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a . Kapitalismus in den Zeiten der Globalisierung 

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Seit dem vorläufigen Verschwinden des Sozialismus wird gern vergessen, dass es den Kapitalismus immer noch gibt. Zwar beherrschen Wirtschaftsthemen die Medien: Finanzkrise, Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Standortschließungen, Schuldenfalle, Benzinpreise verdrängen häufig sogar sex and crime von der Titelseite der BILD-Zeitung. Streiks erregen die Gemüter, und die Mehrheit der Menschen im reichen Deutschland leidet unter Geldknappheit. Doch dass dies alles und noch viel mehr mit unserer Wirtschaftsordnung, dem Kapitalismus zusammenhängt, sollen und wollen die Menschen nicht wahrhaben. Die meisten geben offen zu, dass sie wirtschaftliche Zusammenhänge, die Ökonomie nicht verstehen. Und jene, die als Wirtschaftswissenschaftler ihr Geld verdienen, bekunden spätestens mit der Irrelevanz ihrer Prognosen, mit den fatalen Folgen ihrer Vorschläge und wirtschaftspolitischen Entscheidungen, dass sie kaum mehr Ahnung haben als das gemeine Volk. Um nicht der Lächerlichkeit anheim zu fallen schufen sie sich eine geheimnisvolle Sprache, mit der sie winzige Detailfragen auf höchstem intellektuellen Niveau verkomplizieren können. Dies erlaubt, jede Einsicht ihrer Zuhörer in Zusammenhänge zu verhindern und allen Nichteingeweihten das Gefühl zu geben, von Wirtschaftswissenschaft nichts zu verstehen. Was bei uns als Ökonomie gelehrt wird, dient zum größten Teil der Verschleierung der Verhältnisse, will und darf sie nicht erklären, sondern soll tabuisieren, vor allem den Kapitalismus.

Reicht dies nicht aus, um Missmut in der Bevölkerung, gar die aufkeimende Ahnung einer sozial ungerechten Wirtschaftsordnung zu ersticken, werden Sündenböcke kreiert. Noch dürfen es nicht schon wieder die Juden sein, also müssen andere herhalten, z. Zt. geldgierige Manager und Steuerhinterzieher. Ganz abgesehen davon, dass fast jeder Mensch nimmt, so viel er bekommt, und so wenig Steuern zahlt, wie nur möglich, sind die medial gepuschten Hinweise auf die überzogene Geldgier Einzelner vor allem der Versuch, die böse Fratze des Kapitalismus hinter der Fassade scheinheiliger Empörung zu verbergen.

Denn es kann gar keinen gerechten, humanen, sozialen Kapitalismus geben. Sein Nährstoff ist der Mehrwert oder umgangssprachlich der Betrug. Das Prinzip des Kapitalismus besteht darin, für jede Investition mehr zu erlösen, als sie gekostet hat. Die Differenz zwischen Investitions-, Material-, Arbeits- sowie Vertriebskosten und dem vom Käufer zu zahlenden Preis ist der Profit. Er setzt sich zusammen aus dem gerechten Lohn des Kapitalisten für seine unternehmerischen Bemühungen und einem nicht zu gerechtfertigenden Überschuss. Da er vom Kapitalisten nur zu einem Teil konsumiert werden kann, steht er als neues, zusätzliches Kapital zur Verfügung. Dem gemeinen Volk mit seinen schäbig verzinsten Sparbüchern und vielleicht noch weniger einträglichen Fondsanteilen wird die wundersame Geldvermehrung bei den Reichen gerne damit erklärt, dass sie ihr Geld „arbeiten“ lassen. Nun weiß zwar jeder, dass Geld nicht arbeitet, sondern auf Dauer nur immer weniger wert wird, also eine schrumpfende Verrechnungseinheit ist. Arbeiten können nur Menschen und Maschinen. Aber so genau will es auch der Bausparer gar nicht wissen.

Dabei lohnt es sich durchaus der Frage nachzugehen, was Kapitalismus ist, wodurch er sich von früheren Wirtschaftsformen unterscheidet, was er bewirkt und wohin er führen wird.

