Ampel, die offenbar nur Ausländer wahrnehmen, tödlich sein kann. Hat man das Prinzip nicht nur verstanden, sondern verinnerlicht, und kann man russisch Roulette einen Reiz abgewinnen, macht der dröhnende Verkehr sogar Spaß und ist im Übrigen nicht einmal gefährlicher als eine Verkehrsteilnahme in Europa nach deutschem Rechthaberprinzip.

Ebenfalls gewöhnungsbedürftig ist die Masse Mensch. Da die meisten Einwohner Kalkuttas kein Gefährt besitzen und sich die umgerechnet 5 oder 10 Cent für öffentliche Verkehrsmittel nicht leisten können, gehen, laufen, schleppen sich den ganzen Tag über Millionen Fußgänger durch die Stadt. Weil die löchrigen Gehsteige zugleich von fliegenden Händlern, Garküchen, dösenden Hunden und schlafenden Menschen okkupiert werden, herrscht überall ein Gedränge und Geschiebe und Gestolpere, das im Westen Taschendiebe übermütig machen würde. Da aber in Kalkutta kaum jemand Geld bei sich trägt und Touristen selten sind, spielen Taschendiebstähle ebenso wenig eine Rolle wie Überfälle außerhalb des Drogenbezirks um die Sudder Street.

Zu den eindrucksvollsten Erlebnissen in Kalkutta gehört ein Gang über die 1943 gebaute Howrah Bridge. Die verkehrsreichste Brücke der Welt, 656 m lang und 82 m hoch, verbindet den Hauptbahnhof der Stadt mit dem Zentrum. 60 000 Autos und eine Million Fußgänger nutzen täglich die Brücke. Vor allem zwischen 10 und 11 Uhr morgens, bevor die Büros und Geschäfte in der Innenstadt öffnen, sollte man einmal zu Fuß Richtung Bahnhof gehen. In nur einer halben Stunde kommen einem rund 250 000 Menschen aus den Vorstädten mit ihren 2000 registrierten und 3000 unregistrierten, meist strom- und wasserlosen  Slums entgegen, viele in dunklen Anzügen oder kostbaren Saris, manche in Fetzen mit schweren Lasten auf dem Kopf, die meisten eilig, manche nur mehr strauchelnd, todkrank, aber niemand rempelt den Entgegenkommenden an, allerdings bleibt auch niemand stehen, um einem halb auf der Fahrbahn liegenden Kranken zu helfen.

Eine wesentliche Voraussetzung für einen lohnenswerten Kalkuttaaufenthalt ist ein optimaler Rückzugsort wie das Oberoi-Hotel. Mitten in der Stadt gelegen an der sechsspurig gebauten und zehnspurig genutzten Jawaharlad Nehru Road (besser bekannt unter ihren alten Namen Chowringhee Road) ist das 1943 errichtete Grandhotel eine prächtige Oase der Ruhe. Wer sich verwirrt vom Straßenlärm und benommen von den Abgasen der meistens im Stau stehenden Autos zwischen Hunderten den Gehsteig beidseitig verengenden Tischen mit teurem Ramsch hindurchgezwängt hat, verfolgt von angeheuerten Bettlerinnen, die einen Säugling im Arm erbarmungslos drücken, um ihn im richtigen Moment zum Weinen zu bringen, wogegen die wirklich Elenden den Touristen nur mit müden Augen nachblicken, und begleitet von Kundenfängern, die nicht begreifen wollen, dass man an spottbilligen Hosen, Hemden oder Badelatschen, die in Indien als vollwertige Schuhe gelten, kein Interesse hat, muss nur die unscheinbare, von zwei mit Pistolen und Unterbodenspiegeln ausgerüsteten Wachmännern kontrollierte Einfahrt durchschreiten, um in das Indien des unverschämten Reichtums zu gelangen. Jeder der zahlreichen weiß uniformierten Gepäckträger, Autotürenöffner, Portiers begrüßt den Gast mit über der Brust aneinander gelgten Händen und einem nie übertriebenen Neigen des Kopfes. In der riesigen Lobby mit Opernhauskronleuchtern und bis zu zwei Meter hohen Blumengestecken übertrifft die Zahl des dezent sich im Hintergrund haltenden Personals die Zahl der Gäste. Vorbei an dem reich bepflanzten Innenhof mit beeindruckendem Swimmingpool, an der Bar und zwei Restaurants, in denen jede Vorspeise mehr kostet, als eine indische Familie in der Woche für Nahrungsmittel ausgeben kann, erreicht der Gast in vollkommen leisen verspiegelten Aufzügen und über dicke Teppichböden sein auch in Nizza oder St. Moritz als großzügig geltendes Zimmer und kann nur mehr dankbar sein für das Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort auf die Welt gekommen zu sein.

