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Wer
in Deutschland ohne
Zwang eine Reise nach Kalkutta plant, stößt auf
Unverständnis. Allein
Drogenkonsumenten und Sextouristen sehen in Kalkutta ein lohnendes
Reiseziel,
kostet dort doch eine Portion Kokain zur Zeit so viel wie eine Stunde
Sex: 150
Rupien = 2,60 Euro. Alle anderen halten mit Grass Kalkutta für
einen
„Scheißhaufen Gottes“, den nur Elendstouristen und Voyeure
anschauen wollen.
Dennoch lohnt es, sich einem solchen Verdacht auszusetzen. Auch wenn
die
Umbenennung Kalkuttas in Kolkata nichts verändert hat an dieser
Stadt mit 12
oder 16 Millionen Einwohnern, kann ihr Besuch ein unvergessliches
Erlebnis
sein, das dem Reisenden allerdings einiges abfordert. Es
gibt keinen Reiseführer
über Kolkata, nicht einmal einen Stadtplan nach westlichem
Standard. Eine nur
über die USA zu beziehende „Reference Guide Map“ ist zwar aus
wasserdichtem
Papier, aber das ist während des Monsuns auch schon ihr einziger
Nutzen. Die
meisten Straßen, viele Stadtviertel sucht man auf ihr vergebens,
sind sie
verzeichnet, stimmt oft der Name nicht mehr oder der neue Name stimmt,
aber
kaum jemand in Kolkata kennt ihn. Wie in fast allen
Entwicklungsländern lohnt
es sich nicht, Passanten nach einem Weg zu fragen. Kaum einer wird
zugeben,
dass er ihn nicht weiß und den Suchenden, um ihn nicht zu
enttäuschen und sich
selbst keine Blöße zu geben, irgendwohin schicken. Da die
Entfernungen groß und
die öffentlichen Verkehrsmittel mit Ausnahme der Metro unzumutbar
sind, kann
man Kalkutta nur mit dem Taxi oder einem Mietwagen, der aus gutem Grund
ausschließlich mit Chauffeur vermietet wird, entdecken. Und wie
in jeder
indischen Großstadt verursacht der Verkehr dem Touristen den
ersten
Kulturschock. Die
Verkehrsteilnehmer, in
aufsteigender Reihenfolge sind dies Hunde, Schafe,
Fußgänger, Radfahrer,
Rikschas, Dreiräder, Motorradfahrer, PKW, Lastwägen, Busse
und Kühe, verhalten
sich keineswegs aggressiv, verursachen nur einen höllischen
Lärm. Das Prinzip
ist einfach. Jeder macht mit dem ihm zur Verfügung stehenden
Mitteln auf sich
aufmerksam, da kaum ein indisches Gefährt über
Rückspiegel verfügt. Wenn ein
Taxi einen Bus überholen will, der gerade eine Rikscha
überholt, hupt der
Taxifahrer wild und schätzt dabei seine Chance ein, am Bus
vorbeizukommen,
bevor ein entgegenkommender Lastwagen den Bus passieren wird. Dabei
setzt der
Taxifahrer voraus, dass der Bus seinen Überholvorgang
abgeschlossen haben wird
und der Lastwagen auf den ca. ein Meter breiten Schotterstreifen neben
der mit
gewaltigen Löchern übersäten Straße ausweichen
kann und der gerade einbiegende
Rikschafahrer rechts den Platz hinter dem Taxi gegen die Fahrtrichtung
nutzen
wird. Wenn alle Annahmen stimmen und alle beteiligten Fahrer durch
Hupen
aufeinander aufmerksam geworden sind, fahren alle Gefährte in
Zentimeterabstand
aneinander vorbei, ohne abbremsen zu müssen, wenn nicht, bleiben
von dem
Manöver auf Grund fehlender Knautschzonen indischer Automobile
bizarre Gebilde
am Straßenrand übrig. Wegen eventuell betroffener
Fußgänger wird für gewöhnlich
nicht angehalten. Einem Unfallopfer kann es durchaus passieren, dass er
zu
einem Krankenhaus gefahren, aber auf Grund seines ärmlichen
Aussehens nicht
aufgenommen wird. Im März 2007 lag ein Schwerverletzter 21 Tage
vor einem
Krankenhausportal, bis eine kurze
Zeitungsnotiz auf sein Schicksal aufmerksam machte. Dass der Fall ohne
Konsequenzen blieb, aber immerhin öffentlich wurde, gilt in
Kalkutta als
