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a . Lachen über rechts 

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Laut einer Studie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld haben 65,4 % der Sachsen Vorbehalte gegen Ausländer. Der Aussage, „es leben zu viele Ausländer in Deutschland“, stimmen „voll und ganz“ 37 %, „eher“ 28,4 % zu, unter ihnen mehr Frauen als Männer. Viele Sachsen schätzen der Ausländeranteil auf 40 % der Bevölkerung. Offenbar sehen sie Gespenster, denn tatsächlich leben im Freistaat nur 2 % Ausländer. Die Studie bestätigt somit ein Phänomen, das schon in Nazideutschland zu beobachten war. Kaum ein Volksgenosse kannte Juden, aber Antisemiten waren die meisten von ihnen. Trotzdem oder gerade deswegen?

Keine Untersuchung kenne ich über einen etwaigen Gesinnungswechsel von Multikultifreunden, die in die wenigen Stadtteile gezogen sind, in denen Ausländer in der Mehrheit sind. Immerhin zählen zu meinen Bekannten einige, die diesen Schritt gewagt haben. Keine oder keiner von ihnen wurde dadurch zum Ausländerfeind, aber ebenfalls keine oder keiner von ihnen wohnt noch immer in einem solchen Stadtteil. Spätestens, wenn sich Nachwuchs ankündigte, zogen sie in ruhigere, sicherere Gegenden. Die kulturelle Vielfalt hat für sie jeden Zauber verloren. Vor allem aber haben sie eingesehen, dass es unangenehme, egoistische, bösartige Menschen unter Ausländern wie Inländern gibt, unter Juden wie unter Christen oder Atheisten.

Ausländerhass wie Ausländerliebe beruhen auf Unkenntnis. Gehe ich z. B. in ein deutsches Restaurant, leide ich häufig unter den zwangsweise mitgehörten Gesprächen an den Nachbartischen. Viel lieber esse ich daher in Ländern, deren Sprache ich nicht spreche. Dort kann ich ungestört genießen, obwohl die durchaus sympathisch wirkenden Tischnachbarn mit großer Wahrscheinlichkeit den gleichen Unsinn plappern wie Deutsche in deutschen Gasthöfen.

Bei Unkenntnis entscheiden Vorurteile über unsere Einschätzung. Diese in der Regel unbewusst entstandenen Vorurteile werden im Laufe eines Lebens durch selektive Wahrnehmung verstärkt. Der Ausländerfeind wird, wenn er in seiner Zeitung von dem Überfall eines Ausländers auf einen Inländer und gleich daneben über eine Straftat eines Inländers gegen einen Ausländer liest, ungewollt nur die erste Meldung in seinem Gedächtnis speichern. Und der Italienliebhaber weiß sehr wohl, dass seit vielen Jahren die Hälfte aller Italiener einen zwielichtigen, strohdummen und reaktionären Ministerpräsidenten gewählt hat, doch nicht Berlusconi und seine Anhänger prägen sein Italienbild, sondern die Herzlichkeit, Fröhlichkeit eines Wirtes, einer Festgesellschaft, ganz unabhängig davon, ob es sich dabei um Faschisten oder Kommunisten handelt.

Vorurteile brauchen wir zum Überleben. Würden wir bei jeder Konfrontation mit Ungewohntem, Unbekanntem immer erst analysieren, abwägen, einschätzen wollen, kämen unsere Reaktionen oft zu spät. Neapelreisende z. B. tun gut daran, die Autofahrer in dieser Stadt für unberechenbar zu halten, obwohl sie es gar nicht sind, meist sogar aufmerksamer, reaktionsschneller fahren als deutsche Autofahrer. Ein deutscher Neapelbesucher freilich, der frei von Vorurteilen sich auf die Einhaltung deutscher Verkehrsregeln verlässt, gar auf seine Rechte pocht, ist akut gefährdet.

Auch wenn wir unbekannte Menschen z. B. als Verkäufer treffen, verlassen wir uns auf unsere Vorurteile, um die Glaubwürdigkeit einschätzen zu können. Und wenn wir uns verlieben, spielen Äußerlichkeiten, Gesten, Blicke, Körpergerüche eine entscheidende Rolle. Erscheinen sie uns gemäß unserer Vorurteile attraktiv, kann das Kennenlernen der Person beginnen.

