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Das Leben ist gar nicht so kompliziert, wie es den Anschein hat. Der oft verwirrende Schein ist nur ein verfälschtes Abbild des Seins. Dinge, Ereignisse, Verhältnisse scheinen uns meist rätselhafter, als sie sind, weil wir sie falscher Interpretationen wegen falsch wahrnehmen. Viele dieser falschen Interpretationen sind schlicht unserer Existenzform geschuldet. Unser Bewusstsein ist ein total egozentrischer Apparat. Ob in der Liebe oder in den Naturwissenschaften, wir sind nur mit größter Mühe fähig, aus unserer Haut zu schlüpfen und unsere Umwelt aus sich heraus statt auf uns bezogen zu verstehen. Wir können uns noch so sehr der Tatsache bewusst sein, dass sich die Erde um die Sonne dreht, trotzdem geht für uns die Sonne im Osten auf und im Westen unter. (S. dazu „Phantasie statt Mathematik“) Und noch dem einfühlsamsten Mann, der verständnisvollsten Frau wird der andersgeschlechtliche Partner ein bestenfalls verdrängtes Rätsel bleiben, weil die Welt für potentielle Mütter anders aussieht als für potentielle Väter.

Doch verwirrender noch als der egozentrische Schein ist der Anschein, denn ihm liegt nicht ein Irrtum, sondern Betrug zugrunde, ist er doch die interessengeleitete Manipulation eines Abbilds des Seins. Während der Schein nur aus falscher Interpretation resultiert, wird der Anschein medial erzeugt von Lehrern, Priestern, Politikern, Journalisten etc. zu Gunsten ihrer Arbeitgeber zwecks Sicherung deren Eigentums. Der ideologisch geprägte und den Menschen indoktrinierte Anschein soll die Verhältnisse undurchschaubar und so die Menschen hilflos und damit abhängig machen. Hunderttausende wissenschaftlich geschulte Weltverkomplizierer verdienen daran nicht schlecht, Pfaffen, Soziologen, Psychologen, Klima- und Umweltforscher, Mediziner, Redakteure und vor allem Politiker. So liegt die Kunst systemkonformer Politik allein darin, partielle ökonomische Interessen Weniger als attraktiv für die Mehrheit zu verkaufen, z. B. eine Gesundheitsreform, die das Volk nicht versteht, weil es sie nicht verstehen soll, geht es doch auch bei ihr alleine darum, Unternehmer zu ent- und Arbeitnehmer zu belasten. Und was immer auch Wirtschafts’weise’ uns in den letzten Jahren weismachen wollten, genügt ein Blick auf die Aktiencharts, um den Zweck ihres Jammerns zu verstehen. Während sie halfen, die Reallöhne abzusenken durch Horrorszenarien, verdoppelten sich die Aktienkurse, wurden die Auftraggeber immer reicher und die verschaukelten Lohn- und Sozialhilfeabhängigen immer ärmer. Droht Unmut in der Bevölkerung, sind fast alle journalistischen und politischen Meinungsmanipulanten sofort bereit, den Anschein zu wecken, nur raffgierige Manager würden profitieren, als wären deren Vergütungen und Boni nicht Kleingeld im Vergleich zu den Gewinnen der Eigentümer.

Man muss nicht, obwohl man es sollte, Marx  studieren, um das Sein vom Anschein zu befreien. Oft genügt schon der Mut zum eigenständigen Denken. Es lohnt sich, hinter dem schäbigen Anschein das von Moral und Werten unbeschmutzte Sein zu entdecken, auch wenn dabei mit dem Anschein ein paar schöne Illusionen verloren gehen:

Wie alle Lebewesen leisten auch  Menschen Anstrengung nur, wenn es ihnen nützt. Doch im Unterschied zu Pflanzen und Tieren ist beim Menschen der Nutzen oft nicht auf den ersten Blick erkennbar. Unstrittig ist der Nutzen von Arbeit oder Ausbeutung für den, der Geld verdienen will. Weniger deutlich ist der Nutzen bei Forschern, Philosophen oder ehrenamtlich Tätigen. Ihre Arbeit scheint manchmal selbstlos, ist es aber nicht, wenn sie irgendeine Form der Befriedigung bewirkt, denn jede Befriedigung setzt ein Bedürfnis voraus. Selten sind diese Bedürfnisse objektiver Art, zumeist entstanden sie aus subjektiven Defiziten wie Minderwertigkeitsgefühlen. Menschen können Gewaltiges leisten, um anderen zu imponieren, um Ruhm zu erlangen, um Sexualpartner zu finden, um sich gut zu fühlen oder etwas zu verdrängen. Sogar Heiliger wird man nur, wenn es sich für einen lohnt.

