alles
Paweks
online
Magazin
.
- Magazin - Vorsicht - Sex - Galerie
- Home
- Archiv
- Rauchen - Links
a . Die Natur des Menschen 

. Noch wissen wir nicht, wer nach Galilei und Darwin der nächste Illusionsräuber sein wird. Gewiss aber ist, dass er schon unter uns lebt, in der Genforschung arbeitet oder zumindest deren Entdeckungen am eindrucksvollsten zu verbreiten weiß. Sein Name wird einen neuen epochalen Wandel menschlicher Weltsicht kennzeichnen.
Galilei nahm uns den Glauben, im Mittelpunkt des Universums zu leben. Darwin zwang uns zur Einsicht, von Tieren abzustammen. Noch ungeheurer werden die Schlüsse sein, die uns durch die Erkenntnisse der Genforschung aufgedrängt werden.
Zur Zeit besonders umstritten ist das therapeutische Klonen. Wissenschaftler in den USA verwenden dafür menschliche Eizellen, von denen jede Frau in ihrem Leben ca. 400 ausbildet, die bis auf seltene Ausnahmen (Schwangerschaften) ungenutzt mit dem Menstruationsblut in die Kloake gespült werden. Solchen im Überfluss vorhandenen Eizellen wird ihr eigener Zellkern, der die genetische Information der Spenderin in sich trägt, entnommen und durch einen Zellkern aus fremden Haut- oder Kumuluszellen ersetzt. Durch Zellteilung soll daraus ein Zellgewebe entstehen, das der Spender des fremden Zellkerns als körpereigenes Ersatzgewebe nutzen kann.
Die Tatsache, dass solche Stammzellen auch aus dem eigenen Gewebe ohne Zuhilfenahme einer Eizelle gewonnen werden können, weckt den Verdacht, dass es den Pionieren des therapeutischen Klonens letztlich doch um die Möglichkeit des reproduktiven Klonens geht, also um die Erschaffung genetisch identischer Menschenkopien. Für eine Einschätzung des Problems aber ist dieser Verdacht, wie wir noch erkennen werden, irrelevant.
Die Gegner der Embryonenforschung begründen ihre Ablehnung mit dem Argument, der von ihnen als Embryo bezeichnete Zellhaufen sei bereits ein Teil dessen, was sie unter „Mensch“ verstehen. Das Menschsein und die Zuschreibung von Menschenwürde, erklärte z. B. Herr Rüttgers (CDU), beginne mit der Empfängnis. Unter dieser Voraussetzung wäre Abtreibung Mord und jede verlorene Eizelle eine Schande für die Menstruierende. Schwangere, die Alkohol trinken, rauchen, fliegen oder Sport treiben, müssten wegen Gefährdung oder gar Körperverletzung des Embryos und späteren Fötus belangt, schwangere Selbstmörderinnen als Mörderinnen verdammt werden. Die Tötung einer Schwangeren wäre – wie ansatzweise schon im Mittelalter – ein Doppelmord. Ich halte es durchaus für möglich, dass die Schlaueren unter den Gegnern der Embryonenforschung zumindest das Verbot der Abtreibung als Konsequenz eines Forschungsverbotes erreichen wollen. 
Ein funktionierender Zellhaufen ist allerdings noch kein Mensch. Ein Neugeborenes (die Nazis, die ihren Gegnern jede menschliche Qualität absprachen, nannten es „Menschlein“), das ausgesetzt und von einem Apparat oder Tier ernährt wird, lernt nicht Sprechen und kaum Denken. Es wird sich seinem Ernährer anpassen, ihm ähnlich werden, und sollte es einmal einen Menschen treffen, wird es, wenn es nicht lieber flieht, ihn wie eine Kuh anglotzen. Zu sagen jedenfalls haben sie sich nichts, und eine mögliche Zuneigung wird einseitig sein. Der Mensch mag im Wilden einen Menschen sehen, der Wilde im Menschen nur ein anderes Tier.
