|
Paweks online Archiv |
. |
|
|||||
| a | . | Pädagogischer Umweltschutz | |||||
| . |
Während
die PISA-Fixierung
der deutschen Bildungspolitiker die Schule auf einen
Leistungswettbewerb
reduziert, fragt fast niemand mehr, was die Pädagogik eigentlich
leisten soll.
Dies ist insofern nicht verwunderlich, als das deutsche Schulwesen,
soweit es
die Unterrichtsinhalte betrifft, stockkonservativ und entsprechend
reformfeindlich ist. Obwohl die Feststellung einer sich rasant
wandelnden Welt
längst Gemeinplatz wurde, vermitteln hierzulande durchschnittlich
50 Jahre alte
Lehrerinnen und Lehrer, was sie vor 30 Jahren kennen gelernt haben,
nämlich ein
damals schon veraltetes Wissen. Doch
antiquierte
Unterrichtsinhalte werden nicht als Problem wahrgenommen, da sich
Abrichtung
als primäre Aufgabe der konventionellen Schule mit jedem, zur Not
auch ohne
Inhalt bewerkstelligen lässt. Dabei ist die geist- und sinnlose
Beibehaltung
eines längst nicht mehr zeitgenössischen Bildungskanons der
wahre Grund des
viel beklagten Bildungsnotstands. Muss nicht jeder halbwegs ehrliche
Erwachsene zugeben, dass er je nach
Bildungsdauer
mindestens die Hälfte bis neun Zehntel der ihm in der Schule
vermittelten
Bildungsinhalte vergessen hat, weil er sie in seinem nachschulischen
Leben nie
mehr brauchte? Unser
Schulmodell stammt aus
fernen Zeiten, als Wissen fast ausschließlich von Lehrern,
später auch
Lehrerinnen vermittelt wurde. Neben der Abrichtung zum fleißigen
Untertanen
sollte die Schule auch Grundlagen des Wissens an Menschen weitergeben,
die
anders kaum Möglichkeit hatten, an Informationen zu kommen. Die
Mehrheit der
Menschen hatte damals keinen Zugang zu Büchern, geschweige denn
Zeitungen,
Zeitschriften, es gab kein Radio, kein Fernsehen, kein Internet. Damals
galt
tatsächlich noch: Was Hänschen in der Schule nicht lernt,
lernt Hans nimmermehr. Seither
hat die Menge des
Wissens gewaltig zugenommen. Statt aber in Ehrfurcht vor der erkannten
Komplexität der Dinge auf die lächerlich gewordene
Vermittlung von
Universalwissen zu verzichten, betreibt die Institution Schule
behördenüblich
ihre Ausweitung in Form der Verschulung. Bald werden die meisten
Menschen ihre
ganze Jugend vom Kindergarten bis zum Diplom in schulischen
Einrichtungen, am
liebsten ganztägig und das 20 Jahre lang, verbringen. Und keinem
Bildungspolitiker, Schulrat und Lehrer fällt auf, dass in den
letzten
Jahrzehnten der zähe Bildungskanon aus frühmedialen Zeiten
viel von seiner
Bedeutung verloren hat. Denn wichtiger als ein Schnupperwissen in
unzähligen
Fachbereichen ist heute die Vermittlung von Lerntechniken, z. B. die
Fähigkeit,
sich selbst Informationen zu beschaffen, sie im Vergleich zu bewerten,
sie sich
anzueignen und dies nicht nur während der quälend langen
Schulzeit, sondern im
ganzen Leben. Notwendig
wäre dafür eine
neue Einschätzung der Medien. Weil Pädagogen das Fernsehen
meist nur mit
schlechtem Gewissen zur Entspannung nutzen und vom Computer, abgesehen
von
seiner Nützlichkeit für die Herstellung von
Arbeitsblättern, keine Ahnung, noch
nie ein Computerspiel auch nur versucht haben, halten sie wie vor 50
Jahren die
neuen Medien für verdummend, gar verwerflich. Damals verdammten
sie den Film
und priesen Theaterstücke, die heute zu Recht niemand mehr
erinnert, während
die meisten von ihnen die großartigen Filme von damals noch immer
nicht kennen.
Sie haben schlicht keine Ahnung, welche messbaren intellektuellen
Leistungen
Jugendlich beim Medienkonsum und im Umgang mit Computern, vor allem
beim
Spielen, erbringen, oder sie ahnen es vielleicht doch und sind nur
neidisch auf
die viel attraktivere mediale Konkurrenz. Verglichen mit der
Beherrschung eines
Computerspiels ist die Hirnleistung beim Auswendiglernen noch des
längsten
Goethegedichts minimal, und die Informationsverarbeitung während
eines
zweistündigen Medienkonsums schafft mehr neuronale
Verknüpfungen als manch langer
Schultag. Die
konventionelle Pädagogik
begreift das Hirn vor allem als Speicher überkommener Inhalte und
nicht als
entwicklungsfähiges Werkzeug zur selbstständigen und
selbsttätigen Erforschung,
Aneignung, Beherrschung der Umwelt. Viel zu selten nutzt daher die
Pädagogik
die interessengeleitete Leistungsbereitschaft von Kindern, weil deren
Interessen meist nicht den Lehrplänen, den Abrichtungseinheiten
entsprechen.
Doch abgesehen vom Lesen, Schreiben, Rechnen, von Mannschaftsspielen
und der
Computerbeherrschung, von Dingen also, die fast jedes Kind aus eigenem
Antrieb
lernen möchte, um am sozialen Leben teilnehmen zu können,
gibt es nicht viel,
was sie in der Schule lernen müssten, sollen sie befähigt,
statt im Sinne der
PISA-Ideologie normiert werden. © 2007 Karl Pawek |
||||||
| a | . | . | |||||
|
Paweks online Archiv |
. |
|