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a . Neues Denken 

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Goldene Zeiten haben wir gehabt. Europa erlebte einen fast sechzigjährigen Frieden, so etwas hatte es seit Menschendenken nicht gegeben. In nur sechs Jahrzehnten wuchs die Lebensqualität im einst unvorstellbaren Ausmaß. Fast niemand hungerte, Maschinen und Roboter befreiten uns von schwersten körperlichen Arbeiten, willige Menschen aus vor kurzem noch fremden, gar exotischen Ländern übernahmen die meisten uns lästigen oder unangenehmen Tätigkeiten, Computer befreiten uns von stumpfsinnigen Verrichtungen, halfen aber auch bei der Lösung kompliziertester Probleme. Vor allem aber reduzierte sich das Maß notwendiger Arbeit. Autos und öffentliche Transportmittel machten uns fast uneingeschränkt mobil, Energie stand in nahezu unbegrenzter Menge zur Verfügung, wir heizen, kochen, kühlen, waschen per Knopfdruck. Einst kostbare, für viele unerschwingliche Waren wie Kleidung, Schuhe, Genussmittel kamen zu Niedrigstpreisen auf den Markt, wurden uns von fleißigen Heinzelmännchen aus dem Süden und Osten nicht ganz freiwillig beinahe geschenkt. Die Kommunikation überwand alle Grenzen, die Medizin befreite uns von vielen Krankheiten und machte das Erreichen eines biblischen Alters fast selbstverständlich. Die Zunahme an Lebensqualität, wie sie die heute Sechzigjährigen erleben durften, ist beispiellos in der Menschheitsgeschichte.

Doch während sich unsere Welt gründlich veränderte, verharrte unser Bewusstsein im Gestrigen. Keine Errungenschaft der letzten sechzig Jahre wollen wir missen, gleichzeitig aber weiter so leben, wie wir es gewohnt sind. Wir wollen nicht wahrhaben, dass sich mit der Entwicklung auch die Bedingungen verändert haben. Doch wer Flüsse begradigt, bekommt Überschwemmungen, und wer billig einkauft, vernichtet seinen eigenen Arbeitsplatz. Mit zeitlichem Abstand folgt jedem Fortschritt seine zunächst unverstandene Konsequenz.

Arbeitslos

Maschinen und Computer haben nicht nur die Arbeit erleichtert, sondern auch Millionen Arbeitsplätze vernichtet. Das wäre nicht weiter schlimm, würden wir nicht blindlings versuchen, die Arbeitsplatzvernichtung mit den Ideen und Methoden von gestern zu bekämpfen. Wo Arbeitsplätze fehlen, suggerieren uns nicht ganz selbstlos die Profiteure des Gestrigen, müsse Arbeit billiger werden. Doch dieser Vorschlag ist falsch und richtig zugleich und daher unbrauchbar.

Wer billigere Arbeit fordert, denkt zunächst an seinen Profit und argumentiert so scheinbar rational. Tatsächlich wächst zunächst mit dem Sinken der Arbeitskosten die Konkurrenzfähigkeit und damit der Gewinn der Unternehmen. Längerfristig freilich vernichten sie damit ihren inländischen Absatzmarkt, der von der Höhe des frei verfügbaren Einkommens abhängt. Eine Zeit lang kann durch reduzierte Arbeitskosten der Export gesichert werden, nur sollte man wissen, um wie viel billiger anderswo Arbeit angeboten wird. So kostet im Durchschnitt der elf wichtigsten Niedriglohnländer wie Indonesien, China, Thailand, aber auch Ungarn und Tschechien ein Industriearbeiter 1,75 Euro in der Stunde, in Deutschland dagegen 25,50 Euro. Dass die Lebenshaltungskosten ähnlich unterschiedlich sind, beeindruckt die Lohnkürzungspropagandisten aus Wirtschaft und Wissenschaft nicht. Was können schließlich deutsche Unternehmer dafür, wenn ihre Arbeiter zu hohe Mieten zahlen, sich mehr als ein Paar Schuhe leisten und drei Mahlzeiten am Tag zu sich nehmen?