Der Mensch kommt als Möglichkeit auf die Welt und entwickelt sich erst in der Gesellschaft zum Menschen. Zunächst aber sind wir nur Hardware, deren Komponenten genetisch minimal unterschiedlich, schlimmstenfalls defekt sein können. (Sogar menschliche Rassen sind mehr ein kulturelles als ein biologisches Phänomen. So sind die an sich geringen genetischen Unterschiede innerhalb einer Volksgruppe, z. B. den Deutschen, größer als zwischen Volksgruppen, z. B. den Deutschen und Türken.) Erst in der Kommunikation mit der Außenwelt, mit Licht, Temperaturen, Berührungen, Tönen, Bildern, Gerüchen usw. entsteht unser Betriebssystem, das gesteuerte Reaktionen in Bewegung, Gesten, Artikulation etc. möglich macht. Bereits dieses Betriebssystem kennt individuelle, nicht genetisch bedingte Varianten. Unterschiedliche Impulse (z. B. hell-dunkel, bunt-einfarbig, laut-leise, schnell-langsam) fördern eine Vernetzung der Hirnzellen, Monotonie schöpft das Potential – wahrscheinlich irreversibel – nicht aus. Dabei ist es bezeichnend, dass wir eine Menge wissen über die Reaktion von Atomen oder das Funktionieren komplizierter chemischer Reaktionen, aber nur sehr wenig über die physiologischen Prozesse der Menschwerdung. Die scheinheiligen Schützer jungen Lebens interessieren sich eben doch mehr für die Moral und weniger für das Leben, das sie in ihrer ideologischen Verblendung vom Zeitpunkt der Befruchtung an für göttlich und daher vollkommen halten. 
Doch erst mit der Vernetzung außerhalb des Mutterleibes entsteht die Fähigkeit zum Sprechen, Rechnen, in Beziehung setzen, aber noch ist diese Fähigkeit ohne Programm. Einem Kleinkind ist es völlig gleichgültig, ob es Deutsch oder Englisch, das Zehner- oder Zwölfersystem, assoziatives oder logisches Denken lernen wird, sein Betriebssystem funktioniert für jedes Programm, vorausgesetzt, es bekommt überhaupt ein Programm vermittelt. Ohne sprachliche Anregung z. B. bleibt es stumm, und noch der geschlechtsreife Mensch benötigt Vorbilder, um einen Geschlechtsverkehr ausüben zu können. Fehlt ihm die Anschauung, wird er sich mit der Masturbation begnügen. 
So hat der Prozess der Menschwerdung keinen eindeutig bestimmbaren Anfang, am sinnvollsten scheint mir, seinen Beginn mit der Geburt festzulegen. Erst mit der Geburt wird aus dem Fötus ein eigenständiges Wesen mit eigenem Blutkreislauf und damit der Chance, einen eigenen Willen zu entwickeln. Bis zur Geburt ist es nur ein Organ im Körper eines Menschen, sein Besitz an Würde entspricht dem einer Leber oder – für Romantiker – eines Herzens.
Nur eine Möglichkeit gibt es, sich dieser Einsicht zu verweigern: Man muss den Menschen überhöhen. Wenn wir Menschen sind, weil wir eine Seele haben, weil uns der Hauch Gottes umweht, weil wir nicht Natur, sondern übernatürlich sind, ist die Geburt ein nebensächlicher Akt. Dieser Glaube ist es auch, der Bildungsbürger wie den FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher zu Kritikern der Embryonenforschung macht. Er fürchtet nämlich wie viele andere: „Nicht mehr die Natur, sondern Menschen entscheiden über die Biologie von Menschen.“ Diese Befürchtung macht freilich nur Sinn, wenn Natur und Mensch verschiedene Dinge sind, wenn man also annimmt, überall bis in die entferntesten Galaxien gäbe es Natur, aber auf unserer (und vielleicht noch auf der einen oder anderen) Erde existiere etwas, das mehr sei als Natur: der Mensch.
Dieser Irrglaube, ähnlich antiquiert wie die Annahme, unsere Erde sei das Zentrum des Universums und der Mensch nicht das Kind einer Äffin, sondern Gottes, wird nicht mehr lange, höchstens noch ein paar Jahrhunderte aufrecht zu erhalten sein. (Aufklärung ist ein mühsamer Prozess, die Entzauberung des Adels z. B. dauert seit der Französischen Revolution und ist immer noch nicht ganz gelungen.) Aber schon ahnen auch Gläubige, dass es eines Tages immer noch Natur, also Materie geben, die Menschen jedoch, wie die meisten uns heute bekannten Tierarten, ausgestorben sein werden. Die religiöse Wahn jedenfalls, das Ende des Menschen (vor dem Jüngsten Gericht?) bedeute auch das Ende des Universums, wirkt nur mehr lächerlich egozentrisch borniert.
