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| a | . | Kapitalismus in den Zeiten der Globalisierung | |||||
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Seit
dem vorläufigen
Verschwinden des Sozialismus wird gern vergessen, dass es den
Kapitalismus
immer noch gibt. Zwar beherrschen Wirtschaftsthemen die Medien:
Finanzkrise,
Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Standortschließungen, Schuldenfalle,
Benzinpreise
verdrängen häufig sogar sex and crime von der Titelseite der
BILD-Zeitung.
Streiks erregen die Gemüter, und die Mehrheit der Menschen im
reichen
Deutschland leidet unter Geldknappheit. Doch dass dies alles und noch
viel mehr
mit unserer Wirtschaftsordnung, dem Kapitalismus zusammenhängt,
sollen und
wollen die Menschen nicht wahrhaben. Die meisten geben offen zu, dass
sie
wirtschaftliche Zusammenhänge, die Ökonomie nicht verstehen.
Und jene, die als
Wirtschaftswissenschaftler ihr Geld verdienen, bekunden spätestens
mit der
Irrelevanz ihrer Prognosen, mit den fatalen Folgen ihrer
Vorschläge und
wirtschaftspolitischen Entscheidungen, dass sie kaum mehr Ahnung haben
als das
gemeine Volk. Um nicht der Lächerlichkeit anheim zu fallen schufen
sie sich
eine geheimnisvolle Sprache, mit der sie winzige Detailfragen auf
höchstem
intellektuellen Niveau verkomplizieren können. Dies erlaubt, jede
Einsicht
ihrer Zuhörer in Zusammenhänge zu verhindern und allen
Nichteingeweihten das
Gefühl zu geben, von Wirtschaftswissenschaft nichts zu verstehen.
Was bei uns
als Ökonomie gelehrt wird, dient zum größten Teil der
Verschleierung der
Verhältnisse, will und darf sie nicht erklären, sondern soll
tabuisieren, vor
allem den Kapitalismus. Reicht
dies nicht aus, um
Missmut in der Bevölkerung, gar die aufkeimende Ahnung einer
sozial ungerechten
Wirtschaftsordnung zu ersticken, werden Sündenböcke kreiert.
Noch dürfen es
nicht schon wieder die Juden sein, also müssen andere herhalten,
z. Zt.
geldgierige Manager und Steuerhinterzieher. Ganz abgesehen davon, dass
fast
jeder Mensch nimmt, so viel er bekommt, und so wenig Steuern zahlt, wie
nur
möglich, sind die medial gepuschten Hinweise auf die
überzogene Geldgier
Einzelner vor allem der Versuch, die böse Fratze des Kapitalismus
hinter der
Fassade scheinheiliger Empörung zu verbergen. Denn
es kann gar keinen
gerechten, humanen, sozialen Kapitalismus geben. Sein Nährstoff
ist der
Mehrwert oder umgangssprachlich der Betrug. Das Prinzip des
Kapitalismus
besteht darin, für jede Investition mehr zu erlösen, als sie
gekostet hat. Die
Differenz zwischen Investitions-, Material-, Arbeits- sowie
Vertriebskosten und
dem vom Käufer zu zahlenden Preis ist der Profit. Er setzt sich
zusammen aus
dem gerechten Lohn des Kapitalisten für seine unternehmerischen
Bemühungen und
einem nicht zu gerechtfertigenden Überschuss. Da er vom
Kapitalisten nur zu
einem Teil konsumiert werden kann, steht er als neues,
zusätzliches Kapital zur
Verfügung. Dem gemeinen Volk mit seinen schäbig verzinsten
Sparbüchern und
vielleicht noch weniger einträglichen Fondsanteilen wird die
wundersame
Geldvermehrung bei den Reichen gerne damit erklärt, dass sie ihr
Geld
„arbeiten“ lassen. Nun weiß zwar jeder, dass Geld nicht arbeitet,
sondern auf
Dauer nur immer weniger wert wird, also eine schrumpfende
Verrechnungseinheit
ist. Arbeiten können nur Menschen und Maschinen. Aber so genau
will es auch der
Bausparer gar nicht wissen. Dabei
lohnt es sich durchaus