Wer das Nomen für ein Omen hält, liegt mit seiner Erklärung gar nicht so falsch: Für die Römer war „capital“ ein Verbrechen, welches den Kopf kostete. Diese Wortbedeutung hat sich bis heute im Begriff „Kapitalverbrechen“ erhalten. Obwohl der Kapitalismus tatsächlich eine verbrecherische Wirtschaftsordnung ist, wird diese Begriffsableitung seiner Bedeutung nicht gerecht. Denn neben Elend und Deformation brachte er den Menschen einen einst unvorstellbaren Reichtum. Und wenn auch jede Relativierung des Wohlstands im Kapitalismus richtig ist, darf doch nicht übersehen werden, dass in vielen Ländern der Erde noch der armseligste Pauschaltourist aus einem kapitalistischen Land als immens reich empfunden wird. Und nicht nur der Lebensstandard, die Lebensdauer, die Lebensqualität haben sich im Kapitalismus eindrucksvoll gesteigert. Keine frühere oder alternative Wirtschaftsform war auch nur annähernd so innovativ. Bahn, Auto, Flugzeug, Energie aus der Steckdose, Zentralheizung, Fernsehen, Computer, Internet, aber auch Bildung und Gesundheit, sogar Religionsfreiheit nicht nur für die wenigen Herrschenden sind Früchte des Kapitalismus. Dass unser Wohlstand auf der brutalen Ausbeutung unserer Vorfahren und unzähliger Mitmenschen auf anderen Kontinenten beruht, ändert nichts an der Tatsache, dass auch die Ärmsten unter uns Profiteure des Kapitalismus, Nutznießer seiner Brosamen sind.

Nicht nur für den Kapitalismus, sondern für alle Gesellschaftsformen vor ihm gilt: Jeder, auch der bescheidene Reichtum beruht auf Diebstahl. Es gibt zwei Möglichkeiten, reich zu werden: Raub und Ausbeutung. Raubzüge, die sich zu Kriegen entwickelten, stehen am Anfang der Menschheitsgeschichte. Wer mehr Güter haben will, als er herstellen kann, muss sie anderen wegnehmen, stehlen. Jagen und Sammeln, später der Ackerbau, machten niemanden reich, deckten nicht einmal den eigenen Bedarf. Also überfielen die Stämme einander, raubten sich ihre Vorräte und, seit es sie gab, ihre Schätze, vor allem Schmuck und Edelmetalle. Begehrt waren auch Frauen, konnten sie doch geschwängert werden und durch Geburten die Größe und Macht des siegreichen Stammes mehren. Mit der Entwicklung eines höheren gesellschaftlichen Organisationsgrades wurde es nützlich, die Gegner nicht mehr zu töten, sondern zu versklaven. Damit standen Arbeitskräfte zur Verfügung, die man nicht erst jahrelang aufpäppeln musste und deren Arbeitsleistung fast nichts kostete. Am Anfang der Mehrwertschöpfung lange vor der berüchtigten europäisch-amerikanischen Sklavenhaltergesellschaft stand die Sklaverei.

Wie immer auch moderne Kriege begründet werden mögen, ist Raub ihr eigentlicher Zweck. Am brutalsten in der jüngeren Geschichte praktizierte dies Nazideutschland, das sich nicht nur zunächst die halbe Welt, sondern auch Millionen Zwangarbeiter, die nichts anderes waren als Sklaven, aneignen wollte. Rationalere Nationen begnügen sich in ihrer Kriegsführung darauf, den Nachweis zu liefern, dass sie und nur sie die Handelsbedingungen, das Maß der Ausbeutung diktieren dürfen.

Neben der gewalttätigen Aneignung von Besitz und Arbeitskraft entwickelte sich mit der Entstehung von Religionen frühzeitig eine scheinbar gewaltfreie Nutzung fremden Eigentums und fremder Arbeitskraft. Priester ließen sich von der Gemeinschaft versorgen. Gottesfürchtig spendeten die Gläubigen darüber hinaus ihren Göttern, deren irdische Kontaktleute die Opfergaben nicht zuletzt auch zum eigenen Wohl verwalteten. Vielen Religionsführern gelang es, riesige Reichtümer anzuhäufen, die seltener an Arme verteilt, als zur Förderung eigener Macht genutzt wurden.