Von diesem Refugium aus lässt sich am einfachsten das koloniale Kalkutta entdecken, denn es ist unübersehbar und gleich nebenan. Nach dem Abzug der Briten verfielen die Schlösser, Paläste, Verwaltungsgebäude, bis sie in den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts nicht mehr als Symbole der Ausbeutung, sondern als Erbe begriffen und aufwendig renoviert wurden. Auch wenn die Kolonialbauten als Kopien britischer Herrschaftshäuser oder architektonische Phantasiegebilde adeliger Offiziere längst nicht die künstlerische Bedeutung haben, die ihnen in Kalkutta zugeschrieben wird, sind sie an diesem Ort sehenswert: Das Victoria Memorial, zwischen 1906 und 1921 im Gedenken an Queen Victoria errichtet, bietet hinter weißem Marmor neben Kitsch gelegentlich sehenswerte Sonderausstellungen und ist bei den Bewohnern Kalkuttas so beliebt, dass bislang alle Versuche, es wie die meisten Straßen und Repräsentationsbauten umzubenennen, scheiterten. Nicht weit davon entfernt beeindruckt das 75 x 24 m große Eisenträgerdach der 1847 eingeweihten St. Paul’s Cathedral mit seinen zahlreichen schweren Ventilatoren. Ebenfalls am Maidan Park, einem zum größten Teil öden Brachland, auf dem Schafe weiden, auch wenn große Demonstrationen oder Ballspiele stattfinden, liegt das Indian Museum. Mit seinen Skulpturen und Kapitellen aus z .T. vorchristlicher Zeit ist es eines der besten Museen Asiens. Wie bei vielen anderen Sehenswürdigkeiten Kalkuttas beträgt auch hier der Eintrittspreis für Ausländer ein Vielfaches des Preises für Inder.

Arbeiter auf einem Bambusgerüst renovieren die Town Hall. Foto: Angela PawekNördlich des Maidan im Regierungsviertel steht die 1813 im dorischen Stil errichtete Town Hall. Sie beherbergt nun das Kalkutta Museum, das die Geschichte der Stadt und Indiens durchaus sympathisch mit motorisierten, gelegentlich sogar singenden Puppen und langen Videoprojektionen erzählt. Diese rührende High-Tech-Präsentation eines Entwicklungslandes kann nur in Begleitung eines Führers besichtigt werden, wenn er seine Aufgabe ernst nimmt, kann dies gut zwei Stunden dauern. Unter den zahlreichen Regierungsgebäuden lohnt das Writer’s Building den Besuch. 1776 als Verwaltungssitz der East India Compagny errichtet, dient es nun als Sitz der westbengalischen Regierung. In ihm frönt ein
Heer von Staatsdienern dem indischen Übel der Bürokratie. Während indische Computerspezialisten überall auf der Welt die kompliziertesten Programme entwickeln, gibt es in Indien keinen noch so einfachen Verwaltungsvorgang, der nicht handschriftlich auf mehreren Zetteln festgehalten und gegengezeichnet wird. Ein unauffälliger Gang durch die riesigen Säle vermittelt einen gespenstischen Eindruck bürokratischer Ineffizienz.