der Frage nachzugehen, was Kapitalismus ist, wodurch er sich von
früheren
Wirtschaftsformen unterscheidet, was er bewirkt und wohin er
führen wird. Wer
das Nomen für ein Omen
hält, liegt mit seiner Erklärung gar nicht so falsch:
Für die Römer war
„capital“ ein Verbrechen, welches den Kopf kostete. Diese Wortbedeutung
hat
sich bis heute im Begriff „Kapitalverbrechen“ erhalten. Obwohl der
Kapitalismus
tatsächlich eine verbrecherische Wirtschaftsordnung ist, wird
diese
Begriffsableitung seiner Bedeutung nicht gerecht. Denn neben Elend und
Deformation brachte er den Menschen einen einst unvorstellbaren
Reichtum. Und
wenn auch jede Relativierung des Wohlstands im Kapitalismus richtig
ist, darf
doch nicht übersehen werden, dass in vielen Ländern der Erde
noch der
armseligste Pauschaltourist aus einem kapitalistischen Land als immens
reich
empfunden wird. Und nicht nur der Lebensstandard, die Lebensdauer, die
Lebensqualität haben sich im Kapitalismus eindrucksvoll
gesteigert. Keine
frühere oder alternative Wirtschaftsform war auch nur
annähernd so innovativ.
Bahn, Auto, Flugzeug, Energie aus der Steckdose, Zentralheizung,
Fernsehen,
Computer, Internet, aber auch Bildung und Gesundheit, sogar
Religionsfreiheit
nicht nur für die wenigen Herrschenden sind Früchte des
Kapitalismus. Dass
unser Wohlstand auf der brutalen Ausbeutung unserer Vorfahren und
unzähliger
Mitmenschen auf anderen Kontinenten beruht, ändert nichts an der
Tatsache, dass
auch die Ärmsten unter uns Profiteure des Kapitalismus,
Nutznießer seiner
Brosamen sind. Nicht
nur für den
Kapitalismus, sondern für alle Gesellschaftsformen vor ihm gilt:
Jeder, auch
der bescheidene Reichtum beruht auf Diebstahl. Es gibt zwei
Möglichkeiten,
reich zu werden: Raub und Ausbeutung. Raubzüge, die sich zu
Kriegen
entwickelten, stehen am Anfang der Menschheitsgeschichte. Wer mehr
Güter haben
will, als er herstellen kann, muss sie anderen wegnehmen, stehlen.
Jagen und
Sammeln, später der Ackerbau, machten niemanden reich, deckten
nicht einmal den
eigenen Bedarf. Also überfielen die Stämme einander, raubten
sich ihre Vorräte
und, seit es sie gab, ihre Schätze, vor allem Schmuck und
Edelmetalle. Begehrt
waren auch Frauen, konnten sie doch geschwängert werden und durch
Geburten die
Größe und Macht des siegreichen Stammes mehren. Mit der
Entwicklung eines
höheren gesellschaftlichen Organisationsgrades wurde es
nützlich, die Gegner
nicht mehr zu töten, sondern zu versklaven. Damit standen
Arbeitskräfte zur
Verfügung, die man nicht erst jahrelang aufpäppeln musste und
deren
Arbeitsleistung fast nichts kostete. Am Anfang der
Mehrwertschöpfung lange vor
der berüchtigten europäisch-amerikanischen
Sklavenhaltergesellschaft stand die
Sklaverei. Wie
immer auch moderne
Kriege begründet werden mögen, ist Raub ihr eigentlicher
Zweck. Am brutalsten
in der jüngeren Geschichte praktizierte dies Nazideutschland, das
sich nicht
nur zunächst die halbe Welt, sondern auch Millionen Zwangarbeiter,
die nichts
anderes waren als Sklaven, aneignen wollte. Rationalere Nationen
begnügen sich
in ihrer Kriegsführung darauf, den Nachweis zu liefern, dass sie
und nur sie
die Handelsbedingungen, das Maß der Ausbeutung diktieren
dürfen. Neben
der gewalttätigen
Aneignung von Besitz und Arbeitskraft entwickelte sich mit der
Entstehung von
Religionen frühzeitig eine scheinbar gewaltfreie Nutzung fremden
Eigentums und
fremder Arbeitskraft. Priester ließen sich von der Gemeinschaft
versorgen.