Neben, zum Teil aus der Priesterkaste entstand die Kaste der weltlichen Herrscher, Räuber, Häuptlinge, Landbesitzer, Kaufleute, die Landstriche ihrer Gewalt unterwerfen und Abgaben der Bevölkerung erzwingen konnten. Solange Geld kaum eine Rolle spielte, bestanden diese Abgaben aus Naturalien und Dienstleistungen, wobei militärische Dienstleistungen die größte Bedeutung hatten. Sie kosteten nichts, da die Krieger ihr Auskommen im Plündern fanden, und boten die Chance, den Landbesitz, damals der bedeutendste Wert, zu vermehren. Zur Sicherung des Besitzes suchten die ehemaligen Räuberhauptleute das Bündnis mit den Religionsführern, die zwecks Erlangung von Privilegien und Pfründen gerne bereit waren, die Herrschaft eines erfolgversprechenden oder gar erfolgreichen Usurpators göttlich zu legitimieren. Edel wurden Herrschergeschlechter immer nur durch das Vergessen, Verdrängen ihrer Anfänge als Räuberbanden, wobei es verblüfft, wie schnell dieses Vergessen bis in die jüngste Vergangenheit funktioniert. Immer noch reichen drei, vier Generationen, um aus Piraten Fürsten-, aus Kameldieben Königsgeschlechter werden zu lassen.

Im Verlauf der Zivilisation kam zur religiösen die rechtliche Legitimation von Herrschaft hinzu. Sie ergänzte und ersetzte schließlich weitgehend die körperliche Gewaltanwendung durch ein System scheinbar natürlicher, aber immer „gottgewollter“ Rechtsbeziehungen. Während ein in die Sklaverei verschleppter Mensch sich der Gewalt bewusst ist, die ihm angetan wird, und daher aufwendig überwacht werden muss, hält der Untertan im Feudalismus seine Hörigkeit, seine sklavische Leibeigenschaft für schicksalhaft und unabdingbar. Aus Gewalt, die sich durchgesetzt hat, wird mit Hilfe der Medien, diesen einst geistlichen, heute meist geisttötenden Sprachrohren der Herrschenden, Ordnung.

Während bis zum Feudalismus Ländereien, Menschen, Tiere den Reichtum ausmachten, beruht der Kapitalismus auf dem Geld. Zwar gab es Geld schon sehr viel früher, doch war es Bestandteil der Warentauschgesellschaft gewesen. Es ermöglichte den Austausch von Waren, die nicht zur selben Zeit am selben Ort in entsprechender Menge vorhanden waren. Dieses Geld aus Edelmetall war keine Verrechnungseinheit, sondern selbst Ware in ihrer konzentriertesten, transportabelsten Form.

Händler und Geldverleiher merkten als erste, dass Geld zu mehr taugt als nur zur Ersatzware. Geld erst machte es möglich, zu unterschiedlichen Zeitpunkten billig ein- und teuer zu verkaufen, Überangebot und Mangel zu nutzen. Besaß jemand mehr Geld, als er für seine Handelsgeschäfte brauchte, konnte er es anderen borgen und bekam dafür mehr zurück, als er gegeben hatte. In solchen Kreditgeschäften liegen die weit zurückreichenden Wurzeln des Kapitalismus.

Aber erst, nachdem die alte Herrschaftsordnung in der Revolution der Neureichen, der bürgerlichen Revolution zerstört oder – wie in Deutschland – als Anachronismus selbst zerfallen war, konnte der Kapitalismus seine ungeheure Wirkungskraft entfalten. Wirtschaften war nun nicht mehr das Privileg adeliger Grundbesitzer und einiger Großhändler, sondern das ideale Betätigungsfeld des Bürgertums und schlauer Handwerker. Ihre langsame, doch stetige, ökonomisch bedingte Emanzipation verlieh ihnen wirtschaftliche und alsbald auch politische Autonomie. An Stelle des Grundbesitzes trat das Kapital als Vermögensquelle. Die Ware Geld wurde zum Kredit-Geld, an Stelle des Handels trat die Kapitalverwertung vor allem in Form der Investition. Diese neue Möglichkeit des Wirtschaftens beflügelte die (Profit-) Phantasie und erwies sich als äußerst produktiv. Investitionen in Industrieanlagen, Maschinen, Fahrzeuge waren gewiss riskanter als die Landwirtschaft, aber auch sehr viel gewinnbringender. Dabei traf es sich gut, dass der Zusammenbruch des Feudalismus, der trotz seiner Brutalität noch eine Fürsorgepflicht gekannt hatte, unzählige Arbeitskräfte freisetzte, die keinen Lehnherrn mehr fanden, dessen „Gnade“ ihnen ein Auskommen knapp am Existenzminimum gewährte. Auch als Handwerker waren sie nicht mehr konkurrenzfähig gegenüber der industriellen Produktion. So mussten sie das Letzte verkaufen, das sie noch besaßen, ihre Arbeitskraft. Sie gaben ihre Arbeitskraft genauso wenig freiwillig wie der Leibeigene oder der Sklave. Doch die Tatsache, dass sie ihre Arbeitskraft auf dem Markt  anboten, statt sie schicksalsbedingt auszuliefern, ließ sie sich als Subjekt empfinden. Der Arbeiter kann sich verweigern, und da Gefühle oft wichtiger sind als Fakten, spielte es keine Rolle, dass dem unwilligen Arbeiter das selbe geschah wie dem unwilligen Leibeigenen oder Sklaven: er verhungerte. Der Arbeiter dünkte sich frei und war doch nur vogelfrei.

