|
. |
Wie kann es sein, dass
die Deutschen, jeder für sich, durchaus nette, zumindest erträgliche
Menschen sind und so mies als Volk? Seit vierzig Jahren lebe ich nun in diesem
Land. Freunde habe ich so wenige, wie ich in jedem anderen Land hätte,
denn Freundschaft entsteht nicht aus Nationalität oder Abstammung. Neben
den wenigen Freunden kenne ich zahlreiche interessante, liebenswerte, sogar
faszinierende Menschen, wenige sind reich, doch alle etwas Besonderes geworden,
fast alle zwiespältig und daher kreativ. Doch nicht um meine deutschen
Freunde und Bekannten soll es hier gehen, sondern um jene Mitmenschen, die
man zufällig im Supermarkt oder Flugzeug trifft, um Nachbarn, Mitarbeiter,
Passanten. Mein Drang, sie näher kennenzulernen, ist verkümmert,
und wechsle ich doch ein paar Worte mit ihnen, enttäuschen sie meine
Erwartung der Belanglosigkeit nur selten. Aber ich habe keine Schwierigkeiten,
mit ihnen, und seien sie noch so reaktionär oder unsicher oder egomanisch,
auf das Vortrefflichste zu plaudern. Denn abgesehen von psychisch Verstörten
(wie militanten Nichtrauchern), deren Zahl freilich bedrohlich zunimmt, sind
auch jene, die großen Blödsinn plappern, harmlos. Sogar wenn sie
auf Ausländer und gelegentlich zu später Stunde auf jüdische
Mitbürger schimpfen, halte ich keinen von ihnen als Einzelnen für
aggressiv genug, einen Ausländer oder Juden zu schlagen. Diese dumpfbackigen
Mitmenschen sind jedenfalls nicht schlimmer als ihre Klassengenossen in England,
Frankreich, Italien oder in meinem Geburtsland. Sie alle wissen und können
es einfach nicht besser.
Sobald aber diese
netten Deutschen als Rudel oder gar Population auftreten, werden sie unerträglich
und sofort unterscheidbar von ihren Nachbarvölkern. Dänen oder Holländer
z. B. sind im Durchschnitt nicht weniger dumpf, dumm und spießig, und
doch atmet es sich in ihren Grenzen freier.
Die Ursache dieses
Unterschiedes liegt nicht nur im Kopf des Betrachters. Natürlich sieht
man im Erben den Erblasser und vermutet häufig zu Recht beim Familiensilber,
dass es erst im Zuge der Arisierung und Ausplünderung in den Familienbesitz
gelangte. Auch gebe ich zu, dass ich die Bewohner der einstigen DDR so wenig
mag wie alle Menschen, die eine Chance leichtfertig vergeben, sich lieber
anbiedern, maulen, jammern. Ich kann Deutsche nicht ohne ihren geschichtlichen
Hintergrund sehen. Aber das Problem mit den Deutschen lässt sich nicht
auf Vorurteile reduzieren. |
Dumpfbacke
Matthias Roenigh, besser bekannt als Dr. Motte. Seine Love-Parade wurde zum
jährlichen Höhepunkt jugendlichen Lebens in Deutschland und ist
doch nur ein uralter germanischer Mummenschanz. Das ursprüngliche Motto
„Friede, Freude, Eierkuchen“ scheint harmlos, nett und ist doch so gefährlich
deutsch wie Dr. Mottes Antisemitismus: „Dies ist mein Aufruf an alle Juden
der Welt, sie sollen doch mal eine neue Platte auflegen.“
|
Man hat versucht,
den autoritätshörigen deutschen Nationalcharakter durch die Kleinstaaterei
zu erklären. Wo der Landesherr um die Ecke wohnt, muss Untertänigkeit
nicht nur geschworen, sondern auch praktiziert werden. Aber in anderen Ländern
wie der Schweiz oder Italien waren die Verhältnisse noch enger, ohne
ähnliche Folgen zu zeigen. Man hat auch das Klima zur Erklärung
der schrecklichen deutschen „Sekundärtugenden“ Fleiß und Ordnung
herangezogen. Doch andere Völker leben freier unter noch härteren
Bedingungen. Geschichte und Geographie können also durchaus Facetten,
doch nicht das Eigentümliche insgesamt erklären.