Gottesfürchtig spendeten die Gläubigen darüber hinaus
ihren Göttern, deren
irdische Kontaktleute die Opfergaben nicht zuletzt auch zum eigenen
Wohl
verwalteten. Vielen Religionsführern gelang es, riesige
Reichtümer anzuhäufen,
die seltener an Arme verteilt, als zur Förderung eigener Macht
genutzt wurden. Neben,
zum Teil aus der
Priesterkaste entstand die Kaste der weltlichen Herrscher, Räuber,
Häuptlinge,
Landbesitzer, Kaufleute, die Landstriche ihrer Gewalt unterwerfen und
Abgaben
der Bevölkerung erzwingen konnten. Solange Geld kaum eine Rolle
spielte,
bestanden diese Abgaben aus Naturalien und Dienstleistungen, wobei
militärische
Dienstleistungen die größte Bedeutung hatten. Sie kosteten
nichts, da die
Krieger ihr Auskommen im Plündern fanden, und boten die Chance,
den Landbesitz,
damals der bedeutendste Wert, zu vermehren. Zur Sicherung des Besitzes
suchten
die ehemaligen Räuberhauptleute das Bündnis mit den
Religionsführern, die
zwecks Erlangung von Privilegien und Pfründen gerne bereit waren,
die
Herrschaft eines erfolgversprechenden oder gar erfolgreichen Usurpators
göttlich zu legitimieren. Edel wurden Herrschergeschlechter immer
nur durch das
Vergessen, Verdrängen ihrer Anfänge als Räuberbanden,
wobei es verblüfft, wie
schnell dieses Vergessen bis in die jüngste Vergangenheit
funktioniert. Immer
noch reichen drei, vier Generationen, um aus Piraten Fürsten-, aus
Kameldieben
Königsgeschlechter werden zu lassen. Im
Verlauf der Zivilisation
kam zur religiösen die rechtliche Legitimation von Herrschaft
hinzu. Sie
ergänzte und ersetzte schließlich weitgehend die
körperliche Gewaltanwendung
durch ein System scheinbar natürlicher, aber immer „gottgewollter“
Rechtsbeziehungen. Während ein in die Sklaverei verschleppter
Mensch sich der
Gewalt bewusst ist, die ihm angetan wird, und daher aufwendig
überwacht werden
muss, hält der Untertan im Feudalismus seine Hörigkeit, seine
sklavische
Leibeigenschaft für schicksalhaft und unabdingbar. Aus Gewalt, die
sich
durchgesetzt hat, wird mit Hilfe der Medien, diesen einst geistlichen,
heute
meist geisttötenden Sprachrohren der Herrschenden, Ordnung. Während
bis zum Feudalismus
Ländereien, Menschen, Tiere den Reichtum ausmachten, beruht der
Kapitalismus
auf dem Geld. Zwar gab es Geld schon sehr viel früher, doch war es
Bestandteil
der Warentauschgesellschaft gewesen. Es ermöglichte den Austausch
von Waren,
die nicht zur selben Zeit am selben Ort in entsprechender Menge
vorhanden
waren. Dieses Geld aus Edelmetall war keine Verrechnungseinheit,
sondern selbst
Ware in ihrer konzentriertesten, transportabelsten Form. Händler
und Geldverleiher
merkten als erste, dass Geld zu mehr taugt als nur zur Ersatzware. Geld
erst
machte es möglich, zu unterschiedlichen Zeitpunkten billig ein-
und teuer zu
verkaufen, Überangebot und Mangel zu nutzen. Besaß jemand
mehr Geld, als er für
seine Handelsgeschäfte brauchte, konnte er es anderen borgen und
bekam dafür
mehr zurück, als er gegeben hatte. In solchen
Kreditgeschäften liegen die weit
zurückreichenden Wurzeln des Kapitalismus. Aber
erst, nachdem die alte
Herrschaftsordnung in der Revolution der Neureichen, der
bürgerlichen
Revolution zerstört oder – wie in Deutschland – als Anachronismus
selbst
zerfallen war, konnte der Kapitalismus seine ungeheure Wirkungskraft
entfalten.