So sehr sich die ökonomischen Rahmenbedingungen in der Menschheitsgeschichte verändert haben, blieb doch das Prinzip gleich: Wer Gewinn machen will, muss andere mit physischer oder psychischer Gewalt übervorteilen. Das galt vor Jahrtausenden und gilt noch heute. Allein die Methoden wurden subtiler und daher unauffälliger.

Die anfangs offensichtliche Ausbeutung im Kapitalismus wurde zwecks Gewährleistung von Ruhe und Ordnung allmählich durch Sozialgesetze und geringe Lohnerhöhungen gemildert, was der Prosperität sehr förderlich war. Immer mehr Verdiener, die immer ein wenig mehr Waren-Geld zur Verfügung hatten, steigerten die Nachfrage und veranlassten so Produktionsausweitungen, die immer mehr Kredit-Geld schufen. Der unvermeidliche Anstieg des Sozialniveaus brachte findige Unternehmer auf die Idee des modernen Kolonialismus. In unterentwickelten Ländern gab es noch genügend Menschen ohne Anspruchshaltung und gesellschaftliches Bewusstsein. Bei ihnen genügte die billige Peitsche, sie zur Arbeit zu motivieren. Fast kostenlos bauten sie ihre Rohstoffe ab, deren Angebot in den Industriestaaten die Rohstoffpreise sinken ließ, was viele Endprodukte noch erschwinglicher machte für die Massen und zu weiteren Produktionssteigerungen führte.

Einzig die sozialistische Alternative störte die kapitalistische Handlungsfreiheit. In den kapitalistischen Staaten bestand trotz aller Propaganda, mit der die Schwächen der sozialistischen Wirtschaft grotesk überzeichnet wurden, die Gefahr, dass sozialistische Errungenschaften den sozialen Unfrieden in den eigenen Ländern schüren könnten. Zweifellos wirkte sich der Konkurrenzkampf der Systeme im Westen lohntreibend aus und machte Arbeitslosigkeit nicht nur zu einem Etatproblem. Noch aber sorgte der Nachkriegsaufschwung für weitere profitable Produktionsauslastung. Zudem erlaubte das immer reichlichere Kapital die Automatisierung und dadurch eine gewaltige Senkung der Lohnstückkosten. Insgesamt konnten die Kosten der steigenden Löhne durch die höhere Nachfrage überkompensiert werden.

Nur in der Dritten Welt setzte die sozialistische Alternative dem „freien“ Unternehmertum Grenzen, solange deren Volkswirtschaften durch sozialistische Staaten subventioniert wurden. Mit dem vorläufigen Verschwinden des Sozialismus war freilich auch dieses Problem gelöst. Nun konnte der Kapitalismus schalten und walten nach Gutdünken und das Projekt Globalisierung starten.

Dessen Kernelement ist die weltweite Verlagerung von Produktionsstätten, also Arbeitsplätzen, zwecks Nutzung von Lohnunterschieden. War der militärisch erzwungene Kolonialismus, durchaus vergleichbar mit der feudalistischen Zwangsherrschaft im Mittelalter bei uns, ein schmutziges Unterfangen, täuscht die Globalisierung Freiwilligkeit vor. Auf dem Papier mag es tatsächlich so aussehen, als könnten auch indische oder brasilianische Unternehmen in den kapitalistischen Kernländern tätig werden, doch fehlt ihnen dafür noch das Kapital und noch jede Attraktivität des westlichen Lohnniveaus.