Fortschritt. Bevor
man also als Tourist
Kalkutta besichtigen will, sollte man sich mindestens einen Tag lang
dem
Verkehr aussetzen, da jede Ablenkung z. B. durch eine Ampel, die
offenbar nur
Ausländer wahrnehmen, tödlich sein kann. Hat man das Prinzip
nicht nur
verstanden, sondern verinnerlicht, und kann man russisch Roulette einen
Reiz
abgewinnen, macht der dröhnende Verkehr sogar Spaß und ist
im Übrigen nicht
einmal gefährlicher als eine Verkehrsteilnahme in Europa nach
deutschem
Rechthaberprinzip. Ebenfalls
gewöhnungsbedürftig ist die Masse Mensch. Da die meisten
Einwohner Kalkuttas
kein Gefährt besitzen und sich die umgerechnet 5 oder 10 Cent
für öffentliche
Verkehrsmittel nicht leisten können, gehen, laufen, schleppen sich
den ganzen
Tag über Millionen Fußgänger durch die Stadt. Weil die
löchrigen Gehsteige
zugleich von fliegenden Händlern, Garküchen, dösenden
Hunden und schlafenden
Menschen okkupiert werden, herrscht überall ein Gedränge und
Geschiebe und
Gestolpere, das im Westen Taschendiebe übermütig machen
würde. Da aber in
Kalkutta kaum jemand Geld bei sich trägt und Touristen selten
sind, spielen
Taschendiebstähle ebenso wenig eine Rolle wie Überfälle
außerhalb des
Drogenbezirks um die Sudder Street. Zu
den eindrucksvollsten
Erlebnissen in Kalkutta gehört ein Gang über die 1943 gebaute
Howrah Bridge.
Die verkehrsreichste Brücke der Welt, 656 m lang und 82 m hoch,
verbindet den
Hauptbahnhof der Stadt mit dem Zentrum. 60 000 Autos und eine Million
Fußgänger
nutzen täglich die Brücke. Vor allem zwischen 10 und 11 Uhr
morgens, bevor die
Büros und Geschäfte in der Innenstadt öffnen, sollte man
einmal zu Fuß Richtung
Bahnhof gehen. In nur einer halben Stunde kommen einem rund 250 000
Menschen
aus den Vorstädten mit ihren 2000 registrierten und 3000
unregistrierten, meist
strom- und wasserlosen Slums entgegen,
viele in dunklen Anzügen oder kostbaren Saris, manche in Fetzen
mit schweren
Lasten auf dem Kopf, die meisten eilig, manche nur mehr strauchelnd,
todkrank,
aber niemand rempelt den Entgegenkommenden an, allerdings bleibt auch
niemand
stehen, um einem halb auf der Fahrbahn liegenden Kranken zu helfen. Eine
wesentliche
Voraussetzung für einen lohnenswerten Kalkuttaaufenthalt ist ein
optimaler
Rückzugsort wie das Oberoi-Hotel. Mitten in der Stadt gelegen an
der
sechsspurig gebauten und zehnspurig genutzten Jawaharlad Nehru Road
(besser
bekannt unter ihren alten Namen Chowringhee Road) ist das 1943
errichtete
Grandhotel eine prächtige Oase der Ruhe. Wer sich verwirrt vom
Straßenlärm und
benommen von den Abgasen der meistens im Stau stehenden Autos zwischen
Hunderten den Gehsteig beidseitig verengenden Tischen mit teurem Ramsch
hindurchgezwängt hat, verfolgt von angeheuerten Bettlerinnen, die
einen
Säugling im Arm erbarmungslos drücken, um ihn im richtigen
Moment zum Weinen zu
bringen, wogegen die wirklich Elenden den Touristen nur mit müden
Augen
nachblicken, und begleitet von Kundenfängern, die nicht begreifen
wollen, dass
man an spottbilligen Hosen, Hemden oder Badelatschen, die in Indien als
vollwertige Schuhe gelten, kein Interesse hat, muss nur die
unscheinbare, von
zwei mit Pistolen und Unterbodenspiegeln ausgerüsteten
Wachmännern kontrollierte
Einfahrt durchschreiten, um in das Indien des unverschämten
Reichtums zu
gelangen. Jeder der zahlreichen weiß uniformierten
Gepäckträger,
Autotürenöffner, Portiers begrüßt den Gast mit
über der Brust aneinander
gelgten Händen und einem nie übertriebenen Neigen des Kopfes.