Es bedarf nämlich
überhaupt keiner historischen Kenntnisse, um z. B. eine deutsche Filmkomödie
als deutsch zu identifizieren. Auch Buschmänner würden den Unterschied
spüren zwischen einer deutschen Kneipe und einer Trattoria oder einem
Bistro. Deutsche fahren anders Auto als Spanier. Die deutschen Grünen
sind so einmalig wie deutsche Sprichwörter und deutsche Medien einschließlich
ihrer Scheinalternativen wie der TAZ. Und kein mir bekanntes Volk der Erde
kann sich in seiner Hysteriebereitschaft bezüglich Atome, Gene, BSE,
MKS etc. mit dem deutschen messen.
Verborgen in fast
jedem Volksgenossen muss etwas sein, das erst im Kollektiv virulent wird
und sehr viel älter ist als die politischen Katastrophen in diesem Land.
Ich will versuchen, es kenntlich zu machen.
Neben einigen passablen
Denkern und vielen meist langweilenden Dichtern hat Deutschland der Welt den
Protestantismus und den Nationalsozialismus gebracht. Beide Lehren zeichnen
sich durch Geradlinigkeit, Konsequenz und Phantasielosigkeit aus. Diese Eigenschaften
halte ich für die Wurzeln des deutschen Übels und, wie ich fürchte,
des deutschen Triumphes. Denn Logik, Stringenz, Fantasie- und daher Alternativlosigkeit
sowie eine totale Egozentrik charakterisieren Maschinenmenschen, Roboter,
die tatsächlich ganz unschuldig von sich sagen können: Hier stehe
ich, ich kann nicht anders. Deutsche träumen nicht, sondern wollen,
sie haben keine Phantasie, nur Vorstellungen und können niemals fünf
gerade sein lassen, weil dann nichts mehr funktionieren würde. Diese
maschinelle Beschränkung macht nicht nur ihre Liebesfilme so miserabel,
sondern auch ihre Politik, ihre Fahrkünste, ihre Feste wie ihr Essen.
Wenn sie etwas noch so gut meinen, wird es doch nur erbarmungslos.
Die Unfähigkeit
zum Träumen, die mit der Unfähigkeit zur Trauer wie zur Freude
einhergeht, sieht man dem Einzelnen kaum an. Höchstens einigen Pseudolinken
steht sie im Gesicht geschrieben. Da aber schon Tacitus sich darüber
wunderte, wie stur-ernst, also mechanisch die Germanen alles nahmen, müssen
die Wurzeln des deutschen Nationalcharakters in – für nordische Verhältnisse
– vorgeschichtlicher Zeit liegen. So bleibt das Rätsel weiterhin unlösbar,
nur eine verwegene Spekulation will ich wagen: Vielleicht sehen die Deutschen
zwar aus wie Menschen, reden wie Menschen, denken wie sehr disziplinierte
Menschen, fühlen aber – außer ihren eigenen Bedürfnissen –
nichts. Ihr Drang ist es allein, robotermäßig Teil des Ganzen,
Rädchen im Getriebe zu sein. Vielleicht sind sie Mutanten oder Abkömmlinge
einer grauenvoll hoch entwickelten, aus dem All einst auf unserer Erde zu
Besuch weilenden Zivilisation. Damit aber bekäme ihre Drohung, am deutschen
Wesen solle die Welt genesen, eine erschreckende Plausibilität, spricht
doch vieles dafür, dass dieses Menschenmodell Zukunft hat. |
© 2001 Karl Pawek
pawek@web.de
|