Gespenstisch auch wirkt der Marble Palace, den sich ein indischer Großgrundbesitzer 1835 bauen ließ. Wer den zum Teil noch von den Nachfahren bewohnten Marmor Palast betreten will, braucht offiziell einen Erlaubnisschein des Fremdenverkehrsamtes und/oder der zuständigen Polizeistation. Einziger Sinn dieser Schikane ist, dass die zahlreichen Museumsdiener eine Bestechung verlangen können, deren Höhe westliche Touristen nicht schmerzt, aber einen üblichen Tagesverdienst übertrifft. Dennoch lohnt sich der Besuch, denn eindrucksvoller lässt sich der Verfall von Pracht wohl nirgends betrachten. Geführt von einem Wärter, der beim Betreten der jeweils mehrere Hundert Quadratmeter großen, durch geschlossene Fensterläden abgedunkelten Empfangs- und Festsäle jeweils ein oder zwei Glühlampen einschaltet, durchschreitet der Besucher eine gigantische Ausstellung des schlechten Geschmacks: Porträtbüsten antiker und zeitgenössischer Herrscher inmitten von Vasen, Waffen, Nippes, darüber Geweihe und ausgestopfte Tierkörper zwischen Gemälden, deren Patina jede Zuordnung (Rubens, Tizian) glaubwürdig macht. Höhepunkt der Führung ist das Bildnis einer Frau, deren Augen dem Vorbeigehenden zu folgen scheinen. Unser indischer Reisebegleiter, ein Spezialist für Computeranimationen, war fasziniert.

Obwohl mitten in einem Wohnviertel gelegen, verfügt der Marble Palace über einen eigenen Tiergarten mit großen, meist leeren Gehegen, Brunnen und Grotten, die zu pflegen den uralten, über ferne Veranden schlurfenden Erben des Anwesens nicht möglich ist. Der dem Verfall ausgelieferte Palast, ein kulturhistorisches Denkmal von größter Bedeutung, ist in seiner weltlichen, sogar nackte Frauenkörper nutzenden Prachtentfaltung eine doppelte Provokation. Nacktheit ist im Land des Kamasutra und der erotischen Tempelreliefs heute ein Skandal, und nur Regierungsgebäude und Tempel dürfen in Kalkutta vergleichbar große Räume und Flächen beanspruchen, die zudem ortsüblich tausend Menschen als Unterkunft dienen könnten.

Wohl drei Viertel aller Häuser in Kalkutta gelten nach deutschem Maßstab als unbewohnbar. Viele Kolonialbauten scheinen nur noch durch ihre Veranden aus Metall vor dem Zusammenbruch bewahrt zu werden. Nicht einmal die Häuser  unmittelbar hinter dem Oberoi verfügen über fließendes Wasser, Toiletten, eine Kanalisation. Zu festgelegten Zeiten vor- und nachmittags werden die Hydranten am Straßenrand mit Wasser versorgt, die Bewohner der umliegenden Häuser holen es sich in Eimern, manche waschen ihr Geschirr gleich auf dem Gehweg. Und auch in Kalkuttas vornehmster Einkaufsstraße, der Park Street, wird der Müll zu großen Haufen zusammengekehrt und an Ort und Stelle verbrannt. Wen es sogar in Kalkutta nach Shopping gelüstet, sollte besser den Uttarapan Shopping Complex aufsuchen. Für diesen fast idyllisch wirkenden regierungseigenen Markt wird zwar ein geringer Eintritt verlangt, dafür aber kann man dort schöne Stoffe, Kleidung und Kunsthandwerk ohne Händlerbelästigung zu absurd niedrig scheinenden Preisen erwerben. Mehr einer verkohlten Ruine gleicht der 1874 erbaute New Market. Unter einem Gewirr lose verlegter, tief herabhängender elektrischer Leitungen wird an kleinen Ständen alles verkauft, was ein Mensch zum Leben braucht, Gewürze, Kleidung, Küchengerät, Waschmittel, Hygieneartikel, Medikamente, Obst und Gemüse. Ein Blick über die Fleischstände lässt unabhängig von religiösen Vorbehalten ahnen, warum die meisten Inder eine vegetarische Kost, auch wenn sie vielleicht von der als Gemüsefeld genutzten Müllhalde in Dapha stammt, bevorzugen. Nun wird am Rande des alten New Market ein neuer New Market mit Tiefgarage gebaut, aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis beide Teile ununterscheidbar werden. Denn auch die meisten Neubauten, Hochhäuser aus den 70er und 80er Jahren, verlieren rasch ihren Glanz. Noch funkeln die Fassaden der  Bürogebäude großer Elektronik- und Softwarekonzerne in Salt Lake City, einer fantasielos errichteten Bürostadt ohne Wohnungen und Läden. Aber schon haben die Garküchen von den Straßen Besitz ergriffen und schicken sich an, mit ihrem Ruß und Dampf in die Untergeschosse der noch steril wirkenden Glas- und Metallgebäude einzudringen.