In der riesigen
Lobby mit Opernhauskronleuchtern und bis zu zwei Meter hohen
Blumengestecken
übertrifft die Zahl des dezent sich im Hintergrund haltenden
Personals die Zahl
der Gäste. Vorbei an dem reich bepflanzten Innenhof mit
beeindruckendem
Swimmingpool, an der Bar und zwei Restaurants, in denen jede Vorspeise
mehr
kostet, als eine indische Familie in der Woche für Nahrungsmittel
ausgeben
kann, erreicht der Gast in vollkommen leisen verspiegelten
Aufzügen und über
dicke Teppichböden sein auch in Nizza oder St. Moritz als
großzügig geltendes
Zimmer und kann nur mehr dankbar sein für das Glück, zur
rechten Zeit am
rechten Ort auf die Welt gekommen zu sein. Von
diesem Refugium aus
lässt sich am einfachsten das koloniale Kalkutta entdecken, denn
es ist
unübersehbar und gleich nebenan. Nach dem Abzug der Briten
verfielen die
Schlösser, Paläste, Verwaltungsgebäude, bis sie in den
70er und 80er Jahren des
20. Jahrhunderts nicht mehr als Symbole der Ausbeutung, sondern als
Erbe
begriffen und aufwendig renoviert wurden. Auch wenn die Kolonialbauten
als
Kopien britischer Herrschaftshäuser oder architektonische
Phantasiegebilde
adeliger Offiziere längst nicht die künstlerische Bedeutung
haben, die ihnen in
Kalkutta zugeschrieben wird, sind sie an diesem Ort sehenswert: Das
Victoria
Memorial, zwischen 1906 und 1921 im Gedenken an Queen Victoria
errichtet,
bietet hinter weißem Marmor neben Kitsch gelegentlich sehenswerte
Sonderausstellungen und ist bei den Bewohnern Kalkuttas so beliebt,
dass bislang
alle Versuche, es wie die meisten Straßen und
Repräsentationsbauten
umzubenennen, scheiterten. Nicht weit davon entfernt beeindruckt das 75
x 24 m
große Eisenträgerdach der 1847 eingeweihten St. Paul’s
Cathedral mit seinen
zahlreichen schweren Ventilatoren. Ebenfalls am Maidan Park, einem zum
größten
Teil öden Brachland, auf dem Schafe weiden, auch wenn große
Demonstrationen
oder Ballspiele stattfinden, liegt das Indian Museum. Mit seinen
Skulpturen und
Kapitellen aus z .T. vorchristlicher Zeit ist es eines der besten
Museen
Asiens. Wie bei vielen anderen Sehenswürdigkeiten Kalkuttas
beträgt auch hier
der Eintrittspreis für Ausländer ein Vielfaches des Preises
für Inder.
Gespenstisch
auch wirkt der
Marble Palace, den sich ein indischer Großgrundbesitzer 1835
bauen ließ. Wer
den zum Teil noch von den Nachfahren bewohnten Marmor Palast betreten
will,
braucht offiziell einen Erlaubnisschein des Fremdenverkehrsamtes
und/oder der
zuständigen Polizeistation. Einziger Sinn dieser Schikane ist,
dass die
zahlreichen Museumsdiener eine Bestechung verlangen können, deren
Höhe
westliche Touristen nicht schmerzt, aber einen üblichen
Tagesverdienst
übertrifft. Dennoch lohnt sich der Besuch, denn eindrucksvoller
lässt sich der
Verfall von Pracht wohl nirgends betrachten. Geführt von einem
Wärter, der beim
Betreten der jeweils mehrere Hundert Quadratmeter großen, durch
geschlossene
Fensterläden abgedunkelten Empfangs- und Festsäle jeweils ein
oder zwei
Glühlampen einschaltet, durchschreitet der Besucher eine
gigantische
Ausstellung des schlechten Geschmacks: Porträtbüsten antiker
und
zeitgenössischer Herrscher inmitten von Vasen, Waffen, Nippes,
darüber Geweihe
und ausgestopfte Tierkörper zwischen Gemälden, deren Patina
jede Zuordnung
(Rubens, Tizian) glaubwürdig macht. Höhepunkt der
Führung ist das Bildnis einer
Frau, deren Augen dem Vorbeigehenden zu folgen scheinen. Unser
indischer
Reisebegleiter, ein Spezialist für Computeranimationen, war
fasziniert. Obwohl
mitten in einem
Wohnviertel gelegen, verfügt der Marble Palace über einen
eigenen Tiergarten
mit großen, meist leeren Gehegen, Brunnen und Grotten, die zu
pflegen den
uralten, über ferne Veranden schlurfenden Erben des Anwesens nicht
möglich ist.
