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Goldene Zeiten haben wir
gehabt. Europa erlebte einen fast sechzigjährigen Frieden, so
etwas hatte es
seit Menschendenken nicht gegeben. In nur sechs Jahrzehnten wuchs die
Lebensqualität im einst unvorstellbaren Ausmaß. Fast niemand
hungerte,
Maschinen und Roboter befreiten uns von schwersten körperlichen
Arbeiten,
willige Menschen aus vor kurzem noch fremden, gar exotischen
Ländern übernahmen
die meisten uns lästigen oder unangenehmen Tätigkeiten,
Computer befreiten uns
von stumpfsinnigen Verrichtungen, halfen aber auch bei der Lösung
kompliziertester
Probleme. Vor allem aber reduzierte sich das Maß notwendiger
Arbeit. Autos und
öffentliche Transportmittel machten uns fast uneingeschränkt
mobil, Energie
stand in nahezu unbegrenzter Menge zur Verfügung, wir heizen,
kochen, kühlen,
waschen per Knopfdruck. Einst kostbare, für viele unerschwingliche
Waren wie
Kleidung, Schuhe, Genussmittel kamen zu Niedrigstpreisen auf den Markt,
wurden
uns von fleißigen Heinzelmännchen aus dem Süden und
Osten nicht ganz freiwillig
beinahe geschenkt. Die Kommunikation überwand alle Grenzen, die
Medizin
befreite uns von vielen Krankheiten und machte das Erreichen eines
biblischen
Alters fast selbstverständlich. Die Zunahme an
Lebensqualität, wie sie die
heute Sechzigjährigen erleben durften, ist beispiellos in der
Menschheitsgeschichte. Doch während sich unsere
Welt gründlich veränderte, verharrte unser Bewusstsein im
Gestrigen. Keine
Errungenschaft der letzten sechzig Jahre wollen wir missen,
gleichzeitig aber
weiter so leben, wie wir es gewohnt sind. Wir wollen nicht wahrhaben,
dass sich
mit der Entwicklung auch die Bedingungen verändert haben. Doch wer
Flüsse
begradigt, bekommt Überschwemmungen, und wer billig einkauft,
vernichtet seinen
eigenen Arbeitsplatz. Mit zeitlichem Abstand folgt jedem Fortschritt
seine
zunächst unverstandene Konsequenz. Arbeitslos Maschinen und Computer haben
nicht nur die Arbeit erleichtert, sondern auch Millionen
Arbeitsplätze
vernichtet. Das wäre nicht weiter schlimm, würden wir nicht
blindlings versuchen,
die Arbeitsplatzvernichtung mit den Ideen und Methoden von gestern zu
bekämpfen. Wo Arbeitsplätze fehlen, suggerieren uns nicht
ganz selbstlos die
Profiteure des Gestrigen, müsse Arbeit billiger werden. Doch
dieser Vorschlag
ist falsch und richtig zugleich und daher unbrauchbar. Wer billigere Arbeit
fordert, denkt zunächst an seinen Profit und argumentiert so
scheinbar
rational. Tatsächlich wächst zunächst mit dem Sinken der
Arbeitskosten die
Konkurrenzfähigkeit und damit der Gewinn der Unternehmen.
