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Was
waren das doch für
finstere Zeiten, als die Obrigkeit entschied, was Menschen tun und
sagen
durften und was nicht. Wer im Mittelalter nicht an den Teufel glaubte,
war ein
Ketzer und konnte gezüchtigt, gar getötet werden. Als Rodrigo
de Jerez als
erster Spanier öffentlich in Alicante rauchte, wurde er von der
Inquisition für
10 Jahre in einem Gefängnis eingesperrt. Die Obrigkeit war
überzeugt, der
Teufel sei in ihn gefahren und stoße höllischen Rauch durch
Mund und Nase des
Verdammten aus. In der arabischen Welt büßten zahlreiche
Raucher ihr Vergnügen
mit dem Tod, aber auch in Lüneburg konnte 1691 noch ein Raucher
zum Tode
verurteilt werden, weil dem Fürsten das Rauchen zuwider war.
Gefährlich lebte
auch, wer behauptete, die Erde würde sich um die Sonne drehen. Und
im deutschen
Spätmittelalter, der Nazizeit, war des Todes, wer Juden für
Menschen hielt oder
am Endsieg zweifelte. Wahn
und Aberglaube brachten
tausenden Ketzern den Tod. Doch immerhin kannten sie jene, die sie
verfolgten,
konnten ihre Namen und Ämter nennen. Das bewahrte sie nicht davor,
deren Opfer
zu werden, gewährte ihnen aber einen Rest von Zuversicht, da jede
Herrschaft
vergänglich ist, und ließ ihnen ihre Würde, weil ihr
Gegner ein Mensch war und
nicht ein ungeschriebenes Gesetz. Auch
heute leben noch Ketzer
unter uns. Zwar müssen sie in den westlichen Demokratien nicht
mehr um ihr
Leben bangen und für gewöhnlich auch nicht mehr das Zuchthaus
fürchten, statt
dessen droht ihnen die gesellschaftliche Isolation. Nach einer
Allensbach-Umfrage
(FAZ v. 21.3.07, S. 15) finden es viele Deutsche „nicht in Ordnung“,
wenn
jemand sagt: „Mütter gehören nach Hause zu ihren Kindern und
nicht in den
Beruf.“ (56 %), „Umweltorganisationen ... geht es in Wahrheit gar nicht
um die
Umwelt, sondern nur darum, sich selbst darzustellen.“ (50 %),
„Entwicklungshilfe ist doch nutzlos, deshalb sollte man sie
einstellen.“ (49
%), „Wir brauchen in Deutschland mehr Kernkraftwerke.“ (42 %). Vom
Mainstream
abweichende Meinungen verletzen im Deutschland des 21. Jahrhunderts
wieder
Tabus. Dies hat, wie Allensbach ebenfalls feststellte, zur Folge, dass
unter
den Gegnern des Rauchverbots 53 % es sogar ablehnen, sich
gegenüber anderen
Gegnern eines Rauchverbots zu ihrer Haltung zu bekennen. Wer die
Klimakatastrophendiskussion für dummes Geschwätz, die
Antiraucherkampagne für
vorgeschoben, den Irakkrieg für notwendig hält oder den
Kapitalismus überwinden
will, riskiert vermeintliche Freundschaften, wird gemieden – nicht,
weil es die
Obrigkeit gebietet, sondern weil eigenständiges, kontroverses
Denken zum
Ärgernis wurde in der heimeligen Konformität dieser
Gesellschaft. Dabei
geht es nicht um die
Richtigkeit einer kontroversen Meinung, sondern um die Berechtigung,
sie zu
äußern. An Stelle der Diskussion trat erneut das
altväterliche Verdikt: Das tut
man nicht, das sagt man nicht, das gehört sich nicht. Das perfide
an solchen
Formulierungen ist, dass sie jede Verantwortlichkeit für das Gebot
leugnen, es
gleichsam zum Naturgesetz machen. Wo „man“ bestimmt, was richtig ist,
kann ein
Mensch nicht mehr argumentieren, nur noch gehorchen. Angefangen
hat die
Retabuisierung mit der political correctness, diesem vielleicht gut
gemeinten,
doch verhängnisvollen Irrtum Halbgebildeter, die Verhältnisse
ließen sich durch
den Sprachgebrauch ändern. Aus der Tabuisierung einzelner Begriffe
entwickelten
sich alsbald verinnerlichte Denkverbote, die total resistent sind
gegenüber
Fakten und Argumenten. Ähnlich wie Konvertiten reagieren
Verfechter der
political correctness oder des Zeitgeistes aggressiv auf
Andersdenkende,
mussten sie selbst doch mühsam lernen, ihre Zunge im Zaum zu
halten. Diese
Fehlleistung verlangen sie von allen anderen auch. Dies macht
Diskussionen
äußerst unerfreulich, weil unerwünschte Argumente nur
mehr als moralisch
verwerflich zurückgewiesen oder mit einem Lobbyismusvorwurf
gekontert werden.
Wer es immer noch wagt, Klimavorhersagen oder Antiraucherkampagnen zu
hinterfragen, wird als gekauft diffamiert. |
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