Aber Kalkutta ist nicht nur die indische Metropole Handbetriebens Kinderkarussell. Foto Angela Pawekdes Drecks, sondern auch der Kultur. Das Kulturzentrum Rabindra Sadan bietet hervorragende Musik- und Theateraufführungen, das daneben gelegene Nandan ist das größte und wohl auch beste Programmkino Asiens, die Academy of Fine Arts kennt zwar kein Polizist, kein Mitarbeiter des nebenan gelegenen Kindermuseums, aber ihre Sonderausstellungen moderner Kunst sind der Suche in meist drückender Hitze ebenso wert wie das Centre of International Modern Art (CIMA), eine 1993 eröffnete private Galerie, die interessanteste für moderne Kunst in Indien. Um das Geburts- und Sterbehaus des ersten indischen Nobelpreisträgers Rabindranath Tagore entstand aus einem von ihm gegründeten Erziehungsheim eine der zahlreichen Universitäten Kalkuttas, die Rabindra-Bharati für Literatur, Musik und Malerei. Das Haus des Schriftstellers, das Tagores Großvater im 18. Jahrhundert errichten ließ, ist voller Erinnerungsstücke, Fotos sämtlicher Anverwandter, deren Stammbaum von jungen Besuchern getreulich abgeschrieben wird, das Gebärzimmer, in dem Tagore 1861 zur Welt kam, der Stuhl, auf dem er saß, wenn er schrieb, der Stuhl, in dem er Gäste empfing, Bücher Tagores in Dutzenden Sprachen, Notenblätter, Gemälde, Fotos von seinen zahlreichen Reisen nach Europa, Amerika, Ostasien, schließlich das Bett, in dem er 1941 starb. Beeindruckend an der Memorabilienschau ist der ernsthafte Stolz, mit dem junge und alte Inder – selbstverständlich barfuss – das Haus des bedeutendsten indischen Philosophen und Dichters der Neuzeit durchschreiten.

Nur eine kurze verwegene Taxifahrt entfernt befindet sich die College Street, das größte Antiquariat der Welt. In unzähligen hochspezialisierten Bretterbuden finden die Studenten und Studentinnen der umliegenden Universitäten fast jeden Buchtitel, der jemals in Indien verkauft wurde. Der Beckenrand eines riesigen, meist wasserlosen Schwimmbades lädt zum Lesen ein, falls man es nicht vorzieht, im Coffee House einen Kaffe zu trinken oder eine Kleinigkeit zu essen. Über eine enge Treppe gelangt man in einen gewaltigen Saal mit Empore, in dem trotz der Größe selten ein leerer Tisch zu finden ist. Die Art des Stimmengewirrs verrät, dass hier nicht geplaudert, sondern argumentiert wird. Uniformierte Kellner versorgen die Diskutierenden mit spottbilligen Speisen, nur das Mineralwasser muss man, wenn man dem Leitungswasser nicht traut, selbst mitbringen. Wer nur mehr Starbucks kennt, erlebt im Coffee House, was Kaffees einmal waren.

Dieselben Intellektuellen, viele von ihnen Anhänger der regierenden Kommunisten, trifft man wieder in den Tempelanlagen. Es ist fast unmöglich, in Kalkutta einen Atheisten zu finden. Tausende Götter, vergleichbar christlichen Schutzheiligen, sind für alle nur denkbaren Probleme des Alltags zuständig. Wie die Familie und immer noch die Kaste, deren Zugehörigkeit in den Personalpapieren steht, ist der Glaube für alle Menschen eine Grundlage ihres Lebens. Woran jemand glaubt, ist in politisch ruhigen Zeiten unwichtig, nicht zu glauben aber unvorstellbar. Es gibt keine Straße und kaum eine Wohnung in Kalkutta, in der nicht ein blumengeschmückter Schrein, ein religiöses Symbol oder zumindest ein Götterbild zu finden ist und von den Menschen inbrünstig verehrt wird. Noch die Ärmsten spenden für ihr Seelenheil  Unsummen. Die jährlichen Einnahmen großer Tempelanlagen und Missionen belaufen sich oft auf über 100 Millionen Euro, aber nicht nur die auffällig wohlgenährten Priester leben von der Gläubigkeit der Menschen. Der ganze Stadtteil Kurmartully verdankt ihr seinen relativen Wohlstand. Hunderte Künstler produzieren hier während des ganzen Jahres Götterskulpturen aus Stroh und Lehm, die je nach Größe bis 200 Euro kosten und nach ihrer Präsentation beim Purifest in den Ganges geworfen werden.