Längerfristig freilich
vernichten sie damit ihren inländischen Absatzmarkt, der von der
Höhe des frei
verfügbaren Einkommens abhängt. Eine Zeit lang kann durch
reduzierte Arbeitskosten
der Export gesichert werden, nur sollte man wissen, um wie viel
billiger
anderswo Arbeit angeboten wird. So kostet im Durchschnitt der elf
wichtigsten
Niedriglohnländer wie Indonesien, China, Thailand, aber auch
Ungarn und
Tschechien ein Industriearbeiter 1,75 Euro in der Stunde, in
Deutschland
dagegen 25,50 Euro. Dass die Lebenshaltungskosten ähnlich
unterschiedlich sind,
beeindruckt die Lohnkürzungspropagandisten aus Wirtschaft und
Wissenschaft
nicht. Was können schließlich deutsche Unternehmer
dafür, wenn ihre Arbeiter zu
hohe Mieten zahlen, sich mehr als ein Paar Schuhe leisten und drei
Mahlzeiten
am Tag zu sich nehmen? Während bei uns sinkende
Löhne demotivieren, wächst bei den Importeuren unserer
Produkte nicht nur das
technische Know-how, sondern auch, wie bei jedem Aufschwung, die
Leistungsbereitschaft der Menschen. Im Gegensatz zu uns, wo es sich
tendenziell
für viele nicht mehr lohnt zu arbeiten, wird Arbeit in den noch
unterentwickelten
Ländern immer lohnender. Das weckt Bildungsbereitschaft, steigert
die Qualifikation
und vergrößert die Potenziale. Die Fähigkeiten und
Fertigkeiten vieler junger
Menschen in Asien brauchen den Vergleich mit europäischen
Altersgenossen längst
nicht mehr scheuen. Entsprechend schnell schmilzt unser technologischer
Vorsprung dahin und mit ihm die Rechtfertigung höherer
Produktionskosten. Ein
weiteres Absinken des Lohnniveaus aber wird den Absturz in die Krise
nur
beschleunigen. Andererseits können wir die
von uns initiierte Globalisierung nicht ungeschehen machen, nicht
verhindern,
dass aus einst profitablen Absatzmärkten und Billigproduzenten
Konkurrenten
werden. Eine Angleichung der Produktionskosten scheint bei freiem
Welthandel
und sinkenden Frachtraten (eine der vielen ungeahnten Folgen der
Mobilitätszunahme) unvermeidlich. Um so dringender bedarf es
eines neuen Denkens. Zuallererst müssen wir uns endlich vom
protestantisch-kapitalistischen Arbeitsethos befreien. Arbeit ist kein
Wert an
sich, der Mensch lebt nicht, um zu arbeiten, sondern arbeitet, um zu
leben. Der
Abbau von Arbeitsplätzen muss die Lebensqualität einer
Gesellschaft nicht
schmälern, im Gegenteil, je weniger notwendige Arbeit Menschen
verrichten
müssen, desto mehr Zeit und Kraft bleibt ihnen für das Leben.
Problematisch
wird ein Arbeitsplatzabbau nur dadurch, dass er unter antiquierten
Verteilungsmechanismen stattfindet. Arbeitsplatzbesitzer werden zu
längeren
Arbeitszeiten gezwungen, Arbeitslose auf Kosten der Gesellschaft
ausgemustert. Doch nicht die Zahl der
Arbeitsplätze sondern die Arbeitsproduktivität und damit die
Wertschöpfung
entscheidet über den Reichtum einer Gesellschaft. Wenn heute, wie
dies in
Deutschland der Fall ist, ein Arbeiter mehr produziert als vorgestern
zwei Arbeiter,
wenn diese Produkte dank technischer Hilfs- und Prüfmittel
perfekter sind und
Innovationen einen erhöhten Nutzwert generieren, ist
gesamtökonomisch betrachtet
eine Halbierung der Zahl der Arbeitsplätze irrelevant. Es kommt
alleine darauf
an, den erarbeiteten Reichtum sinnvoll zu nutzen für die