Während bei uns sinkende Löhne demotivieren, wächst bei den Importeuren unserer Produkte nicht nur das technische Know-how, sondern auch, wie bei jedem Aufschwung, die Leistungsbereitschaft der Menschen. Im Gegensatz zu uns, wo es sich tendenziell für viele nicht mehr lohnt zu arbeiten, wird Arbeit in den noch unterentwickelten Ländern immer lohnender. Das weckt Bildungsbereitschaft, steigert die Qualifikation und vergrößert die Potenziale. Die Fähigkeiten und Fertigkeiten vieler junger Menschen in Asien brauchen den Vergleich mit europäischen Altersgenossen längst nicht mehr scheuen. Entsprechend schnell schmilzt unser technologischer Vorsprung dahin und mit ihm die Rechtfertigung höherer Produktionskosten. Ein weiteres Absinken des Lohnniveaus aber wird den Absturz in die Krise nur beschleunigen.

Andererseits können wir die von uns initiierte Globalisierung nicht ungeschehen machen, nicht verhindern, dass aus einst profitablen Absatzmärkten und Billigproduzenten Konkurrenten werden. Eine Angleichung der Produktionskosten scheint bei freiem Welthandel und sinkenden Frachtraten (eine der vielen ungeahnten Folgen der Mobilitätszunahme) unvermeidlich.

Um so dringender bedarf es eines neuen Denkens. Zuallererst müssen wir uns endlich vom protestantisch-kapitalistischen Arbeitsethos befreien. Arbeit ist kein Wert an sich, der Mensch lebt nicht, um zu arbeiten, sondern arbeitet, um zu leben. Der Abbau von Arbeitsplätzen muss die Lebensqualität einer Gesellschaft nicht schmälern, im Gegenteil, je weniger notwendige Arbeit Menschen verrichten müssen, desto mehr Zeit und Kraft bleibt ihnen für das Leben. Problematisch wird ein Arbeitsplatzabbau nur dadurch, dass er unter antiquierten Verteilungsmechanismen stattfindet. Arbeitsplatzbesitzer werden zu längeren Arbeitszeiten gezwungen, Arbeitslose auf Kosten der Gesellschaft ausgemustert.

Doch nicht die Zahl der Arbeitsplätze sondern die Arbeitsproduktivität und damit die Wertschöpfung entscheidet über den Reichtum einer Gesellschaft. Wenn heute, wie dies in Deutschland der Fall ist, ein Arbeiter mehr produziert als vorgestern zwei Arbeiter, wenn diese Produkte dank technischer Hilfs- und Prüfmittel perfekter sind und Innovationen einen erhöhten Nutzwert generieren, ist gesamtökonomisch betrachtet eine Halbierung der Zahl der Arbeitsplätze irrelevant. Es kommt alleine darauf an, den erarbeiteten Reichtum sinnvoll zu nutzen für die Qualifizierung und Absicherung der Menschen. Wer immer noch stolz darauf ist, Exportweltmeister zu sein, setzt auf ein Auslaufmodell, denn die Zahl der Produkte, die nirgendwo in besserer Qualität hergestellt werden können als bei uns, sinkt – nicht nur Mercedesfahrer sollten es wissen – rapide. Aber auch in der Spitzenforschung, der Grundlage künftiger Prosperität, schwindet der Vorsprung durch ängstliche Reglementierung. Es ist wohl nicht nur die Überalterung unserer Gesellschaft, die Innovationen bremst, sondern mehr noch eine Erbenmentalität bei den Jüngeren, die glauben, zumindest die Bewahrung eines Zustandes sei risikolos zu leisten.

Aber nur wenn es gelingt, die Mut- und Perspektivlosigkeit des grünen Konservatismus zu überwinden, durch Bildung und Ausbildung einen noch bestehenden technologisch-industriellen Vorsprung zu verteidigen und den inländischen Geldumlauf durch Erhöhung der Lohnsumme und Reduzierung der angstgetriebenen Sparquote zu beschleunigen, kann im globalen Wettbewerb eine relative Hochlohnpolitik noch für eine Weile Bestand haben. Im besten Fall hält diese Weile so lange an, dass die immensen Unterschiede bei den Lohnkosten sich durch die Anhebung des Lohnniveaus in den noch unterentwickelten Ländern so weit verringern, dass sich die unvermeidliche Anpassung ohne katastrophale Folgen für unsere Gesellschaft vollziehen kann.

