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a . Asoziales Krankheitswesen

. In Deutschland explodieren die Krankheitskosten, und alle klagen darüber, alle kennen die Gründe, aber keiner spricht sie aus.
Der auf Dauer nicht finanzierbare rasante Anstieg der Krankheitskosten hat im Wesentlichen drei Ursachen:
1.) Der Medizinbranche gelingen jährliche Umsatzsteigerungen, von denen andere Wirtschaftszweige nur mehr träumen können. So konnten z. B. die deutschen Apotheken ihren Umsatz 1996-2001 um 24 % erhöhen, und auch die Wirtschaftskrise scheint an dieser fulminanten Geschäftsausweitung nichts zu ändern. Über 320 Euro wird im Durchschnitt jeder Bundesbürger 2002 in Apotheken ausgeben. Freilich gibt es auch keine andere Branche, in der Überangebote so leicht verkäuflich sind, Während die Auto- oder Textilindustrie aufwendige, psychologisch ausgefeilte Werbekampagnen noch durch Rabatte und Schlussverkäufe ergänzen muss, um ihre Produkte an Menschen zu verkaufen, die sie meistens nicht unbedingt brauchen, muss ein Arzt  den Patienten nur beiläufig fragen, on „wir“ nicht dieses oder jenes auch noch untersuchen und behandeln lassen wollen. Fast jeder Arztbesucher stimmt sofort zu. Manche Ärzte fragen nicht einmal mehr, ganz selbstverständlich sollen sich ihre Geräte amortisieren. Und Patienten, die wegen einer kaum messbaren Strahlenbelastung die Umgebung von Kernkraftwerken meiden, lassen sich röntgen, sooft man es ihnen vorschlägt. Jede dritte Röntgen- und Ultraschalluntersuchung in Deutschland, so stellte jüngst das Institut für Gesundheitsökonomie in Köln fest, ist überflüssig. Allein diese überflüssigen und im übrigen gesundheitsschädlichen Untersuchungen kosten den Krankenkassen, also uns Beitragszahlern, jährlich rund 400 Millionen Euro. Sehr viel größer sind noch die Summen, die für überflüssige Operationen z. B. der Eierstöcke oder Schilddrüsen, für weit überteuerte Medikamente, für die Bettenauslastung von Krankenhäusern u.s.w. ausgegeben werden. Rund 140 Mrd. Euro jährlich kostet allein den gesetzlichen Krankenkassen die Versorgung der Patienten. 35 Milliarden davon, schätzt Sozialministerin Ulla Schmidt, sind überflüssige Leistungen. Von sich aus freilich wird die Medizinbranche auf rund 25% ihres Umsatzes nicht verzichten.
2.) Wir Deutsche haben einen Anspruch auf die denkbar umfassendste Gesundheitsfürsorge. Kein Unwohlsein, das nicht einen sofortigen Arztbesuch rechtfertigt, auch wenn die köpereigenen Abwehrkräfte das Problem innerhalb einiger Tage bewältigen könnten. Da viele Symptome auch seltene andere Ursachen haben können als die nahe liegenden, erscheint uns der Ausschluss jedes nur erdenklichen Risikos jeden Aufwand wert: Ein Kind fällt mit dem Kopf auf einen Holzblock. Seine Reaktionen sind normal, nichts deutet auf eine Gehirnerschütterung hin, allein die blauen Flecken sehen erbärmlich aus. Am folgenden Tag wird es nach einer ruhigen Nacht zum Arzt gebrachte, auch er kann keine ernste Verletzung feststellen, empfiehlt aber vorsichtshalber, den Kopf zu röntgen. Obwohl auch die Röntgenaufnahmen keinen Defekt zeigen, beschließen Arzt und Eltern, auch noch eine Computertomographie durchführen zu lassen. Die Bestätigung, dass der Sturz des Kindes abgesehen von ein paar blauen Flecken folgenlos blieb, kostete mindestens 1500 Euro.
Doch nichts ist uns zu teuer, solange wir es nicht selbst bezahlen müssen. In Hamburg warf sich ein Selbstmörder so geschickt vor einen U-Bahn-Zug, dass sein Kopf vom Rumpf getrennt und ihm überflüssiges Leiden erspart wurde. Aber obwohl Kopf und Körper weit auseinander lagen, also der Selbstmörder erkennbar tot war, wurde ein Rettungshubschrauber angefordert.
Rund die Hälfte aller Rettungshubschraubereinsätze sind überflüssig, viele sogar schädlich, weil ein Patient während der Fahrt in einem Notarztwagen sehr viel besser versorgt werden kann. Doch der ADAC „informiert“ auf seiner Website: „Wenn Sie den Rettungshubschrauber alarmieren, entstehen Ihnen keine Kosten.... Die Einsatzkosten werden direkt mit den Sozialversicherungsträgern abgerechnet.“ Wie viel ein Hubschraubereinsatz letztlich den Beitragszahlern kostet (mindestens 1000 Euro), verrät der ADAC seinen potentiellen Kunden nicht. Die Hubschrauber müssen schließlich ausgelastet werden.
3.) Allein schon die Möglichkeit, die Lebenszeit von Menschen zu verlängern, garantiert, dass wir im Durchschnitt alle älter werden. Am wenigsten dürfte dies im Interesse der Alten liegen, die meist entmündigt und oft schmerzvoll lange auf den Tod warten müssen. Hunderttausenden, die längst nicht mehr leben, nur noch vegetieren, fehlen Kraft und Mut, ihrem Dasein ein Ende zu bereiten. Aber für die Medizinbranche sind diese jeder Würde beraubten Menschen Goldesel, denn jeder Lebenstag ist eine Umsatzgarantie. Wer erlebt hat, wie diese Menschen in Heimen und häuslichen Pflegestellen behandelt werden (müssen), kann die Beschwörung der Menschenwürde durch Pfarrer und Ärzte nur als scheinheiliges Geschwätz empfinden. Und die Angehörigen, obwohl durchaus scharf aufs Erbe, stimmen lebensverlängernden Maßnahmen aus egoistischen Gründen zu. Viele empfinden es als wohltuend, die ehemals Übermächtigen schwach und hilflos zu sehen, manchem Sohn, mancher Tochter tut der Rollentausch sichtlich gut. Und da der Tod kein Problem der Toten, sondern der Überlebenden ist, weil er Gewohnheiten zerreißt, jede Möglichkeit einer zwar nur selten stattfindenden, aber immerhin denkbaren Wiedergutmachung beendet und an die Vergänglichkeit des eigenen, so kostbaren Lebens erinnert, wird er – natürlich nur auf Kosten der Versichertengemeinschaft – hinausgezögert, so lange es eben geht.