Qualifizierung und Absicherung
der Menschen. Wer immer noch stolz darauf ist, Exportweltmeister zu
sein, setzt
auf ein Auslaufmodell, denn die Zahl der Produkte, die nirgendwo in
besserer
Qualität hergestellt werden können als bei uns, sinkt – nicht
nur
Mercedesfahrer sollten es wissen – rapide. Aber auch in der
Spitzenforschung,
der Grundlage künftiger Prosperität, schwindet der Vorsprung
durch ängstliche
Reglementierung. Es ist wohl nicht nur die Überalterung unserer
Gesellschaft,
die Innovationen bremst, sondern mehr noch eine Erbenmentalität
bei den
Jüngeren, die glauben, zumindest die Bewahrung eines Zustandes sei
risikolos zu
leisten. Aber nur wenn es gelingt,
die Mut- und Perspektivlosigkeit des grünen Konservatismus zu
überwinden, durch
Bildung und Ausbildung einen noch bestehenden
technologisch-industriellen
Vorsprung zu verteidigen und den inländischen Geldumlauf durch
Erhöhung der
Lohnsumme und Reduzierung der angstgetriebenen Sparquote zu
beschleunigen, kann
im globalen Wettbewerb eine relative Hochlohnpolitik noch für eine
Weile Bestand
haben. Im besten Fall hält diese Weile so lange an, dass die
immensen Unterschiede
bei den Lohnkosten sich durch die Anhebung des Lohnniveaus in den noch
unterentwickelten
Ländern so weit verringern, dass sich die unvermeidliche Anpassung
ohne katastrophale
Folgen für unsere Gesellschaft vollziehen kann. Bildung ohne Perspektive Unzeitgemäß jedoch ist auch
unser Bildungswesen. Was heute jungen Menschen gelehrt wird, reicht
nicht aus,
um die Welt in fünfzig Jahren noch verstehen zu können. Schon
der Bildungskanon
des 19. Jahrhunderts war antiquiert, doch die technologischen,
wissenschaftlichen, kulturellen Veränderungen vollzogen sich
damals noch so
langsam, dass eine gründliche Schulbildung ein Menschenleben lang
ausreichte,
um sich in der Welt zurechtfinden zu können. In der zweiten
Hälfte des 20.
Jahrhunderts aber explodierte nicht nur das Wissen. Revolutionäre
Entdeckungen
im Makro- wie Mikrokosmos, in der Biologie und der Medizin
veränderten unser
Weltbild. Neue Technologien, Medien, Kommunikationsformen wurden zu
unerklärlichen Selbstverständlichkeiten. Unsere Lehrer aber,
ausgebildet
zumeist vor Jahrzehnten mit damals schon Jahrzehnte alten Inhalten,
sollen
junge Menschen fit machen für ein sechzigjähriges
Erwachsenenleben unter sich
rasend veränderten Verhältnissen? Das kann nicht
funktionieren, zumal die deutsche Bildungspolitik abfragbares Wissen
statt
Befähigung zum selbstständigen Erarbeiten neuen Wissens
fordert. Aber auch ein
überfälliger Wandel der Didaktik würde an der Misere
nicht viel ändern. Wann
haben Menschen, die noch nicht arbeitsfrei sind, Zeit, sich das neue
Wissen anzueignen?
Anstelle eines zu langen Lernzwangs in der Jugend müssten
Bildungsgutscheine
treten, die Menschen das Recht geben, sie aber auch verpflichten, im
Erwachsenenalter
frei von Arbeitszwängen neues Wissen zu erwerben. Bislang
scheiterte die
Verwirklichung dieser alten Idee an der fehlenden Bereitschaft der
Wirtschaft,
Arbeiter und Angestellte für Lernjahre freizustellen. Nun wird
auch das Durchschnittsalter
der Arbeitnehmer zunehmen. Ihre intellektuelle Vergreisung wird
langfristig
problematischer sein für den Standort Deutschland als die
Höhe der Lohnnebenkosten.