Bildung ohne Perspektive

Unzeitgemäß jedoch ist auch unser Bildungswesen. Was heute jungen Menschen gelehrt wird, reicht nicht aus, um die Welt in fünfzig Jahren noch verstehen zu können. Schon der Bildungskanon des 19. Jahrhunderts war antiquiert, doch die technologischen, wissenschaftlichen, kulturellen Veränderungen vollzogen sich damals noch so langsam, dass eine gründliche Schulbildung ein Menschenleben lang ausreichte, um sich in der Welt zurechtfinden zu können. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aber explodierte nicht nur das Wissen. Revolutionäre Entdeckungen im Makro- wie Mikrokosmos, in der Biologie und der Medizin veränderten unser Weltbild. Neue Technologien, Medien, Kommunikationsformen wurden zu unerklärlichen Selbstverständlichkeiten. Unsere Lehrer aber, ausgebildet zumeist vor Jahrzehnten mit damals schon Jahrzehnte alten Inhalten, sollen junge Menschen fit machen für ein sechzigjähriges Erwachsenenleben unter sich rasend veränderten Verhältnissen?

Das kann nicht funktionieren, zumal die deutsche Bildungspolitik abfragbares Wissen statt Befähigung zum selbstständigen Erarbeiten neuen Wissens fordert. Aber auch ein überfälliger Wandel der Didaktik würde an der Misere nicht viel ändern. Wann haben Menschen, die noch nicht arbeitsfrei sind, Zeit, sich das neue Wissen anzueignen? Anstelle eines zu langen Lernzwangs in der Jugend müssten Bildungsgutscheine treten, die Menschen das Recht geben, sie aber auch verpflichten, im Erwachsenenalter frei von Arbeitszwängen neues Wissen zu erwerben. Bislang scheiterte die Verwirklichung dieser alten Idee an der fehlenden Bereitschaft der Wirtschaft, Arbeiter und Angestellte für Lernjahre freizustellen. Nun wird auch das Durchschnittsalter der Arbeitnehmer zunehmen. Ihre intellektuelle Vergreisung wird langfristig problematischer sein für den Standort Deutschland als die Höhe der Lohnnebenkosten. Im Wettbewerb mit jungen, hoch qualifizierten, innovationsfreudigen Arbeitskräften heute in Asien, demnächst auch in anderen sich entwickelnden Ländern, hilft nicht Nordic Walking und die gerne geförderte körperliche Fitness, sondern nur ein höherer, immer zeitgemäßer Ausbildungsstand. Das lebenslange Lernen darf in bewegten Zeiten kein wohlfeiles Lippenbekenntnis bleiben, sondern muss verwirklicht werden.

Auch für das Bildungswesen gilt: Unterentwickelte Gesellschaften sind immer auch trägere Gesellschaften, und weil sie träge sind, bleiben sie unterentwickelt. Werden sie aber auf Grund politischer, ökonomischer und damit auch mentaler Veränderungen aus ihrer Trägheit gerissen, können binnen weniger Jahrzehnte aus traditionellen, statischen Gesellschaften Tigerstaaten entstehen. Umgekehrt verläuft die Entwicklung im alten Europa: Weil wir träge werden, Veränderungen scheuen, nur mehr bewahren wollen statt zu gestalten, entwickeln wir uns zurück. Die für uns schmerzliche osmotische Wirkung der Globalisierung (Lohnanpassung nach unten, Reduzierung des Lebensstandard etc.) wird durch unsere Trägheit noch verstärkt.

Unter solchen Voraussetzungen ist in den frühindustrialisierten Ländern der Klassenkampf, sind sozialistische Gestaltungsmodelle auf absehbare Zeit unsinnig. Als binnenwirtschaftliche, systeminterne Auseinandersetzung hat er wesentlich zur Prosperität unserer Gesellschaft beigetragen. Nur durch Zwang (Gewerkschaften) und Angst (sozialistische Alternative) ließ sich das Kapital auf eine bescheidene Teilhabe an seinen Gewinnen ein, die jenen relativen Wohlstand ermöglichte, der unserer Wirtschaft Schwung verlieh. Doch inzwischen haben sich die Fronten verschoben. Heute findet der Klassenkampf nicht mehr zwischen Kapitalisten und Arbeitern im Westen statt, sondern zwischen dem Westen und der übrigen Welt (wobei allerdings multinationale Konzerne in beiden Lagern aktiv sind).