Vielen ist die Motivation ihres Handelns nicht bewusst, oft darf sie, um zu funktionieren, gar nicht bewusst werden. Die meisten Politiker werden, wenn man sie nach ihrem Antrieb fragt, für wenig Lohn sehr viel zu arbeiten, Zitierfähiges wie „soziale Verantwortung“ anführen, aber nie zugeben, dass sie – vielleicht aus dem Gefühl, zu kurz gekommen zu sein – nur nach vermeintlicher Macht streben. Schröder wollte nicht die Geschicke Deutschlands zum Besseren lenken, sondern wollte „da hinein“. Bei manchen seiner Kollegen bezieht sich der Wunsch, „da hinein“ zu kommen, nicht einmal auf ein Regierungsgebäude, sondern auf Vaginen oder Darmausgänge, die gehobenen Schwanzträgern in größerer Auswahl offen stehen. Manch bedeutender Pianist wurde Musiker, manch Tennisspieler Champion, um nicht die Eltern, vor allem die Mütter, zu enttäuschen. Und wäre die Liebe so selbstlos, wie manche meinen, gäbe es keine Eifersucht, keine „Enttäuschungen“. Wer in der Liebe „enttäuscht“ wird, hat etwas anderes erwartet, die „Enttäuschung“ entzieht der Liebe ihre Geschäftsgrundlage und führt in der Regel zu ihrem Ende, weil der oder die Enttäuschte überzeugt von der Nutzlosigkeit nichts mehr in sie investiert.

Welche Rolle auch immer Einflüsterungen, Ängste, Lüste etc. für Leistungsbereitschaft spielen mögen, bringt der Mensch die dafür notwendige Energie nur auf, solange ihm das Ziel lohnend erscheint. Und umgekehrt gilt: Rundum glückliche, unter keinem Mangel leidende Menschen arbeiten nicht, sie spielen bloß ohne Gewinnabsicht.

Diese zynisch nur scheinende Feststellung hat Konsequenzen nicht zuletzt für die Pädagogik. Auch Kinder arbeiten nur freiwillig, wenn sie glauben, dass sich die Arbeit, also das Lernen für sie lohnt. Die konservative Zwangespädagogik versucht, mit lohnenden Zielen zu locken, indem sie den Kindern weismacht, nur durch Lernen, durch Fleiß könnten sie es zu etwas bringen. Wenn freilich Kinder beobachten, dass in unserer Gesellschaft mit ihrer Lohndrückerei, ihrem Arbeitsplatzabbau auch das Abrackern kaum mehr einbringt als die Stütze, glauben sie den Versprechungen nicht mehr. Dann hilft den Zwangspädagogen keine Pädagogik mehr, nur noch Zwang. (S. dazu "Pädagogischer Umweltschutz")

Dabei wollen Kinder lernen, vor allem das Erwachsenwerden. Aber zu häufig hören sie Sätze wie „Das kannst du noch nicht, das ist nichts für Kinder!“, die jede Anstrengungsbereitschaft abwürgen. Statt ihren Bildungshunger zu befriedigen, auch wenn er sich zeitweise auf die Erzeugung akustischer Phänomene, auf die Prüfung von Bruchfestigkeit oder auf Doktorspiele konzentriert, werden sie nicht wie Subjekte behandelt, die sich etwas aneignen wollen, sondern auf Objekte der Bildung reduziert. Der immer wieder beeindruckende Eifer, selbstgewählte Aufgaben wie die Beherrschung des Computers zu meistern, wird von den Erwachsenen häufig gering geschätzt und von gestellten Aufgaben überlagert, statt das Interesse der Kinder zu nutzen und ihnen dabei die Früchte der Ausdauer, der Arbeit erfahrbar zu machen.