Im Wettbewerb mit jungen, hoch qualifizierten, innovationsfreudigen
Arbeitskräften
heute in Asien, demnächst auch in anderen sich entwickelnden
Ländern, hilft
nicht Nordic Walking und die gerne geförderte körperliche
Fitness, sondern nur
ein höherer, immer zeitgemäßer Ausbildungsstand. Das
lebenslange Lernen darf in
bewegten Zeiten kein wohlfeiles Lippenbekenntnis bleiben, sondern muss
verwirklicht
werden. Auch für das Bildungswesen
gilt: Unterentwickelte Gesellschaften sind immer auch trägere
Gesellschaften,
und weil sie träge sind, bleiben sie unterentwickelt. Werden sie
aber auf Grund
politischer, ökonomischer und damit auch mentaler
Veränderungen aus ihrer
Trägheit gerissen, können binnen weniger Jahrzehnte aus
traditionellen,
statischen Gesellschaften Tigerstaaten entstehen. Umgekehrt
verläuft die Entwicklung
im alten Europa: Weil wir träge werden, Veränderungen
scheuen, nur mehr
bewahren wollen statt zu gestalten, entwickeln wir uns zurück. Die
für uns
schmerzliche osmotische Wirkung der Globalisierung (Lohnanpassung nach
unten,
Reduzierung des Lebensstandard etc.) wird durch unsere Trägheit
noch verstärkt. Unter solchen
Voraussetzungen ist in den frühindustrialisierten Ländern der
Klassenkampf,
sind sozialistische Gestaltungsmodelle auf absehbare Zeit unsinnig. Als
binnenwirtschaftliche,
systeminterne Auseinandersetzung hat er wesentlich zur Prosperität
unserer
Gesellschaft beigetragen. Nur durch Zwang (Gewerkschaften) und Angst
(sozialistische Alternative) ließ sich das Kapital auf eine
bescheidene
Teilhabe an seinen Gewinnen ein, die jenen relativen Wohlstand
ermöglichte, der
unserer Wirtschaft Schwung verlieh. Doch inzwischen haben sich die
Fronten
verschoben. Heute findet der Klassenkampf nicht mehr zwischen
Kapitalisten und
Arbeitern im Westen statt, sondern zwischen dem Westen und der
übrigen Welt
(wobei allerdings multinationale Konzerne in beiden Lagern aktiv sind). Erst kam die Pizza, dann der
Islam Mobilität bedeutet mehr als
nur Urlaubsreisen und Eventtourismus. Ungezählte Menschen, die
früher ihr Leben
lang den Heimatort nicht verlassen hätten, reisen heute aus
nichtigstem Anlass
quer durch ihr Land, besuchen an Wochenenden europäische
Städte, fliegen zum
Preis von 5-10 Konzertkarten um den Erdball. Und wenn die meisten von
ihnen auf
ihren Reisestationen nur sehen, was sie kennen, was ihnen vertraut ist,
dürfen
doch die längerfristigen Wirkungen solcher Reisen nicht
unterschätzt werden. So
oberflächlich die gewonnenen Eindrücke auch sein mögen,
reduzieren sie doch das
Potenzial an Fremdenfeindlichkeit. Denn verachten, hassen kann man auf
Dauer
nur Menschengruppen, die man nicht kennt. (Antisemitismus und
Fremdenfeindlichkeit setzen wie ihre gegenteiligen Haltungen die
Abwesenheit
von Juden, Fremden voraus.) Bedeutsamer aber ist die
Tatsache, dass die Mobilität in den letzten Jahrzehnten
zweigleisig wurde.
Längst sind es nicht mehr nur Westler, die ausschwärmen, die
entlegendsten
Winkel der Welt zu entdecken, sie gar zu erobern, nun kommen auch
Menschen aus
dem Osten und Süden zu uns. Den Anfang machten die Gastarbeiter
aus unserem
Kulturkreis. Man holte sie, als man dringend Arbeitskräfte
brauchte, in der
Annahme, sie gegebenenfalls wieder heimschicken zu können. Diese
Annahme erwies
sich, zunächst zum Glück, als falsch. Zumindest für
Deutschland hatte die
Ansiedlung von Gastarbeitern nicht nur wirtschaftlich, sondern auch
kulturell
beglückende Folgen. Als Gastronomen brachten sie uns die Ess- und
Trinkkultur,
erlösten uns vom Germanenfraß und –trunk. Wenn es stimmt,
dass der Mensch ist,
was er isst, kann dieses kulinarische Geschenk nicht hoch genug
eingeschätzt
werden. In dem Maße freilich, ihn
dem sich die süd- und westeuropäischen Länder
ökonomisch entwickelten, schwand
in ihrer Bevölkerung die Bereitschaft, sich der Tortur des Nordens
zu
unterwerfen. Indem sich die Unterentwicklung zurückzog, mussten
Arbeitskräfte
aus entfernteren, religiös und kulturell andersartigen Gebieten
geholt werden.