Erst kam die Pizza, dann der Islam

Mobilität bedeutet mehr als nur Urlaubsreisen und Eventtourismus. Ungezählte Menschen, die früher ihr Leben lang den Heimatort nicht verlassen hätten, reisen heute aus nichtigstem Anlass quer durch ihr Land, besuchen an Wochenenden europäische Städte, fliegen zum Preis von 5-10 Konzertkarten um den Erdball. Und wenn die meisten von ihnen auf ihren Reisestationen nur sehen, was sie kennen, was ihnen vertraut ist, dürfen doch die längerfristigen Wirkungen solcher Reisen nicht unterschätzt werden. So oberflächlich die gewonnenen Eindrücke auch sein mögen, reduzieren sie doch das Potenzial an Fremdenfeindlichkeit. Denn verachten, hassen kann man auf Dauer nur Menschengruppen, die man nicht kennt. (Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit setzen wie ihre gegenteiligen Haltungen die Abwesenheit von Juden, Fremden voraus.)

Bedeutsamer aber ist die Tatsache, dass die Mobilität in den letzten Jahrzehnten zweigleisig wurde. Längst sind es nicht mehr nur Westler, die ausschwärmen, die entlegendsten Winkel der Welt zu entdecken, sie gar zu erobern, nun kommen auch Menschen aus dem Osten und Süden zu uns. Den Anfang machten die Gastarbeiter aus unserem Kulturkreis. Man holte sie, als man dringend Arbeitskräfte brauchte, in der Annahme, sie gegebenenfalls wieder heimschicken zu können. Diese Annahme erwies sich, zunächst zum Glück, als falsch. Zumindest für Deutschland hatte die Ansiedlung von Gastarbeitern nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell beglückende Folgen. Als Gastronomen brachten sie uns die Ess- und Trinkkultur, erlösten uns vom Germanenfraß und –trunk. Wenn es stimmt, dass der Mensch ist, was er isst, kann dieses kulinarische Geschenk nicht hoch genug eingeschätzt werden.

In dem Maße freilich, ihn dem sich die süd- und westeuropäischen Länder ökonomisch entwickelten, schwand in ihrer Bevölkerung die Bereitschaft, sich der Tortur des Nordens zu unterwerfen. Indem sich die Unterentwicklung zurückzog, mussten Arbeitskräfte aus entfernteren, religiös und kulturell andersartigen Gebieten geholt werden. Hinzu kamen Hunderttausende aus Afrika und Südamerika unaufgefordert. Die meisten von ihnen glaubten, dachten, fühlten anders als wir und ließen sich daher nicht so leicht integrieren, suchten Anschluss an Landsleute, pflegten ihre Sitten und Gebräche, wie in der Diaspora üblich mehr und strenger, als dies in ihrer Heimat der Fall gewesen wäre. So entstanden Inseln der Andersartigkeit voller Verachtung, ja Hass.

Multikultipropagandisten haben das bis heute nicht begriffen, fühlen sich gar geschmeichelt, wenn sie der türkische Gemüsehändler, der nordafrikanische Automechaniker mit „Chef“ anredet und spüren nicht die Verachtung, die in dieser Anrede liegt. Vorbildlich setzen sie sich ein für die Opfer der deutschen Asylpolitik, wollen aber nicht wahrhaben, dass diese Opfer nicht verschmähte Liebhaber des Deutschtums sind, sondern Menschen, die von Not oder Abenteuerlust getrieben in feindlicher, verhasster Umwelt überleben wollen ohne moralische Skrupel.

Wer an Allah glaubt, kann Aufklärung, Emanzipation, Demokratie nicht akzeptieren und wird fern der Heimat erst recht Orientierung suchen in seinem Glauben. So bildeten sich auf den Inseln der Andersartigkeit Nährböden des Terrorismus, Trutzburgen einer neuen Kolonialisierung. Wie Christen einst ihre Missionen in heidnischen Gebieten einrichteten im Bestreben, die Gottlosen zu bekehren, sind die islamischen Gemeinden bei uns mehr als nur Versammlungsorte Gleichgläubiger, ist es doch die Pflicht jedes Muslims, Allahs Reich über die ganze Erde auszubreiten. Während bei uns eine wuchernde Anything-Goes-Mentalität jedem Tierchen sein Pläsierchen gewährt (z. B. Mohameds Geburtstag zum Feiertag zu erklären), glauben Muslime bedingungslos an Allah und seinen Propheten. Das macht sie so stark im Kampf gegen die Ungläubigen. Nun sind wir in der Rolle der Eingeborenen. Wie wir wissen, bekam ihnen diese Rolle nicht gut. Seitdem Mobilität nicht mehr ein Privileg der Westler ist, bekommen auch sie die Folgen zu spüren. Wie einst der Westen allen Völkern seine Ideologie überstülpen wollte, soll es nun uns ans Eingemachte gehen.

