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a . Kausalitäten

. Als im Frühjahr 1815 in Indonesien der Vulkan Mount Tambora ausbrach,  schleuderte er so viel Asche in die Atmosphäre, dass auch Europa durch einen Dunstschleier verdunkelt wurde. Gemälde von Caspar David Friedrich oder William Turner aus diesem und dem folgenden Jahr sind keineswegs so geheimnisvoll, wie sie scheinen. Ungewöhnliche Himmelsstreifen, das eigenartige Dämmerlicht und glühende Sonnenuntergänge entsprangen nicht künstlerischer Phantasie, sondern waren realistische Abbilder.
Die durch den Vulkanausbruch hervorgerufenen atmosphärischen Veränderungen ließen in Euroopa das Frühjahr 1816 kühl und nass werden, die Ernteerträge um ein Drittel zurückgehen. Da während der gerade beendeten napoleonischen Feldzüge fast alle staatlichen Getreidevorräte verbraucht worden waren, explodierten in Folge der Missernte die Getreidepreise, in manchen Gegenden stiegen sie auf das Dreifache. Viele Menschen, für die Brot das Hauptnahrungsmittel war, hungerten. Kinder und Jugendliche blieben kleinwüchsig, das Normalmaß für Männer betrug zehn Jahre nach dem fernen Vulkanausbruch 1,64 Meter.
Erschwert wurde die Überwindung der Hungersnot durch miserable Transportwege und Binnenzölle. Nachdem 1817 zahlreiche Getreidelieferungen im Morast steckengeblieben waren, wurde vielerorts mit der Befestigung von Straßen begonnen. Preußen hob zur Erleichterung des Warenaustausches die Binnenzölle auf, in ganz Deutschland setzte eine Erneuerung der Landwirtschaft ein. Binnen kurzem wurde die weniger klimaempfindliche Kartoffel zum Hauptnahrungsmittel.
Diese Kausalkette, die ich einer Buchbesprechung Manfred Vasolds (Aschenregen vom Krakatao, in: FAZ v. 4.6.03, S. N3) verdanke, ist nur eine von unzähligen nachweisbaren. In diesem Fall war das auslösende Ereignis gigantisch und zeigte direkte Auswirkungen fast auf der ganzen Welt. Viele der Folgen sind uns gar nicht bewusst geworden, weil sie sich in Gebieten außerhalb unseres Interessenshorizonts ereigneten. Andere Folgen könnten wir, fänden wir nur die entsprechenden Quellen, feststellen. So dürfen wir annehmen, dass die feuchte Witterung auch die Tierwelt beeinflusste, Insektenpopulationen veränderte, was wiederum vielfältige Einflüsse auf Ernährung und Gesundheit gehabt haben muss. Der durch einen Vulkanausbruch in Indonesien forcierte Straßenbau in Deutschland wird  ökonomische Auswirkungen gehabt haben mit Folgen, die auch unsere heutigen Verhältnisse noch prägen. Und wenn Goethe am 28. Juni 1816 in seinem Tagebuch notierte: „Erster schöner Tag“, können wir durchaus vermuten, dass das verregnete, kalte Frühjahr vielen Menschen aufs Gemüt geschlagen und ihre Handlungen, von denen jede wieder unzählige Folgen zeigte, beeinflusst hat. Das Beispiel eines Vulkanausbruchs, der selbst nur eine Folge vorheriger Ereignisse war, lässt einen sich verzweigenden Entwicklungsstrang erkennen, in dem jede Folgewirkung neue sich verzweigende Entwicklungsstränge hervorruft. Ihre Zahl mag inzwischen in die Millionen oder Milliarden gehen und ist doch nur das Produkt eines einzigen Vorgangs unter unendlich oder nahezu unendlich vielen Ereignissen aus der Geschichte, die unsere Gegenwart formt.
Alles, was wir sind und was uns umgibt, lässt sich zumindest theoretisch zurückverfolgen, wobei es keine Rolle spielt, ob wir einen Anfang in einem göttlichen Wesen annehmen oder in einem Materiezustand. Rückblickend ist jeder Schritt nur konsequent, auch wenn wir mangels Wissens, Denkleistung (vor allem Speicherfähigkeit) die meisten Zusammenhänge nicht erkennen können. Die milliardenfach verzweigten und zusätzlich noch verknüpften Entwicklungsstränge haben eine Komplexität, die wahrscheinlich nie erfasst werden kann. Doch rückwärts betrachtet gibt es keinen Zufall, alles geschah so, wie es geschehen musste. Was wir Zufälle nennen, sind nur unverstandene Konsequenzen.