Götterskulpturenproduktion, Foto Angela PawekZentren der Volksreligiosität sind die traditionellen Tempelanlagen wie der im Süden der Stadt liegende Kalighat Tempel. Als Sati, Shivas Frau, starb, drehte Shiva (der Zerstörer) durch und tanzte wild mit dem toten Körper. Vishnu (der Bewahrer) konnte den Wahnsinn nicht mehr mit ansehen, er schleuderte seinen Sonnendiskus gegen Satis toten Körper und zerstückelte ihn in 51 Teile, die über ganz Indien verstreut auf die Erde stürzten. Der Kalighat Tempel wurde 1809 an dem Ort errichtet, auf den Satis kleiner Zeh zu Boden gefallen war. Wie in allen traditionellen Tempeln vermischen sich hier Krämergeist und religiöse Ekstase. Dutzende Verkaufsstände bieten religiöse Bildchen, Getränke, Snacks, Batterien, Glückskettchen und Opfergaben an. Heute werden nicht mehr Babys und kaum noch Tiere der schwarzen Göttin geopfert, sondern Lebensmittel, die ihr von Priestern gezeigt und anschließend an die Pilger verteilt werden. Auch an gewöhnlichen Werktagen drängen Tausende zu der Götterstatue, werfen sich auf den Boden, so dass die Nachdrängenden über sie stolpern und sich immer wieder Menschenknäuel bilden. Nähern sich westliche Touristen dem Hauptschrein, stürzen sich junge Männer in Erwartung eines Trinkgeldes auf die Betenden, treiben sie auseinander, bis ein Blick frei wird auf die Göttin.

Völlig anders ist die Atmosphäre in modernen Tempelanlagen wie Belur Math, dem vom Ramakrishna-Schüler Vivekananda gegründeten Hauptsitz der weltweit tätigen Ramakrishna-Mission. Vivekananda, der auf seiner Suche nach Spiritualität sogar zeitweilig Christ war, ist der Begründer des Neo-Hinduismus, der versucht, Elemente aller Religionen in sich zu vereinen. Der Haupttempel ist daher eine architektonische Mixtur aus Kathedrale, Moschee und Hindutempel. Pilger, die hierher kommen, bezeugen ebenfalls mit Inbrunst, doch ruhig ihre Ehrfurcht und stellen sich geduldig an, um gegen Mittag dem 90jährigen Präsidenten der Mission die Hand drücken zu dürfen. Andere nehmen ihr rituelles Bad im Fluss, und obwohl sogar indische Wissenschaftler festgestellt haben, dass das Gangeswasser so verseucht ist, wie es riecht und aussieht, trinken die Gläubigen die schmutzige Brühe und füllen sie in Flaschen ab, um auch die Daheimgebliebenen damit zu laben.