Ratlos flüchten wir uns in den Überwachungsstaat und schenken damit den Neokolonisatoren ihren ersten Sieg. Denn der ihnen sehr vertraute Überwachungsstaat bedeutet immerhin schon die Abkehr von der jedem Gläubigen verhassten Liberalität.

Wie wehrt man sich gegen Kolonialisierung? Indem man die Kolonisatoren hinauswirft und statt dessen versucht, sie auf ihrem Territorium von den Vorzügen der Aufklärung, Emanzipation, Demokratie zu überzeugen. Die Vorstellungen einer sanften Integration jedenfalls sind schrecklich naiv. Wir müssen uns endlich vom Irrglauben lösen, alle Menschen seien gleichartig, alle Werte gleichwertig. Mittelalterliches und neuzeitliches Denken sind nicht vereinbar. Trotz der unzähligen Verbrechen, die der Westen aus Profitgier, aber auch in bester, freilich dummer und falscher Absicht begangen hat, gibt es keinen Grund, hinter mühsam erkämpfte Errungenschaften zurückzufallen. Die Einleitung zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, ergänzt um das Gebot der Trennung von Kirche und Staat (1. Zusatzartikel der Verfassung), könnte als unabdingbarer Mindeststandard gelten, dessen Durchsetzung keine kulturelle Relativierung erlaubt:

„Folgende Wahrheiten halten wir für offensichtlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, zu denen Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören, dass zur Sicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingesetzt sind, die ihre rechtmäßige Macht von der Zustimmung der Regierten herleiten.“

Diese Minimalforderungen, deren sozialistische Weiterentwicklung überfällig, aber offensichtlich noch nicht durchsetzbar ist, sind nicht verhandelbar, im Gegenteil: Jeder vernunftbegabte, historisch bewusste Mensch im Westen muss diese Werte mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln schützen.

Dabei sollten wir freilich unsere eigene Entwicklung berücksichtigen. Errungenschaften wie Demokratie, Emanzipation, Rechtssicherheit, Individualität waren nicht Ideen, die ein kluger Mensch uns erzählt hat, worauf wir sie, weil alles gut klang, übernommen haben. Unsere heutigen Wertvorstellungen sind vielmehr die Konsequenz technologischer und ökonomischer Entwicklungen und mussten in jedem Fall gegen die Interessen und die Macht der Profiteure des Vorherigen durchgesetzt werden.

Der bei aller Unzulänglichkeit doch vorbildliche westliche Wertekanon kann freilich sich langsamer entwickelnden Völkern nicht einfach vorgeschlagen oder gar aufgezwungen werden. Vielmehr müssen sie nachholen, was ein günstiges Klima und andere glückliche Zufälle uns bereits ermöglicht haben. Nicht wir, sie selbst müssen die noch verehrten Gespenster der Unterdrückung, die Bandenbosse und Angstprediger vertreiben, nicht weil wir es ihnen sagen, sondern weil sie die Notwendigkeit dazu erkennen und bereit werden, für ein menschenwürdigeres Leben zu kämpfen.

Hilfreich könnten unsere Medien sein, würden sie weniger das Scheinglück westlichen Konsums, westlicher Libertinage propagieren und statt dessen das, was uns selbstverständlich scheint wie Demokratie, Gleichwertigkeit von Mann und Frau, Glaubens- und damit Denkfreiheit, Unverletzbarkeit der Menschenwürde etc., vorführen. Da die ökonomisch-technologische Entwicklung Dank der Globalisierung auch in den noch unterentwickelten Ländern unaufhaltsam ist, wird dort die Unzufriedenheit mit unzeitgemäßen Herrschaftsverhältnissen wachsen. Diese Unzufriedenheit zu schüren durch die Präsentation von Alternativen ist sehr viel sinnvoller als die Prolongation des Bestehenden durch die Verteilung von Almosen oder der Sturz von Diktatoren. So gut gemeint jede Hungerhilfe auch sein mag, stabilisiert sie doch nur die Verhältnisse, die den Hunger hervorbringen und ist damit der Garant künftigen Hungers. Und Diktatoren wie Hitler und Saddam finden Rückhalt in der Bevölkerung weit über ihren Tod hinaus.