Der dem Verfall ausgelieferte Palast, ein kulturhistorisches Denkmal
von
größter Bedeutung, ist in seiner weltlichen, sogar nackte
Frauenkörper
nutzenden Prachtentfaltung eine doppelte Provokation. Nacktheit ist im
Land des
Kamasutra und der erotischen Tempelreliefs heute ein Skandal, und nur
Regierungsgebäude und Tempel dürfen in Kalkutta vergleichbar
große Räume und
Flächen beanspruchen, die zudem ortsüblich tausend Menschen
als Unterkunft
dienen könnten. Wohl
drei Viertel aller Häuser
in Kalkutta gelten nach deutschem Maßstab als unbewohnbar. Viele
Kolonialbauten
scheinen nur noch durch ihre Veranden aus Metall vor dem Zusammenbruch
bewahrt
zu werden. Nicht einmal die Häuser unmittelbar
hinter dem Oberoi verfügen über
fließendes Wasser,
Toiletten, eine Kanalisation. Zu festgelegten Zeiten vor- und
nachmittags
werden die Hydranten am Straßenrand mit Wasser versorgt, die
Bewohner der
umliegenden Häuser holen es sich in Eimern, manche waschen ihr
Geschirr gleich
auf dem Gehweg. Und auch in Kalkuttas vornehmster Einkaufsstraße,
der Park
Street, wird der Müll zu großen Haufen zusammengekehrt und
an Ort und Stelle
verbrannt. Wen es sogar in Kalkutta nach Shopping gelüstet, sollte
besser den
Uttarapan Shopping Complex aufsuchen. Für diesen fast idyllisch
wirkenden
regierungseigenen Markt wird zwar ein geringer Eintritt verlangt,
dafür aber
kann man dort schöne Stoffe, Kleidung und Kunsthandwerk ohne
Händlerbelästigung
zu absurd niedrig scheinenden Preisen erwerben. Mehr einer verkohlten
Ruine
gleicht der 1874 erbaute New Market. Unter einem Gewirr lose verlegter,
tief
herabhängender elektrischer Leitungen wird an kleinen Ständen
alles verkauft,
was ein Mensch zum Leben braucht, Gewürze, Kleidung,
Küchengerät, Waschmittel,
Hygieneartikel, Medikamente, Obst und Gemüse. Ein Blick über
die Fleischstände
lässt unabhängig von religiösen Vorbehalten ahnen, warum
die meisten Inder eine
vegetarische Kost, auch wenn sie vielleicht von der als Gemüsefeld
genutzten
Müllhalde in Dapha stammt, bevorzugen. Nun wird am Rande des alten
New Market
ein neuer New Market mit Tiefgarage gebaut, aber es ist wohl nur eine
Frage der
Zeit, bis beide Teile ununterscheidbar werden. Denn auch die meisten
Neubauten,
Hochhäuser aus den 70er und 80er Jahren, verlieren rasch ihren
Glanz. Noch
funkeln die Fassaden der Bürogebäude
großer Elektronik- und Softwarekonzerne in Salt Lake City, einer
fantasielos
errichteten Bürostadt ohne Wohnungen und Läden. Aber schon
haben die Garküchen
von den Straßen Besitz ergriffen und schicken sich an, mit ihrem
Ruß und Dampf
in die Untergeschosse der noch steril wirkenden Glas- und
Metallgebäude
einzudringen. Aber
Kalkutta ist nicht nur
die indische Metropole Nur
eine kurze verwegene
Taxifahrt entfernt befindet sich die College Street, das
größte Antiquariat der
Welt. In unzähligen hochspezialisierten Bretterbuden finden die
Studenten und
Studentinnen der umliegenden Universitäten fast jeden Buchtitel,
der jemals in
Indien verkauft wurde. Der Beckenrand eines riesigen, meist wasserlosen
Schwimmbades lädt zum Lesen ein, falls man es nicht vorzieht, im
Coffee House
einen Kaffe zu trinken oder eine Kleinigkeit zu essen. Über eine
enge Treppe
gelangt man in einen gewaltigen Saal mit Empore, in dem trotz der
Größe selten
ein leerer Tisch zu finden ist. Die Art des Stimmengewirrs verrät,
dass hier
nicht geplaudert, sondern argumentiert wird. Uniformierte Kellner
versorgen die
Diskutierenden mit spottbilligen Speisen, nur das Mineralwasser muss
man, wenn
man dem Leitungswasser nicht traut, selbst mitbringen. Wer nur mehr
Starbucks
kennt, erlebt im Coffee House, was Kaffees einmal waren. Dieselben
Intellektuellen,
viele von ihnen Anhänger der regierenden Kommunisten, trifft man
wieder in den
Tempelanlagen. Es ist fast unmöglich, in Kalkutta einen Atheisten
zu finden.
