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a . Der Nutzen eines Abenteuers 

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Der Fall el Masri ist viel interessanter, als die politisch und journalistisch geschürte Aufgeregtheit vermuten lässt. Denn spannend sind nicht die Fragen, ob der CIA oder irgend ein anderer Geheimdienst einen Verdächtigen entführt und unkorrekt behandelt hat und ob deutsche Politiker davon wussten. Wirklich interessant ist vielmehr, warum ein seit langem bekannter Vorfall gerade jetzt zum Medienereignis gemacht wird und warum keiner der Journalisten, die gewöhnlich Opfer und Täter mit gut bezahlter Leidenschaft verfolgen, durchleuchten, sezieren, sich für die Person el Masri zu interessieren scheint.

Oder macht es nicht neugierig, mehr über einen Mann zu erfahren, der genervt von Frau und vier Kindern beschließt, sich ein paar Tage Urlaub zu gönnen, zu Sylvester sich in einen Bus setzt und ins bitter kalte Urlauberparadies Mazedonien fährt? Der als Arbeitsloser und gelegentlicher Gebrauchtwagenhändler seine Freizeit gerne im Multikulturhaus Neu-Ulm und in der angeschlossenen Moschee verbringt, einem, wie der bayerische Verfassungsschutz meint, Zentrum islamistischer Agitation, in dem arabische und deutsche Islamisten Krieg und Terror predigen und, wie eine Durchsuchung am 12. 1. 05 ergab, Blankopässe sammeln? Der einem Freund eine Wohnung und ein Auto beschafft, wohl wissend, dass dieser Freund, Reda Seyam, verdächtigt wird, als Al Qaida-Mitglied in den Sprengstoffanschlag auf Bali im Oktober 2002 involviert gewesen zu sein? El Masri aber gibt sich naiv: „Er ist schließlich in Freiheit, also kann es nicht so schlimm sein.“ Der eine Ehefrau hat, die ihren verschollenen Mann nicht suchen lässt, sondern mit ihren vier Kindern in den Libanon reist, bis ihr Mann wieder auftaucht und sie nach Deutschland zurückbringt? Und der in all seinen zahlreichen Interviews immer wieder neue Varianten des Vorgangs einfließen lässt?

Glaubt man seinen Erzählungen, stieg el Masri am 31. 12. 03 in einen Bus nach Skopje (Mazedonien). Obwohl die Fahrzeit mehr als 25 Stunden beträgt, erreichte er noch am selben Tag um 15.00 Uhr Mazedonien. (Alternativ: Die mazedonische Tageszeitung Vreme berichtete am 11.1.05, el Masri sei am 31.12.03 beim Grenzübertritt von Bulgarien nach Mazedonien verhaftet worden. Er hätte angegeben, er sei nach einem Verwandtenbesuch im Libanon auf Urlaub in der Türkei gewesen.) Grenzbeamte konfiszierten seinen Pass und zwangen ihn auszusteigen. (Alternativ in der FAZ: El Masri bemerkte erst einige Kilometer hinter der Grenze, dass er keinen Pass mehr hatte. Der Busfahrer wendete, brachte ihn zur Grenze zurück, el Masri musste aussteigen.) Drei (alternativ The Guardian: vier) bewaffnete Männer in Zivil untersuchten sein Gepäck und fragten ihn nach Verbindungen zu islamistischen Organisationen. Einige Stunden später brachte man ihn nach Skopje in das Hotel Skopski Merak nahe der amerikanischen Botschaft (alternativ in der NYT: in ein Motel am Stadtrand. Alternativ der meazedonische Innenminister: El-Masri sei wegen der Überprüfung seines deutschen Passes etwa vier Stunden festgehalten und dann wieder auf freien Fuß gesetzt worden). 23 Tage lang wurde er, bewacht von mazedonischen Zivilpolizisten, in diesem Hotel festgehalten und immer wieder nach Kontakten zu islamistischen Organisationen und über die Moschee in Ulm befragt.