Letzteres wird sich schnell ändern. Denn die niedrigeren Lohnkosten an den ausgelagerten Produktionsstandorten bewirken ein Absinken der Löhne in den Stammländern des Kapitals. Die Drohung mit Arbeitslosigkeit macht die Menschen im Westen bescheiden. Gemessen an den üblichen Kosten des erreichten Lebensstandards haben seit Jahrzehnten nicht mehr so viele Menschen zu solch erbärmlichen Löhnen gearbeitet wie dies z. B. in Deutschland inzwischen der Fall ist. Längerfristig sind die arbeitenden Menschen in den spätkapitalistischen Staaten die Verlierer der Globalisierung, denn die unvermeidliche Angleichung der weltweiten Lohnniveaus geht zu ihren Kosten. Sie durch eine Verzichtsideologie darauf vorzubereiten ist das große Verdienst der Grünen.

Obwohl das Ausnutzen unterschiedlicher Lohnniveaus und die damit verbundene Schaffung neuer Märkte noch auf Jahrzehnte funktionieren wird, haben wir die zählebige Schlussphase der Jahrtausende alten Ausbeuterwirtschaft erreicht. Schon heute ist sehr viel mehr Kapital vorhanden, als im Kapitalismus produktiv investiert werden kann. Die Folge ist ein sich gewaltig aufblähender Kasinokapitalismus, in dem Wetteinsätze an die Stelle von Investitionen treten.

Diese Zockerei bewirkt Finanzkrisen ungeahnten Ausmaßes. Innerhalb weniger Monate können durch geschicktes Taktieren Hunderte Milliarden Dollar und Euro generiert werden, zum Teil als Buchgewinne, zum Teil als ausgeschüttete Profite. Wenige „schwarze“ Tage genügen, um die Buchgewinne in noch riesigere Verluste zu verwandeln, die auf Grund von Finanzgesetzen nicht mehr nur tagesaktuell in den Büchern bewertet, sondern tatsächlich realisiert werden müssen. Diese Verluste mitsamt den unwiederbringlich ausgeschütteten Profiten müssen zum größten Teil von den noch arbeitenden Menschen bezahlt werden über Steuern, Lohnverzicht und Inflation.

Allein aufgrund von Stimmungsschwankungen kann heute ein Weltkonzern innerhalb einer Stunde zig Milliarden an Wert verlieren, ohne dass eine einzige Produktionsstätte abgebrannt, ein einziges Produkt unverkäuflich geworden wäre. Diese Melange aus Gier und Nervosität führt, wie jeder Spieler weiß, in den Bankrott.

Noch kann ein Teil der sozialen Folgekosten des globalen Kasinokapitalismus auf den Staat, also auf die Steuerzahler umgewälzt werden. Noch können Notenbanken Geld fast nach Bedarf drucken lassen und als Beruhigungsmittel (mit gefährlichen Folgewirkungen) zur Verfügung stellen. Und noch können mittels Erzeugung profitabler Massenhysterien neue Produkte wie Windräder und Sonnenkollektoren gewinnbringend verkauft werden. Aber all dies ändert nichts an den zwei Grundübeln des Kapitalismus, seiner tendenziell fallenden Mehrwertrate und seiner Irrationalität. Er ist, anders als z. B. Max Weber uns weismachen wollte, kein rationales System, da er nicht von Vernunft, sondern von Profitgier gesteuert wird. Kapitalisten sind meist nicht in der Lage, über die Realisierung kurzfristiger Interessen hinauszudenken. Andernfalls würden sie nicht für den schnellen Profit anderswo ihre heimischen Absatzmärkte durch Lohndrückerei austrocknen lassen.

Für gewöhnlich retten Kriege den Kapitalismus, denn ihre Zerstörungen erlauben ein neues Spiel, das neues Glück bedeuten kann. Je totaler ein Krieg war, desto größer ist die durch Zerstörung hervorgerufene Nachfrage, die einen neuen wirtschaftlichen Aufschwung erzeugt. Ein solcher Kreislauf freilich sollte eines Tages als menschenunwürdig erkannt werden.