Jeder Ist-Zustand ist also nur die Folge vorhergegangener Ereignisse. Im Alltag nutzen wir diese Einsicht, indem wir grob verallgemeinern. Partielle Gemeinsamkeiten von A und B lassen uns auf entwicklungsgeschichtliche Ähnlichkeiten zwischen A und B schließen. Dieser Trick ist die Voraussetzung jeder menschlichen Interaktion. Denn würden wir jeden Zustand in seiner Einmaligkeit erkennen wollen, würde keine Denk- oder Rechnerleistung ausreichen, die Folgen einer Interaktion abzuschätzen, zumal die Berechnung auch noch in Echtzeit erfolgen müsste.
Wir kümmern uns also gar nicht um A in seiner/ihrer Einzigartigkeit, sondern rufen uns unsere Erfahrungen mit A ins Gedächtnis (wobei Erfahrungen nicht immer selbst gemacht sein müssen, sondern auch vermittelt sein können): A oder so etwas ähnliches wie A war hart, besser vermeidet man den Zusammenstoß. Oder A beißt, B schnurrt, wenn man es anfasst. A ist wohltuend, B verursacht Kopfschmerzen usw. Meist kommen wir mit so groben Verallgemeinerungen, Klassifizierungen ganz gut zurecht, nur manchmal hat die gewohnheitsmäßige Interaktion unerwartete Folgen. (Wir haben uns dann, sagt man, „verrechnet“.) Erst wenn A B grüßt und daraufhin B A eine Ohrfeige gibt, begeben wir uns auf Ursachensuche, verfolgen uns bekannte Verästelungen zurück, beginnen, das Besondere an A oder B zu betrachten. Gelegentlich hilft schon eine Verallgemeinerung auf der nächsthöheren Ebene (A ist frustriert, beleidigt, verrückt ...), um den Vorfall zu erklären. Aber auch in dem Fall, dass wir trotz aller Ursachenforschung keine Erklärung finden, halten wir den Vorfall nicht für einen Zufall und in der Regel auch nicht für ein Wunder. (Jeder Wunderglaube setzt eine an Debilität grenzende Dummheit, Unwissenheit voraus.)
Ähnlich verallgemeinernd erfolgen unsere Prolongationen, nur ist dabei die Trefferquote noch sehr viel geringer, obwohl wir dabei sehr viel gründlicher vorgehen. So viele Parameter wir nämlich auch berücksichtigen, geschieht doch immer etwas, mit dem wir nicht „gerechnet“ haben. Dann entschuldigen wir unsere mangelnde Denk- und Wissensleistung gerne mit dem Walten des Glücks oder Pechs oder Zufalls. Doch der plötzliche Stromausfall, der Meteorit, der in den Suppentopf fällt, die beißende Katze sind selbstverständlich genauso wenig Zufälle wie das Zusammentreffen von Ort, Zeit und Handlung zufällig ist.
Wahrscheinlich ist es die Abwehr eines desillusionierenden Determinismus, die uns an den Zufall glauben lässt. Es kann doch nur Zufall gewesen sein, dass ihm und nicht mir der Dachziegel auf den Kopf gefallen ist. Denn wäre es kein Zufall, sondern ein Zusammentreffen konsequenter Ereignisstränge, droht die Vermutung, dass auch mir Unvermeidliches bevorstehen muss. Und keine noch so verrückte Handlungsweise, keine verwegene Volte könnte mich vor einer Kollision bewahren. Denn rückwärts betrachtet wird es unter anderem gerade die Volte gewesen sein, die mich der Kollision näherbrachte.
Haben wir Menschen also nicht einmal genügend freien Willen, um einer retrospektiven Determination zu entfliehen? Natürlich können wir uns jederzeit zwischen Alternativen entscheiden. So könnte ich jetzt den Kugelschreiber aus der Hand legen und ins Casino gehen. Oder fahren? Oder mich fahren lassen? Ich weiß zwar nicht, warum ich es nicht tue, aber ich weiß, dass der Verzicht auf den möglichen Casinobesuch aus meiner Biografie erklärbar sein muss. Und nicht irgendein freier Wille, sondern unmerklicher Zwang fesselt mich an den Schreibtisch. Nur die Idee der Alternative suggeriert mir Entscheidungsfreiheit, und je mehr Wissen, Erfahrung und Geld ich besitze, desto mehr Alternativen fallen mir ein. Aber wären es nicht allesamt Scheinalternativen, säße ich grübelnd bis zu meinem Lebensende hier, ohne mich entscheiden zu können  angesichts einer Unmenge zu berücksichtigender Folgen. Wenn ich also trotzdem eine Alternative wähle, muss mich etwas von den Alternativen Unabhängiges, Vorhergegangenes dazu bewogen haben. Mit der Wahl verzichte ich auf die schrecklich unproduktive Freiheit meines Willens.