Langsam beginnen wir, noch sehr naiv die Ökologen, ein wenig analytischer ein paar Nachdenkliche, uns als Teil der Natur zu begreifen, als Organismen mit besonderen Fähigkeiten. Irgendwann hat bei uns die Quantität unserer Hirnvernetzung in eine neue Qualität umgeschlagen, uns das abstrakte Denken und ein Bewusstsein unserer selbst ermöglicht. Ein solcher Vorgang ist in der Geschichte der Natur durchaus gewöhnlich, die Entwicklung von Einzellern zu einem Spatzenhirn sollte nicht weniger beeindrucken wie die Ausformung äffischer zu menschlicher Intelligenz. Und besondere Qualitäten besitzen fast alle Teile der Natur. Nur weil wir um unsere Qualität wissen, dürfen wir uns nicht über die uns häufig noch unbekannten Qualitäten anderer Organismen stellen.
Als Teil der Natur aber ist jede unserer Handlungen natürlich. Die Tatsache, dass wir im Unterschied zu anderen Lebewesen bewusst handeln können, macht unsere Handlungen vielleicht unsinnig, aber nicht unnatürlich. Bewusstes Handeln bewirkt vielleicht eine größere Effektivität, aber auch dieses Phänomen ist in der Naturgeschichte nicht neu. Ein wenig länger überlebt haben immer die Gattungen, die - bewusst oder unbewusst - effektiver als andere vorhandene Ressourcen nutzen konnten, bis sie – nicht zuletzt durch ihr eigenes Wirken – in einer Umwelt lebten, die anders Spezialisierten bessere Überlebenschancen bot. 
Wenn Menschen nun versuchen, nach den Lebensbedingungen um sich nun auch die Lebensbedingungen in sich zu optimieren, ist dies nur eine von unzähligen Formen angewandter Intelligenz. Es mag sein, dass das Ergebnis nicht erfreulich sein wird, und selbstverständlich steht es jedem frei, gegen solche Experimente zu opponieren. Dabei kann sein einziges Argument nur sein, dass er prinzipiell keine Veränderung wünscht, dass alles bleiben soll, wie es ist. Dieses Argument ist natürlich idiotisch und alsbald tödlich, denn Leben als Teil der Natur ist wie die Natur selbst permanenter Veränderung unterworfen. Nur seine kindische Weltsicht erlaubt dem Konservativen, sein Streben nach Stillstand als Ruhen zu begreifen. In Wirklichkeit ist er höchst aktiv im Widerstand gegen den Fortschritt, nur von seinem Standpunkt aus gesehen kann er sich für einen ruhenden Pol halten. Aber natürlich ist sein Bemühen vergeblich. Natur lässt sich nicht konservieren wie eine Ideologie.
Zum Glück ist es recht unwichtig, was Politiker, Pfarrer und gewöhnliche Intellektuelle von der Embryonenforschung halten. Sie wird praktiziert, wenn nicht hier, dann dort, wenn nicht jetzt, dann demnächst. Ihre Ergebnisse mögen im besten Fall hilfreich sein, gewiss aber eine Herausforderung an die soziale Gestaltung und die mentale Flexibilität. Wie jede andere Technologie bedarf auch die Gentechnik gesellschaftlicher Regeln, die Faschisten und anderen Fundamentalisten verbieten, z. B. vermeintlich reinrassige Modellmenschen zu reproduzieren. Gelingt diese Reglementierung nicht, wird allerdings die Natur korrigierend einwirken und die Dummköpfe ausrotten. 
Bereits die ersten Ergebnisse der Genforschung mahnen zur Bescheidenheit. Genetisch unterscheiden wir uns gar nicht so sehr von Tieren, die wir in Zoos sperren oder entnervt totschlagen. Allein unser Hirn ist ein wohl einzigartiger, aber keineswegs übernatürlicher Apparat, der uns das Denken ermöglicht. Wir sollten es nicht länger zur Erschaffung und Tradierung von Hirngespinsten wie dem menschlichen Größenwahn missbrauchen. 
Wenn wir nur endlich begreifen, dass wir keine göttlichen Wesen sind, sondern hochkomplexe Organismen, könnte das Nachdenken über unsere Zukunft wieder spannend werden.
© 2001 Karl Pawek
pawek@web.de
a . .
alles
Paweks
online
Magazin
.
- Magazin - Vorsicht - Sex - Galerie
- Home
- Archiv
- Rauchen - Links