Gescheitert sind bislang alle Versuche, den Kapitalismus als höchstentwickelte Form der Ausbeutungswirtschaft durch faschistische oder faschistoide Herrschaftssysteme abzusichern, weil die nationalen Kapitalisten unterschiedliche Interessen hatten und die Existenz sozialistischer Staaten, deren Industrialisierung und Aufrüstung Stalin wohl nie verziehen werden wird, auch ideologischen Widerstand hervorrief. Nach erfolgter Globalisierung des Kapitalismus freilich sind in Krisenzeiten mit Gewissheit neue und erfolgversprechendere Versuche faschistischer Stabilisierung der Wirtschaftsverhältnisse zu erwarten. Profitgier schreckt vor keinem Verbrechen zurück.

Doch auch in Friedenszeiten ist der Kapitalismus trotz aller Reglementierung und scheinbaren Zivilisierung ein auf Raub und Ausbeutung beruhendes tierisches Phänomen. Wie in der Tierwelt nimmt sich auch im Kapitalismus der Stärkere, Schlauere mit Gewalt und/oder List, was er bekommen kann. Wenn Affenhorden unter Führung ihres Leittieres Kriege führen um Futterplätze, unterscheiden sich ihre Motive nicht von denen menschlicher Krieger. Der Umstand, dass Menschen Dank ihrer Intelligenz über Waffen sehr viel größerer Effizienz verfügen und in der Lage sind, ihr Handeln zu rationalisieren und ideologisch zu begründen, ändert nichts an der prinzipiellen Gleichheit tierischer wie menschlicher Gewaltausübung. Die Komplexität menschlichen Handelns täuscht nur über seine tierischen Strukturen hinweg. Durch Modifizierung, darin liegt der große Irrtum der Sozialdemokratie, lässt sich das Recht des Stärkeren zwar verschleiern, aber nicht außer Kraft setzen. Ob der Oberaffe seinen zur Gefolgschaft gezwungenen Mitaffen die Banane wegnimmt oder der Besitzer einer Bananenplantage, eines Groß- oder Einzelhandels von jeder verkauften Banane einen über seine Kosten hinausgehenden Anteil für sich behält, kommt im Endeffekt auf das Selbe hinaus.

Die Alternative zum animalischen System Kapitalismus wäre eine intelligente, also humane Wirtschaftsordnung. Der bislang wirksamste, weil wissenschaftlich durchdachteste Versuch, höher entwickelte, humanere Formen des Wirtschaftens zu realisieren, war der Sozialismus. Er scheiterte ökonomisch an der Trägheit, Faulheit von Menschen, die nicht mehr hungern, aber noch nicht über genügend Wissen und Selbstbewusstsein verfügen. Sich selbstlos für eine Sache abzurackern ist das Bedürfnis weniger. Und sogar sie handeln meist nicht selbstlos, sondern nach den Tierweltgesetzen der Konkurrenz. Es ist wohl unserem genetischen Überlebensdrang geschuldet, dass die meisten von uns auch in Zeiten des relativ gesicherten  Wohlstands nur in den Kriterien der Konkurrenz denken können. Der Sozialismus scheiterte letztlich an seinem idealistischen Menschenbild. Marx und Konsorten ahnten nicht einmal, dass Bananen jemals wichtiger sein könnten als Würde und Emanzipation. Intellektuelle neigen leicht dazu, ihre oft beeindruckende Arbeitsleistung dem Vergnügen am Denken, der Lust auf Erkenntnis zuzuschreiben und ähnliche Anstrengungen von den vom Kapitalismus befreiten  Proletariern zu erwarten. Der Irrtum ist doppelt bitter, denn schon die Annahme selbstloser Leistungsbereitschaft bei den Vordenkern ist falsch. Intellektuelle sind einander die größten Konkurrenten. Was sie angeblich aus eigenem Antrieb zum Wohle ihrer Mitmenschen leisten, entspringt häufig nur ihrem Hecheln nach Anerkennung. Entsprechend schnell verblöden Intellektuelle, wenn sie erst einmal eine feste, sichere und einflussreiche Anstellung gefunden haben.