Glück hat, wer über richtige, d. h. zutreffende Vorurteile verfügt. Nicht nur, dass er schneller, effizienter reagiert, eher begreift, er wird sich auch sicher fühlen und – immer die Richtigkeit der Vorurteile vorausgesetzt – Selbstvertrauen entwickeln. Häufiger freilich sind Vorurteile falsch, täuschen, führen in die Irre. Je weniger sie der Wirklichkeit entsprechen, desto mehr klammert sich ein verunsicherter Mensch an sie bis zur Hysterie. Daher sind Ausländerfeinde (wie Islamfreunde) rational nicht zu überzeugen, im Gegenteil, unausweichliche Gegeninformationen führen nur zur Verhärtung des eigenen Vorurteils, denn niemand lässt sich freiwillig den Boden unter seinen Füßen wegziehen.

Vielleicht ist der Antisemitismus in Deutschland tatsächlich so gewalttätig, dass in Berlin ein jüdisches Kaffe oder die neue Synagoge durch Sperranlagen und Polizeiposten gesichert, jüdische Einrichtungen zu Festungen ausgebaut werden müssen. Auf latente Antisemiten, wohl die Mehrheit der deutschen Bevölkerung, wirken solche vielleicht gut gemeinten, tatsächlich aber hinterfotzigen (s. u.) Maßnahmen nur vorurteilsbestärkend: „Seht her, die Juden sind doch etwas Besonderes.“ Dass nicht die Juden, sondern der Antisemitismus das Besondere ist, dass jüdische Einrichtungen nicht eingeigelt, sondern gewaltbereite Antisemiten eingesperrt gehören, kann der Antisemit nicht begreifen.

Vorurteile kann man nicht mit Aufklärung bekämpfen, weil sie kein kognitives, sondern ein emotionales Phänomen sind. Auch Anschauung hilft nicht weiter. Mehr Ausländer in Sachsen würden die nicht nur dort herrschende Ausländerfeindlichkeit kaum mindern, mehr Juden in Deutschland den Antisemitismus nicht schmälern, eher im Gegenteil. Aussichtsreicher wäre es, Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus als abgestandene, antiquierte, reichlich uncoole Erscheinungen der Lächerlichkeit preiszugeben. Es gibt so viele Judenwitze, aber kaum Witze über Antisemiten. Oft müssen Amerikaner als Witzfiguren herhalten, sehr selten Nazis. Und jeder hat schon einmal einen Polen- oder Türkenwitz gehört, doch Witze über die sehr viel komischeren Ausländerfeinde sind unbekannt.

Natürlich ist es kein Zufall, dass Vorurteile nicht zum Gegenstand von Witzen werden, weil die meisten falschen Vorurteile Mehrheitsmeinung sind und kein Tabu, das man im Witz übertreten könnte. Trotzdem brauchen wir weniger Ermahnungen, Gedenkstunden, Schuldbekenntnisse, die ihre Adressaten kaum erreichen, sie nur nerven. Sinnvoller wäre es, die Dummheit, Primitivität, Ängstlichkeit der ausländerfeindlichen, antisemitischen Schwätzer zu entlarven, sie bloßzustellen, sie lächerlich zu machen. Dies könnte skrupellos geschehen, denn wer die Menschenwürde anderer missachtet, hat jeden Anspruch, selbst würdevoll behandelt zu werden, verspielt. Da die Massenmedien es sich nicht mit ihrer Kundschaft verderben wollen, fallen sie im Kampf gegen die Dummheit als Verbündete aus. Doch den intelligenteren unter den Lehrern, Autoren, Songtextern, Filmemachern und alle Menschen, denen Ausländerhass und Antisemitismus widerwärtig sind, sollte es gelingen, Hohn und Spott über die Neonazis zu bringen, zumal noch kein Politiker, kein Fernsehsender und keine Tageszeitung es wagen wird, Witze gegen rechts zu diffamieren. Vereint könnten wir es schaffen, dass Ausländerfeinde und Antisemiten als die armseligen Wichte kenntlich werden, die sie sind. Da es ihnen an Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein mangelt, werden sie vielleicht nicht eines Besseren belehrt, doch zumindest schamvoll schweigen. Eine Geldstrafe oder Antifaprügel stecken sie stolz weg, Hohn und Spott aber werden sie zermürben.

Hinterfotzig deswegen, weil die Sicherheit dieser Einrichtungen auch weniger martialisch, ja unsichtbar gewährleistet werden könnte. Die demonstrative Zurschaustellung der Sicherungsmaßnahmen weckt den Verdacht, hier sollen Juden bevorzugt behandelt und dabei ausgegrenzt werden.


© 2006 Karl Pawek
pawek@web.de

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