Hinzu kamen Hunderttausende aus Afrika und Südamerika
unaufgefordert. Die
meisten von ihnen glaubten, dachten, fühlten anders als wir und
ließen sich daher
nicht so leicht integrieren, suchten Anschluss an Landsleute, pflegten
ihre
Sitten und Gebräche, wie in der Diaspora üblich mehr und
strenger, als dies in
ihrer Heimat der Fall gewesen wäre. So entstanden Inseln der
Andersartigkeit voller
Verachtung, ja Hass. Multikultipropagandisten
haben das bis heute nicht begriffen, fühlen sich gar
geschmeichelt, wenn sie
der türkische Gemüsehändler, der nordafrikanische
Automechaniker mit „Chef“
anredet und spüren nicht die Verachtung, die in dieser Anrede
liegt.
Vorbildlich setzen sie sich ein für die Opfer der deutschen
Asylpolitik, wollen
aber nicht wahrhaben, dass diese Opfer nicht verschmähte Liebhaber
des Deutschtums
sind, sondern Menschen, die von Not oder Abenteuerlust getrieben in
feindlicher,
verhasster Umwelt überleben wollen ohne moralische Skrupel. Wer an Allah glaubt, kann
Aufklärung, Emanzipation, Demokratie nicht akzeptieren und wird
fern der Heimat
erst recht Orientierung suchen in seinem Glauben. So bildeten sich auf
den Inseln
der Andersartigkeit Nährböden des Terrorismus, Trutzburgen
einer neuen
Kolonialisierung. Wie Christen einst ihre Missionen in heidnischen
Gebieten
einrichteten im Bestreben, die Gottlosen zu bekehren, sind die
islamischen
Gemeinden bei uns mehr als nur Versammlungsorte Gleichgläubiger,
ist es doch
die Pflicht jedes Muslims, Allahs Reich über die ganze Erde
auszubreiten.
Während bei uns eine wuchernde Anything-Goes-Mentalität jedem
Tierchen sein
Pläsierchen gewährt (z. B. Mohameds Geburtstag zum Feiertag
zu erklären),
glauben Muslime bedingungslos an Allah und seinen Propheten. Das macht
sie so
stark im Kampf gegen die Ungläubigen. Nun sind wir in der Rolle
der
Eingeborenen. Wie wir wissen, bekam ihnen diese Rolle nicht gut.
Seitdem Mobilität
nicht mehr ein Privileg der Westler ist, bekommen auch sie die Folgen
zu
spüren. Wie einst der Westen allen Völkern seine Ideologie
überstülpen wollte,
soll es nun uns ans Eingemachte gehen. Ratlos flüchten wir uns in
den Überwachungsstaat und schenken damit den Neokolonisatoren
ihren ersten
Sieg. Denn der ihnen sehr vertraute Überwachungsstaat bedeutet
immerhin schon
die Abkehr von der jedem Gläubigen verhassten Liberalität. Wie wehrt man sich gegen
Kolonialisierung? Indem man die Kolonisatoren hinauswirft und statt
dessen versucht,
sie auf ihrem Territorium von den Vorzügen der Aufklärung,
Emanzipation,
Demokratie zu überzeugen. Die Vorstellungen einer sanften
Integration
jedenfalls sind schrecklich naiv. Wir müssen uns endlich vom
Irrglauben lösen,
alle Menschen seien gleichartig, alle Werte gleichwertig.