Hilfe durch Aufklärung kann freilich nicht von den kapitalistischen Medien kommen, deren Inhalte einzig dazu dienen, Werbemöglichkeiten zu verkaufen. Mit Aufklärung lässt sich kein Geschäft machen, ihre Profitabilität ist nicht im nächsten Quartalsbericht nachweisbar. Aber ein Bruchteil der gigantischen Summen, die der Westen für mechanische Kriege ausgibt, würde einen Krieg des Geistes, der Aufklärung gegen die Mächte der geistigen Unterdrückung ermöglichen.

Die konventionellen Kriege des Westens zeigen, wie sehr auch wir noch im alten, ahistorisch gewordenen Denken befangen sind. Unser Verständnis von Krieg unterscheidet sich trotz Hightech nicht von mittelalterlichen Kriegen: Feinde töten, ihr Land besetzen, zerstören. Als gäbe es keine Kommunikationssatelliten, kein Internet, das einen Kampf der Ideen sehr viel humaner, langfristig auch effektiver führen ließe. (Statt dessen beeilen sich westliche Medien möglicher Profite wegen, den Zensurforderungen von Diktatoren z. B. durch die Sperrung von Internetseiten zu entsprechen. Allein in China sind Millionen Menschen begierig nach Informationen, die ihnen mit Hilfe von Yahoo und AOL, diesen Kollaborateuren der Zensoren, verweigert werden.)

Wäre es uns ernst mit unserer Freiheit, müssten wir jeden, der nicht die westlichen Grundwerte akzeptiert, von unserem Territorium fernhalten. Verächter der Demokratie, das gilt natürlich auch für unsere Landsleute, dürfen nicht geduldet werden. Darüber hinaus aber sollten wir uns im Glauben an die zur Zeit objektive Gültigkeit unserer Werte nicht scheuen, sie offensiv zu verbreiten. Ein geistiger Krieg der Aufklärung kann auch Pazifisten nicht verwerflich erscheinen. Liefern wir uns statt dessen den Mächten des Wahns aus, wird das Elend schrecklich sein.

Die teure Angst vor dem Tod

Die Eroberer allerdings würden sich wundern. Sie fänden eine Bevölkerung vor, die mehrheitlich aus Menschen im biblischen Alter besteht. Denn unter den Voraussetzungen wachsenden Wohlstands, besserer Ernährung, zunehmender Freizeit ist es der westlichen Medizin gelungen, das Leben ihrer Patienten um Jahrzehnte zu verlängern. Neugeborene Jungen haben zur Zeit (2004) eine Lebenserwartung von 75,9 Jahre, neugeborene Mädchen erwarten 81,5 Lebensjahre.

Nun war ein längeres, möglichst ewiges Leben schon immer der Traum der meisten Menschen im mittleren Lebensabschnitt. (Jüngere denken nicht an ihren Tod, Ältere wissen es meist besser.) Allerdings unterscheiden sich auch in diesem Fall Traum und Wirklichkeit. Im Traum ereignet sich Leben mit all seinen Möglichkeiten, Aktivitäten, Fähigkeiten, doch in der Wirklichkeit reduziert sich das Leben der Alten in den meisten Fällen auf die biologische Existenz in Einzelzellen oder Sammellagern. Aber auch diese reduzierte, biologische Existenz scheint Menschen wertvoll genug, um gegen alle Vorsätze aus besseren Zeiten den Tod mittels medizinischer Versorgung möglichst weit hinauszuzögern. Dafür nehmen sie alle Einschränkungen und Peinlichkeiten in Kauf, zumal die immensen Kosten der Konservierung zu einem großen Teil von der Gesellschaft getragen werden.

Nun ist das Recht auf Leben unbedingt gültig. Es stellt sich nur die Frage, ob es neben diesem Recht auch einen Anspruch geben kann, der immer auf Kosten anderer geht. Kann eine Gesellschaft, die nicht in der Lage scheint, eine optimale Ausbildung ihrer Kinder, eine gesunde Ernährung ihrer Armen zu finanzieren, sich auf Dauer Alte leisten, die egozentrisch nicht für ihr Wohl, nur für das Austricksen biologischer Verfallsdaten enorme Ressourcen beanspruchen? Ist ein solches Verhalten sozial, aber auch moralisch gerechtfertigt? Oder müssen wir auf Grund der Entwicklung die sozialen Standards neu definieren? Wäre es z. B. nicht gerechter, die Gesellschaft würde die teilweise oder vollständige Übernahme von Gesundheitskosten nur bis zum 75. Lebensjahr gewähren? Wer älter ist, müsste im Bedarfsfall selbst entscheiden, ob ihm oder ihr eine Lebensverlängerung so viel wert ist, dass dafür eigener Besitz verwendet wird. Und wer nichts besitzt, hat Pech gehabt (oder Glück, nicht ein unwürdiges Leben führen zu müssen).