Wirtschaften war nun nicht mehr das Privileg adeliger Grundbesitzer und
einiger
Großhändler, sondern das ideale Betätigungsfeld des
Bürgertums und schlauer
Handwerker. Ihre langsame, doch stetige, ökonomisch bedingte
Emanzipation
verlieh ihnen wirtschaftliche und alsbald auch politische Autonomie. An
Stelle
des Grundbesitzes trat das Kapital als Vermögensquelle. Die Ware
Geld wurde zum
Kredit-Geld, an Stelle des Handels trat die Kapitalverwertung vor allem
in Form
der Investition. Diese neue Möglichkeit des Wirtschaftens
beflügelte die
(Profit-) Phantasie und erwies sich als äußerst produktiv.
Investitionen in
Industrieanlagen, Maschinen, Fahrzeuge waren gewiss riskanter als die
Landwirtschaft, aber auch sehr viel gewinnbringender. Dabei traf es
sich gut,
dass der Zusammenbruch des Feudalismus, der trotz seiner
Brutalität noch eine
Fürsorgepflicht gekannt hatte, unzählige Arbeitskräfte
freisetzte, die keinen
Lehnherrn mehr fanden, dessen „Gnade“ ihnen ein Auskommen knapp am
Existenzminimum gewährte. Auch als Handwerker waren sie nicht mehr
konkurrenzfähig gegenüber der industriellen Produktion. So
mussten sie das
Letzte verkaufen, das sie noch besaßen, ihre Arbeitskraft. Sie
gaben ihre
Arbeitskraft genauso wenig freiwillig wie der Leibeigene oder der
Sklave. Doch
die Tatsache, dass sie ihre Arbeitskraft auf dem Markt
anboten, statt sie schicksalsbedingt
auszuliefern, ließ sie sich als Subjekt empfinden. Der Arbeiter
kann sich
verweigern, und da Gefühle oft wichtiger sind als Fakten, spielte
es keine
Rolle, dass dem unwilligen Arbeiter das selbe geschah wie dem
unwilligen
Leibeigenen oder Sklaven: er verhungerte. Der Arbeiter dünkte sich
frei und war
doch nur vogelfrei. So
sehr sich die
ökonomischen Rahmenbedingungen in der Menschheitsgeschichte
verändert haben,
blieb doch das Prinzip gleich: Wer Gewinn machen will, muss andere mit
physischer oder psychischer Gewalt übervorteilen. Das galt vor
Jahrtausenden
und gilt noch heute. Allein die Methoden wurden subtiler und daher
unauffälliger. Die
anfangs offensichtliche
Ausbeutung im Kapitalismus wurde zwecks Gewährleistung von Ruhe
und Ordnung
allmählich durch Sozialgesetze und geringe Lohnerhöhungen
gemildert, was der
Prosperität sehr förderlich war. Immer mehr Verdiener, die
immer ein wenig mehr
Waren-Geld zur Verfügung hatten, steigerten die Nachfrage und
veranlassten so
Produktionsausweitungen, die immer mehr Kredit-Geld schufen. Der
unvermeidliche
Anstieg des Sozialniveaus brachte findige Unternehmer auf die Idee des
modernen
Kolonialismus. In unterentwickelten Ländern gab es noch
genügend Menschen ohne
Anspruchshaltung und gesellschaftliches Bewusstsein. Bei ihnen
genügte die
billige Peitsche, sie zur Arbeit zu motivieren. Fast kostenlos bauten
sie ihre
Rohstoffe ab, deren Angebot in den Industriestaaten die Rohstoffpreise
sinken
ließ, was viele Endprodukte noch erschwinglicher machte für