Wenn Intellektuelle schließlich erkennen müssen, dass sie ihre wohlmeinenden Überlegungen auf irrtümlichen Voraussetzungen aufgebaut haben, greifen sie im Namen des Fortschritts zur Gewalt. Enttäuscht über das Volk schaffen sie eine Erziehungsdiktatur mit Leistungskontrolle und Arbeitszwang. Mögen ihre Analysen noch so richtig, ihre Absichten noch so menschenfreundlich sein, müssen sie doch noch immer am Zwangscharakter ihrer Vormundschaft über das Volk scheitern.

Auch alle Versuche, im lokalen Rahmen nicht-kapitalistische Lebensformen innerhalb des Kapitalismus zu praktizierten scheiterten spätestens mit dem Tod ihrer charismatischen Initiatoren. Überlegungen, zunächst durch partielle Eingriffe in das Wirtschaftssystem die Überwindung des Kapitalismus zu beschleunigen, sind illusionär. Die Abschaffung des Erbes z. B. mag durchaus vernünftig begründbar sein. Doch selbst wenn es gelänge, die Bürger eines Staates davon zu überzeugen, würde die Verstaatlichung aller Erbschaften jede Volkswirtschaft ruinieren. Unternehmen, bei denen Beamte oder Funktionäre das Sagen haben, erweisen sich immer als Geldverbrennungsanlagen, sind ineffektiv und auf Dauer nicht überlebensfähig. Auch wäre es illusionistisch anzunehmen, eine Abschaffung des Erbens ließe sich global auf einen Schlag verwirklichen. Da das Kapital bekanntlich ein scheues Reh ist, würde es beim ersten Anzeichen entsprechender Planungen in erbschaftssicherere Gegenden fliehen. Einzig in den höchstentwickelten kapitalistischen Staaten und ansatzweise in den strenggläubigen Ländern Asiens gibt es interessante Sonderentwicklungen. Dort werden zunehmend riesige Vermögen nicht mehr an Familienangehörige vererbt, sondern in Stiftungen zum kulturellen, medizinischen und sozialen Wohl der Menschen eingebracht. Auch wenn dabei ein mentales Konkurrenzdenken erkennbar ist und die Vergabe der Gelder nach Gutsherrenart erfolgt, ist das Verfahren durchaus sympathisch. Wirtschaftsgeschichtlich freilich bleibt es bedeutungslos.

Eine Abschaffung des Zinses würde ebenso wenig funktionieren. Auch wenn es durchaus vorstellbar ist, dass allein Finanzbehörden Darlehen bis zu einem festzulegendem Vielfachen des versteuerten Einkommens/Umsatzes  der Antragssteller zinsfrei vergeben müssen und die einzige Sicherheit darin besteht, dass bis zur vollständigen Rückzahlung jede weitere Kreditvergabe ausgeschlossen, jeder private Geldverleih strafbar ist, wäre ein solches Verfahren wiederum nur global oder in total abgeschotteten Ländern praktizierbar und somit unmöglich.

Solange das Konkurrenzdenken, sei es primitiv oder ideologisch überhöht, die Grundlage des Wirtschaftens ist, gibt es zum Kapitalismus keine wünschenswerte Alternative. Doch ist dies kein Grund zur Resignation, denn die Entwicklung des Menschen vom Affen zum Intellektuellen hat gerade erst begonnen. Der sich bescheunigende Rationalitätsschub in der naturgeschichtlichen Winzigkeit von 5000 Jahren berechtigt zur Annahme, dass in den nächsten Jahrtausenden weitere mentale und wohl auch genetische Veränderungen stattfinden werden, bis die Vorteile der Solidarität nicht mehr erlernt werden müssen, sondern empfunden werden. Der durch die kapitalistische Raub- und Ausbeutergesellschaft geschaffene, vor kurzem noch unvorstellbare Wohlstand wird deren Grundlage, das Konkurrenzdenken, überwinden, weil überflüssig machen. Denn genügender und gesicherter Wohlstand befreit das Menschentier von (Existenz-)Angst und fördert so seine Emanzipation. Der Kampf um soziale Gerechtigkeit muss und wird dem Kapitalismus letztlich den Garaus machen und nicht eine Revolution, auch wenn ich es als ungeduldiger Sozialist mir anders wünschte.


© 2008 Karl Pawek
pawek@web.de

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