Nach ungefähr 10 Tagen machte ihm ein Mazedonier das Angebot, die Mitgliedschaft bei Al-Qaida zu gestehen, in diesem Fall würde er nach Deutschland ausgewiesen werden. El Masri lehnte das Angebot ab. Am 23. Tag seines unfreiwilligen Hotelaufenthaltes nahmen die Mazedonier ein Statement von ihm auf Video auf, um beweisen zu können, dass er ihr Land in einem gesundheitlich guten Zustand verlässt. Danach wurden ihm Handschellen und eine Augenbinde angelegt, man verfrachtete ihn in ein Auto und brachte ihn zu einem Flugplatz. (Alternativ in der NYT: Am 23. 1. 2004 durfte el Masri das Hotel, in dem eine Übernachtung ca. 100 Euro kostet, als freier Mann verlassen, wurde jedoch nach wenigen Metern in ein parkendes Auto verschleppt. Alternativ der mazedonische Innenminister: El-Masri habe am 23. 1. 2004 das Land über den Grenzübergang Blace verlassen.) Am Flugplatz wurde er in einen Raum gesperrt, mit Händen geschlagen und mit Füßen getreten, unter Zuhilfenahme von Messern oder Scheren entkleidet, nackt fotografiert und einer Leibesvisitation einschließlich des Afters unterzogen. Angekleidet mit einer Windel, einem kurzärmeligen und kurzbeinigen Kleidungsstück (Alternativ in der NYT: einem dunkelblauen Trainingsanzug) und einem Gürtel, an dem seine Hände gebunden waren, versehen mit Ohrenschützern, einer Nasenspange, einer Augenbinde und einem Hut wurde er in ein Flugzeug gebracht und auf den Metallboden geschmissen. Jemand gab ihm eine Injektion, die ihn in einen tiefen Schlaf versetzte, aus dem er erst nach der Landung des Flugzeuges erwachte. (Alternativ in den meisten späteren Interviews: Im Dämmerzustand bekam er eine Zwischenlandung mit, dann erhielt er eine zweite Injektion. In der SZ präzisierte er im Dezember 2005: „In einer leeren Boeing hatte man mich damals nach Afghanistan geflogen.“ Das ZDF hatte am 1.2.05 berichtet, dass am 23. 1. 04 gegen 21.00 Uhr ein geheimnisvolles Flugzeug aus Palma de Mallorca kommend in Skopje gelandet sei. Die Boeing mit dem Kennzeichen N313P flog am 24. 1. 03 um 2 Uhr 35 über Bagdad nach Kabul weiter. Dieses Flugzeug scheint das Haupttransportmittel der CIA zu sein, es soll gelegentlich auch auf dem polnischen Flughafen Szymany gelandet sein, nach Human Rights Watch einem europäischen Hauptstützpunkt für verdeckte CIA-Operationen.) Nach der Landung in Kabul wurde el Masri im Kofferraum eines Autos in ein Gefängnis gebracht. Dort stieß man ihn gegen die Zellenwand, drückte ihn mit Fußtritten auf Kopf und Rücken auf den Boden, um seine Fesseln zu lösen. In seiner Zelle gab es nur eine Decke, eine schmutzige Plastikmatratze, eine Flasche mit dreckigem Wasser und Graffiti in arabischer Schrift, doch nicht arabischer Sprache. (Ergänzend in der SZ: El Masri berichtet, dass in anderen Gefängnissen in Afghanistan die Amerikaner Gefangene misshandeln würden. In dem Gefängnis allerdings, in dem er festgehalten wurde, hätten die Amerikaner außer ihm niemanden gequält.)

Obwohl es ein afghanisches Gefängnis war, wurde es von Amerikanern geleitet. Ein Maskierter, der Englisch mit amerikanischem Akzent sprach und einen palästinensischen Übersetzer hatte, entnahm ihm eine Blutprobe und fotografierte ihn erneut nackt. Die ersten Verhöre wurden von einem Maskierten mit südlibanesischen Akzent geführt, sieben oder acht Maskierte hörten schweigend zu.