die Massen und zu
weiteren Produktionssteigerungen führte. Einzig
die sozialistische
Alternative störte die kapitalistische Handlungsfreiheit. In den
kapitalistischen Staaten bestand trotz aller Propaganda, mit der die
Schwächen
der sozialistischen Wirtschaft grotesk überzeichnet wurden, die
Gefahr, dass
sozialistische Errungenschaften den sozialen Unfrieden in den eigenen
Ländern
schüren könnten. Zweifellos wirkte sich der Konkurrenzkampf
der Systeme im
Westen lohntreibend aus und machte Arbeitslosigkeit nicht nur zu einem
Etatproblem. Noch aber sorgte der Nachkriegsaufschwung für weitere
profitable
Produktionsauslastung. Zudem erlaubte das immer reichlichere Kapital
die
Automatisierung und dadurch eine gewaltige Senkung der
Lohnstückkosten.
Insgesamt konnten die Kosten der steigenden Löhne durch die
höhere Nachfrage
überkompensiert werden. Nur
in der Dritten Welt
setzte die sozialistische Alternative dem „freien“ Unternehmertum
Grenzen,
solange deren Volkswirtschaften durch sozialistische Staaten
subventioniert
wurden. Mit dem vorläufigen Verschwinden des Sozialismus war
freilich auch
dieses Problem gelöst. Nun konnte der Kapitalismus schalten und
walten nach
Gutdünken und das Projekt Globalisierung starten. Dessen
Kernelement ist die
weltweite Verlagerung von Produktionsstätten, also
Arbeitsplätzen, zwecks
Nutzung von Lohnunterschieden. War der militärisch erzwungene
Kolonialismus,
durchaus vergleichbar mit der feudalistischen Zwangsherrschaft im
Mittelalter
bei uns, ein schmutziges Unterfangen, täuscht die Globalisierung
Freiwilligkeit
vor. Auf dem Papier mag es tatsächlich so aussehen, als
könnten auch indische
oder brasilianische Unternehmen in den kapitalistischen
Kernländern tätig
werden, doch fehlt ihnen dafür noch das Kapital und noch jede
Attraktivität des
westlichen Lohnniveaus. Letzteres
wird sich schnell
ändern. Denn die niedrigeren Lohnkosten an den ausgelagerten
Produktionsstandorten bewirken ein Absinken der Löhne in den
Stammländern des
Kapitals. Die Drohung mit Arbeitslosigkeit macht die Menschen im Westen
bescheiden. Gemessen an den üblichen Kosten des erreichten
Lebensstandards
haben seit Jahrzehnten nicht mehr so viele Menschen zu solch
erbärmlichen Löhnen
gearbeitet wie dies z. B. in Deutschland inzwischen der Fall ist.
Längerfristig
sind die arbeitenden Menschen in den spätkapitalistischen Staaten
die Verlierer
der Globalisierung, denn die unvermeidliche Angleichung der weltweiten
Lohnniveaus geht zu ihren Kosten. Sie durch eine Verzichtsideologie
darauf
vorzubereiten ist das große Verdienst der Grünen. Obwohl
das Ausnutzen
unterschiedlicher Lohnniveaus und die damit verbundene Schaffung neuer
Märkte
noch auf Jahrzehnte funktionieren wird, haben wir die zählebige
Schlussphase
der Jahrtausende alten Ausbeuterwirtschaft erreicht. Schon heute ist
sehr viel
mehr Kapital vorhanden, als im Kapitalismus produktiv investiert werden
kann.
