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a . Notwehr 

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Mit Empörung, ja Abscheu kommentieren die meisten Medien die (nicht erste, nur erstmals bekannt gewordene) Lähmung von Internetfirmen durch „Server-Terroristen“. Mit Hilfe kleiner versteckter (Agenten-) Programme schicken sie tausende Anfragen an ausgewählte Server. Da die angegebenen Absenderadressen falsch sind und daher keinem Computer zugeordnet werden können, kommt es zu Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Server und Host, bis zeitverzögert die Verbindung abgebrochen wird, worauf freilich das Störprogramm sofort einen neuen Schwall von Anfragen mit falschen Absenderangaben abschickt. Auf diese Weise konnten Giganten des Internets wie Yahoo, Amazon, E-Trade, ZDNet, Buy, Ebay für Stunden lahmgelegt, andere empfindlich gestört werden.
Analysten wie Journalisten sehen in diesen Störmanövern nur die Aktionen gelangweilter Computerfreaks, die aus Profiliergehabe oder Destruktivität handeln, und versprechen den verstörten Aktionären (allein Ebay, E-Trade und Yahoo verloren auf Grund der Störfälle etwa 2,4 Milliarden Dollar Börsenwert): „Irgendwann werden diese Art von Angriffen aber auch wieder langweilig.“ (Charles Rutstein von Forester Research)
Doch anders als die Lobpreiser einer kommerziellen Internetrevolution uns weismachen wollen, handelt es sich bei den Attacken nicht um Dumme-Jungen-Streiche. Vielmehr entwickelt sich im Untergrund des Internetcasinos der längst totgeglaubte politische Widerstand.
Die Hacker-Angriffe sind nämlich nicht ziellos-destruktiv, sondern konzentrieren sich auf Unternehmen, die ihre Kunden, Surfer wie Käufer, als Melkkühe missbrauchen. Unternehmen wie amazon, barnesandnoble, expedia, geocitis, go, lycos, microsoft, msn, netscape, pathfinder, sony, tripod oder Yahoo spionieren ihre Kunden mittels der Kommunikation zwischen Server und Host (also dem Computer, an dem Sie gerade sitzen) nicht nur aus (was längst allgemein üblich ist), sondern geben die dabei gewonnen Daten für viel Geld auch noch an Dritte weiter, ohne die Ausspionierten wenigstens dafür um Erlaubnis zu fragen. Über dieses skandalöse Geschäftsgebaren regen sich Journalisten und Analysten kaum auf, im Gegenteil, gilt doch der gläserne Konsument als Garant des erwarteten gigantischen Geschäfts im Internet.
Wer gegen diesen Datenmissbrauch, gegen die bislang brutalste Vermarktung menschlicher Interessen, Sehnsüchte, Bedürfnisse opponiert, handelt nicht aus Übermut, sondern Notwehr. Scheinbar unpolitische Computerfreaks entpuppen sich plötzlich als politisch handelnde Subjekte, deren Radikalität der bundesdeutscher Springer- Blockierer 1968 um nichts nachsteht. Wie damals haben freilich auch heute die meisten Journalisten nichts Wichtigeres zu tun, als den Widerstand zu diffamieren. Vor allem die zahlreichen Internet-Abstauber-Magazine, die mit ganz wenigen Ausnahmen der Kommerzialisierung des Netzes und der Ausbeutung seiner Nutzer völlig unkritisch gegenüberstehen (weil sie selbst am Absahnen beteiligt sind), üben sich im Beruhigen und Verdummen ihrer Leser und Inserenten. Das jetzt wieder einmal sichtbar werdende anarchische Potential im Internet wird sie zwar nicht hinwegfegen können, doch beweisen die Blockaden immerhin, dass der Kapitalismus, dass die uneingeschränkte Verwertung des Menschen noch nicht total gesiegt haben. Das Jahr 2000 hat nun doch ganz hoffnungsvoll begonnen. 
© 2000 Karl Pawek
pawek@web.de
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