Während die Institutionen Familie und Kaste durch die industrielle Modernisierung Indiens und die damit geforderte Mobilität an Bedeutung verlieren, scheint die Gläubigkeit der Menschen ungebrochen. Sie ist der Schlüssel auch zum Verständnis Kalkuttas. Obwohl dem Touristen immer wieder versichert wird, dass sich die Stadt in den letzten Jahrzehnten großartig entwickelt habe und heute zu den angenehmsten Indiens zähle, ist der verwirrende Kontrast von Elend, Schmutz, Verfall und freundlicher, zumindest höflicher Gelassenheit nur aus der naiven Gläubigkeit ihrer Bewohner zu verstehen. Ein Leben, wie es die meisten Menschen in Kalkutta führen müssen, ist nur erträglich in der Hoffnung auf göttlichen Beistand und auf eine Wiedergeburt unter günstigeren Voraussetzungen. Von der Politik erwarten die Menschen nichts. Politiker gelten als so korrupt wie die Beamten, die Polizisten. Bengalens kommunistischer Chefminister ließ am 13. März unweit Kalkuttas unbemerkt von den ausländischen Medien 15 Bauern erschießen, weil sie sich gegen die Enteignung ihrer Felder zugunsten einer Chemiefabrik wehrten. Anders als die Verletzung von Menschenrechten in China scheint die Brutalität, mit der in Indien Geschäftsinteressen verfolgt, Recht gebeugt, Menschen misshandelt und in den Selbstmord getrieben werden, niemanden im Westen zu interessieren. Die Gier der Politiker nach Macht und Reichtum zersetzt den Staat, wie man in Sonagachi, einem Rotlichtbezirk nördlich des Marmor-Palastes, beobachten kann. Dort arbeiten 10 000 der 70 000 Sexworker Kalkuttas, unter ihnen rund ein Drittel Minderjährige. Obwohl die Prostitution vor allem im Umfeld der Tempel, deren Priester Witwen und Verstoßenen Kost und Logis gewährten, wenn sie ihnen und spendablen Pilgern zur Triebbefriedigung zur Verfügung standen, Tradition hat, ist Prostitution in Indien verboten. Daher muss die Polizei am Sexprofit beteiligt werden. Lässt sich eine Razzia auf Grund eines Verbrechens oder einer Anzeige durch Hilfsorganisationen für Sexworker wie SAANLAP nicht vermeiden, sorgt ein großes Polizeiaufgebot dafür, dass die aus Verließen befreiten Mädchen davonlaufen können, um alsbald zum Bordellbesitzer zurückzukehren. Ließ sich eine Festnahme nicht vermeiden, werden sie wenig später von der Polizei zurückgebracht. Ausländer sollten für einen Besuch Sonagachis mindestens drei Tage vorher bei der Polizei eine Genehmigung beantragen. Andernfalls können sie als potentielle Kunden verhaftet werden, nicht der Ordnung wegen, sondern zur Motivation, eine ansehnliche Bestechungssumme für ihre Freilassung zu bezahlen.

Warum trotz alledem Kalkutta einer Reise wert ist? Weil es ein Scheißhaufen nur aus Lübecker Perspektive ist. Kalkutta lebt. Nirgendwo sonst in Indien ringen Dreck und Geist, Elend und Zuversicht, Tod und Lebenswille in einem Chaos aus Widersprüchen so sehr um die Formung des Neuen wie in dieser Stadt. Wer die Harmonie sucht, wird an ihr verzweifeln. Wer sich aber einlässt auf die Wirklichkeit, kann nach ein paar Tagen eine den Westler überraschende Erfahrung machen: Aus all dem Lärm, Gestank, der Not und Ungerechtigkeit entsteht im Besucher eine innere Ruhe, wie sie keine Wellnesskur leisten kann. Hier ist etwas im Entstehen begriffen, das über toskanischen Lebensstil, dubaier Größenwahn, shanghaier Profitgier weit hinausreicht. Kalkutta ist ganz gewiss kein Modell für die vom Westen erwartete Entwicklung Indiens. Von Bombay unterscheidet es sich wie ein Bollywoodschmachtfetzen von den Filmen großer Regisseure Kalkuttas wie Satyajit Ray, Mrinal Sen, Tapan Sinha, Ritwik Ghatak, Aparna Sen oder Rituparno Ghosh.  Der dümmlichen Vermarktung kultureller Klischees, der Ausbeutung unerfüllbarer Sehnsüchte, der Verniedlichung mafiöser Machenschaften und der musikalischen Verblödung  durch Bollywood stellten und stellen sie einen sensiblen, modernen, analytischen Realismus entgegen. Und wenn es auch kein Zufall ist, dass Bollywood sich im Westen größter Beliebtheit erfreut, während Filme aus Kalkutta so gut wie unbekannt sind, keimt in Kalkutta die bessere Zukunft. Die Menschen in Kalkutta machen sich, sieht man von ihrer Einschätzung der Bedeutung Indiens in der Welt und der Schönheit ihrer Stadt ab, keine Illusionen. Dafür ist das Leben zu hart, die Luft zu schlecht, das Elend zu groß. Aber sie wissen auch, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Sie freuen sich auf die Zukunft. Vielleicht ist es diese Zukunftszuversicht, die Kalkutta für müde Westler so faszinierend machen kann.

© 2007 Karl Pawek, Fotos Angela Pawek
pawek@web.de

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