Tausende Götter, vergleichbar christlichen Schutzheiligen, sind
für alle nur
denkbaren Probleme des Alltags zuständig. Wie die Familie und
immer noch die
Kaste, deren Zugehörigkeit in den Personalpapieren steht, ist der
Glaube für
alle Menschen eine Grundlage ihres Lebens. Woran jemand glaubt, ist in
politisch ruhigen Zeiten unwichtig, nicht zu glauben aber
unvorstellbar. Es
gibt keine Straße und kaum eine Wohnung in Kalkutta, in der nicht
ein
blumengeschmückter Schrein, ein religiöses Symbol oder
zumindest ein Götterbild
zu finden ist und von den Menschen inbrünstig verehrt wird. Noch
die Ärmsten
spenden für ihr Seelenheil Unsummen.
Die jährlichen Einnahmen großer Tempelanlagen und Missionen
belaufen sich oft
auf über 100 Millionen Euro, aber nicht nur die auffällig
wohlgenährten
Priester leben von der Gläubigkeit der Menschen. Der ganze
Stadtteil
Kurmartully verdankt ihr seinen relativen Wohlstand. Hunderte
Künstler
produzieren hier während des ganzen Jahres Götterskulpturen
aus Stroh und Lehm,
die je nach Größe bis 200 Euro kosten und nach ihrer
Präsentation beim Purifest
in den Ganges geworfen werden.
Völlig
anders ist die
Atmosphäre in modernen Tempelanlagen wie Belur Math, dem vom
Ramakrishna-Schüler Vivekananda gegründeten Hauptsitz der
weltweit tätigen
Ramakrishna-Mission. Vivekananda, der auf seiner Suche nach
Spiritualität sogar
zeitweilig Christ war, ist der Begründer des Neo-Hinduismus, der
versucht,
Elemente aller Religionen in sich zu vereinen. Der Haupttempel ist
daher eine
architektonische Mixtur aus Kathedrale, Moschee und Hindutempel.
Pilger, die
hierher kommen, bezeugen ebenfalls mit Inbrunst, doch ruhig ihre
Ehrfurcht und
stellen sich geduldig an, um gegen Mittag dem 90jährigen
Präsidenten der
Mission die Hand drücken zu dürfen. Andere nehmen ihr
rituelles Bad im Fluss,
und obwohl sogar indische Wissenschaftler festgestellt haben, dass das
Gangeswasser so verseucht ist, wie es riecht und aussieht, trinken die
Gläubigen die schmutzige Brühe und füllen sie in
Flaschen ab, um auch die
Daheimgebliebenen damit zu laben. Während
die Institutionen
Familie und Kaste durch die industrielle Modernisierung Indiens und die
damit
geforderte Mobilität an Bedeutung verlieren, scheint die
Gläubigkeit der
Menschen ungebrochen. Sie ist der Schlüssel auch zum
Verständnis Kalkuttas.
Obwohl dem Touristen immer wieder versichert wird, dass sich die Stadt
in den
letzten Jahrzehnten großartig entwickelt habe und heute zu den
angenehmsten
Indiens zähle, ist der verwirrende Kontrast von Elend, Schmutz,
Verfall und
freundlicher, zumindest höflicher Gelassenheit nur aus der naiven
Gläubigkeit
ihrer Bewohner zu verstehen. Ein Leben, wie es die meisten Menschen in
Kalkutta
führen müssen, ist nur erträglich in der Hoffnung auf
göttlichen Beistand und
auf eine Wiedergeburt unter günstigeren Voraussetzungen. Von der
Politik
erwarten die Menschen nichts. Politiker gelten als so korrupt wie die
Beamten,
die Polizisten. Bengalens kommunistischer Chefminister ließ am
13. März unweit
Kalkuttas unbemerkt von den ausländischen Medien 15 Bauern
erschießen, weil sie
sich gegen die Enteignung ihrer Felder zugunsten einer Chemiefabrik
wehrten.
