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Während allmählich die Schulen ans Internet angeschlossen werden, verkommen dessen Inhalte. Selbstverständlich ist die Nutzung vernetzter Computer sinnvoll, und zweifellos gehört es zu den wichtigsten Aufgaben schon der Grundschule, die Beherrschung des Werkzeugs Computer und den Gebrauch des Internets zu lehren. Was aber nutzt es, den Aufbau des Netzes und seine Nutzung zu fördern, wenn das Netz selbst zum Tollhaus für Abzocker, Schnäppchenjäger, Spekulanten und Geschäftemacher mutiert? Schon werden Internetnutzer taxiert wie Schlachtvieh. Auf rund 600 Euro schätzte Mobilcom-Chef Schmid (vor dem Nasdaq-Crash) den Wert eines aktiven Internetnutzers, und für eine gute Internetadresse wie „Business.com“ wurde von der kalifornischen Risikokapitalgesellschaft eCompanies 7,5 Millionen Dollar bezahlt. Über die Börsen bewegt die Internetfantasie Milliarden Dollar, und sogar die restriktive Einwanderungspolitik Deutschlands öffnet sich im Boom. Denn es kann nicht genug Fachleute geben zur Steigerung der Zugriffsgeschwindigkeiten, Nutzerzahlen, tatsächlicher oder erwarteter Umsätze. Nur über die Netzkultur spricht fast niemand. Daher ist der Eindruck nicht abwegig, Initiativen wie „Schulen ans Netz“ dienen letztlich nur ökonomischen Interessen, subventionieren die Kommerzialisierung des Netzes, indem sie schon Kinder fit machen für den e-commerce.
Die Entwicklung erinnert an die Frühzeit des Autobooms, als alle intellektuellen Fähigkeiten und ökonomischen Möglichkeiten in die Konstruktion soliderer, schnellerer, bequemerer Autos und den autofreundlichen Ausbau des Straßennetzes flossen. Verkehrskonzepte dagegen schienen überflüssig. Nun aber zeigt sich, dass Begradigungen, Erweiterungen oder die Entwicklung abgasreduzierter Motoren den Verkehrskollaps nicht werden verhindern können, da jede Angebotsverbesserung durch eine Nachfragesteigerung bestenfalls neutralisiert, in der Regel aber kontraproduktiv wird.
So bedeutsam der automobile Wildwuchs für die Wirtschaftsentwicklung auch gewesen sein mag, war und ist er seine ungeheuren gesellschaftlichen Kosten nicht wert. Wahrscheinlich verbraucht schon heute der Individualverkehr mehr Lebenszeit, als die Mobilität erspart. Dabei geht es nicht nur um die vielen Menschen, die infolge von Unfällen für Wochen oder Monate ans Krankenbett gefesselt sind oder deren Lebenszeit brutal verkürzt, oft dezimiert wird. Ungeheuerlicher noch sind die Milliarden Lebensstunden, die meist völlig sinnlos in Staus, vor Ampeln, bei der Parkplatzsuche vergeudet, die Millionen Tonnen Kraftstoff, die im Stillstand verbraucht werden. Trotz zahlreicher Alternativen, die ökonomisch wie bedürfnisorientiert überzeugen können, hat sich das Automobilwesen so weit verselbstständigt, dass es nur mehr an sich selber zugrunde gehen kann und wohl auch wird.
Nun bauen wir Computer, Monitore, Drucker, Scanner, Modems, Konsolen und legen Kabel oder richten Funkstrecken ein, ohne darüber nachzudenken, wofür dies – abgesehen von der auch anders zu erzielenden Wirtschaftsförderung – gut sein kann. Das kommerzielle Angebot bestimmt die Nachfrage: verwalten, handeln, spielen, mailen, chatten ...(Im Zuge der totalen Kommerzialisierung aller gesellschaftlichen Verhältnisse gilt dies selbstverständlich auch für andere Bereiche und führt dazu, dass wir im relativen Luxus ein in der Menschheitsgeschichte wohl unvergleichbar armseliges, auf Effektivität, Trends, Typen und Marken reduziertes Leben führen.)
Unter diesen Umständen sind Fragen nach einer Netzkultur nur lästig, scheinen vielen sogar abwegig. Zwar ist es ein probates Mittel der Natur, sich dem Experiment Zufall auszuliefern und damit bessere Ergebnisse zu erzielen, als es ideologische Weltenlenker je könnten. Wir selbst entsprangen einem Zufall. Doch der Mensch, begabt mit Erkenntnispartikeln, muss, wenn er oder sie Mensch sein will und nicht nur ein Zellhaufen, eingreifen in die zufälligen Abläufe, nicht nur handeln, sondern nach bestem Wissen auch planen.