Mittelalterliches und
neuzeitliches Denken sind nicht vereinbar. Trotz der unzähligen
Verbrechen, die
der Westen aus Profitgier, aber auch in bester, freilich dummer und
falscher
Absicht begangen hat, gibt es keinen Grund, hinter mühsam
erkämpfte
Errungenschaften zurückzufallen. Die Einleitung zur amerikanischen
Unabhängigkeitserklärung, ergänzt um das Gebot der
Trennung von Kirche und
Staat (1. Zusatzartikel der Verfassung), könnte als unabdingbarer
Mindeststandard gelten, dessen Durchsetzung keine kulturelle
Relativierung
erlaubt: „Folgende Wahrheiten halten
wir für offensichtlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind,
dass sie von
ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten
ausgestattet sind, zu
denen Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören,
dass zur Sicherung
dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingesetzt sind, die ihre
rechtmäßige Macht von der Zustimmung der Regierten
herleiten.“ Diese Minimalforderungen,
deren sozialistische Weiterentwicklung überfällig, aber
offensichtlich noch
nicht durchsetzbar ist, sind nicht verhandelbar, im Gegenteil: Jeder
vernunftbegabte, historisch bewusste Mensch im Westen muss diese Werte
mit
allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln schützen. Dabei sollten wir freilich
unsere eigene Entwicklung berücksichtigen. Errungenschaften wie
Demokratie,
Emanzipation, Rechtssicherheit, Individualität waren nicht Ideen,
die ein
kluger Mensch uns erzählt hat, worauf wir sie, weil alles gut
klang, übernommen
haben. Unsere heutigen Wertvorstellungen sind vielmehr die Konsequenz
technologischer
und ökonomischer Entwicklungen und mussten in jedem Fall gegen die
Interessen
und die Macht der Profiteure des Vorherigen durchgesetzt werden. Der bei aller
Unzulänglichkeit doch vorbildliche westliche Wertekanon kann
freilich sich
langsamer entwickelnden Völkern nicht einfach vorgeschlagen oder
gar aufgezwungen
werden. Vielmehr müssen sie nachholen, was ein günstiges
Klima und andere
glückliche Zufälle uns bereits ermöglicht haben. Nicht
wir, sie selbst müssen
die noch verehrten Gespenster der Unterdrückung, die Bandenbosse
und Angstprediger
vertreiben, nicht weil wir es ihnen sagen, sondern weil sie die
Notwendigkeit
dazu erkennen und bereit werden, für ein menschenwürdigeres
Leben zu kämpfen. Hilfreich könnten unsere
Medien sein, würden sie weniger das Scheinglück westlichen
Konsums, westlicher
Libertinage propagieren und statt dessen das, was uns
selbstverständlich
scheint wie Demokratie, Gleichwertigkeit von Mann und Frau, Glaubens-
und damit
Denkfreiheit, Unverletzbarkeit der Menschenwürde etc.,
vorführen. Da die
ökonomisch-technologische Entwicklung Dank der Globalisierung auch
in den noch
unterentwickelten Ländern unaufhaltsam ist, wird dort die
Unzufriedenheit mit
unzeitgemäßen Herrschaftsverhältnissen wachsen. Diese
Unzufriedenheit zu
schüren durch die Präsentation von Alternativen ist sehr viel
sinnvoller als
die Prolongation des Bestehenden durch die Verteilung von Almosen oder
der
Sturz von Diktatoren. So gut gemeint jede Hungerhilfe auch sein mag,
stabilisiert sie doch nur die Verhältnisse, die den Hunger
hervorbringen und
ist damit der Garant künftigen Hungers. Und Diktatoren wie Hitler
und Saddam
finden Rückhalt in der Bevölkerung weit über ihren Tod
hinaus. Hilfe durch Aufklärung kann
freilich nicht von den kapitalistischen Medien kommen, deren Inhalte
einzig
dazu dienen, Werbemöglichkeiten zu verkaufen. Mit Aufklärung
lässt sich kein
Geschäft machen, ihre Profitabilität ist nicht im
nächsten Quartalsbericht
nachweisbar. Aber ein Bruchteil der gigantischen Summen, die der Westen
für
mechanische Kriege ausgibt, würde einen Krieg des Geistes, der
Aufklärung gegen
die Mächte der geistigen Unterdrückung ermöglichen. Die konventionellen Kriege
des Westens zeigen, wie sehr auch wir noch im alten, ahistorisch
gewordenen
Denken befangen sind. Unser Verständnis von Krieg unterscheidet
sich trotz
Hightech nicht von mittelalterlichen Kriegen: Feinde töten, ihr
Land besetzen,
zerstören. Als gäbe es keine Kommunikationssatelliten, kein
Internet, das einen
Kampf der Ideen sehr viel humaner, langfristig auch effektiver
führen ließe.