Anders als die Verletzung von Menschenrechten in China scheint die
Brutalität,
mit der in Indien Geschäftsinteressen verfolgt, Recht gebeugt,
Menschen
misshandelt und in den Selbstmord getrieben werden, niemanden im Westen
zu
interessieren. Die Gier der Politiker nach Macht und Reichtum zersetzt
den
Staat, wie man in Sonagachi, einem Rotlichtbezirk nördlich des
Marmor-Palastes,
beobachten kann. Dort arbeiten 10 000 der 70 000 Sexworker Kalkuttas,
unter
ihnen rund ein Drittel Minderjährige. Obwohl die Prostitution vor
allem im
Umfeld der Tempel, deren Priester Witwen und Verstoßenen Kost und
Logis
gewährten, wenn sie ihnen und spendablen Pilgern zur
Triebbefriedigung zur
Verfügung standen, Tradition hat, ist Prostitution in Indien
verboten. Daher
muss die Polizei am Sexprofit beteiligt werden. Lässt sich eine
Razzia auf
Grund eines Verbrechens oder einer Anzeige durch Hilfsorganisationen
für
Sexworker wie SAANLAP nicht vermeiden, sorgt ein großes
Polizeiaufgebot dafür,
dass die aus Verließen befreiten Mädchen davonlaufen
können, um alsbald zum
Bordellbesitzer zurückzukehren. Ließ sich eine Festnahme
nicht vermeiden,
werden sie wenig später von der Polizei zurückgebracht.
Ausländer sollten für
einen Besuch Sonagachis mindestens drei Tage vorher bei der Polizei
eine
Genehmigung beantragen. Andernfalls können sie als potentielle
Kunden verhaftet
werden, nicht der Ordnung wegen, sondern zur Motivation, eine
ansehnliche
Bestechungssumme für ihre Freilassung zu bezahlen. Warum
trotz alledem Kalkutta
einer Reise wert ist? Weil es ein Scheißhaufen nur aus
Lübecker Perspektive
ist. Kalkutta lebt. Nirgendwo sonst in Indien ringen Dreck und Geist,
Elend und
Zuversicht, Tod und Lebenswille in einem Chaos aus Widersprüchen
so sehr um die
Formung des Neuen wie in dieser Stadt. Wer die Harmonie sucht, wird an
ihr
verzweifeln. Wer sich aber einlässt auf die Wirklichkeit, kann
nach ein paar
Tagen eine den Westler überraschende Erfahrung machen: Aus all dem
Lärm,
Gestank, der Not und Ungerechtigkeit entsteht im Besucher eine innere
Ruhe, wie
sie keine Wellnesskur leisten kann. Hier ist etwas im Entstehen
begriffen, das
über toskanischen Lebensstil, dubaier Größenwahn,
shanghaier Profitgier weit
hinausreicht. Kalkutta ist ganz gewiss kein Modell für die vom
Westen erwartete
Entwicklung Indiens. Von Bombay unterscheidet es sich wie ein
Bollywoodschmachtfetzen von den Filmen großer Regisseure
Kalkuttas wie Satyajit
Ray, Mrinal Sen, Tapan Sinha, Ritwik Ghatak, Aparna Sen oder Rituparno
Ghosh. Der dümmlichen Vermarktung
kultureller Klischees, der Ausbeutung
unerfüllbarer Sehnsüchte, der Verniedlichung mafiöser
Machenschaften und der
musikalischen Verblödung durch
Bollywood stellten und stellen sie einen sensiblen, modernen,
analytischen
Realismus entgegen. Und wenn es auch kein Zufall ist, dass Bollywood
sich im
Westen größter Beliebtheit erfreut, während Filme aus
Kalkutta so gut wie
unbekannt sind, keimt in Kalkutta die bessere Zukunft. Die Menschen in
Kalkutta
machen sich, sieht man von ihrer Einschätzung der Bedeutung
Indiens in der Welt
und der Schönheit ihrer Stadt ab, keine Illusionen. Dafür ist
das Leben zu
hart, die Luft zu schlecht, das Elend zu groß. Aber sie wissen
auch, dass
nichts so bleiben muss, wie es ist. Sie freuen sich auf die Zukunft.
Vielleicht
ist es diese Zukunftszuversicht, die Kalkutta für müde
Westler so faszinierend
machen kann. © 2007 Karl Pawek,
Fotos
Angela Pawek |
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