Ein solcher Vorschlag, vor allem aber die Akzeptanz von Glück und Pech, wird viele empören, sehen sie doch in der Überwindung des Schicksals den Kern der Sozialmoral. Doch wie jeder Moral haftet auch der sozialen die Verlogenheit, Scheinheiligkeit an. Denn selbstverständlich ist es Glück oder Pech, ob jemand in der Sahelzone oder im Schwarzwald zur Welt kommt. Das ahnen auch die Sozialmoralisten und spenden, wenn fernes Elend ihnen medial nahegebracht wird. Doch sind solche Spenden nur Labsal für das eigene Gewissen, zu dessen Schutz das volle Ausmaß des weltweiten Elends so gut es geht verdrängt wird. Natürlich ist es pervers, wenn hierzulande Hunde und Katzen besser versorgt und verköstigt werden als Kinder in Afrika. Andererseits ist jede Empörung darüber naiv, denn nicht Moral, allein die durch Globalisierung erzwungene Angleichung der Lebensverhältnisse kann das Elend lindern.

Doch auch unser Leben ist schicksalsbedingt und wird von Glück und Pech bestimmt. In welcher Familie, zu welcher Zeit, mit welchen genetischen Vorgaben ich geboren, wie ich erzogen wurde, wer mir das Lernen beibrachte, wen ich traf, in welcher Verkehrssituation ich einen Moment unaufmerksam war, welche Laune mein Vorgesetzter bei meiner Prüfung, Bewerbung hatte u.s.w., als dies mag durchaus gesetzmäßig abgelaufen sein. Aber da wir die Gesetze in ihrer Interdependenz nicht durchschauen und – selbst wenn dies möglich wäre – ihre Bedingungen meistens nicht beeinflussen können, müssen wir das schrecklich ungerechte Wirken des Schicksals, unsere Abhängigkeit von Glück und Pech akzeptieren. Im übrigen ist das so schlimm nicht, denn weniger Glück oder Pech bestimmen unser Leben als unsere Fähigkeit, aus schicksalhaften Vorgaben etwas zu machen.

Die Akzeptanz von Glück und Pech lähmt nicht den Willen, soziale Gerechtigkeit im höchstmöglichen Maße durchzusetzen. Aber solange nicht jedes Kind die bestmögliche Ausbildung, Ertüchtigung erhält, solange Menschen durch materielle Not scheitern, solange verseuchtes Wasser, unbezahlbare Impfungen, fehlende Grundnahrungsmittel Millionen Kindern das Leben nehmen, hat, wer sich die Verlängerung seines Lebens über 75 Jahre nicht leisten kann, Pech gehabt. Für viele von ihnen wird es besser sein, Pech zu haben, als egozentrisch verzögert abzusterben.

Freilich haftet allen meinen Vorschlägen ein fundamentaler Mangel an: Sie fordern Vernunft. Und durch Vernunft konnten die Verhältnisse noch nie verbessert werden, wie Sozialisten wissen, und mit Vernunft allein wird es auch dieses Mal nicht funktionieren. Denn Gesellschaften entwickeln sich nicht aus Einsicht, sondern aus Notwendigkeit. Voluntaristische Gesellschaftsmodelle – zum Glück gilt dies auch für reaktionäre – sind bisher immer gescheitert, allerdings nicht folgenlos, da jede voluntaristische Aktion neue Bedingungen schafft.

Wahrscheinlich lässt sich der ökonomische, soziale, kulturelle Niedergang unserer Gesellschaft, ihre Kolonialisierung, ihre Vergreisung nicht verhindern. Irgendwann aber werden die Verhältnisse so katastrophal sein, dass Notwendigkeit der Vernunft zum Durchbruch verhelfen kann. Diese Gewissheit sollte uns ermutigen, Alternativen zu denken und vorzubereiten.

© 2005 Karl Pawek
pawek@web.de

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