Wenn aber alles, was ist, zumindest theoretisch ursächlich erklärt werden kann, gilt dies auch für die Zukunft? Wären wir, wüssten wir nur alle Parameter und verstünden die Zusammenhänge, in der Lage, Entwicklungen exakt vorherzusagen, das Wetter von morgen, die Auswirkungen des Dosenpfands, Lottozahlen, Börsenkurse, Lebensentwürfe...? Nicht nur Spieler, auch Naturwissenschaftler beschäftigt diese Frage seit Jahrhunderten. So glaubte der französische Physiker Laplace bereits im 18. Jahrhundert: „Eine Intelligenz, welche für einen Augenblick alle in der Materie wirkenden Kräfte sowie die gegenseitige Lage der sie zusammen setzenden Elemente kennte, und überdies umfassend genug wäre, um diese gegebenen Größen der Analysis zu unterwerfen, würde in der derselben Formel die Bewegungen der größten Weltkörper wie des leichtesten Atoms umschließen, nichts würde ihr ungewiss sein und Zukunft wie Vergangenheit würden ihr offen vor Augen liegen.“ Spätestens mit der Quantentheorie wurde diese Hoffnung hinfällig, wies sie doch nach, dass schon die gleichzeitige Bestimmung von Ort und Impuls unmöglich ist.
Oder weniger naturwissenschaftlich formuliert: Abgesehen davon, dass wir nie alle Einflussfaktoren einer Entwicklung kennen werden, ist eine Vorhersage der Zukunft unmöglich, weil die Wirkung eines Ereignisses nicht gleichzeitig mit seinem Auftreten berechnet werden kann. Wir kämen immer zu spät. Während wir noch das Ereignis analysieren, hat es bereits Folgewirkungen hervorgerufen, deren verzweigte Auswirkungen auf zahllose andere Zustände jeden nur denkbaren Superrechner überfordern. Wir müssen uns daher damit abfinden, dass der mechanische Determinismus in jedem Moment rückbetrachtend gültig ist, uns aber für die Berechnung der Zukunft wenig nützt. Nur als Krücke ist er brauchbar für Prognosen und kann dabei sogar wirkungsmächtig werden. Nehmen wir die Entwicklung von Aktienkursen. Aus Erfahrung glauben wir, dass der 200–Tage-Durchschnitskurs einer Aktie ein Art Barriere darstellt, an der ihr aktueller Kurs abprallt. Nun ist es aber überhaupt nicht wichtig, ob diese Theorie stimmt, wichtig ist nur, dass viele Aktionäre an sie glauben. Nähert sich ein Kurs dieser Linie von unten, werden Aktionäre leicht nervös, erwägen den Verkauf der Aktie. Kommt er von oben, vertrauen sie der Unterstützung und kaufen in der Erwartung der Wende Anteile. Die Theorie ist also nur eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.
Das Einzige, das wir über unsere Zukunft wissen können, ist unser Tod. Aber dieses Wissen ist, so sehr es auch viele Individuen belasten mag, so uninteressant wie das ununterbrochene Sterben von Zellen in einem Organismus. Denn unser biologischer Tod bedeutet, wie wir deterministisch folgern können, noch längst nicht unser Ende.
Neben dem Tod gibt es Ereignisse, deren Eintrittswahrscheinlichkeit so groß ist, dass wir meinen, sie mit Sicherheit vorhersagen zu können: der nächste Sonnenaufgang, den Zeitpunkt von Ebbe und Flut ... Doch schon diese Vorhersagen stimmen nur auf Grund unseres äußerst begrenzten Zeithorizontes von ein paar Tausend Jahren, der die Instabilität vermeintlich unveränderlicher Naturvorgänge meist unkenntlich macht. Aber schon heute wäre schlecht beraten, wer den geografischen Nordpol mit einem 20 Jahre alten Kompass sucht. Er würde sein Ziel um einige Kilometer verfehlen, da der magnetische Pol wandert.
