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Ist Ihnen bei Massenaufläufen
oder Busfahrten, In Schwimmbädern oder Autobahnraststätten noch
nie der Verdacht gekommen, dass wir Menschen keineswegs den gleichen oder
auch nur einen ähnlichen Entwicklungsstand erreicht haben? Auch innerhalb
regional, mental und kulturell homogener Gruppen sind die Unterschiede zwischen
Zeitgenossen größer, als sie durch Bildung, Glaube oder Klassenzugehörigkeit
erklärt werden könnten. Mancher Mitmensch scheint aus einer andern
Zeit zu stammen, und tatsächlich gehören wir zwar alle einer Gattung,
doch wohl sehr unterschiedlichen Baureihen an.
Angenommen, die Gattung Mensch ist vier Millionen Jahre
alt und reproduziert sich im Schnitt alle 30 Jahre. Demnach würde ein
Durchschnittsmensch heute in der 134000sten Generation leben. Nun ist es
vorstellbar und durchaus wahrscheinlich, dass bei einigen Abstammungsfolgen
die Mütter im Durchschnitt 28, in anderen bereits 32 Jahr alt waren,
als sie unsere Vorfahren gebaren. Eine nur zwei Jahre schnellere oder langsamere
Reproduktionfolge bedeutet aber in der Menschheitsgeschichte einen Unterschied
von jeweils über 8000 Generationen. Also leben in unserer Gesellschaft
des Jahres 2000 n. Chr. Menschen zusammen, die sich entwicklungsgeschichtlich
vielleicht um fast 17 000 Generationen oder 500 000 Jahre unterscheiden.
Noch wissen wir nicht genug über Vererbung, über
die Auswirkungen häufigerer oder seltenerer Genvermischung, um derartige
Unterschiede gewichten zu können. Spurlos werden sie vermutlich nicht
gewesen sein. Besonders Instinkte, Aggressionen, Ängste, also die Überreste
vor- und frühgeschichtlicher Verhaltensweisen, aber auch Körpergröße
und –behaarung könnten von der Ahnenzahl beeinflusst sein.
So verlockend es auch wäre, z. B. die unterschiedliche
Anfälligkeit für Götterglauben und Mythen, für ein Denken
in den Kategorien des Krieges, des Überlebenskampfes unter dem Aspekt
der Generationenzahl zu untersuchen, bleibt es auf absehbare Zeit müßig,
über Details zu spekulieren. Wir sollten allerdings wie im Verhältnis
unter Rassen akzeptieren, dass Menschen nicht gleich, sondern gleichwertig
sind – was keineswegs so selbstverständlich ist, wie manche meinen.
Die Illusion der Gleichheit mündet immer in einer Enttäuschung.
Wir können den Einfluss von Schicksal, Glück oder Unglück
vielleicht leugnen, aber nicht ungeschehen machen. Wer ohne Arme oder mit
vier Armen auf die Welt kommt, hat Pech, das ihm die Gesellschaft natürlich
weitestgehend lindern soll. Trotzdem bleibt er anders als die meisten anderen.
Wie dumm ist doch das Verhalten wohlmeinender Eltern, denen es schrecklich
peinlich ist, wenn das Kind erstaunt auf den ersten andersfarbigen Menschen
zeigt, den es zu Gesicht bekommt. Denn selbstverständlich ist dieser
(gewiss nicht nur im Aussehen) anders. Aber nur jene, die den Andersartigen
trotz aller Verdrängung für minderwertig halten, müssen sich
der politischen Korrektheit befleißigen, wollen sie nicht den Ausbruch
ihrer verborgenen Andersartigenabwehr riskieren. Oder ist es ein Zufall,
dass politische Korrektheit nur gegenüber Zu-Kurz-Gekommenen eingefordert
wird? So ist es durchaus korrekt und üblich, einen Dummkopf Genie zu
nennen, nur Dummkopf darf er nicht heißen.
Selbstbewusste, vor allem angstfreie Menschen unterschiedlichster
Art kommen, solange nicht unterschiedliche Interessen sie trennen wie den
Mann von der Frau oder den Arbeiter vom Unternehmer, sehr gut miteinander
aus. Sie müssen nur Regeln beachten, die es sowohl Steinzeit- wie Quantenmenschen
ermöglichen, gleichzeitig, aber nicht unbedingt miteinander zu leben.
Diese einfachen und daher banal scheinenden Regeln verlangen gegenseitige
Akzeptanz, Rücksichtsnahme aufeinander im gesellschaftlich notwendigem
Maße, Unterordnung unter ein gemeinschaftliches Recht usw. Nur lieben
müssen sie sich nicht und sich auch nicht als Gemeinschaft verstehen.
Andere gehen andere Wege als ich, und der eine kann so falsch sein wie der
andere. Da hilft auch keine Moral, im Gegenteil, indem sie uns die Entscheidung
abnimmt, macht sie uns unverantwortlich, was sich an den Folgen moralischen
Handelns, sei es im Namen des Glaubens, der Rasse oder neuerdings der (nicht
zufällig eurozentrischen) Menschenrechte ablesen lässt.
Die Überwindung der Fiktion von Gleichheit zugunsten
des Gebots der Gleichwertigkeit Andersartiger ist angesichts weltweiter Massenwanderungen
die Voraussetzung einer zivilisierten Zukunft. Gutmenschentum dagegen führt
in die Barbarei.
pawek@web.de
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