Heute dürfen Kinder, wenn sich „liberale“ Erwachsene treffen, endlos lange im Mittelpunkt stehen, bis sie hoffentlich irgendwann ins Bett geschickt werden. Ich hatte als kleiner Junge das Glück einer schrecklich anmutenden Erziehung: Mein Wunsch, bei Treffen von Erwachsenen dabei sein zu dürfen, wurde von meinen Eltern akzeptiert, solange ich mich nicht bemerkbar machte. Manchmal hockte ich ein, zwei Stunden mucksmäuschenstill in einer Ecke oder unter dem Esstisch und hörte wundersame Dinge. Oft waren die Gespräche der Erwachsenen so spannend, dass ich gar nicht bemerkte, wie ich beim Lauschen nebenbei auch Selbstdisziplin, Ausdauer, Zuhören lernte.

Menschliches Handeln erklärt sich sehr viel simpler, als Idealisten und Misanthropen glauben. Auch fremdbestimmt handelt jeder Mensch nach egoistischen Nützlichkeitserwägungen. Daher ist die von Neurobiologen aufgeworfene und unter Konservativen noch heftig diskutierte Frage nach dem freien Willen irrelevant. Als Teil unseres Körpers verhält sich auch unser Hirn, unser Verstand wie der Körper selbst nach den Kriterien der Nützlichkeit. Körper wie Geist können dabei irren, wenn Defekte unnütze oder sogar schädliche Reaktionen hervorrufen, weil die Voraussetzungen der an sich nützlichen Reaktion nicht mehr stimmen. Viele Nützlichkeitserwägungen sind zudem kurzsichtig und falsch.

Mancher verhält sich bei der Partnerwahl wie ein Kapitalist. Des schnellen Ficks/Profits wegen handelt er langfristig schädlich für sich und seine Umwelt, und oft reicht es nicht einmal aus, alsbald eines Besseren belehrt zu werden, um denselben Fehler nicht nach kurzem zu wiederholen. Überhaupt haben viele Menschen Schwierigkeiten zu erkennen, was auf längere Zeit hin nützlich ist für sie, andernfalls hätten wir längst den Sozialismus. Wenn er aber trotz seiner Nützlichkeit für die große Mehrheit der Menschen in Deutschland auch in nächster Zukunft keine Chance hat, liegt dies nicht nur an der ideologischen Deformation der Demokraten. Es könnte auch an der aus Selbstbeobachtung gewonnenen Ahnung liegen, dass seine Verwirklichung noch nicht dem Entwicklungsstand der Menschen entspricht. Oder weniger hoffnungsvoll ausgedrückt: Mit einer Horde von Egozentrikern ließe sich Sozialismus einstweilen nur durch Umerziehung und damit Gewalt realisieren. Dass dies auf Dauer nicht funktioniert, zeigt die Geschichte der letzten Jahrzehnte. Das alles ändert aber nichts an dem Prinzip Nützlichkeit, dessen wertfreie Produktivität kaum erkannt wird.

Der Mensch ist nicht gut oder böse, sondern wie alle Lebewesen zunächst nur Egoist. Im Unterschied zu Pflanzen und Tieren kann er jedoch nur als Sozialwesen seine Möglichkeiten verwirklichen. Es gehört nicht viel Verstand und Lebenserfahrung dazu einzusehen, dass soziale Rücksichtsnahme nützlich ist für jeden, auf Dauer jedenfalls nützlicher als Raub oder Vergewaltigung. Verabschieden wir uns also von der Moral, diesem Zuchtmittel der Unvernunft, und werden wir Realisten. Die Welt betrachtet unter Nützlichkeitskriterien ist sehr viel leichter zu verstehen, die auf ihr herrschenden Verhältnisse sind sehr viel produktiver zu gestalten. Und Nützlichkeit ist nicht nur der Schlüssel zum Gesellschaftsverständnis, sondern auch der Garant einer erlebenswerten Zukunft. Denn was den Menschen nichts mehr nützt, wird verschwinden: Kapitalismus, Krieg, Religion, eines fernen Tages vielleicht sogar die traditionelle Schule.

 © 2007 Karl Pawek
pawek@web.de

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