Die Folge ist ein sich gewaltig aufblähender Kasinokapitalismus,
in dem Wetteinsätze
an die Stelle von Investitionen treten. Diese
Zockerei bewirkt
Finanzkrisen ungeahnten Ausmaßes. Innerhalb weniger Monate
können durch
geschicktes Taktieren Hunderte Milliarden Dollar und Euro generiert
werden, zum
Teil als Buchgewinne, zum Teil als ausgeschüttete Profite. Wenige
„schwarze“
Tage genügen, um die Buchgewinne in noch riesigere Verluste zu
verwandeln, die
auf Grund von Finanzgesetzen nicht mehr nur tagesaktuell in den
Büchern
bewertet, sondern tatsächlich realisiert werden müssen. Diese
Verluste mitsamt
den unwiederbringlich ausgeschütteten Profiten müssen zum
größten Teil von den
noch arbeitenden Menschen bezahlt werden über Steuern,
Lohnverzicht und
Inflation. Allein
aufgrund von
Stimmungsschwankungen kann heute ein Weltkonzern innerhalb einer Stunde
zig
Milliarden an Wert verlieren, ohne dass eine einzige
Produktionsstätte
abgebrannt, ein einziges Produkt unverkäuflich geworden wäre.
Diese Melange aus
Gier und Nervosität führt, wie jeder Spieler weiß, in
den Bankrott. Noch
kann ein Teil der
sozialen Folgekosten des globalen Kasinokapitalismus auf den Staat,
also auf
die Steuerzahler umgewälzt werden. Noch können Notenbanken
Geld fast nach
Bedarf drucken lassen und als Beruhigungsmittel (mit gefährlichen
Folgewirkungen) zur Verfügung stellen. Und noch können
mittels Erzeugung
profitabler Massenhysterien neue Produkte wie Windräder und
Sonnenkollektoren
gewinnbringend verkauft werden. Aber all dies ändert nichts an den
zwei
Grundübeln des Kapitalismus, seiner tendenziell fallenden
Mehrwertrate und
seiner Irrationalität. Er ist, anders als z. B. Max Weber uns
weismachen
wollte, kein rationales System, da er nicht von Vernunft, sondern von
Profitgier gesteuert wird. Kapitalisten sind meist nicht in der Lage,
über die
Realisierung kurzfristiger Interessen hinauszudenken. Andernfalls
würden sie
nicht für den schnellen Profit anderswo ihre heimischen
Absatzmärkte durch
Lohndrückerei austrocknen lassen. Für
gewöhnlich retten Kriege
den Kapitalismus, denn ihre Zerstörungen erlauben ein neues Spiel,
das neues
Glück bedeuten kann. Je totaler ein Krieg war, desto
größer ist die durch
Zerstörung hervorgerufene Nachfrage, die einen neuen
wirtschaftlichen
Aufschwung erzeugt. Ein solcher Kreislauf freilich sollte eines Tages
als
menschenunwürdig erkannt werden. Gescheitert
sind bislang
alle Versuche, den Kapitalismus als höchstentwickelte Form der
Ausbeutungswirtschaft durch faschistische oder faschistoide
Herrschaftssysteme
abzusichern, weil die nationalen Kapitalisten unterschiedliche
Interessen
hatten und die Existenz sozialistischer Staaten, deren
Industrialisierung und
Aufrüstung Stalin wohl nie verziehen werden wird, auch
ideologischen Widerstand
hervorrief. Nach erfolgter Globalisierung des Kapitalismus freilich
sind in
Krisenzeiten mit Gewissheit neue und erfolgversprechendere Versuche
faschistischer Stabilisierung der Wirtschaftsverhältnisse zu
erwarten.