Nach ungefähr einem Monat traf el Masri auf zwei unmaskierte Amerikaner, den „Doktor“ und den „Boss“. Im März trat er zusammen mit anderen Gefangenen in einen Hungerstreik. Nach 27 Tagen wurde er gefesselt diesen beiden Amerikanern und einem Afghanen vorgeführt, die er um eine Verlegung in die USA oder einen Kontakt mit deutschen Behörden anflehte. Der „Boss“ und der „Doktor“ schienen el Masri für unschuldig zu halten. Trotzdem wurde er in seine Zelle zurückgebracht, wo er seinen Hungerstreik fortsetzte. Er erhielt eine neue Decke und ein richtiges Bett, konnte sich aber kaum noch bewegen. Am 37. Tag seines Hungerstreiks wurde er durch die Nase (alternativ in der NYT: durch den Rachen) zwangsernährt. El Masri beendete seinen Hungerstreik, die Amerikaner brachten ihm frisches Wasser und versprachen ihm seine Entlassung innerhalb von drei Wochen.

Eine Woche vor seiner Entlassung besuchte ihn Sam, ein Mann, dessen Muttersprache Deutsch (mit norddeutschem Akzent) ist und dessen Frau bei der Metro einkauft. Er erzählte el Masri, dass die Amerikaner alle Spuren seines Aufenthaltes in diesem Gefängnis löschen wollen. Mit einem kleinen Passagierflugzeug wurde el Masri schließlich mit Augenbinde und in Plastikhandschellen nach Albanien geflogen. (Alternativ in der SZ erinnerte el Masri sich, dass Sam beim Rückflug dabei war: „Am Schluss hat er mich im Flugzeug zurückbegleitet auf den Balkan.“) In einem Bus wurde er in die Nähe der Grenze zu Mazedonien gebracht und dort ausgesetzt. Drei Männer mit Kalashnikows griffen ihn auf. Obwohl er in seinem Pass keinen albanischen Einreisestempel hatten, ließen sie ihn zur Grenzstation weitergehen, wo ihm ein Grenzoffizier eine Plastikbox aushändigte, die alles enthielt, was ihm am 31. 12. abgenommen worden war, auch seinen Pass und sein Bargeld. Am 29.5.04, war, wie der albanische Ausreisestempel belegt, el Masri wieder in Mazedonien, von wo er am 3. Juli nach Frankfurt flog. Bereits vier Tage später befand sich el Masri im Libanon, um seine Frau und die vier Kinder nach Ulm zurückzubringen. Mitte Juni informierte er deutsche Behörden von seiner Verschleppung, am 21. Juni wurde er von Amnesty International interviewt, wandte sich jedoch nicht an die Öffentlichkeit. Im Dezember 2004 bat ihm die NYT um ein Interview, das dem ersten,  am 9.1.05 veröffentlichten Bericht über den Fall el Masri zugrunde liegt.

Vielleicht war Khaled el Masri wirklich nur ein harmloser Tourist, der das Pech hatte, mit einem Terroristen namens Khalid al Masri verwechselt worden zu sein und nun eine Entschädigung für erlittenes Unrecht herausschlagen will, obwohl amerikanische Behörden behaupten, ihn längst entschädigt zu haben. Der Verzicht auf eine Klage bei gütlicher Einigung mit seinen Entführern würde dem Bild eines völlig unpolitischen, naiven Menschen entsprechen. Vielleicht aber hat er sich nur eine längere Auszeit gegönnt und musste sich eine gute Abenteuergeschichte einfallen lassen, um schließlich doch wieder in den Schoß der Familie zurückkehren zu können. Es könnte aber auch sein, dass el Masri nur einen Auftrag erfüllt hat. Im zweiten Anlauf ist es ihm gelungen, sich der ganzen Welt als CIA-Opfer zu präsentieren. Damit hat er eine Vita, die ihn für westliche Geheimdienste sehr wertvoll macht als Held in der Islamistenszene. Ein arabischer Freund, der für den BND arbeitete, könnte ihn auf die verwegene Idee gebracht haben. Die deutschen Untersuchungsbehörden jedenfalls sind vom Wahrheitsgehalt der El-Masri-Version überzeugt, zumal eine Haaruntersuchung ergab, dass er sich tatsächlich längere Zeit weit entfernt von Deutschland aufgehalten hat.