Schließlich können wir uns, gestützt auf Erfahrungen, auf Zukünftiges vorbereiten. Sich schminken, sparen, etwas kochen oder auswendig lernen, eine Reise buchen etc. sind Aktivitäten, mit denen wir den Eintritt von Wünschenswertem fördern wollen. Je besser die Aktivität ausgeführt wird, desto stärker mag die gewünschte Wirkung sein. Doch handelt es sich dabei nur um ein Effizienzproblem und nicht um Zukunftsgestaltung. Wenn ich mich z. B. heute entschließen würde, ab sofort nicht mehr zu rauchen, wäre im besten Fall die einzige Konsequenz, dass ich morgen nicht mehr rauche. Doch die dem Entschluss zu Grunde liegende Zukunftserwartung bliebe ungewiss. Ob sich nämlich mein Rauchverzicht auf meine Gesundheit auswirken würde, hängt von so vielen, mir und den Medizinern größtenteils noch unbekannten Faktoren ab, dass Vorhersagen nur sehr eingeschränkt möglich sind. Und ob ich am Ende des Monates als Nichtraucher mehr Geld auf dem Konto haben würde, ist, wie das Leben lehrt, mehr als fraglich.
Aber es ist der Sinn, der uns zum Handeln treibt. Das Komische daran ist nur, dass nicht der vermeintliche Sinn, nur das Handeln zukunftsträchtig ist. Was immer wir auch ersinnen, es wird nie so eintreten, wie gedacht. Von morgen gesehen, ist der Sinn sogar völlig nebensächlich. Warum jemand etwas tut, spielt für die Zukunft keine Rolle, allein was er tut oder nicht tut, ist relevant. Gleichgültig, ob ich nun mit dem Rauchen aufhöre oder nicht, allein die unabsehbaren Folgen meines Entschlusses bleiben als Einflussfaktoren über meinen Tod hinaus wirksam. So richtig es auch sein mag, wenn wir mit guten Absichten leben, so irrelevant ist dies für die Zukunft. Moral und Gesetze sind Hilfsmittel der Lebenden, um ihr Zusammenleben erträglich zu gestalten, Spielregeln, die auf Grund materieller Veränderungen immer wieder an die Verhältnisse angepasst werden müssen. Unser Handeln dagegen, das durch vorangegangene Ereignisse bestimmt wird, setzt nur die Verästelung des wohl unendlichen Stranges fort. Wir reagieren zwar Dank unseres vermeintlich freien Willens komplizierter als Mineralien oder Pflanzen, aber unterliegen derselben Gesetzmäßigkeit. Wie mein (rein fiktionaler) Entschluss, mit dem Rauchen aufzuhören, bis zum Urknall, so es ihn denn gegeben hat, zurückverfolgbar wäre, würden seine Folgen die Zukunft für alle Ewigkeit beeinflussen. Allein wie sie sich auswirken werden, kann ich nicht wissen.
Obwohl einige dieser unzähligen Einflüsse wieder verschwinden, weil sie von gegensätzlichen Einflüssen aufgehoben, neutralisiert werden, und andere in einer Sackgasse enden, „aussterben“, liegt im Sein die Unendlichkeit. Menschen, selbstverständlich auch Tiere, Steine, Gase können zwar zerfallen, doch ihre momentane Existenz mit ihren unweigerlichen Auswirkungen auf künftige Entwicklungen macht sie unsterblich. Gewiss, der einst messbare Wirkungsfaktor wird annähernd unendlich klein sein, aber er wird für alle Zeiten sein.
Dennoch ist jedes Nachhaltigkeitsgerede, jede Beteuerung, Verantwortung für die Lebensbedingungen künftiger Generationen übernehmen zu wollen, jeder Umweltschutz voluntaristischer Blödsinn. Da wir nicht wissen können, was wir anrichten, kommt es nicht darauf an, mit den Erfahrungen von gestern Prolongationen zu fördern oder zu verhindern. Wichtig wäre vielmehr, unseren Kindern und künftigen Generationen zu helfen, Herausforderungen zu bestehen, statt sie vergeblich zu meiden. Dazu ist es notwendig, das Vertrauen der Menschen in ihre eigene und die gesellschaftliche Kraft zu stärken, das Wissen zu fördern, Zähigkeit einzuüben. Zur Zeit geschieht zumindest bei uns in Deutschland das Gegenteil.

 
© 2003 Karl Pawek

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