(Statt dessen beeilen sich westliche Medien möglicher Profite
wegen, den
Zensurforderungen von Diktatoren z. B. durch die Sperrung von
Internetseiten zu
entsprechen. Allein in China sind Millionen Menschen begierig nach
Informationen, die ihnen mit Hilfe von Yahoo und AOL, diesen
Kollaborateuren
der Zensoren, verweigert werden.) Wäre es uns ernst mit
unserer Freiheit, müssten wir jeden, der nicht die westlichen
Grundwerte
akzeptiert, von unserem Territorium fernhalten. Verächter der
Demokratie, das
gilt natürlich auch für unsere Landsleute, dürfen nicht
geduldet werden. Darüber
hinaus aber sollten wir uns im Glauben an die zur Zeit objektive
Gültigkeit unserer
Werte nicht scheuen, sie offensiv zu verbreiten. Ein geistiger Krieg
der
Aufklärung kann auch Pazifisten nicht verwerflich erscheinen.
Liefern wir uns
statt dessen den Mächten des Wahns aus, wird das Elend schrecklich
sein. Die teure Angst vor dem Tod Die Eroberer allerdings
würden sich wundern. Sie fänden eine Bevölkerung vor,
die mehrheitlich aus
Menschen im biblischen Alter besteht. Denn unter den Voraussetzungen
wachsenden
Wohlstands, besserer Ernährung, zunehmender Freizeit ist es der
westlichen
Medizin gelungen, das Leben ihrer Patienten um Jahrzehnte zu
verlängern.
Neugeborene Jungen haben zur Zeit (2004) eine Lebenserwartung von 75,9
Jahre,
neugeborene Mädchen erwarten 81,5 Lebensjahre. Nun war ein längeres,
möglichst ewiges Leben schon immer der Traum der meisten Menschen
im mittleren
Lebensabschnitt. (Jüngere denken nicht an ihren Tod, Ältere
wissen es meist
besser.) Allerdings unterscheiden sich auch in diesem Fall Traum und
Wirklichkeit. Im Traum ereignet sich Leben mit all seinen
Möglichkeiten, Aktivitäten,
Fähigkeiten, doch in der Wirklichkeit reduziert sich das Leben der
Alten in den
meisten Fällen auf die biologische Existenz in Einzelzellen oder
Sammellagern.
Aber auch diese reduzierte, biologische Existenz scheint Menschen
wertvoll
genug, um gegen alle Vorsätze aus besseren Zeiten den Tod mittels
medizinischer
Versorgung möglichst weit hinauszuzögern. Dafür nehmen
sie alle Einschränkungen
und Peinlichkeiten in Kauf, zumal die immensen Kosten der Konservierung
zu
einem großen Teil von der Gesellschaft getragen werden. Nun ist das Recht auf Leben
unbedingt gültig. Es stellt sich nur die Frage, ob es neben diesem
Recht auch
einen Anspruch geben kann, der immer auf Kosten anderer geht. Kann eine
Gesellschaft, die nicht in der Lage scheint, eine optimale Ausbildung
ihrer
Kinder, eine gesunde Ernährung ihrer Armen zu finanzieren, sich
auf Dauer Alte
leisten, die egozentrisch nicht für ihr Wohl, nur für das
Austricksen
biologischer Verfallsdaten enorme Ressourcen beanspruchen? Ist ein
solches
Verhalten sozial, aber auch moralisch gerechtfertigt? Oder müssen
wir auf Grund
der Entwicklung die sozialen Standards neu definieren? Wäre es z.
B. nicht
gerechter, die Gesellschaft würde die teilweise oder
vollständige Übernahme von
Gesundheitskosten nur bis zum 75. Lebensjahr gewähren? Wer
älter ist, müsste im
Bedarfsfall selbst entscheiden, ob ihm oder ihr eine
Lebensverlängerung so viel
wert ist, dass dafür eigener Besitz verwendet wird. Und wer nichts
besitzt, hat
Pech gehabt (oder Glück, nicht ein unwürdiges Leben
führen zu müssen). Ein solcher Vorschlag, vor
allem aber die Akzeptanz von Glück und Pech, wird viele
empören, sehen sie doch
in der Überwindung des Schicksals den Kern der Sozialmoral. Doch
wie jeder
Moral haftet auch der sozialen die Verlogenheit, Scheinheiligkeit an.