In den Bereichen Zivilisation und Kultur ist uns dies noch fast selbstverständlich. Hier subventionieren wir Leistungen, die im ökonomischen Wettbewerb ihre Kosten nicht einbringen können. Nicht nur Oper, Theater, Film, Museen, Ausstellungen und Festivals werden mit nicht unerheblichen Steuergeldern unterstützt, auch das Verlagswesen erhält über eine reduzierte Mehrwertsteuer Förderung. Ohne die Zwangssubventionierung durch Gebührenzahlungen wären die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten längst auf RTL-Niveau, und der Sport, im Zeitalter der technischen Kriegsführung eigentlich ein Anachronismus, vereinnahmt Millionen an staatlichen Geldern. 
Nun geht es gar nicht darum, die durchaus problematische, weil oft lähmende Subventionierung auch für Internetinhalte zu fordern. Bezeichnend aber ist der geringe Stellenwert des Internets in der kulturpolitischen Diskussion. Indem dieses Medium wie ein virtuelles Einkaufszentrum mit angegliederter Peepshow behandelt wird, deren Auswüchse man durch Restriktion begegnet, verkommt es zur Peepshow. Daran können auch die zahlreichen selbstlosen Netzarbeiter nichts ändern, die kluge, hilfreiche, relevante, oft großartige Seiten ins Netz stellen und betreuen, ohne dass ihre Arbeit irgendwie entlohnt wird. Das im Internet angebotene Wissen besonders zu speziellen, in keiner Enzyklopädie auch nur annähernd so umfassend behandelten Themen, Materialsammlungen, wie sie kaum ein Archiv vorweisen kann, Nachrichten, Fakten und Zahlen in unvorstellbarer, von niemandem mehr erfassbarer Menge sind nicht nur beeindruckend, sondern durch ihre Verknüpfung auch im bisher unbekannten Ausmaß nutzbar. Doch gerade die besten Angebote erzielen keine Werbeeinnahmen. Viele Seiten werden daher nicht mehr aktualisiert, neue Projekte immer seltener. Was soll also das Politikergerede vom Wissensnetz, wenn ausgerechnet jener Bereich, der das Internet so attraktiv machte, ausgetrocknet, verdrängt wird, weil sich auf die Dauer kein Mensch eine Arbeit leisten kann, die nicht seinen Lebensunterhalt ermöglicht. Reduziert auf ein elektronisches Branchenbuch, auf einen interaktiven Vertriebsweg, mag das Internet durchaus nützlich bleiben. Warum aber Schulen an ein solches Netz angeschlossen werden sollen, ist unter kulturellen Aspekten nicht verständlich.

Wenn die Kommerzialisierung des Internets auch unaufhaltsam scheint, gibt es doch Alternativen, seine kultur- und gesellschaftspolitischen Möglichkeiten zu bewahren. Unsere Gesellschaft könnte beschließen, einen Bruchteil der Mittel, die für Museumsneubauten oder Operninszenierungen zur Verfügung stehen, in die kulturelle Pflege des Netzes zu investieren. Technologisch adäquater wäre die Einführung einer Nutzerabgabe in Höhe von vielleicht 10 Pfennigen pro Stunde. Dies würde die Zugangskosten pro Minute um nicht einmal 0,17 Pfennige erhöhen, und dennoch allein in der Bundesrepublik täglich über eine Million DM für einen Internetkulturfonds aufbringen. Bei diesem Fonds könnten alle nichtkommerziellen Internetseiten angemeldet werden. Entsprechend den Zugriffszahlen würden die Einnahmen auf die Betreiber der gemeldeten Seiten verteilt. Da die Daten bekannt (und schon heute gespeichert) sind, würde ein einziger Computer für die vollautomatische Verwaltung ausreichen. Vor allem aber könnte eine solche marktkonforme Lösung gewährleisten, dass die Mittel auch begabten Nicht-Erben und Nicht-Hungerkünstlern auf Dauer erlauben würden, ihre Kreativität und Produktivität ins Internet einfließen zu lassen. Anspruchsvollste Inhalte, auf die nur selten zugegriffen wird, könnten mit geringen öffentlichen Mitteln zusätzlich gefördert werden.
Als Marktplatz von Ideen, als das umfassendste Archiv menschlichen Wissens und individueller Erfahrungen, als Öffnung bislang spezialisierter Kulturproduktion zur allgemeinen Kulturteilhabe könnte das Internet kulturrevolutionär wirken und noch ungeahnte soziale und gesellschaftliche Perspektiven eröffnen. Eine Schande des Geistes wäre es, dieses Potential in der Fixierung auf den e-commerce zu vergeuden. 
© 2000 Karl Pawek
pawek@web.de

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