Profitgier schreckt vor keinem Verbrechen zurück. Doch
auch in Friedenszeiten
ist der Kapitalismus trotz aller Reglementierung und scheinbaren
Zivilisierung
ein auf Raub und Ausbeutung beruhendes tierisches Phänomen. Wie in
der Tierwelt
nimmt sich auch im Kapitalismus der Stärkere, Schlauere mit Gewalt
und/oder
List, was er bekommen kann. Wenn Affenhorden unter Führung ihres
Leittieres
Kriege führen um Futterplätze, unterscheiden sich ihre Motive
nicht von denen
menschlicher Krieger. Der Umstand, dass Menschen Dank ihrer Intelligenz
über
Waffen sehr viel größerer Effizienz verfügen und in der
Lage sind, ihr Handeln
zu rationalisieren und ideologisch zu begründen, ändert
nichts an der
prinzipiellen Gleichheit tierischer wie menschlicher
Gewaltausübung. Die
Komplexität menschlichen Handelns täuscht nur über seine
tierischen Strukturen
hinweg. Durch Modifizierung, darin liegt der große Irrtum der
Sozialdemokratie,
lässt sich das Recht des Stärkeren zwar verschleiern, aber
nicht außer Kraft
setzen. Ob der Oberaffe seinen zur Gefolgschaft gezwungenen Mitaffen
die Banane
wegnimmt oder der Besitzer einer Bananenplantage, eines Groß-
oder
Einzelhandels von jeder verkauften Banane einen über seine Kosten
hinausgehenden Anteil für sich behält, kommt im Endeffekt auf
das Selbe hinaus. Die
Alternative zum
animalischen System Kapitalismus wäre eine intelligente, also
humane
Wirtschaftsordnung. Der bislang wirksamste, weil wissenschaftlich
durchdachteste Versuch, höher entwickelte, humanere Formen des
Wirtschaftens zu
realisieren, war der Sozialismus. Er scheiterte ökonomisch an der
Trägheit,
Faulheit von Menschen, die nicht mehr hungern, aber noch nicht
über genügend
Wissen und Selbstbewusstsein verfügen. Sich selbstlos für
eine Sache
abzurackern ist das Bedürfnis weniger. Und sogar sie handeln meist
nicht
selbstlos, sondern nach den Tierweltgesetzen der Konkurrenz. Es ist
wohl
unserem genetischen Überlebensdrang geschuldet, dass die meisten
von uns auch
in Zeiten des relativ gesicherten Wohlstands
nur in den Kriterien der Konkurrenz denken
können. Der
Sozialismus scheiterte letztlich an seinem idealistischen Menschenbild.
Marx
und Konsorten ahnten nicht einmal, dass Bananen jemals wichtiger sein
könnten
als Würde und Emanzipation. Intellektuelle neigen leicht dazu,
ihre oft
beeindruckende Arbeitsleistung dem Vergnügen am Denken, der Lust
auf Erkenntnis
zuzuschreiben und ähnliche Anstrengungen von den vom Kapitalismus
befreiten Proletariern zu erwarten. Der
Irrtum ist doppelt bitter, denn schon die Annahme selbstloser
Leistungsbereitschaft bei den Vordenkern ist falsch. Intellektuelle
sind
einander die größten Konkurrenten. Was sie angeblich aus
eigenem Antrieb zum Wohle
ihrer Mitmenschen leisten, entspringt häufig nur ihrem Hecheln
nach
Anerkennung. Entsprechend schnell verblöden Intellektuelle, wenn
sie erst
einmal eine feste, sichere und einflussreiche Anstellung gefunden haben. Wenn
Intellektuelle
schließlich erkennen müssen, dass sie ihre wohlmeinenden
Überlegungen auf
irrtümlichen Voraussetzungen aufgebaut haben, greifen sie im Namen
des
Fortschritts zur Gewalt. Enttäuscht über das Volk schaffen
sie eine
Erziehungsdiktatur mit Leistungskontrolle und Arbeitszwang. Mögen
ihre Analysen
noch so richtig, ihre Absichten noch so menschenfreundlich sein,
müssen sie