Doch viel brisanter ist die zweite offene Frage: Warum wurde der längst bekannte Fall el Masri erst im Dezember 2005 zum Medienereignis? Bereits Anfang des Jahres hatten viele Zeitungen und Fernsehstationen über die angebliche Entführung berichtet, z. B. die New York Times am 9.1., Vreme und Al-Jazeeraham am 11.1., die FAZ am 13.1., The Guardian am 14.1., das ZDF am 23.1. und 1.2., die TAZ am 20.1., der Spiegel am 14.2.05. Doch ebenso plötzlich, wie die damals schon alte Geschichte publik gemacht werden sollte, verschwand sie wieder in der Versenkung, bis sie Anfang Dezember erneut und diesmal  sehr viel effektiver lanciert wurde. Ein Blick in den politischen Terminkalender liefert die plausibelste Erklärung. Im Februar 2004 wollte US-Präsident Bush Deutschland besuchen. Zu diesem Zeitpunkt schien es der Bundesregierung nicht opportun, die notwendige Entspannung des deutsch-amerikanischen Verhältnisses durch antiamerikanische Gefühlswallungen zu gefährden. Der militante Menschenrechtskämpfer Fischer musste damals als Außenminister eingestehen, in seinem Gespräch mit Condoleeza Rice Anfang Februar den Fall Masri nicht einmal angesprochen zu haben. Wer immer Anfang 2005 versucht haben mag, den Antiamerikanismus in Deutschland zu schüren, scheiterte an den Resten politischer Vernunft in der damaligen Bundesregierung.

Völlig anders war die Situation Ende November 2005. Eine neue Bundesregierung unter Angela Merkel drohte, die deutschen Vorbehalte gegen die amerikanische Politik aufzuweichen. Daher versuchten dieselben Kräfte, die den Fall Masri bereits Anfang des Jahres für ihre Zwecke instrumentalisiert hatten, ihn erneut zu nutzen, dieses Mal mit Erfolg. Während sich hierzulande niemand über islamistische Terroristen und Banden sonderlich aufregt, wenn sie nicht gerade die deutsche Archäologien Osthoff und ihren namenlosen Fahrer entführen, empörte die Schandtat der Amerikaner erst die Journalisten und dann die Nation. Gewiss sind auch wir nicht zimperlich, wenn es gegen Kinderschänder oder RAF-Mitglieder geht. Die Mehrheit der Bundesbürger ist durchaus bereit, in Notfällen Folter zu tolerieren. Doch die Empörung über das Verhalten der us-amerikanischen Geheimdienste, die nicht anders arbeiten als alle anderen Geheimdienste auch, ist weniger moralisch als revanchistisch. Waren es doch unter anderen die Amerikaner, die nach 1945 Fehlverhalten deutscher Politiker und Gefängnisaufseher scharf verurteilten und in einigen Fällen sogar ahndeten. Nun, da wir die Guten sind, können wir es ihnen mit gleicher Münze zurückzahlen: Schande über Amerika.

Ob dem Fall el Masri eine Verwechslung, Unfähigkeit oder Kaltblütigkeit zugrunde liegt, werden wir so schnell nicht erfahren. Nur seine Auswirkung ist offensichtlich. Nun glauben es nicht mehr nur viele, sondern alle können es wissen und offen aussprechen: Amerika verletzt die Menschenrechte, lässt foltern, macht sich übelster Verbrechen schuldig. Und es bedarf keiner großen Phantasie um zu ahnen, wen wir als nächsten auf den Prüfstand unserer Scheinmoral stellen werden: Israel.

© 2005 Karl Pawek
pawek@web.de

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