Diesem Gemisch von kommerziellen, psychischen und traditionellen Ursachen für die Explosion unserer Krankheitskosten beizukommen, ist ein unangenehmes, doch leider auch unverzichtbares Unterfangen. Eine Lösung kann in der Selbstbeteiligung der Versicherten an den Krankheitskosten liegen. Ich vermute, dass eine Selbstbeteiligung von 200 Euro jährlich die Versicherungskosten für jeden Versicherten um mehr als 200 Euro senken würde, da sich manches Unwohlsein von selbst legt, wenn seine Behandlung aus dem eigenen Portemonnaie bezahlt werden muss. Für die Mitglieder einer Krankenkasse wäre die Selbstbeteiligung keine Zumutung, da sich ihre Beitragssätze um 200 Euro reduzieren würden, auch für chronisch Kranke würde sich an den von ihnen aufzubringenden Summen nichts ändern. Zu überlegen wäre, ob bei Arztbesuchen und medizinischen Eingriffen, deren Notwendigkeit nicht medizinisch nachweisbar ist, Arzt und Patient die Kosten teilen sollten. Und auch der deutsche Hamstertrieb, miles and more zu sammeln, könnte nutzbar gemacht werden: Patienten, die das billigste unter gleichwertigen Medikamenten verlangen, erhalten Pay-back-Punkte.
Was nun uns Alte betrifft, tut eine angstfreie Sichtweise Not. Selbstverständlich soll jeder Mensch so alt werden, wie er Lust hat. Nur dem albernen Traum vom ewigen oder zumindest hundertjährigen Leben müssen wir abschwören. Noch ist unser Organismus dafür nicht eingerichtet. Wer dies nicht wahrhaben will, soll für die Kosten seines Wahns selbst aufkommen, soll in jungen Jahren sparen, um sich im hohen Alter am Leben erhalten zu lassen, so lange er es sich leisten kann und will. Aber angstfreie Menschen empfinden ihr Leben in der Regel nur als lebenswert, wenn sie es aus eigener Kraft bewältigen können.
Natürlich darf niemand zu einem vorzeitigen Tod gezwungen werden. Aber niemand hat das Recht, von der Gesellschaft künstlich am Leben gehalten zu werden, wenn eine Regeneration nicht mehr absehbar ist. Die immensen Kosten, die hilflose Alte verursachen, sollten vielmehr den hilflosen Jungen zugute kommen, Menschen mit Zukunft, die so häufig seelisch wie geistig unterentwickelt bleiben, weil es an ihrer Förderung im überforderten, hilflosen, unwissenden Elternhaus mangelt und die Gesellschaft sich auf die Finanzierung standardisierter Kinderspielplätze beschränkt. Solange es noch Kinder gibt, für die kein Kindergartenplatz mit hochqualifizierten Betreuern, die nicht aufbewahren sollen, sondern fördern können, zur Verfügung steht, ist die Inanspruchnahme öffentlicher Mittel für die Altenkonservierung soziales Schmarotzertum.
Und niemand erlaube sich, unsere Vorfahren wegen ihrer menschenverachtenden Kolonialpolitik zu verurteilen. Millionen Menschen krepieren auf dieser Welt, weil ihnen zehn oder zwanzig Euro für überlebenswichtige Medikamente fehlen. Ein Volk, das ungerührt jährlich 35 Milliarden Euro für unsinnige medizinische Leistungen verschleudert, sollte weniger über Menschenrechte, Völkerverständigung und Antiglobalisierungskampf faseln, sondern sich schämen. Der absehbare Zusammenbruch unseres Sozialversicherungssystems ist nur eine verdiente Strafe. 

 
© 2002 Karl Pawek

pawek@web.de
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