Denn
selbstverständlich ist es Glück oder Pech, ob jemand in der
Sahelzone oder im
Schwarzwald zur Welt kommt. Das ahnen auch die Sozialmoralisten und
spenden,
wenn fernes Elend ihnen medial nahegebracht wird. Doch sind solche
Spenden nur
Labsal für das eigene Gewissen, zu dessen Schutz das volle
Ausmaß des
weltweiten Elends so gut es geht verdrängt wird. Natürlich
ist es pervers, wenn
hierzulande Hunde und Katzen besser versorgt und verköstigt werden
als Kinder
in Afrika. Andererseits ist jede Empörung darüber naiv, denn
nicht Moral,
allein die durch Globalisierung erzwungene Angleichung der
Lebensverhältnisse
kann das Elend lindern. Doch auch unser Leben ist
schicksalsbedingt und wird von Glück und Pech bestimmt. In welcher
Familie, zu
welcher Zeit, mit welchen genetischen Vorgaben ich geboren, wie ich
erzogen
wurde, wer mir das Lernen beibrachte, wen ich traf, in welcher
Verkehrssituation ich einen Moment unaufmerksam war, welche Laune mein
Vorgesetzter bei meiner Prüfung, Bewerbung hatte u.s.w., als dies
mag durchaus
gesetzmäßig abgelaufen sein. Aber da wir die Gesetze in
ihrer Interdependenz
nicht durchschauen und – selbst wenn dies möglich wäre – ihre
Bedingungen
meistens nicht beeinflussen können, müssen wir das
schrecklich ungerechte Wirken
des Schicksals, unsere Abhängigkeit von Glück und Pech
akzeptieren. Im übrigen
ist das so schlimm nicht, denn weniger Glück oder Pech bestimmen
unser Leben
als unsere Fähigkeit, aus schicksalhaften Vorgaben etwas zu
machen. Die Akzeptanz von Glück und
Pech lähmt nicht den Willen, soziale Gerechtigkeit im
höchstmöglichen Maße
durchzusetzen. Aber solange nicht jedes Kind die bestmögliche
Ausbildung,
Ertüchtigung erhält, solange Menschen durch materielle Not
scheitern, solange
verseuchtes Wasser, unbezahlbare Impfungen, fehlende
Grundnahrungsmittel
Millionen Kindern das Leben nehmen, hat, wer sich die Verlängerung
seines
Lebens über 75 Jahre nicht leisten kann, Pech gehabt. Für
viele von ihnen wird
es besser sein, Pech zu haben, als egozentrisch verzögert
abzusterben. Freilich haftet allen meinen
Vorschlägen ein fundamentaler Mangel an: Sie fordern Vernunft. Und
durch
Vernunft konnten die Verhältnisse noch nie verbessert werden, wie
Sozialisten
wissen, und mit Vernunft allein wird es auch dieses Mal nicht
funktionieren.
Denn Gesellschaften entwickeln sich nicht aus Einsicht, sondern aus
Notwendigkeit.
Voluntaristische Gesellschaftsmodelle – zum Glück gilt dies auch
für reaktionäre
– sind bisher immer gescheitert, allerdings nicht folgenlos, da jede
voluntaristische
Aktion neue Bedingungen schafft. Wahrscheinlich lässt sich der ökonomische, soziale, kulturelle Niedergang unserer Gesellschaft, ihre Kolonialisierung, ihre Vergreisung nicht verhindern. Irgendwann aber werden die Verhältnisse so katastrophal sein, dass Notwendigkeit der Vernunft zum Durchbruch verhelfen kann. Diese Gewissheit sollte uns ermutigen, Alternativen zu denken und vorzubereiten. © 2005 Karl Pawek
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