doch noch immer am Zwangscharakter ihrer Vormundschaft über das
Volk scheitern. Auch
alle Versuche, im
lokalen Rahmen nicht-kapitalistische Lebensformen innerhalb des
Kapitalismus zu
praktizierten scheiterten spätestens mit dem Tod ihrer
charismatischen
Initiatoren. Überlegungen, zunächst durch partielle Eingriffe
in das
Wirtschaftssystem die Überwindung des Kapitalismus zu
beschleunigen, sind
illusionär. Die Abschaffung des Erbes z. B. mag durchaus
vernünftig begründbar
sein. Doch selbst wenn es gelänge, die Bürger eines Staates
davon zu
überzeugen, würde die Verstaatlichung aller Erbschaften jede
Volkswirtschaft
ruinieren. Unternehmen, bei denen Beamte oder Funktionäre das
Sagen haben,
erweisen sich immer als Geldverbrennungsanlagen, sind ineffektiv und
auf Dauer
nicht überlebensfähig. Auch wäre es illusionistisch
anzunehmen, eine
Abschaffung des Erbens ließe sich global auf einen Schlag
verwirklichen. Da das
Kapital bekanntlich ein scheues Reh ist, würde es beim ersten
Anzeichen
entsprechender Planungen in erbschaftssicherere Gegenden fliehen.
Einzig in den
höchstentwickelten kapitalistischen Staaten und ansatzweise in den
strenggläubigen Ländern Asiens gibt es interessante
Sonderentwicklungen. Dort
werden zunehmend riesige Vermögen nicht mehr an
Familienangehörige vererbt,
sondern in Stiftungen zum kulturellen, medizinischen und sozialen Wohl
der
Menschen eingebracht. Auch wenn dabei ein mentales Konkurrenzdenken
erkennbar
ist und die Vergabe der Gelder nach Gutsherrenart erfolgt, ist das
Verfahren
durchaus sympathisch. Wirtschaftsgeschichtlich freilich bleibt es
bedeutungslos. Eine
Abschaffung des Zinses
würde ebenso wenig funktionieren. Auch wenn es durchaus
vorstellbar ist, dass
allein Finanzbehörden Darlehen bis zu einem festzulegendem
Vielfachen des
versteuerten Einkommens/Umsatzes der
Antragssteller zinsfrei vergeben müssen und die einzige Sicherheit
darin
besteht, dass bis zur vollständigen Rückzahlung jede weitere
Kreditvergabe
ausgeschlossen, jeder private Geldverleih strafbar ist, wäre ein
solches
Verfahren wiederum nur global oder in total abgeschotteten Ländern
praktizierbar und somit unmöglich. Solange
das
Konkurrenzdenken, sei es primitiv oder ideologisch überhöht,
die Grundlage des
Wirtschaftens ist, gibt es zum Kapitalismus keine wünschenswerte
Alternative.
Doch ist dies kein Grund zur Resignation, denn die Entwicklung des
Menschen vom
Affen zum Intellektuellen hat gerade erst begonnen. Der sich
bescheunigende
Rationalitätsschub in der naturgeschichtlichen Winzigkeit von 5000
Jahren
berechtigt zur Annahme, dass in den nächsten Jahrtausenden weitere
mentale und
wohl auch genetische Veränderungen stattfinden werden, bis die
Vorteile der
Solidarität nicht mehr erlernt werden müssen, sondern
empfunden werden. Der
durch die kapitalistische Raub- und Ausbeutergesellschaft geschaffene,
vor
kurzem noch unvorstellbare Wohlstand wird deren Grundlage, das
Konkurrenzdenken, überwinden, weil überflüssig machen.
Denn genügender und
gesicherter Wohlstand befreit das Menschentier von (Existenz-)Angst und
fördert
so seine Emanzipation. Der Kampf um soziale Gerechtigkeit muss und wird
dem
Kapitalismus letztlich den Garaus machen und nicht eine Revolution,
auch wenn
ich es als ungeduldiger Sozialist mir anders wünschte.
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